Bild: Kevin Lehtla Unsplash

Am Nachmittag des 26. Juli betritt Damir H. einen Kölner Getränkeladen. In seiner Hand: eine Hundetasche.

Wenig später will er das Geschäft wieder verlassen. In seiner Tasche: 47 Dosen Red Bull. An einer der Seiten der Transportbox verläuft ein feines Netz, das einem Hund ausreichende Sicht und Atemluft verschaffen soll. In diesem Fall jedoch ermöglicht das Netz vor allem leichte Sicht auf die 15 Liter Energy Drink. H. wird erwischt – und steht bereits vier Tage später vor Gericht.

Wobei "stehen" in seinem Fall nicht das richtige Wort ist: H., 34, drogensüchtig, obdachlos und 16-fach vorbestraft, kauert vor Gericht, sein Rücken ist krumm, der Kopf gesenkt, als könne man ihn nicht sehen, wenn er sich nur klein genug macht.

Akteneinsicht – Alltag vor Gericht

Vor Gericht werden die Grenzen unserer Gesellschaft verhandelt. Jeden Tag. Aber nur außergewöhnliche Fälle bekommen Aufmerksamkeit. 

In dieser Reihe schauen wir uns die anderen an, Verhandlungen, die normalerweise unbemerkt vom Rest der Welt entschieden werden. Wir wollen wissen, welche Schicksale junger Menschen in Deutschland sich hinter den Aktennummern verbergen. Und herausfinden, was ihr Schicksal für unsere Justiz bedeutet – ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen.

Normalerweise vergehen zwischen einer Straftat und der darauf bezogenen Hauptverhandlung Wochen bis Monate. Bürokratie und lange Kommunikationswege fressen viel Zeit, ehe sich ein Angeklagter vor Gericht verantworten muss.

Aber manche Sachverhalte erlauben diese Wartedauer nicht. Etwa, wenn der Täter wohnungslos ist oder im Ausland lebt - und deshalb schwer postalisch vorgeladen werden kann. In solchen Fällen können Gerichte eine spezielle Verhandlungsform anwenden: das beschleunigte Verfahren.

Das beschleunigte Verfahren verwandelt den Saal 29 des Kölner Amtsgerichtes an diesem Tag in ein Kaleidoskop der Kleinkriminalität:

Vor H. sitzt ein schwerer Alkoholiker im Saal, zum siebten Mal in fünf Wochen. Er stiehlt immer wieder kleine Mengen Alkohol. Verfahren eingestellt. Nach H. werden drei Männer vor Gericht treten, die Champagner aus einem Supermarkt entwendet haben. Geldstrafe: 250 Euro. Anschließend ein Rentner. Er hat im Alkoholrausch Hautcreme bei Alnatura geklaut, Sachwert: 9,99 Euro. Verfahren eingestellt.

Zwei Tage pro Woche verhandelt Richterin Katrin Arnold solche beschleunigten Verfahren, für die es am Kölner Amtsgericht eine eigene Abteilung gibt. Die Akten erhält sie teilweise erst einen Tag vorher.

Eine einfache Sachlage, die alle Beteiligten schnell überblicken können, ist deshalb Grundvoraussetzung. Wie bei Damir H., dessen Fall die Oberamtsanwältin Nicole Aurbach als "absoluten Klassiker" bezeichnet: eine eindeutige Sachlage, ein geständiger, reuiger Täter, ohne festen Wohnsitz, das Vergehen: eher geringfügig.

So ist das bei einem Kaleidoskop, bei jeder Drehung, in jedem Fall ändert sich das Bild ein bisschen, aber die Teilchen, aus denen es entsteht, bleiben gleich: Es geht um Menschen, die kaum kriminelle Energie haben, aber die den falschen Weg wählen, manche immer wieder.

 "Wir kennen uns ja schon, Herr H.", begrüßt Arnold den 34-Jährigen. H. kann dem Blickkontakt der Richterin kaum standhalten. Schon vor drei Wochen saß er bei ihr auf der Anklagebank – ebenfalls wegen Diebstahls von Red-Bull-Dosen. Das damalige Urteil: drei Monate auf Bewährung.

Energy Drinks wie Red Bull enthalten hohe Mengen an Zucker und Koffein. Konsumiert man sie in großem Ausmaß, setzt das Gehirn so viel Dopamin frei, dass eine Art Glücksrausch einsetzt. In Ansätzen vergleichbar mit der Wirkung von Heroin. Und Heroin ist H.‘s eigentliches Problem.

