Bild: Screenshot/Alternative Help Association
Ein PR-Stunt, der mehr bringen könnte als nur Aufmerksamkeit

Auf den ersten Blick sieht es aus, wie das Werbevideo einer klassischen Hilfsorganisation: Zeltplanen flattern im Wind, Kinder spielen im Dreck, junge, interessiert schauende Männer in T-Shirts sprechen mit Frauen, die Kopftuch tragen. Doch die Männer sind keine Flüchtlingshelfer von Unicef oder dem Roten Kreuz, sondern in Deutschland bekannte Rechtsradikale aus dem Dunstkreis der "Identitären". Sie gehören zur Gruppe "Alternative Hilfe", die seit einigen Wochen um Spenden für Flüchtlinge bittet. 

Doch warum tun die Rechten das und wo landet das Geld wirklich?

Im Internet tritt die neue Gruppe sowohl unter dem Namen "Alternative Hilfe" auf, als auch als "Alternative Help Association", kurz "AHA". Auf der Internetseite heißt es, man wolle "nachhaltige Strukturen aufbauen" und "langfristige Perspektiven ermöglichen". Dafür solle in Flüchtlingslagern im Libanon "Hilfe zur Selbsthilfe" angeboten werden. Dort entstand offenbar auch das Video. 

Nach eigenen Angaben wurde das Projekt bereits 2017 angestoßen. Ursprünglich wollten die Initiatoren allerdings offenbar nach Syrien, erhielten aber keine Visa. In einem Interview auf einem rechten Youtube-Kanal spricht einer von ihnen offen davon, die Lage vor Ort zunächst unterschätzt zu haben. Ansonsten halten sich die Verantwortlichen möglichst bedeckt, auf den Seiten werden kaum Namen genannt.

Bei den beiden Männern, die im Video aus dem Libanon zu sehen sind, handelt es sich um Führungsfiguren der "Identitären Bewegung":

  • Sven Engeser, Vorsitzender der "Identitären Schwaben"
  • Nils Altmieks, zeitweiliger Sprecher der "Identitären" in Deutschland 

Vor allem Altmieks hat eine klassisch rechte Karriere hinter sich: So war er vor Jahren bei der neonazistischen "Heimattreuen Deutschen Jugend" aktiv (Zeit Online). Diese wurde 2009 wegen der "Verbreitung völkischer, rassistischer, nationalistischer und nationalsozialistischer Ansichten" vom Bundesinnenministerium verboten (SPIEGEL ONLINE). Engeser, der im Impressum der Internetseite der "AHA" als Verantwortlicher genannt wird, posiert im Internet auf Bildern mit Boxhandschuhen und "Defend Europe"-Shirt oder teilt die Forderung, täglich 3.000 Flüchtlinge aus Deutschland abzuschieben.

In einem Interview mit einem Szenemedium beschrieb Engeser die Reise in die Krisenregion kürzlich wie einen Thailand-Urlaub: "Wenn sie wissen, du bist Deutscher, bist du gleich beliebt."

Diese Haltung passt gut zu den "Identitären", die sich gern als rechtsextreme Lifestyle-Bewegung inszenieren. Rennräder und Rührtofu passen scheinbar ebenso problemlos in diese Welt, wie intellektuell aufgemachte Bücher über den "großen Austausch" oder Kamingespräche mit AfD-Abgeordneten.

Auch die "alternativen Helfer" der "AHA" pflegen das Image als engagierte Patrioten. Statt von "Rassen" und "Völkern" ist von "kulturellen Begebenheiten" und "Identität" die Rede:

​Zwangsläufig muss sich dieses Vorhaben an den kulturellen Begebenheiten der Einheimischen orientieren, ein Aufzwängen westlichen Denkens vermeiden und so die Identität der notleidenden Bevölkerung bewahren.
Selbstdarstellung des Projekts

Dieses Konzept wird von den "Identitären" als "Ethnopluralismus" bezeichnet, was vornehmer klingt als "Rassentrennung". Statt "Ausländer raus" fordern sie die "Remigration". Die gewählte Sprache ändert allerdings wenig am Weltbild der Rechten. 

