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Kärnten in Österreich ist eine Hochburg für Rechte.

Bleiburg-Pliberk, im österreichischen Bundesland Kärnten - Koroška. Lena, 21, steht auf einer Bühne, zwischen "Optik Kristof" und "Konditorei Stöckl" und schreit gegen den Faschismus an. Vor ihr auf dem Platz haben sich etwa 70 Menschen versammelt, sie haben slowenische Fahnen und solche der Kommunistischen Partei Österreichs. Ein paar ältere Männer tragen Partisanenuniformen.

Warum kommen die Nazis nach Kärnten?

In Bleiburg-Pliberk findet alljährlich eines der größten Treffen von Rechtsextremen in Europa statt. Tausende kroatische Nationalisten erinnern an das mit dem Naziregime verbündete faschistische Ustascha-Regime in Kroatien und gedenken der Opfer des historisch umstrittenen "Massakers von Bleiburg". Dort sollen im Mai 1945 Angehörige der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee Kämpfer der kroatischen Ustascha-Miliz und Zivilisten getötet haben (SPIEGEL ONLINE). Historiker bezweifeln das: Die Racheaktionen der jugoslawischen Partisanen soll auf jugoslawischen Territorium stattgefunden haben. (Der Standard/Wikipedia)

Kärnten - Koroška ist für den Großglockner berühmt. Aber auch dafür dass hier so viele Menschen wie in sonst keinem anderen österreichischen Bundesland Rechtspopulisten wählen.

Bei der Nationalratswahl 2017 lag die FPÖ bei 32 Prozent. In einer Woche wollen kroatische Nationalistinnen und Nationalisten in den Ort kommen. Dass Lena dagegen kämpft, hat auch mit ihrer Herkunft zu tun – und mit ihrer Großmutter Ana. Per Pass ist Lena Österreicherin, aber sie gehört zur slowenisch-sprachigen Minderheit.

Woher kommen die Doppelnamen?

In diesem Text verwenden wir zusätzlich zu den deutschen Bezeichnungen der Orte auch deren slowenischen Namen. Seit 2011 zeigen auch 164 Ortsschilder der Region beide Namen – die slowenische Volksgruppe hatte dafür lange gekämpft.

Während der NS-Zeit wurden Kärntner Sloweninnen und Slowenen vertrieben, verfolgt und deportiert (Der Standard). Einige kämpften als Partisaninnen - wie Lenas Oma. Es war der einzige durchgängige, militärisch organisierte Kampf gegen die Nazis in ganz Österreich. "Das weiß kaum einer, der heute von Kärnten spricht", sagt Lena.

Darüber rede ich mit Lena, die Geige studiert, als wir uns in Klagenfurt kennenlernen, das auf slowenisch Celovec heißt.

Vor dem "Klub der Slowenischen Studentinnen und Studenten in Kärnten" hängt eine großes Schild, das einer Ortstafel gleicht: Kärnten-Koroška steht darauf. An der Wand hängt ein Poster, das die Gaypride in Klagenfurt-Celovec bewirbt. Daneben klebt ein Filmplakat: "Der Kärntner spricht deutsch". 

Lena lehnt an einer Bar, trinkt slowenisches Bier, dreht sich eine Zigarette. Dann sagt sie zu mir: 

Sei morgen um 15.30 Uhr am Domplatz, wenn du was über die Kärntner Sloweninnen erfahren willst.

So sitzen Lena und ich 16 Stunden später im Nissan, den sie sich von ihrem Vater ausgeliehen hat. Sie trägt die rotgefärbten Haare schulterlang, ein graues T-Shirt der Band Roy de Roy, das eine Trompete in einem Partisanenstern ziert. 

Es geht dorthin, wo Lenas Großmutter in den Widerstand ging. Hinauf auf den Berg.

Wir setzen uns auf eine Holzbank, über uns wacht ehern ein Kruzifix und Lena erzählt die Geschichte, die ihre Großmutter, Ana Zablatnik, Kampfname Dragica, auf 300 Seiten Tagebuch hinterlassen hat. Unter uns liegt ihr Heimatort Ludmansdorf, auf slowenisch Bilčovs, dahinter fließt smaragdfarben der Fluss Drau-Drava, auf der anderen Seite des Ufers die Gebirgskette der Karawanken, an deren Gipfeln Wolken hängen wie weiße Perücken. 

Es war der 14. April 1942 als Lenas Großmutter den Beschluss fasste, sich zu wehren. Vier Jahre zuvor waren die Nazis, "Ein-Volk-ein-Reich-ein-Führer"-singend, in Österreich einmarschiert. Ein Jahr zuvor hatten die Nazis, zusammen mit dem faschistischen Italien, Jugoslawien besetzt. 

Die Sloweninnen und Slowenen in Kärnten-Koroška sollten verdeutscht werden. Ihre slowenische Identität sollten sie für eine deutsche, ihre slowenischen Namen für deutsche Namen aufgeben. An die Häuser hängten die Nazis Plakate mit einer Warnung: "Der Kärntner spricht deutsch!". Ana wusste: Die Nazis würden niemanden verschonen.

Wer sich weigerte, wurde verfolgt und ausgelöscht.

Als Ana 19 war, kamen die Nazis in der Nacht auf den 14. April 1942 nach Ludmansdorf-Bilčovs. Sie klopften an Haustüren, packten fünf Familien aus dem Ort in einen Bus und verschleppten sie: erst in ein Sammellager, dann in deutsche Konzentrationslager. An nur zwei Tagen wurden 186 slowenischsprachige Familien deportiert, über 1300 Menschen. In den Monaten darauf kamen die ersten kommunistischen Tito-Partisanen über die Drau, um gegen die Nazis zu kämpfen. Viele stammen aus Jugoslawien, andere waren im Heimaturlaub desertierte Soldaten.

