Bild: Linnéa Findeklee
Nach dem ersten Gespräch antwortet sie nur noch per Mail.

Im Sommer 2019 unterschreibt Linnéa Findeklee gleich drei Mitgliedsanträge: einen für die CDU, einen für die Junge Union. Und einen für die WerteUnion – jenem Sammelbecken für stramm konservative CDU-Mitglieder, die sich nicht damit abfinden wollen, dass die Partei unter Angela Merkel Richtung Mitte gerückt ist. Bald schon gehört Findeklee dem Landesvorstand in Niedersachsen an. Zur gleichen Zeit beginnt auch ihr Aufstieg bei Twitter. 

Dort positioniert sich Linnéa mit provokanten Tweets gegen Frauenquote, "Fridays For Future", "Merkels Flüchtlingspolitik" und "Linksgrüne". Und hat damit knapp 12.000 Follower eingesammelt. Anfang März machte sie auch über ihre Filterblase hinaus auf sich aufmerksam, als sie twittert:

Die CDU hat mehr als 400.000 Mitglieder – die WerteUnion bloß 4000. Durch provokante Äußerungen schafft sie es aber immer wieder in die mediale Berichterstattung, nicht zuletzt durch Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. Doch obwohl die Partei in der Öffentlichkeit überwiegend von älteren Männern geprägt wird, hat die WerteUnion auch jüngere Mitglieder, das bekannteste ist Linnéa Findeklee. 

Aktiv auf Twitter, zurückhaltend im Gespräch

Warum vertritt eine 23-Jährige Positionen, die man sonst eher von alten Männern vernimmt? Wir haben mit ihr über ihr Engagement bei der WerteUnion gesprochen – und über ihren Blick auf strittige politische Themen. Was sie sagt, zeigt gut, wie kompliziert es ist, konservative und rechtspopulistische Ansichten auseinanderzuhalten. 

Linnéa möchte nicht viel über sich preisgeben, nicht einmal, in welchem EU-Land sie Medizin studiert, weil sie in Deutschland keinen Studienplatz gefunden hat. Sie begründet diese Zurückhaltung mit Angst vor der Antifa. Zunächst möchte sie die Fragen nur schriftlich beantworten, dann lässt sie sich auf ein Telefongespräch ein. Es ist ihr anzumerken, dass es eines ihrer ersten Interviews ist. Später beantwortet sie Nachfragen nur noch schriftlich.

Twitter-Account von Findeklee: Provokante Tweets gegen alles.

Aufgewachsen ist sie in der niedersächsischen Provinz in der Nähe von Braunschweig. Sie sei Protestantin, aber kürzlich aus der evangelischen Kirche ausgetreten, als diese ein Rettungsschiff im Mittelmeer für Flüchtlinge initiierte. "In meiner Familie bin ich die Konservativste", sagt sie. Für Politik begann sie sich erst in der Oberstufe zu interessieren, als sie sich mit Asylpolitik auseinandersetzte und den Eindruck gewann, dass der Kanzlerin die Konsequenzen nicht klar waren. 

Dabei beruft sich Linnéa auch auf eigene Erfahrungen mit Geflüchteten. Sie erzählt zum Beispiel die Geschichte von Ali, der in die Integrationsklasse auf ihrem Gymnasium ging, und gesagt habe, er habe keine Lust, Deutsch zu lernen, sie könne ja Arabisch lernen. Sie räumt zwar ein, dass das nicht repräsentativ für alle Flüchtlinge sei – für viele aber schon, findet sie. Positive Geschichten über Geflüchtete sind von ihr öffentlich nicht zu hören.

Was ist heute konservativ?

Auch die Ehe für alle trägt Linnéa Findeklee nicht mit, außerdem setze sich die CDU zu wenig für Sicherheit ein: zu wenig Durchgreifen bei Clan-Kriminalität, zu wenig Geld für die Bundeswehr. Linnéa ist überzeugt: "Die CDU steht mittlerweile links der Mitte. Die Basis ist aber konservativer als die Spitze." 

Marcel Lewandowsky widerspricht dieser Interpretation. Der Politologe erforscht Populismus und arbeitet am Center for European Studies der Universität Florida. Er sagt: "Merkel steht nicht links, ich würde eher von zentristisch sprechen." Die alten Positionen gebe es in der CDU aber immer noch, nur habe sich die Selbstbeschreibung ihrer Vertreter verändert: "Sie sehen sich nun als prekär. Sie brauchen diese Selbstbeschreibung auch, weil sie Relevanz vermittelt: Seht her, wir sind diejenigen, die 'unsere' Werte verteidigen." 