Zunächst spricht sein Pflichtverteidiger. Während er im Schnelldurchlauf erklärt, wie es zu der Straftat kam, fährt sich H. immer wieder nervös durch die Haare. Unruhig rutscht er auf seinem Stuhl herum, ehe er selbst das Wort ergreift.

"Mit dem Tod meiner ersten Tochter fing alles an", erzählt er. Vor zwölf Jahren sei sie gestorben, wenig später die Mutter seines zweiten Kindes. "Seitdem bemühe ich mich einfach nur."

Die Todesursachen nennt H. nicht. Aber die Folgen: Mit Heroin betäubte er Trauer und Schmerz. Wurde abhängig. Seine Dosis: ein Gramm pro Tag. Über die Jahre verlor er seinen Job in der Gastronomie, sein Dach über dem Kopf, seine zweite Tochter an das Jugendamt. Nun sitzt er hier: drogenabhängig, obdachlos, ausgemergelt. Und voller Reue. "Ich schäme mich wirklich, dass ich schon wieder hier sitze. Wegen Red-Bull-Dosen."

Die vergangenen vier Tage hat H. im Gefängnis verbracht. Nach Paragraf 127b der Strafprozessordnung kann eine Person selbst bei Bagatelldelikten bis zu sieben Tage lang inhaftiert werden, sofern sie auf frischer Tat ertappt wurde und für ein beschleunigtes Verfahren vorgesehen ist. Bei Straftätern ohne festen Wohnsitz sollte der Fall binnen dieser Zeit auch vor Gericht kommen. "Denn ohne die Hauptverhandlungshaft", sagt Dr. Volker Köhler, der Pressesprecher des Amtsgerichts, "wird eine baldiges Verhandeln sehr schwierig."

Zurück zu H.: Der wolle er einfach nur "raus aus der Sucht", sagt er. Deshalb sei er von München nach Köln gezogen. Eine Entzugsklinik in Nordrhein-Westfalen hatte ihm einen Behandlungsplatz ab Ende Juli zugesichert. Doch sein Vorhaben scheitert, wie er sagt, weil ihm zu Monatsbeginn Geldbörse und Handy geklaut worden seien. Ohne die nötigen Ausweis- und Versicherungsdokumente ist sein Anspruch auf einen Platz in der Einrichtung verwirkt.

H. meldet sich daraufhin bei einem Kölner Methadonprojekt an. Täglich muss er zu einer festen Uhrzeit bei der Vergabestelle sein, um sich das Opioid als Heroinersatz verabreichen zu lassen. Am Tattag kommt H. jedoch eine halbe Stunde zu spät – und geht deshalb leer aus.

Auf der Straße besorgt er sich stattdessen eine Dosis Heroin. Sie reicht fürs Erste, doch durch den Tag kommt er damit nicht. Der Suchtdruck wird immer größer, gleichzeitig steigt H.s Angst vor den Entzugserscheinungen. Irgendwann hält er es nicht mehr aus – und macht sich spontan auf zum nächsten Getränkeladen, Red Bull in rauen Mengen stehlen.

Zum zweiten Mal in drei Wochen. H. weiß: Der Bewährungsverstoß könnte ihn für lange Zeit ins Gefängnis bringen. In beschleunigten Verfahren dürfen Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr verhängt werden. 

"Ich wäre sehr, sehr, sehr dankbar, wenn ich nochmal eine Chance bekomme", sagt H. Im Laufe seiner Erzählung hat sich sein Körper aufgerichtet, jetzt sucht er eindringlich die Blicke von Richterin Arnold und Oberamtsanwältin Auerbach. Er hofft auf Gnade und Verständnis – dieses eine Mal noch. "Wenn ich das nächste Mal hier bin, dann sperren Sie mich bitte weg bis ans Ende meines Lebens! Dann wäre ich einfach blöd."

Die Oberamtsanwältin wirkt zunächst hart. "Irgendwie widerstrebt mir das", sagt sie. "Eigentlich müsste man Ihnen eine Freiheitsstrafe geben."

Doch sie lenkt ein. "Ich würde das Verfahren jetzt einstellen wollen."

H. hat bereits einen neuen Starttermin in der Entzugsklinik. Ende September. Mehrfach betont er seine Bereitschaft zur Therapie. 

Das dürfte Richterin Arnold letztlich dazu bewogen haben, das Verfahren nach rund einer halben Stunde tatsächlich einzustellen.

"Sie haben Ihr Motiv geschildert", sagt sie in der Begründung. "Das kann die Tat nicht rechtfertigen. Aber wir kennen ja das Problem."

Wie so oft in einem beschleunigten Verfahren.


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