Bild: Fabeha Monir
"Ich gehe nur zurück, wenn wir Rohingya die gleichen Rechte bekommen"

Der Himmel ist blau über Kutupalong. Hier, im größten Flüchtlingslager der Welt, leben etwa eine Million Menschen. In Zelten, ohne Strom, ohne richtige Schulen und mit wenig Möglichkeiten, zu arbeiten.

Wo einst Wald war, stehen nun Zelte aus Bambusstreben und dicken Planen mit dem Logo der UN-Flüchtlingsagentur, kilometerweit. Dazwischen rennen Kinder umher, spielen im Matsch und lassen abgewetzte, weiße Drachen fliegen. Der Muezzin ruft zum Gebet.

Die Menschen sind Rohingya, eine muslimische Minderheit aus Myanmar

Für Generationen lebten sie im mehrheitlich buddhistischen Nachbarland. Dort erlebten sie jahrzehntelange Diskriminierung und brutale Gewalt. Schon seit den Siebzigerjahren flohen immer wieder Rohingya über die Grenze. Im Spätsommer 2017 entkamen etwa 700.000 Menschen, als das Militär und Mobs ihre Dörfer zerstörten und Tausende töteten.

Seitdem sitzen sie fest. Beide Länder – Myanmar und Bangladesch – verweigern ihnen die Staatsbürgerschaft. Rohingya sind staatenlos.

Myanmar verweist darauf, dass Rohingya vor langer Zeit eigentlich aus Bangladesch kamen und betrachtet sie als illegale Einwanderer. Für Bangladesch sind sie Flüchtlinge, die für Generationen in Myanmar lebten. Sie sitzen zwischen zwei Ländern fest und sind nirgendwo gewollt (Mehr dazu auf bento).

Was ist die Rohingya-Krise?

Die Rohingya werden in Myanmar schon seit Jahrzenhnten unterdrückt. Sie haben kaum Zugang zu gesundheitlicher Versorgung oder Bildung, viele berichten von Gewalt und Schikanen.

Seit Anfang der 90er lebten bereits um die 300.000 von ihnen im benachbarten Bangladesch als Flüchtlinge. Mehr als 700.000 weitere Menschen flohen, nachdem Mitglieder der Rebellengruppe Arsa (Arakan Rohingya Salvation Army) am 25. August 2017 mehrere Polizeistationen im Staat Rakhaing, an der Grenze zu Bangladesch, angegriffen hatten.

Laut Augenzeugenberichten setzten das myanmarische Militär und buddhistische Mobs daraufhin ihre Dörfer in Brand und töteten tausende Menschen. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt. Mindestens 288 Dörfer wurden teilweise oder völlig zerstört. UN-Ermittler sehen im Vorgehen des Militärs gegen Rohingya Anzeichen eines Völkermordes und fordern Anklage gegen mehrere myanmarische Militärchefs (SPIEGEL ONLINE).

Neben dem großen Flüchtlingslager Kutupalong gibt es heute mehr als 30 zusätzliche Camps, die zusammen eine riesige Zeltstadt bilden.

 

Immer wieder kündigt die Regierung von Bangladesch freiwillige Rückführaktionen an, bisher wurden sie aber noch nicht durchgeführt.

Denn Hilfsorganisationen befürchten, dass die Rohingya in Myanmar weiter in Gefahr sind. Wohin sollten sie auch zurück? Viele Dörfer in ihrer Heimatprovinz Rakhine wurden zerstört (SPIEGEL ONLINE).

Wir haben das größte Flüchtlingslager der Welt besucht und junge Menschen gefragt, wie sie leben – und worauf sie hoffen.

Aman, 20: "Es fühlt sich nicht wie zu Hause an"

(Bild: Fabeha Monir)

Ich weiß noch, wie ich nachmittags in Myanmar die Schüsse hörte und die Leute rannten. Wir konnten nichts mitnehmen, wir liefen einfach los. Ich war bei den Kühen auf dem Feld und konnte die Soldaten überall sehen. Einer meiner Nachbarn wurde von einer Kugel im Rücken getroffen. Ich sah mit eigenen Augen, wie er zu Boden fiel und starb.