Junge Konservative verteidigen diese Werte bei vielen Themen – so auch beim Klimawandel. Linnéa ist entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht davon überzeugt, dass vor allem der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist. Wenn sich aber der Großteil der Wissenschaft darin einig ist – warum bleibt sie bei ihrer Position? Sie sagt: "Das ist eine wertende Suggestivfrage, die die für sich schon richtige Antwort in sich einschließt."

Die Werteunion kommt der AfD oft nah

Linnéas Äußerungen zu Klimaschutz, Feminismus und Asylpolitik hört man auch aus den Reihen der AfD. Sie sagt sogar: "Mit Teilen der AfD ist eine Koalition perspektivisch durchaus denkbar." In diesem Punkt unterscheidet sie sich deutlich von anderen jungen Konservativen in der CDU wie Philipp Amthor und dem JU-Vorsitzenden Tilman Kuban. Kuban und Amthor wollen nur die Wähler der AfD zurückgewinnen, die WerteUnion aber ist einer Öffnung der Partei zur AfD hin zumindest nicht abgeneigt, auch wenn sie eine Zusammenarbeit bislang ausschließt (SPIEGEL).

„Mit Teilen der AfD ist eine Koalition perspektivisch durchaus denkbar.“
Linnéa Findeklee

Für Lewandowsky reichen ihre Aussagen trotzdem nicht, um sie als Rechtspopulistin einzuordnen. Bei Linnéa gebe es zwar Hinweise auf Verschwörungstheorien wie die der grünen Lobby, "aber sie stellt das politische System nicht infrage, sie vertritt keine Anti-Establishment-Haltung". Die AfD hingegen sei nicht nur eine rechte, sondern eine rechtspopulistische Partei. Sie zeichne sich dadurch aus, dass sie den etablierten Politikern und Parteien abspricht, den “Willen des Volkes” zu vertreten. Das zeige sich auch in den Äußerungen wie denen des thüringischen AfD-Chefs Björn Höcke. "Er hat etwa deutlich gemacht, dass er einen autoritären Staat will", sagt Lewandowsky, "dergleichen finden wir in den Aussagen von Frau Findeklee nicht".

Linnéa selbst bezeichnet sich als konservativ und sagt, sowohl links als auch rechts seien legitime Positionen. Das gelte aber sowohl bei AfD als auch bei der Linkspartei nicht für die extremen Strömungen. Die Grenze zum Rechtspopulismus zieht sie "bei der Radikalität der Forderung, der Sichtweisen, dem Umgang mit politischen Gegnern." So kritisiert sie, dass die AfD pauschalisiere, gerade wenn es um Muslime ginge. Doch sie hält nichts davon, die Partei "pauschal als rechtsextrem abzustempeln". Nur einzelne Akteure sehe sie kritisch. Wen sie damit meint, will sie aber nicht sagen. 

Wer ist in der Mitte der Gesellschaft?

Während sie sich von links immer wieder klar abgrenzt, macht sie das bei der AfD nicht. Warum nicht? "Ich vertrete zunächst einmal die Positionen, die ich für richtig halte. Die werden dadurch, dass sie auch von Menschen links oder rechts von mir geteilt werden, nicht falsch. Ich sehe grundsätzlich keine Notwendigkeit, mich von in meinen Augen richtigen Positionen abzugrenzen."  

Die Rassismusforscherin Katharina Rhein hält es für einen Fehler, bestimmte Positionen nur bei den extremen Rechten zu suchen. Rhein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität in Frankfurt und forscht zu rassismuskritischer Pädagogik. Sie bringt den "Extremismus der Mitte" ins Spiel: "Damit ist unter anderem gemeint, dass es zu kurz gedacht ist, rechte Haltungen, die zum Beispiel durch Rassismus oder Antifeminismus gekennzeichnet sind, allein bei der extremen Rechten zu verorten. Entsprechende Haltungen durchziehen die Gesamtgesellschaft. Sicherlich in unterschiedlichen Ausprägungen, aber Positionen der extremen Rechten haben eben diverse Anknüpfungspunkte."

Linnéa könnte man "vielleicht insofern als 'Extremistin der Mitte' betrachten, als sie sich selbst zur gesellschaftlichen Mitte zählt, aber dennoch darauf hinwirkt, die Gesellschaft nach rechts zu öffnen." Gemeinsam sei Rechtspopulisten und Rechtskonservativen, dass sie an einer Verschiebung der politischen Mehrheit nach rechts arbeiten.  

Linnéa Findeklee selbst will diese Beobachtung nicht gelten lassen. Das Konzept von Rhein bezeichnet sie als "inhaltsleeres Begriffsungetüm", schreibt sie in einer Mail. Dann schickt sie eine zweite Mail hinterher, in der sie die Qualifikation von Katharina Rhein infragestellt. Für Linnéa ist diese keine Expertin, sondern nur: eine "Expertin".


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