Bild: Katharina Elsner
Eine Geschichte über Freiheitsliebe und den verrückten Mietmarkt.

Der Weg in die Freiheit rumpelt. Wir sitzen in Philipps DHL-Transporter, huckeln eine Kopfsteinpflasterstraße hinunter. Ein Wackeldackel auf dem Armaturenbrett hüpft mit, bis vor uns die Wasserkante auftaucht.

Philipp parkt so nah am Wasser, dass die Wellen der Warnow fast bis zum Vorderrad plätschern. Er schiebt die Seitentür auf, packt zwei Regiestühle aus und wir setzen uns mit Tee und Kaffee darauf, schauen den Kindern am Wasser zu, wie sie den Möwen ein paar Brotkrumen hinwerfen. 

Jeden Tag woanders aufwachen

So in der Art verläuft Philipps Alltag, seit er vor einem Jahr seine Wohnung gegen einen DHL-Transporter getauscht hat. Alles, was er besaß, hat er verschenkt, verkauft oder bei seinem Vater eingelagert. Philipp ist 30, Sozialarbeiter, knapp zwei Meter groß, er trägt einen fuchsroten Vollbart und ein Piercing in der Lippe.

Er sagt: "Was mich am meisten reizt, ist, die Tür aufzumachen und etwas völlig anderes zu sehen als am Tag zuvor. Ich genieße es, jeden Abend, woanders und manchmal im Dunkeln anzukommen und erst am nächsten Morgen zu sehen, wo ich gestrandet bin. Und nicht jeden Abend zur selben Adresse zurückzufahren."

Philipp arbeitet in einer Wohngruppe mit psychisch kranken Erwachsenen. "Da muss ich einen Cut machen und abschalten. Das fängt an, wenn ich mich ins Auto setze und den Motor anmache, dann steige ich nicht mehr aus."

Philipp hat seinen Transporter "Henriette" getauft, er ist mehr als sieben Meter lang, zwei Meter breit und 2,70 Meter hoch. Er suche sich Rast- und Schlafplätze, die relativ verlassen daliegen, sagt Philipp.

(Bild: Katharina Elsner)

Er suche sich Rast- und Schlafplätze, die relativ verlassen daliegen, nicht unbedingt Hotspots, sagt er. Das gilt natürlich auch jetzt, in Corona-Zeiten. Die Infektionszahlen in Mecklenburg-Vorpommern sind im Vergleich der Bundesländer niedrig — und ob er nun nach der Arbeit die Tür seiner Wohnung oder seines Transporters aufschließe, sei für ihn gleich. Philipp hat seinen Transporter "Henriette" getauft. Henriette ist mehr als sieben Meter lang, zwei Meter breit und 2,70 Meter hoch.

Raus aus den Wohnzwängen

Der DHL-Schriftzug ist abgerieben, das Gelb verblasst und auf dem Dach kleben zwei Solarpanels. Innen trennt eine Sperrholzwand die Kabine mit Chemietoilette vom Rest. Am hinteren Ende des Wagens hat Philipp ein Bett gebaut, zwei mal zwei Meter groß, davor ein Tischchen mit zwei Sitzplätzen, gegenüber die Spüle.

Von Philipps heutigem Schlafplatz schaut man auf die Silhouette Rostocks: Stadthafen mit Segelbooten, Kirchtürme, viel Backstein. Philipp sagt: "Ich bin ganz nah dran, aber trotzdem durch den Fluss getrennt vom Tumult und vom Lärm der Stadt. Ich sehe die Lichter der Stadt, kann mich zurücklehnen und für mich sein."

Wie viele Menschen in Deutschland leben wie Philipp, weiß niemand. Es gibt keine Zahlen, offiziell muss jeder Mensch eine Meldeadresse haben, zumindest ein Postfach. Philipp ist bei seinen Eltern gemeldet. Andere leben als Dauercamper auf Campingplätzen, manche in Wagenburgen. Laut Bundesmeldegesetz kann ich eine Wohnung auch an Bord eines Schiffes der Marine, in einem Wohnschiff oder Wohnwagen anmelden — allerdings nur, wenn sie nicht bewegt werden.

„Ich kann es mir ja jederzeit anders überlegen. Ich habe sogar einen Bausparvertrag.“
Philipp

Jürgen Hasse ist Humangeograf an der Universität in Frankfurt am Main. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, was Menschen in Wohnwägen und auf Hausbooten antreibt. "Jemand wie Philipp muss sich weniger in die Zwänge des Wohnens einordnen. Er hat bewusst gesagt: Er will sich aus den zwanghaften Institutionalisierungen seines Lebens herauslösen, seine eigene Lebens- und Wohnform schaffen, natürlich mit vielen Verzichtsmomenten, was Komfort und Einfachheit des täglichen Lebens angeht."

