Bild: Twitter/María Gómez

Ein Tag vor dem entscheidenden Spiel Spanien gegen Russland steht María Gómez in Moskau auf der Straße. Mit dem Mikrofon in der Hand berichtet sie für den spanischen Fernsehsender Telecinco, als einzige Frau vor der Kamera.

Plötzlich rennt ein Mann von der Seite auf sie zu, in Sekundenbruchteilen erreicht er sie. Mit beiden Händen greift er ihre Schultern, zwingt ihr einen Kuss auf die Wange. Dann läuft er weg.

Gómez ist sichtlich irritiert, ihren Satz hat sie unterbrochen. "Aber was bist du für ein...", setzt sie zunächst an, dann bricht sie ab.

Die Szene ist auf einem Video zu sehen, das Gómez selbst auf Twitter gepostet hat. Eigentlich habe sie das Thema ja ruhen lassen wollen. Aber das sei weder lustig noch normal. "Wo ist hier der Witz?", fragt sie in ihrem Post.

Spätestens seit diesem Tweet tobt um María Gómez eine Sexismus-Diskussion. Sie selbst drehte für ihren Arbeitgeber ein Video, in dem sie anprangerte, wie schlecht die Reporterinnen bei der WM in Russland und im Fußball generell behandelt werden.

"Es reicht mit dieser Attitüde", sagte sie.

"Wir wollen keine Küsse, die wir nicht verlangt haben. Wir sind keine Puppen, die auf der Straße stehen. Wir sind Profis und wir verlangen einfach nur Respekt."

Es sei surreal, dass Reporterinnen das noch verlangen müssten.

Der erzwungene Kuss auf die Wange ist nicht der einzige Fall von Sexismus, den María Gómez bei dieser WM erdulden musste. Live im Fernsehen versuchte sie einen spanischen Fan zu interviewen, stellte ihm eine ganz normale Frage zur spanischen Mannschaft. Der Mann setzte zur Antwort an, fragte María Gómez dann:

Naja, ich ... Wie heißt du, Schönheit?
Fan zu María Gómez

"María", erwiderte die Reporterin, aber das mit der Schönheit sei unnötig. "María, Journalistin. Nun sag schon."

Ein weiterer Fall von Sexismus: Die brasilianische Reporterin Julia Guimarães wurde gegen ihren Willen auf die Wange geküsst, der Schwedin Malin Wahlberg passierte ähnliches.

Die Reporterin Julieth González Therán der Deutschen Welle wurde von einem Fan begrapscht und auf die Wange geküsst. Er versuchte, sich anschließend bei der Reporterin zu entschuldigen. Anschließend schaltete sich die Bundesliga-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus schaltete sich in die Diskussion. Solche Frauenfeinde solle man ernster nehmen, sagte sie.

In Deutschland wird zudem über den Hass auf Claudia Neumann diskutiert.

Sie kommentiert als erste Frau für das ZDF WM-Spiele. Regelmäßig bekommt sie den oft grundlosen Hass der männlichen Fußballfans zu spüren. (bento)

"Es gehe, so Neumann, bei der Kritik nicht um sie als Person, "sondern darum, dass sich Frauen erdreisten, in exponierten Positionen im Fußball aufzutauchen. Die Hetzer kennen mich ja nicht", sagte sie in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit". Sie finde die Beleidigungen einfach grauenvoll.

María Gómez bekam für ihre klare öffentliche Ansage zunächst viel Lob. Sie gehe zufrieden ins Bett, schrieb sie auf Twitter. Die immense Mehrheit der Menschen unterstütze ihren Kampf gegen den Sexismus. 

Die Geschichte hätte an der Stelle zu Ende sein können. War sie aber nicht.

Stattdessen stellte eine andere spanische Sportjournalistin ein Video von Gómez ins Internet. Darin zu sehen: Live im Fernsehen sprach Gómez über die marokkanische Mannschaft. Sie schlafe im selben Hotel wie die Marokkaner, sagte sie.

"Ich will mit dem Feind schlafen! Die heißen Schnitten sind in der marokkanischen Mannschaft. Wie können sie alle so schön sein? Und nett obendrein? Sie werden morgen verlieren, klar, kein Problem. Aber jemand muss sie ja trösten. Jemand muss sie auf einen Fruchtsaft einladen!"

Mehr als 23.000 Menschen reagierten allein auf diesen einen Tweet. Gómez wurde beschimpft. Der Vorwurf: Sie messe mit zweierlei Maß. Die Sportjournalistin, die es hochgeladen hatte, schrieb, dass sie Gómez Bitte um Respekt für Reporterinnen natürlich unterstütze.

Aber seien wir ehrlich. Wenn das ein männlicher Reporter über Spielerinnen gesagt hätte, hätten wir ihn alle attackiert.

Seitdem hat sich María Gómez ein wenig zurückgezogen, weniger getwittert, Interviews lehnte sie ab. Von der Heldin, die ihre Stimme gegen Sexismus erhob, wurde sie in den Augen vieler Kritikerinnen und Kritiker selbst zur Sexistin.

Unter ihren Posts sammelte sich Hass und Verachtung.

Dabei übersehen viele, dass es natürlich nicht dasselbe ist, eine Frau gegen ihren Willen auf die Wange zu küssen und einen Fußballer als heißen Typen zu bezeichnen. Weder muss der Fußballer darum kämpfen, seinen Job machen zu können, noch wird seine Kompetenz aufgrund seines Geschlechts systematisch von vielen Menschen in Frage gestellt. Sexistisch kann man ihre Kommentare wohl trotzdem nennen.

Inzwischen ist die spanische Nationalmannschaft ausgeschieden. Gómez ist wieder zu Hause. Auf Twitter hat sie eine Art offenen Brief hochgeladen – um ihre Geschichte selbst zu erzählen, wie sie schreibt.

Sie habe sich monatelang auf die WM vorbereitet, schreibt sie. Im Nachhinein sei ihr klargeworden, dass sie wohl ein Detail vergessen habe: die Schubsereien, das Grapschen, die Schreie, die Küsse einer Minderheit von Fans.

Diese Dinge seien leider Alltag für viele Reporter und Reporterinnen.

Die Kompetenz von ihr und anderen Frauen werde immer wieder angezweifelt. Aber auch sie selbst habe Fehler gemacht. Mit ihren Kommentaren habe sie Fußballer wie Objekte behandelt.

Dafür entschuldige ich mich.
María Gómez

Ihre Schlussfolgerung: Es brauche eine ehrliche Debatte.

"Wir müssen in den Spiegel schauen und darauf vorbereitet sein, dass uns das Bild nicht gefällt", schreibt María Gómez. Aber dem Ton nach zu urteilen seien viele Menschen dazu noch nicht in der Lage.


Queer

Scarlett Johansson soll einen Transmann spielen – wir haben queere Menschen gefragt, wie sie das finden
Es gibt Kritik.

Dante "Tex" Gill betrieb in den siebziger Jahren illegale Massagesalons – ein Codewort für Bordelle – und soll im Umfeld der National Football League (NFL) mit Anabolika gedealt haben. Er war ein Gangsterboss in Pittsburgh, im US-Bundesstaat Pennsylvania. 

Dante "Tex" Gill hießt eigentlich Jean Marie Gill – und wurde als Frau geboren. Man sagt, sie habe sich die Männerkleider angezogen, um sich in der männerdominierten Kriminellen-Welt durchzusetzen. Und weil es ihrer Transgender-Identität entsprochen habe. (filmstarts.de)