Bild: Saniser
Wir haben die einzige Frau im Team gefragt, was sie erreichen wollen.

Deniz Tekin kann sich eine Türkei ohne Recep Tayyip Erdogan kaum vorstellen. Er war Ministerpräsident, als Deniz in die Grundschule ging. Er wurde zum zweiten Mal Präsident, als sie in Istanbul ihr Studium begann. Heute ist Deniz 22, Sängerin und Teil eines Musikvideos, das gerade die Türkei aufrüttelt: Gemeinsam mit 19 Rappern hat sie den Protestsong "Susamam" verfasst. "Susamam" bedeutet auf Türkisch "Ich kann nicht schweigen". Und genau das tun die Beteiligten auch nicht.

In "Susamam" rappen oder singen sie – mal wütend, mal verzweifelt – über das, was ihrer Meinung nach in der Türkei schief läuft.

Auf YouTube wurde das Video zu "Susamam" in weniger als einer Woche bereits mehr als 20 Millionen Mal gesehen. Viele interpretieren es als Generalabrechnung mit dem System von Recep Tayyip Erdogan. Ganz so würde es Deniz allerdings nicht formulieren. "Was wir im Video ansprechen, geht alle Menschen in der Türkei an", sagt Deniz, "ganz unabhängig von der politischen Haltung eines Einzelnen." 

Deniz ist die einzige Frau im Projekt der Rapper. Ihr Part beginnt genau in der Mitte des Videos. Der Beat hält kurz inne, Deniz erklimmt mit einer Gitarre die Bühne. Dann singt sie über Frauenrechte.

Das Thema liege ihr am Herzen, sagt sie zu bento. Sie selbst sei als junge Istanbulerin zwar relativ privilegiert, aber jede Frau in der Türkei könne Opfer von ungezügelter Gewalt werden – ohne, dass die Justiz sie schützt. "Wir haben zu viele Fälle von Frauen erlebt, die von Liebhabern, Ehemännern, Vätern oder älteren Brüdern genötigt, vergewaltigt oder gar ermordet wurden", sagt Deniz. "Und wir haben zu viele Fälle gesehen, in denen diese Männer aus der Untersuchungshaft spazierten, entweder mit geringer oder gar keiner Strafe."

„Frauenrechte sind in der Türkei in einem schlechten Zustand. Wir dürfen nicht nur hoffen, dass sich was ändert – wir müssen dringend handeln.“
Deniz Tekin

Erst vor wenigen Wochen sorgte der Fall von Emine Bulut für Aufsehen. Ihr Ex hatte sie vor den Augen der Tochter erstochen, ein Video der Tat ging durch die türkischen Netzwerke. Zum Motiv sagte er schlicht, er hätte sich "provoziert gefühlt", weil er seine Tochter nicht mehr hätte sehen dürfen. Eine Lüge, wie Ermittler später feststellten. (Bianet)

Deniz hatte ihren Song über Frauenrechte nur wenige Tage vor der Tat abgedreht. Der Mord bestätige einmal mehr, dass man nicht wegschauen könne: "Gewalt gegen Frauen muss laut angesprochen werden."

Tatsächlich häufen sich die Übergriffe. Die zivilgesellschaftliche Initiative "Wir werden die Femizide stoppen" versucht, die Gewaltexzesse zu registrieren. Alleine im August 2019 sollen demnach 49 Frauen in der Türkei ermordet worden sein. Insgesamt seien nach den Zahlen der NGO dieses Jahr bereits 294 Frauen ermordet worden. Im Jahr 2018 fielen 440 Frauen Mordanschlägen zum Opfer.

Frauenrechte sind nicht das einzige Thema in "Susamam". Deniz' Kollegen rappen über die Klimakrise, Korruption oder Pressefreiheit.