Philipp sagt: "Ich kann es mir ja jederzeit anders überlegen und wieder in eine Wohnung ziehen. Ich habe sogar einen Bausparvertrag."

Wo man übernachten darf

Grundsätzlich darf man in Mecklenburg-Vorpommern überall dort, wo es nicht verboten ist, im Auto übernachten – so lange man niemanden behindert und nur eine Nacht bleibt. Es gibt Ausnahmen: Strände sind durch Gesetze besonders geschützt, ebenso Wälder oder Naturschutzgebiete.

Wenn das Ordnungsamt doch mal an die Scheibe des parkenden Autos klopfe, helfe ein Satz, sagt Philipp: "Dass man seine Fahrtüchtigkeit wiederherstellen muss. Wenn man irgendwo steht und nicht mehr weiterkommt, soll man lieber ein Nickerchen machen als übermüdet weiterzufahren. Dass man dafür ein Bett im Auto hat, ist sicher nicht hinderlich." Er lacht.

Schwieriger wird es, wenn Menschen sich ausbreiten. Dann kann es Ärger geben, mit Nachbarn oder dem Ordnungsamt. "Gruppen werden schnell zum Streitobjekt, weil sich in ihrer Andersartigkeit viele Menschen provoziert fühlen", sagt Jürgen Hasse. "Dieser andere Lebensstil verunsichert die bürgerliche Mehrheit, weil sie auf diese Weise vorgeführt bekommt, dass man mit ganz einfachen Mitteln wunderbar leben kann, vielleicht sogar sinnstiftender als unter dieser Dunstglocke von Komfort und materieller Sicherheit."

Sicherheit im Winter

Henriette zieht erst mal viele Interessierte an. Philipp erzählt, dass ihn oft Passanten ansprächen, die sein Auto und seinen Mut bewunderten. Auch während wir an der Warnow sitzen, kommt ein Mann auf Philipp zu, sagt:

"Genial. Geile Karre, was hast dafür bezahlt?"

"7500 Euro. Ohne Ausbau."

"Hast du auch isoliert hinter der Wand?"

"Da ist eine drei Zentimeter dicke Isolierung drin."

"Schon standardmäßig?"

"Genau, so Glasfaserkabel-Sandwichplatten. Das reicht aber nicht für den Winter." 

Sichere Rückzugsorte hat Philipp deshalb immernoch: Wenn es zu kalt war, hat er sich bei seiner Freundin verkrochen. Wenn er sich ein Bein bricht oder krank wird, kann er zu seinen Eltern fliehen.

Den Schritt, tatsächlich und dauerhaft in einen Transporter oder in ein Wohnmobil zu ziehen, setzen die wenigsten Menschen um. Aber: Wenn sie sich entscheiden, in Wagenburgen, Wohnmobilen oder Transportern zu leben, könne das auch als Reaktion auf ein Durchdrehen des Immobilienmarktes gelten, als ein Ausdruck der sich zuspitzenden und immer prekärer werdenden Wohnverhältnisse in großen Städten, sagt Jürgen Hasse. Anders formuliert: Für manche geht es nicht nur um die große Freiheit. Sondern auch darum, keine andere Wahl zu haben. Deshalb spricht man auch von dem Phänomen der "Working Homeless", also der "Arbeitenden Wohnungslosen".

Als Philipp seinen Job antrat, hatte er kein großes Einkommen. Also schmiedete er einen Plan, wie er leben, wie er sein Leben finanzieren wollte. Er entschied, im Auto zu wohnen, die Miete zu sparen und stattdessen in den Ausbau seiner Henriette zu stecken. Jetzt will er nicht mehr zurück. Er will sich von den Regeln des Mietmarktes befreien.

Auch wenn Rostock mit einem durchschnittlichen Mietpreis von 6,12 Euro pro Quadratmeter auf den ersten Blick hinter Großstädten wie Hamburg oder München liegt: Wohnraum ist auch in Rostock knapp, die Mietpreise steigen und die soziale Trennung von Arm und Reich in eigene Wohnviertel ist hier besonders hoch. Rostockerinnen und Rostocker geben laut Hans-Böckler-Stiftung 38 Prozent ihres Einkommens für Miete aus. Im Vergleich: In Hamburg beträgt diese Quote 43, in München 40 und in Stuttgart ebenfalls 38 Prozent. Und: Laut einer Studie des Kölner Instituts für Wirtschaft haben die Hansestadt Rostock und der Landkreis Rostock in den vergangenen Jahren nur knapp 60 Prozent der Wohnungen gebaut, die nötig gewesen wären, um den Wohnbedarf zu decken.

