Bild: Rica Rosa
Im Interview spricht die Linken-Politikerin über ihren Alltag und neue Erkenntnisse.

Es passiert immer wieder, seit Jahren. Im Berliner Stadtteil Neukölln werden Autos angezündet. Morddrohungen, rechtsextreme Parolen und Hakenkreuze an Hauswände geschmiert. Scheiben von Galerien und Cafés eingeworfen. Ziel der Attacken sind Menschen, die sich gegen rechts engagieren, Politikerinnen und Aktivisten. 

Seit 2016 wurden laut "Tagesspiegel" mehr als 50 rechtsmotivierte Angriffe in Neukölln verübt, 16 davon waren Brandanschläge. Schon davor gab es ähnliche Attacken. Aufgeklärt werden konnte bisher keiner der Fälle. Es gibt zwar Verdächtige aus der Neonaziszene, für Haftbefehle fehlen bislang aber konkrete Beweise. 

Ein kleiner Erfolg ist den Ermittlern jetzt immerhin gelungen. Es gelang, eine Festplatte zu entschlüsseln, die bei einem verdächtigen Neonazi beschlagnahmt worden war. (RBB) Darauf fand sich offenbar eine "Feindesliste" mit Namen und Adressen. Nach Informationen des Rundfunk Berlin-Brandenburgs finden sich die Daten von Personen "im niedrigen zweistelligen Bereich" auf der Liste. 

Eine von ihnen ist Anne Helm. Die 33-jährige Politikerin sitzt für Die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus. Auf Twitter veröffentlichte sie, dass das LKA sie darüber informiert habe, dass ihr Name seit 2013 auf der Liste stehe und auch ihre Privatadresse ausgespäht worden sei.

Im Interview mit bento erzählt Anne, wie sie mit den seit Jahren andauernden Bedrohungen von rechts umgeht, was die Politik tun sollte, um die Anschlagsserien zu stoppen – und warum es sie beruhigt, dass ihr Name auf der Liste steht. 

bento: Warst Du überrascht von der Nachricht, dass du auf der Feindesliste eines Neonazis stehst?

Anne Helm: Nein. Mir passiert das nicht zum ersten Mal. Ich stand auch schon auf der Liste des rechtsextremen Bundeswehrsoldaten Franco A., der Anschläge auf Politikerinnen und linke Aktivisten geplant haben soll. Im aktuellen Fall geht es um eine Liste des Hauptverdächtigen für die rechte Anschlagsserie in Neukölln. Und die Neonaziszene in Neukölln ist mir sehr gut bekannt, ich erhalte seit Jahren Drohungen aus dieser Richtung.

bento: Wie sahen diese konkret aus?

Anne Helm: Angefangen hat es 2012, nachdem ich mich für Geflüchtete engagiert habe, die für ihre Rechte demonstrierten. Ich saß damals im Neuköllner Bezirksparlament, aus dem die NPD gerade rausgeflogen war. Seitdem wurde ich im Alltag immer wieder von Rechtsradikalen bedroht, auf der Straße oder wenn ich ins Neuköllner Rathaus gegangen bin. Seit Jahren bekomme ich regelmäßig hasserfüllte Zuschriften mit Vergewaltigungsfantasien oder Morddrohungen über die sozialen Netzwerke. 

„Neonazibands haben Songs über mich geschrieben.“
Anne Helm, Linken-Politikerin

Das ist alles schlimm. Für noch gefährlicher halte ich aber Gruppen, die nicht offen drohen, sondern heimlich vorgehen. Einmal wurde zum Beispiel mein privater Briefkasten gesprengt. Es gab kein Bekennerschreiben oder sonstige Spuren, die den politischen Hintergrund bewiesen, weshalb das Verfahren schnell eingestellt wurde. Ich selbst wusste aber: die Briefkästen meiner Nachbarn sind unversehrt, ich bin gemeint.

bento: Was machen diese ständigen Bedrohungen mit dir?

Anne Helm: Man lernt, damit umzugehen. Es gibt Tage, an denen ich mich unsicher fühle, an denen ich mir denke: Irgendwann kriegen sie dich. Mit der Zeit kann das ziemlich zermürbend sein. Auf der anderen Seite ist für mich klar, dass Aufhören keine Option ist. Der Grund für diese Bedrohungen ist meine politische Arbeit gegen rechts. Und je mehr Menschen unter Bedrohungen durch Rechtsextreme leiden, desto wichtiger ist diese Arbeit.

bento: Bei Twitter hast du geschrieben, dass dich die Nachricht auf der Feindesliste zu stehen in gewisser Weise "beruhigt" habe. Wieso?

Anne Helm: Ich habe über Jahre immer wieder Anzeigen erstattet, die eingestellt wurden. Ich hatte zwar eine Ahnung, aus welcher Richtung diese Bedrohungen kamen, aber nie Gewissheit. Dadurch, dass mein Name jetzt auf dieser Liste gefunden wurde, habe ich etwas mehr Sicherheit. Die Bedrohung wird dadurch greifbarer. Das vereinfacht mir den Umgang damit. 

