Bild: dpa/Roland Schlager
Und warum auch andere Gruppen auf "Dark Social" setzen.

Martin Sellner lächelt in die Kamera mit leicht verschwörerischem Blick. "Wenn du das hier siehst, dann bist du Avantgarde, dann bist du Vorhut", sagt der Chef der österreichischen Identitären. Mehr noch: Man sei ein mündiger Bürger, der die "Fesseln" von Diensten wie Facebook, Twitter und Instagram abgestreift habe und nun in den "Katakomben des Infokrieges" angekommen sei: auf Telegram.

Zitat-Card des Identitiären Martin Sellner: Ab in den digitalen Untergrund!

Telegram ist ein Messengerdienst, ähnlich wie WhatsApp oder Signal. Vor allem aber wird er bei der Neuen Rechten immer beliebter. 

Den Videogruß von Sellner hat das aus Deutschland geführte Spendennetzwerk "Einprozent" auf seinem Telegram-Kanal geteilt. Der österreichische Rechtsextreme hat es exklusiv für die deutschen Rechten aufgenommen. 3500 Abonnenten haben es angeschaut, 33 reagierten mit einem Herzchen.

Telegram, einst das gefragte Social-Media-Portal bei Islamisten, wandelt sich so zum Tummelplatz für Identitäre und Rechtspopulisten.

Anders als bei Facebook kann nicht potenziell jeder mitlesen. Telegram unterteilt sich in geheime Chats und offene Kanäle – aber auch die muss man kennen, um teilnehmen zu können. Anders als WhatsApp sind Chatgruppen trotzdem grundsätzlich für Tausende Abonnenten offen. Das macht es bei jenen beliebt, die viele erreichen wollen – aber doch unter sich bleiben wollen, um nicht zu sehr in der Öffentlichkeit stehen oder sich gar mit Gegenmeinungen auseinandersetzen zu müssen.

Entsprechend enthemmt geht es auf vielen Kanälen zu. Die Gruppe "Unzensiert" teilt Falschmeldungen und rassistische Memes, die "Patrioten Hamburg" diskutieren, ob es eine afrikanische Rasse gibt und wenn ja, wie viel weniger intelligent als andere sie sei. Und die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Identitären verbreiten über ihre Kanäle die Mär von der angeblichen Umvolkung.

Screenshot aus rechtsextremem Telegram-Kanal: Bilder, Videos und Memes zum Vernetzen

Der Politberater Martin Fuchs beobachtet Social-Media-Trends – und wie politische Akteure sie nutzen. Auch er nimmt eine Abkehr von Facebook und Co wahr:

„Die Neue Rechte behandelt Telegram als eine Art dunkles Massenmedium.“
Martin Fuchs

Aber nicht nur in rechten Kreisen gehe der Trend weg vom öffentlichen Netz hin zu geschlossenen Systemen, sagt Martin: "Viele Social-Media-Nutzer sind durch die Datenleaks der jüngsten Zeit verunsichert, gleichzeitig bemühen sie sich wieder um persönlicheren Austausch im Netz." Dienste wie Telegram kämen da genau richtig, wenn auch nicht bei klassischen Parteien. 

Von den Bundesparteien führen bislang nur die Linke und die AfD Telegram-Kanäle mit je etwas mehr als 100 Abonnenten. Die SPD ist seit einigen Tagen mit bislang 13 Abonnenten dabei. Hohe Reichweiten generieren stattdessen jene, die sich abseits der Öffentlichkeit organisieren. Der Identitäre Martin Sellner kommt auf 35.000 Mitglieder auf seinem "Elite" genannten Hauptkanal, Pegida-Gründer Lutz Bachmann vereint 9900 Follower hinter sich, der Leipziger Rechtsextreme Alex Malenki kommt auf 5000 Abonnenten.

Experten sprechen bei Telegram mittlerweile von "Dark Social" – weil Akteure hier kaum Sperrungen zu befürchten haben.

Der Dienst gilt als besonders sicher. Initiiert wurde er von den Brüdern Nikolai und Pawel Durow, die bereits das bei Rechten und Faschisten beliebte Netzwerk Vk.com gegründet hatten, eine Art russischer Facebook-Verschnitt. Die Durow-Brüder versprachen, die Daten ihrer Nutzerinnen und Nutzer zu schützen (Süddeutsche). Unter anderem bietet Telegram – zumindest für seine geheimen Chats – eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung an. Bei diesem Verfahren werden Nachrichten, Bilder und Videos vor dem Versenden so verschlüsselt, dass nur Sender und Empfänger sie lesen können.

„Die eine Kernbotschaft von Telegram lautet: Bei uns gilt absoluter Datenschutz! Das heißt, nichts wird mitgelesen oder ausgewertet und nichts wird an Regierungen weitergegeben."“
Martin Fuchs

Während Nutzerinnen und Nutzer bei Facebook und YouTube mittlerweile damit rechnen müssen, für Hassbotschaften oder verfassungsfeindliche Äußerungen gesperrt oder gar ganz gelöscht zu werden, verwehrt sich Telegram der Kooperation mit Regierungen, sagt Martin. Für seine geheimen Chats bietet der Dienst gar eine Selbstzerstörungsoption, Nachrichten löschen sich nach kurzer Zeit selbst. "Das erlaubt Nutzern natürlich auch, komplett verfassungsfeindliches Zeug ganz ohne Sorge posten zu können", sagt Digitalexperte Martin.

