Bild: Sean Gallup/Getty Images

Die Europawahl 2019 ist Geschichte. CDU, CSU und SPD, die einstigen Volksparteien, lecken ihre Wunden. Denn beide haben historisch schlechte Wahlergebnisse eingefahren.

Als mitverantwortlich dafür gilt in der Debatte einer, den in der Politik vor zwei Wochen noch niemand auf dem Schirm hatte: der YouTuber Rezo. Seine "Zerstörung der CDU" hat mittlerweile mehr als 13 Millionen Aufrufe. Darin ruft er auf, auch die SPD nicht mehr zu wählen. 

In der Gruppe der 18 bis 24-jährigen haben SPD (8 Prozent) und Union (12 Prozent) besonders schlecht abgeschnitten. (wahl.tagesschau.de

Haben sie das Rezo zu verdanken, der im bento-Interview erzählt hat, dass er genau in dieser Altersgruppe seine meisten Zuschauer hat?

Die kopflosen Reaktionen aus der Politik zeigen zumindest, dass die Angst vor der Macht solcher Wahlaufrufe groß ist. CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer sinnierte gar darüber, derartige "Meinungsmache" im Wahlkampf zu regulieren, ruderte dann aber schnell zurück. (SPIEGEL ONLINE)

Aber wie groß war der "Rezo-Effekt" wirklich?

Genau lässt sich das noch nicht sagen, objektive Zahlen dazu fehlen noch. Einen ersten Hinweis gibt aber eine Umfrage des YouTubers LeFloid auf Twitter, an der immerhin knapp 30.000 Nutzerinnen und Nutzer teilgenommen haben.

Die große Mehrheit gab an, dass das Video ihre Wahlentscheidung nicht beinflusst habe.

Immerhin neun Prozent, also über 2600 Menschen, sagten aber das Gegenteil: Rezo habe sie umgestimmt. Es gibt also einen Rezo-Effekt, wenn auch unklar ist, wie groß er tatsächlich war. 

Der Effekt wirkt sich aber nicht nur auf Wahlentscheidungen aus. 

Philip ist wegen des Rezo-Videos aus der SPD ausgetreten. 

Er ist 21 und studiert Sport und Mathe auf Lehramt. Hier erzählt er, wie es zu seiner Entscheidung kam und warum er sich von der Politik nicht ernstgenommen fühlt:

(Bild: privat)

"Ich bin auf Facebook auf das Rezo-Video gestoßen, als schon relativ viel darüber berichtet wurde. Ich habe es mir dann in zwei Etappen angeschaut.

Zuerst dachte ich: Ganz schön überspitzt. Gerade den Teil über die Armut in Deutschland fand ich etwas ungenau, weil die Schere zwischen arm und reich zwar auseinandergeht, arme Menschen aber trotzdem auch mehr Geld zur Verfügung haben als früher. An anderer Stelle hat er aber total recht, gerade im Teil über Klimapolitik. Das fand ich eindrücklich argumentiert, gerade auch mit den Statements des Wissenschaftlers von Scientists for Future. Das hat mich nachdenklich gemacht.

Ich habe mein SPD-Parteibuch aufgeschlagen und mir das Grundsatzprogramm nochmal genau angeschaut. Klimaschutz steht da zwar drin, aber nicht ganz oben auf der Agenda.

„Durch das Video ist mir bewusster geworden, dass Klimaschutz das wichtigste Thema der Politik heutzutage sein muss.“

Deshalb habe ich gleich am nächsten Morgen meinen Austrittsantrag abgeschickt. 

Die SPD hat hier in den letzten Jahren zu wenig geleistet, der Klimawandel ist nicht Kern sozialdemokratischer Politik.

Ich habe schon länger überlegt, auszutreten. In letzter Zeit hatte ich das Gefühl, dass es der SPD mehr um Machtpolitik als um Inhalte geht und die Parteispitze oft inkonsequent agiert, zum Beispiel beim viel zu langsamen Kohleausstieg. Die Entscheidung, wieder eine Große Koalition einzugehen, habe ich auch sehr kritisch gesehen. Rezos Video war jetzt nur der letzte Anstoß, auch wirklich die Partei zu verlassen.

SPD-Mitglied war ich seit August 2016. Das Erstarken von rechtspopulistischen Strömungen in ganz Europa hatte mich dazu motiviert, mich bei einer Partei zu engagieren. Ich habe damals zwischen Grünen und SPD geschwankt. Auch wegen ihrer Geschichte fiel meine Wahl dann auf die SPD: Sie ist die älteste Partei Deutschlands, hat früher Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet und hat den Anspruch, eine fortschrittliche Volkspartei zu sein. Ich war auch bei ein paar Parteitreffen, habe das dann aber zeitlich nicht mehr geschafft.