Initiiert hat das Projekt der Rapper Saniser. Er fragte seine Kolleginnen und Kollegen, was in der Türkei gerade schief laufe. Jeder hatte einen Monat Zeit, zu einem Thema zu singen oder zu rappen und ein kurzes Video zu drehen. Die fertige Kollage lud Saniser bei YouTube hoch. Dort wurde der Clip sofort zur Sensation. In den mehr als 8000 Kommentaren jubeln viele über die klaren Worte, andere hoffen, der Song könne unter jungen Türkinnen und Türken eine neue Protestwelle auslösen. 

Ideengeber Saniser selbst rappt aus einer Gefängniszelle heraus. Er appelliert an die Verantwortung der Türken für die Zustände im Land:

„Du hast den Mund nicht aufgemacht – also bist du schuld.“
Saniser in "Susamam"

Dann warnt Saniser, das Schweigen werde Folgen für jeden Einzelnen haben: "Wenn sie eines nachts kommen und dich holen, dann wirst du keinen Journalisten finden, der darüber schreibt, denn sie sitzen alle im Knast."

Die Selbstverantwortung – ist auch der Grund, warum sich Deniz entschieden hat, bei "Susamam" mitzusingen. Es gehe nicht darum, einfach nur Missstände anzuprangern, sagt sie: "Wir wollten, dass die Menschen sich und ihr Umfeld hinterfragen." 

Sängerin Deniz Tekin

(Bild: Deniz Tenik)

Weder Deniz noch ihre männlichen Kollegen sprechen in "Susamam" bewusst von Erdogan oder der Regierungspartei AKP. Trotzdem ist jedem klar, wem die Kritik gilt. Auch der AKP selbst.

AKP-Politiker und regierungsnahe Medien bezeichnen das Video daher als Teil einer politischen Kampagne zur Destabilisierung des Landes. Und versuchen, die Künstler rund um Saniser in die Ecke von angeblichen Terroristen zu stellen: 

  • So bezeichnete zum Beispiel die Pro-AKP-Zeitung "Yeni Safak" das Video als "Gemeinschaftsproduktion" der verbotenen PKK und der Gülen-Sekte. Beide Gruppen sind in der Türkei als Terrororganisation eingestuft. (Tagesschau)
  • Und der stellvertretende Vorsitzende der AKP, Hamza Dag, ging das Video auf Twitter an: "Kunst sollte kein Mittel für Provokation und politische Manipulation sein. Wir wissen ganz genau, dass diejenigen, die nun sagen 'Ich kann nicht schweigen', in den kritischsten Momenten der Türkei stumm geblieben sind." Er spielt auf den Putschversuch vom Sommer 2016 an – für den die Erdogan-Regierung ebenfalls die Gülen-Bewegung verantwortlich macht.

Die Anschuldigungen haben ihre Auswirkungen. Deniz erzählt, mit dem Erfolg des Videos kämen auch Hasskommentare. "Aber ich lese mir nicht alle durch, sonst würde ich innerlich erstarren."

Vielmehr konzentriere sie sich auf all die guten Nachrichten, die sie auch bekomme. Deniz warnt allerdings, dass es nicht reiche, das Video mit einem Like abzuhaken:

„Die Themen unserer Zeit einfach abzustreiten, bringt uns nicht weiter. Einfach nur das Video twittern allerdings auch nicht.“
Deniz Tekin

"Susamam" soll als Appell zum Handeln verstanden werden. Was es brauche, sei das Bewusstsein, selbst etwas erreichen zu können, sagt Deniz. 

Nach genau diesem Bewusstsein haben junge Menschen in der Türkei schon häufiger gehandelt. Vor einigen Jahren in Istanbul, als sie die Gezi-Proteste anzettelten oder erst vor wenigen Monaten, als sie in einer Stichwahl den Istanbuler AKP-Oberbürgermeister abwählten. 

Nachhaltig verändert haben diese Proteste das System Erdogan jedoch nicht. Vielleicht fehlte aber bislang einfach der richtige Sound zum Protest. Vielleicht fehlte nur noch "Susamam".


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