​Neben dem Wiederaufbau und wirtschaftlichen Förderprogrammen in der Region gehört zu der Bekämpfung von Fluchtursachen, auch den Flüchtlingen zu vermitteln, dass für sie in Deutschland kein unerschöpfliches Sozialparadies bereitsteht​.
Selbstdarstellung des Projekts

Die Forderung, Flüchtlingen das Zusammenleben mit ihrer Familie in Deutschland zu ermöglichen, wird von den "alternativen Helfern" zynisch umgedreht:

Helfen Sie bei der Familienzusammenführung in Syrien.
Zitat auf der Homepage der "AHA"

Nicht nur hier zeigt sich, dass das Projekt trotz der ungewohnten Bilder mit Kindern und Frauen mit Kopftuch im Kern fremdenfeindlich und klar rechts verankert ist. Beiträge der Initiatoren machen deutlich, dass das vermeintlich selbstlose Hilfsprojekt in Wahrheit klar gegen politische Gegner und die Rettung von Flüchtlingen gerichtet ist:

Wir werden dem erpresserischen Gebaren der Linken mit ihrer scheinheiligen Mittelmeerkampagne (...) entgegenhalten.
Facebook-Beitrag von "AHA"

Für die "Identitären" passt das neue Projekt gut zu ihrer bisherigen Strategie: Flüchtlinge und Migranten werden scheinbar nicht mehr grundsätzlich abgelehnt. Ihnen soll demnach nur geholfen werden, in ihrer Heimat zu bleiben oder dorthin schnell wieder zurückzukehren. 

Doch die vermeintliche Hilfe ist trügerisch: Derzeit sind "Familienzusammenführungen in Syrien", wie sie die "Identitären" fordern, vollkommen unrealistisch. Männern, die zurückkehren, droht die Einberufung zum Militär. Auch Frauen und Kinder kommen bei Kämpfen und Anschlägen täglich ums Leben. 

Der Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke hält solche Forderungen deshalb für kalkulierte Provokationen. Im Gespräch mit bento sagte er: "Es geht darum, einen Konflikt anzuheizen. Muslime sind dabei ein zentrales Feindbild, die Identitären beziehen sich immer wieder auf historische Kämpfe und Kriege. In ihrem rassistischen Weltbild können unterschiedliche Menschen nicht zusammenleben." 

Nach Einschätzung Funkes sind die "Identitären" keine breite Bewegung von unten, sondern eine eher kleine Kaderorganisation, die stramm geführt werde. Aktionen wie das "alternative Hilfswerk", seien auch deshalb beliebt, weil sie mit wenigen Menschen zu organisieren seien. Funke:

Was vor Ort geschieht, ist meist weniger wichtig als die Wirkung durch Videos, Fotos und Medienberichte danach.
Hajo Funke, Rechtsextremismus-Forscher

Von den angeblichen Hilfsprojekten im Libanon ist bislang tatsächlich wenig zu sehen. Seriöse Hilfsorganisationen berichteten zuletzt, außerhalb des Werbevideos noch nie einen Helfer der "Alternativen Hilfe" vor Ort gesehen zu haben ("Neues Deutschland"). 

Auch die Hilfsbereitschaft der eigenen Anhänger scheint sich in Grenzen zu halten: Bislang haben die "Identitären" trotz des international klingenden Namens der "AHA" nach eigenen Angaben auf der Seite nur 3.000 Euro an Spenden eingestellt. Im vergangenen Jahr sammelten sie in überschaubarer Zeit fast 125.000 Euro, um Flüchtlinge mit einem eigenen Schiff auf dem Mittelmeer zu stoppen (SPIEGEL ONLINE).

Wie das Geld verwendet wird, ist ohnehin unklar. Die "alternativen Helfer" haben keinerlei Spendensiegel. Zwar wird an einigen Stellen versprochen, das Geld vollständig vor Ort zu investieren. Andererseits heißt es über die Trennung zwischen "Identitären" und "alternativen Helfern" auf der Homepage vieldeutig:

Durch die Gründung eines eigenen Vereins samt eigenem Konto wollen wir die Spendengelder nach der Intention aufteilen: Hilfe vor Ort in den Krisenländern oder patriotische Aufklärungsarbeit in Europa.​​​
Internetseite der "AHA"

Es könnte also gut sein, dass das gespendete Geld noch nicht einmal bei Flüchtlingen landet, die im Nahen Osten geblieben sind. Stattdessen könnten sie ganz klassisch für "patriotische Aufklärungsarbeit in Europa" investiert werden. Diese Form der Unterstützung könnten die "Identitären" in Europa derzeit ohnehin gebrauchen. In Österreich standen kürzlich mehrere Führungskader der Gruppe vor Gericht. Zahlreiche Konten wurden von Banken gesperrt. (bento)

Der Zeitung "Neues Deutschland" sagte ein Vertreter der katholischen Hilfsorganisation Caritas deshalb nüchtern:

Die Annahme, dass es sich lediglich um einen Fake handelt, ist plausibel.
Reiner Fritz, Caritas

Anmerkung der Redaktion: In unseren Artikel verlinken wir normalerweise auf externe Quellen, wer mehr wissen will, kann dort weiterlesen. In diesem Fall haben wir uns gegen diese Praxis entschieden, weil wir rechtsradikalen Webseiten, Twitter-Accounts und YouTube-Kanälen nicht zusätzlich Aufmerksamkeit verschaffen wollen.


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