„Die Reaktionen aus der Politik auf das Rezo-Video fand ich größtenteils daneben.“

Erstens kamen die viel zu langsam, zweitens sind viele gar nicht auf den Inhalt eingegangen, sondern haben das Format kritisiert.

Kramp-Karrenbauer zum Beispiel nimmt die Kritik doch überhaupt nicht ernst. Damit werden nicht nur Rezo, sondern auch seine Zuschauerinnen und Zuschauer wie ich belächelt. Wenn es aus der CDU heißt, dass die Erstwähler schon zur Vernunft kommen würden, sobald sie mal selber Geld verdienen, führt das vollkommen am Problem vorbei.

Von den SPD-Reaktionen habe ich ehrlichgesagt kaum etwas mitbekommen.

Ich überlege jetzt, den Grünen beizutreten. Sie haben sich den Klimaschutz auf die Fahne geschrieben und wirken bei diesem Thema am glaubwürdigsten auf mich, das ist mir am wichtigsten. Der konservativere Teil der Partei lässt mich noch zögern. Boris Palmer geht natürlich gar nicht, aber auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist mir zu CDU-ähnlich. Ich will eine progressive Klimapartei.

Man muss nicht alles nur auf den Klimaschutz ausrichten, ihn aber bei jeder Entscheidung mitdenken."

Rezo selbst glaubt indes nicht an den Rezo-Effekt.

Auf Twitter schreibt er, dass er nicht der Grund für das schlechte Wahlergebnis der Regierungsparteien bei jungen Leuten sei, sondern deren Politik. Auf die hat er jedoch viele aufmerksam gemacht und so eben doch Einfluss auf die Entscheidung einiger jungen Wählenden gehabt. Und der SPD mindestens ein Mitglied gekostet.


Gerechtigkeit

Warum es nicht reicht, Burn-out als Krankheit zu betrachten
Wir dürfen die Arbeitgeber nicht aus ihrer Verantwortung entlassen

Während immer mehr Menschen über ein Gefühl des Ausgebranntseins bei der Arbeit klagen, diskutieren Fachleute seit Jahrzehnten über die Definition von Burn-out. Die einen sehen es als Krankheit, die anderen bloß als Risikozustand. Betroffene hören oft den Vorwurf, es würde sich nur um eine überschätzte Modeerscheinung handeln. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Burn-out nun als Phänomen der Arbeitswelt eingestuft.  (SPIEGEL ONLINE)

Burn-out gilt jetzt offiziell als ein Syndrom aufgrund von "chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird". Als Syndrom bezeichnet die Medizin eine Kombination mehrerer Krankheitszeichen, die wahrscheinlich auf die gleiche Ursache zurückzuführen sind. Burn-out hat laut WHO drei Dimensionen: Ein Gefühl von Erschöpfung, eine zunehmende geistige Distanz oder negative Haltung zum eigenen Job und ein verringertes berufliches Leistungsvermögen. Die WHO weist explizit darauf hin, dass der Begriff Burn-out ausschließlich im beruflichen Zusammenhang und nicht "für Erfahrungen in anderen Lebensbereichen" verwendet werden sollte.

Die Entscheidung der WHO ist erstmal gut, denn so wird endlich anerkannt, dass es die Arbeit ist, die Betroffene krank machen kann. Bisher wurde der Begriff Burn-out oft diffus verwendet und häufig im Bereich der psychischen Erkrankungen eingeordnet. Gerade in Deutschland, wird der Begriff auch oft genutzt, wenn Mütter oder Pflegende zusammenbrechen. Zudem wird Burn-out fälschlicherweise oft mit Depressionen gleichgesetzt. Diese treten zwar häufig als Begleiterscheinung des Syndroms als Diagnose auf, aber nicht immer. Ein Burn-out kann auch die Vorstufe für eine Depression sein. 

Die WHO hatte zunächst im Fall von Burn-out von einer Krankheit gesprochen, aber diese Angaben am Dienstag präzisiert - es handele sich lediglich um ein Syndrom. Das klingt erstmal nach einer Einschränkung. Doch genau in dieser Unterscheidung liegt die Chance, das Problem richtig zu verstehen. Denn wenn man Burn-out als Krankheit betrachtet, müssten ihre Symptome dann nicht auch medizinisch behandelt werden können? Viel wichtiger ist es doch aber die Bekämpfung der Ursache in den Fokus zu stellen. 

Denn eine Krankheit ist immer auch eine Stigmatisierung. 

Wer krank ist, ist nicht gesund – und gilt damit als nicht normal, nicht vollständig leistungsfähig. Wenn ich krank bin, bin erstmal ich diejenige, mit der etwas nicht stimmt – nicht das System. So besteht die Gefahr, dass das Problem allein auf die Betroffenen abgewälzt wird.

