Was ist das: deutsche Kultur? Für die AfD, Pegida oder die Identitäre Bewegung ist sie offenbar etwas anderes, als für ein Kleinstadttheater. Die Neue Rechte lädt diesen Begriff ganz bewusst auf, um Menschen auszuschließen:

„Hier gehen die Frauen unverschleiert, hier wird Bier, Wein und Sekt getrunken und hier wird Schweinefleisch gegessen, dass die Schwarte kracht.“
Hans-Thomas Tillschneider, AfD

Das Wort und das Konstrukt Kultur wird als Ausgrenzungsbegriff genutzt. Wo der Begriff der Rassen sofort den Rassismus deutlich macht, soll der Kulturbegriff ihn eher aufweichen – und verdecken. Wo früher rhetorisch klar mit "Ausländer raus!" nach Herkunft unterschieden wurde, heißt es jetzt: "Diese Kultur passt nicht zu unserer". 

Das lässt Raum für Interpretation: Was ist Kultur überhaupt? Wann gehört ein Mensch zu einer Kultur? Der Begriff ist im Prinzip nicht negativ besetzt, was die Ausgrenzung harmlos erscheinen lässt.

Wie das gelingt und was sich dahinter verbirgt, wenn die Neue Rechte Begriffe wie "Multikulti" benutzt oder vom "großen Austausch" spricht, erfährst du oben im Video. 

Mit vielen der Menschen aus dem Video haben wir in unserer Reihe "Nach den Rechten sehen" zu anderen Themen gesprochen. Hier erfährst du mehr über die Funktion von Sprache bei der Neuen Rechten, in Form von sprachlichen Tabubrüchen und von Alltagsbegriffen. Alle Folgen der Serie findest du hier


Grün

Greta und die Antikapitalisten: Wie "Fridays for Future" mit unterschiedlichen Meinungen umgeht

"Fridays for Future" ist hauptsächlich für eine Forderung bekannt: Deutschland soll bis 2035 klimaneutral sein, damit die Klimaziele erreicht werden können. Wie, darüber hat die Politik zu entscheiden – doch auch die Schülerinnen und Schüler machen sich ihre Gedanken.

In den WhatsApp- und Telegram-Gruppen von "Fridays for Future" gibt es deshalb ein Thema, das immer und immer wieder aufkommt: Kapitalismus. 

Kaum ein Tag vergeht ohne die große Systemfrage, ohne eine Diskussion über Marx, Radikalität und Revolution.

Organisiert haben sich die Antikapitalisten bei "Fridays for Future" bereits: Als "Change for Future" tritt die eigene Plattform seit mehreren Monaten auf. 

Den Mitgliedern gehen die übergreifenden Forderungen der streikenden Schülerinnen und Schülern nicht weit genug, sie sind sich sicher: Im Kapitalismus lassen sich die Herausforderungen der Klimakrise nicht lösen. Ein Wirtschaftssystem, das auf Wachstum ausgelegt ist, könne nicht nachhaltig sein. Stattdessen müssten Konzerne zur Rechenschaft gezogen werden. 

Mehrere Hundert sollen es nach eigenen Angaben mittlerweile sein, die sich zur Gruppierung zählen. Vielen von ihnen reicht es nicht mehr, freitags auf die Straße zu gehen. Sie setzen auch auf radikalere Protestformen.

Wie wird die Strömung innerhalb der Bewegung wahrgenommen? Wir haben uns bei "Fridays for Future" umgehört.

Vergangenes Wochenenende trafen sich rund 450 Klimaaktivistinnen aus 37 Ländern in Lausanne, es sollte vor allem um die europäische Vernetzung der Bewegung gehen. Doch auch die Kapitalismusdebatte war wieder einmal ein Thema. Das Schweizer Boulevard-Blatt "Blick" berichtete von deutschen und französischen Teilnehmern, die sich angeblich Richtung Kommunismus bewegen wollten. 

