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Wir haben eine Expertin gefragt

Rezo war wieder in Zerstörungslaune. Diesmal hat er sich die Presse vorgenommen. In einem einstündigen Video exerziert der 27 Jahre alte YouTuber einmal durch, warum es ihn nicht überrascht, dass Verschwörungsmythen immer mehr Zulauf aus der Bevölkerung bekommen, dass Videos mit kruden Thesen zu Weltverschwörungen millionenfach geklickt werden. Er zeigt, dass einige Medien fahrlässig mit dem Vertrauen ihrer Nutzerinnen und Nutzer umgehen: Durch hetzerische Zeilen, Falschbehauptungen, durch Mangel an Belegen für ihre Aussagen und unsaubere Recherchen.

Vor allem junge Menschen, so scheint es, wenden sich zunehmend von den etablierten Medien ab und beziehen ihre Informationen auf Social Media und von YouTubern oder Influencerinnen ihres Vertrauens. Eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), das dem Bayerischen Rundfunk untersteht, zeigt, dass 42 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer zwischen 14 und 24 Jahren die sozialen Netzwerke nutzen, um über das aktuelle Geschehen und Nachrichten auf dem Laufenden zu bleiben. Aber bedeutet das auch, dass sie das Vertrauen in die etablierten Medien verlieren?

Ilka Jakobs forscht an der Universität Mainz zu Vertrauen in Medien. Die 34-Jährige ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Publizistik und arbeitet seit 2015 an der "Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen" mit.

Ilka Jakobs, 34, forscht zu Vertrauen in die Medien am Institut für Publizistik der Universität Mainz. In ihrer Promotion beschäftigte sie sich mit dem Vertrauen in die Medien.

(Bild: privat)

Wir haben mit ihr darüber gesprochen, ob die etablierten Medien ihre Nutzerinnen und Nutzer wirklich an YouTube verlieren und wer eigentlich die Menschen sind, die glauben, Medien wären in Verschwörungen verstrickt.

Die Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen:

Seit 2015 forscht das Institut für Publizistik der Uni Mainz über das Vertrauen der Deutschen zu ihren Medien: 1200 Bürgerinnen und Bürger ab 18 Jahren werden jährlich per Telefon dazu befragt. Die Studie ist damit repräsentativ für Deutschland. Durch die jährliche Wiederholung lassen sich Veränderungen im Vertrauen zu den Medien erfassen.  

bento: Ilka, verspielen die etablierten Medien das Vertrauen ihrer Leserschaft?

Ilka: Überall, wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Es ist aber schon so, dass das Vertrauen in die Medien besonders sensibel ist. Das liegt daran, dass Menschen oft nicht die Möglichkeit haben, selbst an Informationen zu kommen. Die meisten können nicht die Studie zur Ansteckungsgefahr durch Kinder von Christian Drosten beurteilen (SPIEGEL). Sie können auch nicht mit jeder Politikerin und jedem Politiker sprechen, bevor sie Wahlentscheidungen treffen.

„Wir sind auf die Vermittlungsleistung der Medien angewiesen, darum ist das Vertrauen in sie besonders verletzlich.“

bento: Wie steht es denn um das Vertrauen der Deutschen in die Medien?

Ilka: Gar nicht schlecht! In unserer Befragung von 2019 haben 43 Prozent gesagt, dass sie den Medien vertrauen.

Wer sind "Die Medien"?

Darunter werden in der Studie der Uni Mainz alle Nachrichtenmedien verstanden, die journalistisch arbeiten, und von Menschen genutzt werden, um sich über das tagesaktuelle Geschehen zu informieren. YouTube oder soziale Netzwerke wie Facebook werden gesondert abgefragt.  

bento: Das heißt, mehr als die Hälfte vertraut ihnen nicht? Das klingt nicht sehr gut.

Ilka: Tatsächlich ist das ein guter Wert. 28 Prozent haben gesagt, dass sie den Medien nicht vertrauen. Mit 29 Prozent gibt es eine relativ große Mitte, die unentschieden ist. Unentschiedenheit interpretieren wir aber als differenzierten Blick, das ist positiv: Diese Menschen unterscheiden beispielsweise zwischen Boulevard, der als nicht vertrauenswürdig gilt, und seriösen Quellen, wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

bento: Gibt es Vertrauens-Unterschiede in den Altersgruppen?