Selbst Ärzte raten Patienten mit psychischen Erkrankungen, sich nicht vor ihren Chefs zu outen. So sagte etwa Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Uni München, in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE, er rate seinen Patienten dringend davon ab, im Arbeitsumfeld zu sagen, dass sie psychisch erkrankt sind. "Die Erlebnisse meiner Patienten zeigen, dass es noch immer viele Chefs und auch Kollegen gibt, die Ihnen die Erkrankung zum Nachteil machen würden. Es passiert sehr häufig, dass Menschen, die einmal eine psychische Erkrankung hatten, für immer stigmatisiert sind."

Viele Unternehmen seien noch nicht so weit, als dass man mit seinen psychischen Problemen dort ganz locker umgehen könnte, sagt Falkai. Wer seine Krankheit öffentlich mache, gelte als nicht belastbar und habe geringere Chancen auf eine Beförderung. Das seien Vorurteile, denn die meisten psychischen Erkrankungen seien episodisch und gingen wieder weg, wie eine Grippe, so der Arzt.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, Arbeit macht immer mehr Menschen krank.

Die Zahl der Krankentage wegen psychischer Probleme in Deutschland hat sich laut Bundesarbeitsministerium zwischen 2007 und 2017 mehr als verdoppelt – von 48 auf 107 Millionen Fehltage pro Jahr. Immer mehr Menschen sind wegen psychischen Erkrankungen arbeitsunfähig. Gewerkschaften prangern seit Jahren die zunehmende Arbeitsbelastung an. Schon unter den Auszubildenden leidet einer Studie der AOK zufolge ein Drittel unter Müdigkeit, Mattigkeit und Erschöpfung. 15 Prozent fühlen sich ausgebrannt. (Wirtschaftswoche)  

Eine häufige Ursache sind Stress, ungeregelte Arbeitszeiten und Überstunden. In einer sich im Zuge der Digitalisierung rasant ändernden Arbeitswelt fühlen sich immer mehr Menschen überfordert. Durch Smartphones und Tablets sind wir rund um die Uhr erreichbar. Privates und Berufliches vermischt sich. Viele merken gar nicht, wie viel Zeit mit E-Mails und Messenger-Diensten verbringen. Andere werden aus Unzufriedenheit krank – weil ihre Arbeit sie nicht erfüllt, weil sie gemobbt werden, sich ungerecht behandelt fühlen oder zu schlecht bezahlt.

Die einen bekommen Depressionen, Angst-oder Schlafstörungen. Andere leiden zuerst körperlich, an Rücken- oder Kopfschmerzen und spüren die seelischen Auswirkungen erst später. Von einem Burn-out spricht man oft erst, wenn gar nichts mehr geht.

Doch dann ist es eigentlich schon zu spät. Statt zuzulassen, dass ihre Mitarbeiter sich mit Psychopharmaka vollstopfen müssen, um den Arbeitsalltag zu überstehen, sollten sich Arbeitgeber vielmehr die Frage stellen: Was können wir tun, um Burn-out zu verhindern?

Und wir alle müssen die Frage beantworten: Wollen wir wirklich eine Gesellschaft normal finden, in der sich Menschen krankarbeiten?

Die viel belächelte Einstellung der jüngeren Generationen, viel Wert auf das Privatleben zu legen, kann man auch als Reaktion auf eine Arbeitswelt verstehen, in der nur diejenigen gut klarkommen, die Grenzen setzen. 

Vielleicht braucht es deshalb noch mehr Lösungen wie diese: Der Europäische Gerichtshof etwa hat kürzlich beschlossen, dass Arbeitgeber zukünftig die Arbeitszeiten ihrer Angestellten systematisch (per Stechuhr) erfassen müssen. (Bento)

Die Linke fordert gar eine Anti-Stress-Verordnung per Gesetz, mit verbindlichen Vorschriften, die Beschäftigten und Unternehmen zeigten, was gegen psychische Belastung am Arbeitsplatz getan werden muss. (SPIEGEL ONLINE)

Man könnte auch die Krankenkassenbeiträge von Firmen erhöhen, wenn bei einer überdurchschnittlichen Quote der Angestellten ein Burn-out diagnostiziert wird. Strukturelle Anreize wie diese könnten helfen, das Problem weg vom Individuum und hin zur Gesellschaft zu denken. 

Denn sonst bleibt die Verantwortung für köperliche und mentale Gesundheit am Einzelnen hängen. Und was sollen Sport, autogenes Training und Spaziergänge im Wald schon helfen, wenn man vor lauter Überstunden keine Zeit dafür findet?