Bild: Privat
Wer das K-Wort sagen kann – und wer lieber nicht.

Dating-Plattformen bergen viele Erkenntnisse – vor allem über sich selbst. Ich, Marcel Nadim Aburakia, helle Haut, braune Haare, voller Bart, Caption: Palästina-Flagge. Mit Anfang 20 erswipte ich eine weiße Deutsche ohne irgendwie bekannten "Migrationshintergrund". Donnerstagabend das Match, Donnerstagnacht viele ausgetauschte Nachrichten und zack: Freitagabend die Verabredung in der Münchner Innenstadt.

Da sitze ich also in dieser 0815-Bar, führe Smalltalk über alles mögliche und schlürfe an meiner eiskalten Maracujaschorle.

"Woher kommst du eigentlich, dein Nachname klingt so exotisch?"

"Papa aus Palästina! Wieso?"

"Och ne! Du bist also Kanake…"

Das Date war schneller vorbei als der ursprüngliche Swipe. Was blieb: Ein unangenehmer Nachgeschmack. Aus ihrem Mund klang das Wort "Kanake" so abwertend – dabei benutzte ich es selbst oft. In meinen Augen bedeutet Kanake Mensch mit südländischen, besonders türkischen oder arabischen Wurzeln – und Rassismuserfahrungen. Es fühlt sich beflügelnd an, endlich ein Wort für meinesgleichen gefunden zu haben.

Aber in der Bar in München fühlte ich mich plötzlich fremd, als ob mit dem Finger auf mich gezeigt würde. Ich erinnerte mich an das Gefühl – aus meiner Kindheit.

Ich war Teil einer Gruppe, die jeden Tag Räuber und Gendarm in den Innenhöfen von Sozialbauten und Eigentumswohnungen spielte. Unsere Herkunft war dabei völlig egal: Türkinnen, Kroaten, Italienerinnen, Palästinenser und Deutsche. Hitzige Diskussionen gehörten zum Daily-Business: "Du hast mich nicht erwischt!", "Schummler" und so weiter. Wenn es eskalierte, gingen alle heim und trafen sich am nächsten Morgen unbekümmert wieder. Eigentlich. Aber als ein älterer deutsch-deutscher Nachbarsjunge mich anschrie: "Verpiss dich, du dummer Kanake!", fühlte ich Verwirrung und Scham. Ich wusste damals nicht genau, was ein Kanake war. Aber eines wusste ich sicher: Es musste etwas Schlimmes sein.

Mein palästinensischer Vater kam Mitte der 80er nach Deutschland. Da war Kanake längst als Beleidung für alle etabliert, die nicht so deutsch aussahen, wie Deutsche es sich vorstellten, für alle, die als "Gastarbeiter" gekommen waren und doch nie wie Gäste behandelt wurden.

Wer Kanake sagte, hatte immer das Ziel, Menschen zu erniedrigen und als fremd zu beschreiben. Auch meinen Vater.

Als Jugendlicher, der dazugehören wollte, habe ich schnell Schlüsse aus diversen diskriminierenden Erfahrungen gezogen: Papa macht dich zum Kanaken, also entfern dich so weit wie möglich von allem, was dich wie Baba macht. 

Ich versteckte meine arabische Identität, Sprache und Umgangsform, um von den weißen Münchner Vorstadtkindern nicht ausgegrenzt zu werden. Das ging so weit, dass ich bei Telefonaten mit meinem Vater bewusst von anderen weg ging, um keine dummen Anmerkungen zu kassieren. Es wäre mir peinlich gewesen, dass ich eine Mischung aus Deutsch und Arabisch spreche.

Heute ist das anders. Viele von "uns Kanaken" sind stolz auf unsere Herkunft, auf unsere Eltern, die so viel mitmachen mussten, um uns unser Leben zu ermöglichen, auf unsere Sprachen, die vieles so viel schöner ausdrücken können als das Deutsche, auf unsere Literatur und unsere Musik, unser Essen und unsere Art, auf das Leben zu schauen. 