Im Januar 1944 trafen sich Ana und zwei Freundinnen mit einem Partisanen, der sich Feliks nannte, in der Nähe von Ludmansdorf-Bilčovs in einem Stall.

  • "Ist das nicht ein Problem, wenn wir an Gott glauben und ihr an den Kommunismus?", fragte die junge Ana besorgt.
  • "Jeder, der uns helfen und mit uns zusammenarbeiten möchte, ist willkommen. Die Partei steht nicht im Vordergrund, sondern der Mensch", antwortete der Partisan.

Ana ging zu den Partisanen. Tagsüber spielte sie das brave Hausmädchen, nachts wurde sie zum Kurier. Sie belieferte die Partisanen mit Kleidung, Essen, Büchern und Post. Sie wusste wo die Bunker lagen, sie überquerte die Drau und die Karawanken, schmuggelte Waren bis ins slowenische Bled.

Im Mai stürmte die Gestapo das Haus.

Ana wurde festgenommen, auf einen Militärlastwagen verfrachtet und mit anderen ins Gestapo-Gefängnis gebracht. 40 Frauen in eine Zelle, je drei teilten sich ein Bett. Jeden Mittwochmorgen um halb vier klopften die Gestapo-Leute, trugen die Namen auf einer Liste vor. Für diejenigen hieß es: Abtransport, im Zweifel KZ.

Anas Name stand nie auf der Liste. Sie hatte Glück. In einem Interview erzählt sie später vom Schicksal einer Mit-Partisanin:

"Eine Frau war schwanger, freilich haben sie gewusst, dass der Mann irgendwo war und sie hat nicht gesagt wo er ist. Ich sehe sie noch jetzt, blau wie eine Zwetschke, der ganze Unterleib".  Zwei Tage vor Kriegsende kam Ana frei.

Der Krieg war vorbei. Doch der Kampf um die Deutung der Geschichte tobt noch immer.

Lena sagt: Auf der einen Seite seien diejenigen, die den Widerstand der Kärntner Sloweninnen und Slowenen als Widerstand der Österreicher gegen die Nazis deuten. Andererseits werden die Sloweninnen und Slowenen als Landesverräter und dreckige Banditen und Gsindl beschimpft, denen man "Geht zurück über die Karawanken!" hinterherruft.

"In Kärnten hat die Entnazifizierung nie stattgefunden, die meisten sind einfach in die sozialdemokratische Partei. Deshalb ist Kärnten auch heute noch so rechts", sagt Lena. 

Die kärntner-slowenische Schriftstellerin Maja Haderlap beschreibt das in ihrem Buch "Engel des Vergessens" so:

"Niemand in diesem verstellungsseligen Land habe die Nazis willkommen geheißen, niemand das großdeutsche Reich ersehnt, niemand Schuld auf sich geladen, niemand die Endlösung betrieben, nur ein wenig mitgeschossen, mitgemordet, mitvergast, aber das zählt nicht, nichts zählt."

Das Schlimmste, sagt Lena, sei die Selbstzensur. Die Selbstverleumdung. Das sei der wahre Erfolg der Nazis. Sie meint Kärntner Slowenen, die mit ihren Kindern nicht slowenisch sprechen, weil es sich nicht ziemt. Kärntner Slowenen, die mit "Griaß Gott!" antworten, wenn Lena mit "Dober dan!" grüßt. Und Kärntner Sloweninnen und Slowenen, die das Slowenische in Kärnten-Koroška leugnen, weil sie Angst haben, dass sie sonst nicht dazugehören in Österreich.

Auch deshalb weiß man heute gar nicht, wie viel Kärntner Slowenen es noch in Österreich gibt.

Einmal, mit acht oder neun Jahren, saß Lena bei der Großmutter in der Küche, aß Rosinen aus einem großen Glas und die alte Partisanin gab ihr auf Slowenisch einen Rat : "Lena, als eine Lehre von damals ist uns geblieben, dass man auch heute wieder sagen muss: Dafür bin ich nicht! Denn wenn man nichts sagt, denken sie, du bist dafür!". Da beschloss Lena, niemals ihre Identität zu verleugnen.

Und so steht sie am Samstagmorgen im Mai vor Menschen in Partisanenuniformen und den Flaggen der Eisernen Front auf einer Bühne in Bleiburg-Pliberk. In einer Woche reisen, wie jedes Jahr, Zehntausende kroatische Nationalisten nach Kärnten-Koroška.

Lena ballt die linke Faust in der Luft und ruft auf Slowenisch: "Sich mit dem Faschismus zu versöhnen bedeutet Spuren zu verwischen. Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen!". Das, sagt Lena, ist sie ihrer Großmutter schuldig.


Gerechtigkeit

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Aber wer sind die Protestierenden, AfD-Wähler und Mitstreiter – und wie fühlt es sich an, wenn der eigene Vater, die eigene Mutter, Bruder, Schwester, Onkel oder Tante dazu zählen? Wie geht man damit um, wenn ein Mensch, den man liebt, seit man denken kann, plötzlich rassistische Witze im Netz teilt oder von rechten Verschwörungstheorien überzeugt ist?

Im Rahmen unserer Videoreihe "Nach den Rechten sehen" wollten wir wissen, welche Erfahrungen ihr in der Familie mit dem Rechtsruck gemacht habt.