Es ist wohl das, was dem Rechtsextremen Sellner an den "Katakomben des Infokrieges" gefällt. Es ist auf jeden Fall das, was Anhängern der Terrormiliz "Islamischer Staat" viele Jahre gefiel. Über Hunderte Kanäle verschickten die Islamisten täglich Propagandamaterial und Enthauptungsvideos und vernetzten sich. 

Telegram-Mitgründer Pavel Durow sagte noch im September 2015 in einem Interview, dass ihn das nicht weiter störe. Danach gefragt, wie er damit umgehe, dass Islamisten seinen Messengerdienst für Anschlagsplanung nutzen, sagte Durow: "Das Recht auf Privatsphäre ist wichtiger als unsere Angst, dass schlimme Dinge passieren."

Zwei Monate später töteten IS-Anhänger in einem über Telegram koordinierten Anschlag in Paris 130 Menschen. Und Telegram änderte seine Meinung, zumindest ein bisschen (Counterextremism.com). Der Bot "ISIS Watch" verkündet nun täglich, wie viele islamistische Konten identifiziert und gesperrt wurden. Allein am Dienstag waren es 306, im gesamten September bereits 2734 Kanäle. 

Statusupdate vom Löschkanal "ISIS Watch": "Wenn schlimme Dinge passieren"

Rechtsextremisten müssen solche Löschungen bislang nicht fürchten. Zwar kann das BKA auch hierzulande in offenen Telegram-Gruppen mitlesen (Vice), das Unternehmen selbst kooperiert jedoch nicht mit Behörden oder schaut selbst kritisch auf rechtsextreme Gruppen. Entsprechend sicher fühlt sich offenbar die Neue Rechte auf Telegram. 

Die Akteure der Szene vernetzen sich untereinander – und bauen sich so eine Gegenwirklichkeit zum Social-Media-Treiben bei Facebook und YouTube auf. 

Begonnen haben den Trend im vergangenen Jahr US-amerikanische Anhänger der "Alt Right"-Bewegung (Southern Poverty Law Center). Seit diesem Sommer ziehen deutschsprachige Rechte nach. 

Erst haben die Identitären Facebook und Instagram zur "Hassorganisation" erklärt und dort ihre Seiten und Profile gelöscht. Dann zogen AfD-Unterstützer, Rechtsrock-Größen und "Patriotenverbände" nach. "Noch nutzt die Neue Rechte auch Plattformen wie YouTube und Facebook", beobachtet auch Politberater Martin, "aber sie schaufelt ihre in den alten Netzwerken aufgebaute Community gerade Stück für Stück rüber zu Telegram". 

Zum Wachsen reicht es, wenn sich die Kanäle untereinander bekannt machen. Die Neue Rechte webt sich so ein digitales Netzwerk, belohnt Follower mit Videoschnipseln aus dem Alltag, mit Mitmach-Umfragen und Links zu rechten Blogs – oder verschicken auch schon mal Aufkleber-Sets an eifrige Kommentatoren. 

Mitmachaktion beim rechten Finanzierverein "Einprozent": Aufkleber für eifrige Akteure

Ausgerechnet die alten Social-Media-Plattformen helfen ihnen dabei unfreiwillig beim Wachsen. Dem Leipziger Identitären Alex Malenki, einer der wichtigsten Influencer der Neuen Rechten in Deutschland, wurden unlängst der Instagram-Auftritt und dein Satireformat "Laut Gedacht" auf YouTube gesperrt. In einem Video auf Telegram erklärte er nun, dass daher zwingend die Vernetzung bei Telegram nötig sei – "damit das patriotische Milieu hier seine Zuflucht finden kann".

Hinweis: In einer ersten Version haben wir geschrieben, dass der YouTube-Kanal von Alex Malenki gesperrt wurde. Ein Fehler. Vorübergehend gesperrt war "Laut Gedacht", ein YouTube-Kanal, den Malenki gemeinsam mit einem anderen Identitären betreibt.


Gerechtigkeit

Von Tokyo über Islamabad bis Toronto: Wie junge Menschen auf der ganzen Welt für das Klima auf die Straße gehen

Angefangen hat alles mit einer 15-Jährigen Schwedin, die es nicht mehr hinnehmen wollte, dass niemand etwas wegen des Klimawandels unternimmt. Mit einem Schild, auf dem "Skolstrejk för Klimatet" stand, protestierte sie alleine vor dem Schwedischen Reichstag in Stockholm.

Etwas mehr als ein Jahr später gehen jede Woche Millionen Menschen mit dem gleichen Ziel auf die Straße. Mit "Fridays For Future" hat Greta Thunberg eine weltweite Bewegung erschaffen. Überall kämpfen junge Menschen für ihren Planeten und für ihre Zukunft. Sie fordern, dass sich heute etwas ändert und nicht morgen.

Am 20. September findet der bisher größte Klimastreik der Bewegung statt. Beim globalen Klimastreik wird die Teilnahme von jungen Menschen aus 150 Ländern erwartet.

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Australien: Fatima Kidwai, 19, organisiert Proteste in Melbourne.