Luca Salis aus Hamburg war in Lausanne vor Ort. Ein vorherrschendes Thema sei die Kapitalismus-Debatte nicht gewesen, sagt der 18-Jährige gegenüber bento. "Es gibt bei uns eben unterschiedliche Ansichten, wie die Klimakrise zu bekämpfen ist. Auf dem Kongress wurde ein Forum geschaffen, das zu diskutieren."

Als sich "Change for Future" gegründet hatte, hätten einige Angst gehabt, dass sich die Gruppierung ganz abspalten würde. Auch Luca wusste anfangs nicht, was er von ihnen halten sollte. Doch mittlerweile seien die Antikapitalisten akzeptierter, Streit gebe es ihretwegen kaum noch.

Roman Scharf, 16, ist bereits seit Anfangszeiten bei "Change for Future" dabei. 

Anfang August habe es die ersten bundesweiten Treffen der Plattform gegeben. "Begonnen hat es einfach als Vernetzung von Antikapitalistinnen und Antikapitalisten, denen 'Fridays for Future' nicht weit genug ging", sagt Roman zu bento. Gerade in den ersten Monaten sei außerhalb der Demonstrationen am Freitag nicht viel passiert – einige hätten das kritisch gesehen. Sie seien der Meinung gewesen, dass sich so nichts ändern würde.

Roman sieht seine antikapitalistische Plattform durchaus auch von Greta Thunberg vertreten – schließlich hatte sie bereits im vergangenen Jahr angeregt, das System zu ändern, wenn man in "diesem System" keine Lösung finden könne. "Man muss natürlich vorsichtig sein, wie man das an die Menschen heranbringt. Aber angesichts dieser Klimakatastrophe müssen wir zu radikalen Forderungen greifen – weil wir radikale Schritte benötigen", erklärt Roman. Das zeigt sich auch in den Protestformen: Während "Fridays for Future" noch über zivilen Ungehorsam diskutiert, plant "Change for Future" derzeit gemeinsam mit Gruppierungen wie "Ende Gelände" und "Extinction Rebellion" eine Blockade-Aktion bei der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt. 

Es gibt jedoch auch Leute bei "Fridays for Future", die von den Kapitalismuskritikern wenig halten. 

Moritz ist einer von ihnen. Der 18-jährige Hamburger glaubt daran, dass Klimaneutralität in der sozialen Marktwirtschaft machbar ist. "Es ist ja nicht anerkannt, dass der Kapitalismus ein falsches System ist." Eine grundlegende Systemänderung würde ohnehin viel zu lange dauern: "Bis wir bei einem funktionierendes Konstrukt hätten, wäre schon Hopfen und Malz verloren." Ansätze, wie man auch im Kapitalismus nachhaltig wirtschaften könne, sieht er beispielsweise in Nordeuropa, etwa durch die gezielte Förderung Erneuerbarer Energien. Letztendlich sei auch ein nachhaltiges Wachstum möglich.

Wegen "Change for Future" macht sich Moritz Sorgen, dass sich "Fridays for Future" durch die radikalen Forderungen nur weiter von denjenigen abgrenze, die man eigentlich überzeugen wolle. "Wenn wir dem Thema so viel Platz geben und uns voneinander entfernen, schaden wir uns nur selbst", sagt er. "Ich möchte nicht, dass wir als viel zu linke Öko-Hippies abgeschrieben werden."

Diese Gefahr sieht Jakob Blasel hingegen weniger. Der 18-Jährige gehört zum engen Orga-Team von "Fridays for Future" in Deutschland. "Es ist gut für die Bewegung, dass es Leute mit unterschiedlichen Ansichten gibt", sagt er. "Das spiegelt einfach unsere Generation wider." Solange alle Stimmen gegenseitig respektiert würden, sei dagegen überhaupt nichts einzuwenden. 

Die Debatte um den Kapitalismus wird unter den Klimaaktivisten also weitergehen. So groß und so vielfältig "Fridays for Future" ist, wird es immer wieder zu Diskussionen kommen. Die meisten von ihnen kümmert das jedoch wenig, schließlich geht es doch letztendlich um die Rettung der Welt.