Hier in Bangladesch lebe ich mit meinen Eltern, meinem jüngeren Bruder, meiner Frau und meinem Großvater – in einem Zelt. Insgesamt habe ich sechs Geschwister – drei Schwestern, drei Brüder. Ich bin der Zweitälteste.

Ich habe einen Laden, in dem ich Hühner verkaufe. Jeden Tag nach dem Morgengebet komme ich her. Gegen 21 Uhr gehe ich zum Abendgebet und dann nach Hause. Ein Bangladeshi kommt regelmäßig mit seinem Wagen und bringt neue Hühner. Ich kaufe sie für 120 Taka (1,25 Euro) und verkaufe sie für 125 (1,30 Euro). An einem Tag mache ich vielleicht 20 Taka Gewinn (20 Cent). Viel ist das nicht.

Es ist hier in Ordnung, aber wir können uns nicht frei bewegen, können das Camp nicht verlassen. Es fühlt sich nicht wie zu Hause an.

Ich vermisse unser Land und unsere Tiere. Wir hatten 15 Kühe und zwölf Ziegen. Unsere Häuser waren größer, wir hatten mehr Platz, haben Reis angebaut und Gemüse. Wären wir noch zu Hause, würde ich verschiedenes Gemüse und Getreide anbauen und ausprobieren, was am besten wächst.

Ich bin stolz, Rohingya zu sein.

In Myanmar bedeutet das allerdings Unterdrückung: Wir können uns dort nicht frei bewegen, Bildung wird uns verwehrt. Sie hassen uns dort, weil wir Muslime sind und unserer Religion folgen, unsere Rituale und Feste feiern.

Wir haben gesehen, wie sie unsere Familien umbrachten. Auch mein Onkel wurde getötet. Aber selbst, wenn ich wütend bin, was kann ich tun? Nur die Regierungen können etwas unternehmen. Wenn ich ihnen etwas sagen könnte, dann das: Ich gehe nur zurück, wenn wir Rohingya die gleichen Rechte bekommen, wie alle anderen.

Rahima, 19: "Wir lügen die Leute an"

(Bild: Fabeha Monir)

Ich bin hier im Camp zur Welt gekommen, genauso wie meine drei kleinen Schwestern und mein Bruder.

Als ich jünger war, habe ich davon geträumt, anderen Menschen zu helfen. Ich habe viele Frauen aus dem Ausland gesehen, die studieren und ein anderes Leben führen als die Frauen aus dem Camp. Als meine Freundin schwanger wurde, dachte ich: Das will ich nicht. Ich will lernen. Aber im Flüchtlingscamp ist das unmöglich.

Es gibt hier kaum Schulen: Die meisten von uns sind ungebildet.

Die Leute hassen uns. Was genau unser Fehler ist? Das weiß ich nicht. Ich würde der Welt gerne diese Frage stellen.

Meine Tante hat einen Bangladeshi geheiratet. Er half mir dabei, eine gefälschte Geburtsurkunde zu kaufen und ließ mich bei seiner Familie wohnen. Ich habe auf die Kinder aufgepasst, auf dem Markt eingekauft und für sie gekocht. Und ich ging zur Schule. Aber ich musste lügen: Keiner meiner Schulfreunde wusste, dass ich Rohingya bin.

Nach ein paar Jahren habe ich einen Job gefunden: Ich habe Kindern beigebracht, Computer zu bedienen. Mit dem Geld habe ich meine eigene Wohnung angemietet. Vor zwei Jahren holte ich drei meiner Geschwister zu mir, damit auch sie hier zur Schule gehen können.

Mittlerweile studiere ich Jura im ersten Semester. Ich will Menschenrechtsanwältin werden, damit ich meiner Gemeinschaft helfen kann. Nebenbei helfe ich dem Internationalen Strafgerichtshof dabei, Rohingya über ihre Erfahrungen mit dem myanmarischen Militär zu befragen.