Und es ist nicht mehr zu übersehen, wie wir Deutschland geprägt haben.

Hassan Akkouch ist Schauspieler, er begeistert Fans von "4 Blocks" als Marouf. Als ich ihn zu einem Podcast-Interview traf, sagte er: "Früher durfte ich nur Kanaken-Rollen spielen, jetzt hat mich eine Kanaken-Rolle berühmt gemacht!"

Man muss Serien wie 4 Blocks, Dogs of Berlin oder Skyline nicht abfeiern, ihr Effekt ist jedoch unübersehbar. Viele Alman-Kids kommen fast nicht mehr ohne Wörter oder Ausdrücke aus dem Arabischen klar. "Wallah" (bei Gott), "Mach kein Auge!" (Aufruf nicht missgünstig zu sein) und "Habibi" (Schatz, Liebling) sind zum Standard geworden. Ausdrücke, die mir früher böse Blicke eingebracht haben, sind heute Teil der Jugendsprache.

„Jeder will heute Kanake sein, dabei ist das gar nicht geil!“
Hassan Akkouch

Das verdanken wir auch dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Der machte die "kanakische" Art, das Mischen von Deutsch mit der Herkunftssprache der Eltern, normal. In "Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft" dokumentierte er eine Kunstsprache, die das Duden-Deutsch mit türkischen und englischen Einschüben ergänzte.

Und auch viele erfolgreiche nicht-türkische Rap-Stars wie KC Rebell und Farid Bang ("Kanax in Paris") oder Haftbefehl und Xatar ("Kanak") machten den Kanaken-Slang cool. Als diese Musik ihren Weg auch an meinen Schulhof fand, half mir das sehr. Ich kannte die Codes und Fremdwörter. Es zeigte mir auch, dass Menschen die eine ähnliche Herkunft haben, eine Bühne für ihre Kunst fanden und damit akzeptiert wurden. Kanake sein, das bedeutete auf einmal Street Credibility, einen Gegenentwurf zum striktesten Alman-Leben.

Kanackische Welle

Im Podcast "Kanackische Welle" sprechen die beiden deutschen Journalisten Marcel Nadim Aburakia (l.) und Malcolm Ohanwe über Probleme und Eigenheiten von kanakischen Communitys in Deutschland. Von Popkultur, Rassismus, religiösen Spannungen über Gender und dem Dasein als Männer of Color. Das alles gibt es mit einem Lächeln und hochkarätigen Gästen wie zum Beispiel der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli oder dem "4 Blocks"-Schauspieler Hassan Akkouch. 

Hassan Akkouch glaubt, heute wolle jeder Kanake sein. "Dabei ist das gar nicht geil!" Denn das Problem ist: Maximilians können entscheiden, diese Maske aufzusetzen, wie es ihnen beliebt. Kanakisch oder schwarz sein ist für die Mehrheit vielleicht ein Trend. Sobald der out ist, kann man eben den nächsten Minderheitenstil adaptieren. Und so lange er in ist, will man cool sein, mitspielen und andere auch ganz lässig Kanake nennen. So wie ich und meine Freunde.

Aber der Wandel des Wortes ist, wie beim N-Wort, das Zurückholen einer schmerzvollen Fremdzuschreibung. Gerade Menschen aus dem türkischen und arabischen Raum erfuhren – und erfahren bis heute – durch den Begriff Rassismus. Mein Vater und Menschen wie er wurden strukturell und privat diskriminiert. Wer so eine migrantische Identität hat, soll mit dem Wort machen, was er möchte.

Vor allem anderen ist und bleibt es eine rassistische Beleidigung. Auch die  Aneignung von Sprache und Stil ist höchst problematisch. Falls du als Deutsche oder Deutscher ohne so einen Migrationshintergrund glaubst, Kanake sagen zu müssen, dann sage K-Wort. Damit sehe ich, dass die Person mit der nötigen Sensibilität an das Thema herangeht und es nicht böse meint.


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