Der Wackeldackel steht auf Philipps Armaturenbrett.

(Bild: Katharina Elsner)

"Ich könnte mir inzwischen eine Wohnung leisten. Aber ich möchte so wohnen, wie ich es für richtig halte", sagt Philipp. Erst in zwei bis drei Jahren werde er alles abbezahlt haben, aber dann sei das Auto seines. "Das ist dann meine Wertanlage, im Gegensatz zur Mietzahlung. Vielleicht bringt Henriette ja auch noch Geld ein, wenn ich sie verkaufe."

Jürgen Hasse sagt, das Ziel eines jeden Menschen, ein glückliches Leben zu führen, drücke sich im Wohnen aus.

Philipp sagt: "Das ist mir wichtig. Ich komme häufiger nach Hause, als dass ich auf Reisen gehe." Ob das für ihn gerade eine Lebensphase ist, weiß er nicht. Klar, er ist 30, hat eine Freundin, er denkt über Kinder nach. Und das Auto hat eben nur zwei Sitze. Aber will er zurück in eine Mietwohnung, in ein Eigenheim, wenn er einmal diese Freiheit geschnuppert hat?

Philipp schüttelt den Kopf. Ein Leben am und auf dem Wasser, das würde ihm gefallen. "Ich glaube vieles von dem, was ich jetzt an Henriette ausprobiert und gebaut habe, könnte ich auch einfach bei einem Hausboot adaptieren." Das ginge schließlich auch mit Freunden oder einer Familien.


Trip

Weg ohne weg: So erlebst du einen griechischen Sommer zu Hause
Unsere Autorin nimmt uns mit ins Land ihrer Großeltern – ohne die eigene Stadt zu verlassen.

 

Ein leichter Wind weht und trägt den Geruch des salzigen Wassers mit sich. Ich tauche meine Füße in den warmen Sand und weiß, dass ein paar der Sandkörner später auch nach mehrmaligem Duschen irgendwie in meinem Bett landen werden. Aber das ist egal. Ein gutes Buch und das Meer, mehr braucht es nicht, um mich glücklich zu machen. Am Abend sitze ich mit Freunden auf dem Balkon. Wir essen, trinken und lachen während die Zikaden ihr immer gleiches Lied singen.

Im Juni wollte ich wieder nach Griechenland. Diesmal länger. Ich wollte das Land besser kennenlernen, die Sprache üben, Zeit verbringen mit Menschen, die ich liebe und die ich im restlichen Jahr zu selten sehe. Dann kam Corona. Gezwungenermaßen wurden meine Reisepläne begraben und ich entschied: Dieses Jahr muss Griechenland zu mir kommen. Meine Großeltern kamen vor 60 Jahren von dort nach Deutschland und so war ein Stück Griechenland schon immer hier bei mir. 

Vergesst Gyros und Souflaki

Eine Sache, die man in Deutschland ohne Probleme haben kann, ist gutes griechisches Essen. Hierzulande verbinden die meisten mit der griechischen Küche vor allem sehr viel Fleisch. Dabei hat sie so viel mehr zu bieten! In Griechenland teilt man sein Essen, daher komme verschiedenste kleine Vorspeisen auf den Tisch: Mezedes. 

Einfach nachzukochen, lecker und viele von ihnen sogar vegetarisch. Neben Tzatziki, das bei den Mezedes nicht fehlen darf, gibt es noch andere leckere Pasten, die schnell zubereitet werden können. Bei Tarama, einer Creme aus Fischrogen, und Skordalia, einer Knoblauchcreme, kann man sogar altes Brot verwerten. Außerdem ist der enthaltene Knoblauch gesund – und in Zeiten von Social Distancing und Mundschutz muss sich auch niemand Gedanken über seine Knobifahne machen.

Zu den Pasten passen perfekt Kolokithakia tiganita und Saganaki, frittierte Zucchini und gebackener Schafskäse. Zusammen mit einem griechischen Bauernsalat, Pitabrot oder Pommes ergibt das ein abwechslungsreiches Abendessen.

Ihr habt keine Lust zu kochen und wollt lieber Essen bestellen? Dann probiert statt Gyros und Souflaki doch einmal Gavros. Das sind frittierte Sardellen, die im Ganzen gegessen werden.