Ich bin die Einzige aus meinem Camp, die eine höhere Ausbildung bekommt. Meine Freundinnen haben schon zwei bis drei Kinder, sie leiden unter häuslicher Gewalt.

Ich habe immer Angst, dass sie mich auch zurückschicken.

Meine Eltern sagen, Myanmar sei noch immer ihre Heimat. Ich möchte nicht dort hin: in Myanmar gibt es keinen Frieden.

Farrouque, 27: "Ich fühle mich wie ein Fußball"

(Bild: Fabeha Monir)

Für mich ist Myanmar meine Heimat – auch wenn ich noch nie dort war.

Meine Familie kam schon 1992 hierher, da war ich noch nicht geboren. In Myanmar hatten sie ein großes Haus, Kokosnussbäume und Rinder. Mein Vater sagt, unser Leben war gut.

Mein Traum ist es, irgendwann zurückzukehren. Deswegen lerne ich mittlerweile auch die Sprache. Zurzeit aber wäre mein Leben dort nicht sicher.

Wenn du jung bist, willst du die Welt entdecken, andere Orte besuchen.

Als Flüchtling hast du diese Möglichkeiten nicht. Du bleibst da, wo du bist. Manchmal nenne ich diesen Ort ein offenes Gefängnis.

Ich habe im Camp Kinder in Englisch und Birmanisch unterrichtet – aber das bringt kaum Geld. Als so viele Flüchtlinge kamen, begann ich, für Medien und Hilfsorganisationen zu übersetzen. Mittlerweile arbeite ich in einem UN-Projekt. Wir sind dafür verantwortlich, die Camps instand zu halten.

Ich bin verheiratet und habe eine Tochter, sie ist zehn Monate alt. Wir alle leben zusammen. Ich habe noch zwei Brüder und drei Schwestern. Eine Schwester ist Lehrerin, ein Bruder arbeitet mit mir zusammen. Die anderen sind noch zu jung zum arbeiten.

Wir sind hier nicht gewollt. Bangladeschis machen uns für alles Negative verantwortlich: Staus auf dem Weg zu den Camps, Preise in den Städten, in denen die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wohnen, fehlende Jobs.

Ich fühle mich wie ein Fußball. Myanmar schießt mich hierhin, Bangladesch dorthin. Nur die UN kann das ändern. Wenn sie es schafft, dass Myanmar uns anerkennt, haben wir Hoffnung.

Fatima, 22: "Wir sollten Priorität haben"

(Bild: Fabeha Monir)

Meine Eltern sagen, wir sind hergekommen, weil sie in Myanmar so leiden mussten.

Meine Familie floh schon 1992 nach Bangladesch, ich bin hier zur Welt gekommen. Myanmar habe ich nie gesehen. Ich wäre gern zur Schule gegangen, wollte ausgebildet sein, so wie die Menschen, die herkommen, um uns zu helfen. Aber die Schule im Camp ging nur bis zur 5. Klasse.

Mittlerweile habe ich eine Tochter, sie ist sieben Jahre alt. Mein Mann lebt in Malaysia. Er ging dorthin, um Geld zu verdienen und musste dann ins Gefängnis. Jetzt schneidet er Gras oder sowas, ich weiß es nicht genau.

Was sie uns an Essensrationen geben, reicht nicht aus. Seit die neuen Flüchtlinge kamen, ist es noch schlimmer geworden. Wir kriegen auch weniger Kerosin und Seife.

Es ist einfach nicht mehr genug.

Alles bekommen die Neuankömmlinge. Dabei kamen sie gerade mal vor einem Jahr. Wir sind schon viel länger hier – und sollten Priorität haben.

Ich bin traurig, eine Rohingya zu sein. Wir dürfen nirgendwo hin. Wir gehören nirgendwo hin. Wir sind Außenseiter. Zurückgehen würden wir nur, wenn sie uns als Staatsbürger anerkennen und uns Rechte zusprechen. Ansonsten würden wir uns verstecken und versuchen, hier zu bleiben. Aber weder Bangladesch noch Myanmar wird uns zurücknehmen. Ich weiß nicht, was uns die Zukunft bringt.