Ilka: In Hinblick auf das Vertrauen in die Medien tatsächlich keine, die signifikant sind. Es gibt aber einen anderen interssanten Wert: Man sieht, dass Jüngere "alternative Nachrichtenseiten" häufiger nutzen als Ältere. 42 Prozent der 18- bis 29-Jährigen schauen mindestens ab und zu auf alternative Nachrichtenseiten. In anderen Altersgruppe haben zwischen 64 und 73 Prozent der Befragten angegeben, dass sie solche Seiten nie nutzen. Da stechen die Jüngeren schon hervor.

Was sind "alternative Nachrichtenseiten"?

Damit sind Webseiten gemeint, die aussehen wie Nachrichtenportale, hinter denen aber keine Medienunternehmen steht und die nicht nach journalistischen Standards arbeiten. Beispiele wären "Politically Incorrect" (PI), "compact" oder "Russia Today". Sie sind aber oft hochgradig umstritten oder gar gefährlich: PI beispielsweise ist eng mit der rechten Szene verknüpft, deren Mitglieder teils vom Verfassungsschutz beobachtet werden, und wird als Islamfeindlich eingestuft.

bento: Was bedeutet diese Zahl? Sind die Jüngeren etwa auch diejenigen, die anfällig sind für Verschwörungsmythen?

Ilka: Unsere Daten zeigen in der Tat, dass die häufige Nutzung von "alternativen Nachrichtenseiten" mit einer medienkritischen Einstellung zusammenhängt. Menschen, die den Medien pauschal misstrauen und sogar glauben, diese seien selbst in Verschwörungen verstrickt, gibt es aber in allen Altersgruppen.

bento: Was konntet ihr noch über sie herausfinden?

Ilka: Unsere Ergebnisse zeigen, dass vor allem diejenigen Bürger die Medien pauschal verurteilen und zu medienbezogenen Verschwörungstheorien neigen, die eine niedrigere formale Bildung aufweisen, eine hohe wirtschaftliche Zukunftsangst haben und ein niedriges politisches Interesse bei gleichzeitiger Präferenz für die politischen Ränder – sowohl links als auch rechts. Sie nutzen häufig "alternative Nachrichtenseiten" und lesen Online-Nutzerkommentare.

bento: Kritische Personen lesen viele Nutzerkommentare?

Ilka. Ja, wir konnten feststellen, dass diese Menschen überdurchschnittlich viele Nutzerkommentare auf Webseiten von Medien oder unter Postings auf Social Media lesen.

bento: Wie steht es um das Vertrauen in Social Media: Verlieren die etablierten Medien ihre Nutzerinnen und Nutzer an Influencerinnen und YouTuber?

Ilka: Grundsätzlich nicht, nein. Wenn Menschen sich Influencerinnen und YouTubern zuwenden, spricht das aber schon dafür, dass einige offenbar von der Medienberichterstattung so irritiert sind, dass sie eine vertrauenswürdige Quelle suchen, die die Nachrichtenlage für sie noch einmal einordnet. Da landen einige offenbar bei Influencern und YouTuberinnen – und die sind mal besser und mal schlechter darin, die Nachrichten einzuordnen.

„Insgesamt ist das Vertrauen in die etablierten Medien aber immer noch sehr hoch.“

Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen liegt der Vertrauenswert beispielsweise bei 67 Prozent, mit keinen signifikanten Unterschieden in den Altersgruppen.

bento: Es wird immer schwieriger, journalistisch arbeitende Medien von nicht journalistisch arbeitenden Angeboten abzugrenzen. Beiträge, die so akribisch recherchiert sind, wie beispielsweise die Zerstörungs-Videos von Rezo, könnten doch auch in etablierten Medien erscheinen. Wo kann man da überhaupt noch eine Grenze ziehen?

Ilka: Die Grenzen verschwimmen, das stimmt. Aber es gibt klare Kriterien, die journalistische Arbeit von nicht journalistischer Arbeit abgrenzen. Beispielsweise, dass eine Redaktion hinter einem Produkt stehen muss, mit festen Arbeitsprozessen und einer klaren Arbeitsteilung. Wenn Einzelpersonen Informationen verbreiten, wie das in den sozialen Netzwerken oft der Fall ist, entfällt so etwas häufig.

bento: Oft stehen aber auch kleine Teams hinter diesen Personen, wie etwa bei Rezo. Können sie nicht trotzdem vertrauenswürdige Quellen sein?

Ilka: Doch, es gibt Leute, die gute Arbeit machen und Qualitätsstandards folgen. Aber die eben genannten journalistischen Prinzipien sind wichtig, denn sie sorgen dafür, dass ein Beitrag nicht von der Meinung einer Einzelperson dominiert wird.


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