„An der Chronologie der Anschlagsserie in Neukölln kann man sehen, wie sich eine Gruppe immer weiter radikalisiert, wenn man sie machen lässt.“
Anne Helm

Von den Ermittlungsbehörden wird immer wieder der politische Hintergrund verkannt, wenn es keine Bekennerschreiben gibt. Die neuen Erkenntnisse zeigen, dass mehr Menschen als bisher bekannt im Fokus der Neonazis standen und vermutlich auch noch mehr Straftaten zur Anschlagsserie gezählt werden müssen.

bento: Warum ist es bisher nicht gelungen, die Anschlagsserie zu stoppen?

Anne Helm: Es sind entscheidende Fehler passiert. Nur ein Beispiel: Der Verfassungsschutz wusste, dass der Neuköllner Linken-Politiker Ferat Kocak von Neonazis ausgespäht wurde. Trotzdem haben sie ihn nicht gewarnt und diese Information auch erst ans LKA weitergegeben, nachdem ein Brandanschlag auf sein Auto verübt wurde. Hier wurden Menschenleben gefährdet und die Chance verpasst, Täter zu fassen. 

Der Verdacht steht im Raum, dass der Verfassungsschutz eigene Interessen verfolgt und Quellenschutz über den Schutz von Menschenleben gestellt hat. Ob das Schludrigkeit, ein strukturelles Problem oder gar planmäßiges Handeln war, muss aufgeklärt werden. Deshalb fordert unsere Fraktion einen Untersuchungsausschuss. Die Betroffenen der Anschläge wünschen sich das schon lange.  

bento: Diese Forderung ist nicht neu. Die Linke regiert in Berlin zusammen mit SPD und Grünen. Wieso konntet ihr euch bisher nicht darauf einigen, einen Untersuchungsausschuss einzurichten?

Anne Helm: Einige Menschen in der Koalition sind der Meinung, dass Untersuchungsausschüsse ein Instrument der Opposition sein sollten. Ich bin aber anderer Meinung. Wir sollten die verfügbaren Instrumente nutzen, um als Abgeordnete Druck auszuüben, damit die offenen Fragen beantwortet werden. 


Streaming

Schauspieler Daniel Kaluuya: "Geld motiviert mich nicht"
Der "Queen & Slim"-Hauptdarsteller im Interview über Rassismus, Hollywood und seine Pläne

Aus einem harmlosen Tinder-Date wird nach einer rassistischen Polizeikontrolle eine Verfolgungsjagd durch die USA – und eine große Liebesgeschichte: "Queen & Slim", das Kino-Regiedebüt der Grammy-prämierten Musikvideo-Legende Melina Matsoukas (bekannt unter anderem für Beyoncés "Formation"), erzählt die Geschichte eines zwiegespaltenen Amerikas. Eines Landes, das mit Filmen wie diesem dringend benötigte Erzählungen und lange übersehene Heldenfiguren präsentiert bekommt. (SPIEGEL)

Dabei ist der Hauptdarsteller Daniel Kaluuya (Oscar-nominiert für "Get Out") gar kein US-Bürger, sondern Brite. Im Interview erzählt der 30-Jährige, wie das beim amerikanischen Publikum ankommt – und welche Pläne er in Hollywood noch hat.

bento: "Queen & Slim" handelt von Polizeiwillkür und Rassismus, ist Liebesdrama und Roadmovie, erzählt in coolen, stylischen Bildern. Ist das der perfekte Film über die Vereinigten Staaten von heute?

Daniel Kaluuya: Puh, das kann ich nicht beantworten. Aber ich weiß, dass unsere Regisseurin Melina Matsoukas die perfekte Filmemacherin ist, um diese Geschichte zu erzählen. Das Kino fängt gerade an, die ganze Welt zu zeigen, und nicht nur das, was weiße Entscheider wahrnehmen. Melina ist – nicht nur im übertragenen Sinne – ein Kind des Hip-Hops, aufgewachsen in der Bronx. Für eine zeitgemäße, junge und coole Geschichte über ein solches afroamerikanisches Paar gab es keine bessere als sie. 

bento: Als du vor ein paar Jahren in "Get Out" die Hauptrolle spieltest, wo es auch um Rassismus in den USA ging, gab es ein paar kritische Stimmen – darunter Samuel L. Jackson – die sich beschwerten, dass du eben kein Amerikaner, sondern Brite bist...

Daniel: Stimmt, das hat mich damals ein wenig irritiert und traf mich unerwartet. Aber ich habe das dann so hingenommen und mich einfach darauf konzentriert, nach vorne zu blicken. 

Es ist ja nicht so, dass ich mir bei einer solchen Rolle vornehme, einen musterhaften Afroamerikaner zu spielen. Sondern eine spezifische Figur, also in "Queen & Slim" eben diesen Kerl aus Cleveland, der im Supermarkt arbeitet und auf Tinder-Dates geht. Da geht es mir dann darum, aus was für einem Elternhaus er kommt oder auf welche Schule er gegangen ist, nicht darum, dass er Amerikaner ist.