Seit ein paar Wochen arbeite ich in einer Schneiderei. Ich nähe die Elastikbänder in die Unterhosen und verdiene an einem Tag um die 60 Taka (60 Cent). Um arbeiten zu dürfen, musste ich erst meinen Mann um Erlaubnis fragen. Ich habe ihn angerufen und gefragt. Und nach einem Tag Bedenkzeit erlaubte er es mir.

Er wird nicht für immer da sein und ich muss für unsere Familie sorgen können.

bento per WhatsApp oder Telegram


Streaming

"Babylon Berlin" sucht dich! (Falls du gerne wild rumknutschst oder "vom Leben gezeichnet" bist)
Komparsen-Casting in NRW!

Hast du Zeit und Lust, dir ein bisschen was dazu zu verdienen? Und hast du zufälligerweise nur einen Arm? Perfekt! "Babylon Berlin", die teuerste deutsche Serie aller Zeiten, sucht genau dich als Komparsen!

Wie komme ich zu "Babylon Berlin"?

Bisher war nur bekannt, dass die dritte Staffel von "Babylon Berlin" an "geheimen Orten in Berlin" gedreht wird (bento). Jetzt ruft die Castingagentur Eick in Nordrhein-Westfalen zu einem offenen Casting auf.

Gesucht werden 500 Komparsen, männlich und weiblich, zwischen Null und 80 Jahren, "die Gangster, Polizisten, Passanten, Henker, Kneipengäste, Gefängniswärterinnen, hochrangige Militär-Offiziere und Politiker spielen" (Eick).

Du bist frisch verliebt und möchtest keine Minute ohne deinen Partner sein – auch nicht beim Komparsen-Casting? Kein Problem: "Für eine spezielle Szene suchen wir nach vielen Männern und Frauen, die bereit sind, sich leidenschaftlich zu küssen (18-60 Jahre)" (Eick).

Es geht aber auch spezieller: "Wir brauchen in anderen Situationen einen kleinwüchsigen Mann, Original-Kellner, Priester und Tischler. [...] Wir müssen außerdem 50 Frauen finden, die Gefängnis-Insassinnen spielen. Es können sowohl normalere als auch vom Leben gezeichnete Gesichter und Körper sein (z.B. Glatzen, Einarmige oder -beinige)" (Eick). 

Wer dabei sein möchte, sollte am Samstag, dem 19. Januar 2019, von 12 bis 16 Uhr Zeit haben und zum Brückenforum Bonn kommen, um sich zu bewerben. Die Dreharbeiten finden irgendwann zwischen Mitte Februar und Mitte März in Bonn, Düren, Köln, Solingen und Krefeld statt und dauern einen bis drei Tage. 

Was ist "Babylon Berlin" noch gleich?

Die Serie spielt im Jahr 1929/1930 in Berlin – also in der Zeit, zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg: Die Hauptfigur der Serie, Kommissar Gereon Rath, ermittelt für "die Sitte", beschäftigt sich also mit Sexualdelikten und Moralverstößen. 

Sein Einsatz im ersten Weltkrieg hat ihn als gebrochenen Mann zurückgelassen, seine Erinnerungen und zitternden Hände betäubt er mit Morphium.

"Babylon Berlin" ist vor allem Gesellschaftskritik, Psycho-Thriller, Krimi und Historiendrama.

Worum geht es in der dritten Staffel, für die das Komparsen-Casting ist?

Die Handlung soll zehn Monate nach den Geschehnissen der ersten beiden Staffeln ansetzen und Inhalte des Buches "Der stumme Tod" von Volker Kutscher aufgreifen. Gereon Rath muss dort an einem Filmset ermitteln, an dem eine Schauspielerin von einem Scheinwerfer erschlagen wurde. War es ein Unfall – oder doch Mord? (KiWi Verlag)