Und warum sie diese Privilegien nicht möchte.

Jedes Mal, wenn ich in Lomé aus dem Flugzeug steige, überkommt mich ein Gefühl von Heimat. Die heiße, feuchte Luft verschlägt mir den Atem und ich muss die Augen zusammenkneifen, um mich an die pralle Sonne zu gewöhnen. Tief atme ich den Geruch der Stadt ein. 

Lomé ist die Hauptstadt Togos, einem kleinen Land an der Küste Westafrikas, zwischen Ghana und Benin gelegen. Togo war bis 1916 deutsche Kolonie, stand bis zu seiner Unabhängigkeit 1960 unter französischer Verwaltung – und ist neben Deutschland mein zweites Zuhause. 

Ein Großteil meiner Familie lebt hier. Meine Großmutter besuche ich regelmäßig, seit ich vier Jahre alt bin. Doch wenn ich von meiner einen Heimat in die andere reise, passiert etwas Merkwürdiges: Ich werde jemand anderes. Steige ich in Togo aus dem Flugzeug, bin ich "Yovo", das bedeutet "weiß" auf Mina, eine der Landessprachen. Steige ich in Deutschland aus dem Flugzeug, bin ich schwarz. 

„Was Rassismus bedeutet, habe ich in Deutschland gelernt. Privilegien aufgrund meiner Hautfarbe kenne ich aus Togo.“

Meine Mutter ist weiße Deutsche, mein schwarzer Vater kommt aus Togo. Meine Haut ist heller als die der meisten Togolesen und Togolesinnen. Ich selbst sehe mich als Togolesin und als Teil der togolesischen Diaspora in Deutschland – also als Mensch afrikanischer Herkunft, der in einem Land außerhalb Afrikas lebt. Gleichzeitig wurde ich in Deutschland sozialisiert und lasse mir daher auch nicht das Deutschsein absprechen. Diese doppelte Identität – und auch die doppelte Zuschreibung von außen aufgrund meiner Hautfarbe – spielt immer eine Rolle. 

Wenn ich mit meiner Familie in Togo im Restaurant sitze, wollen die Kellnerinnen und Kellner mich vor meinen Cousinen bedienen, deren Haut dunkler ist als meine eigene. Sie setzen meine Haut mit Wohlstand und Prestige gleich. Dabei ist es egal, dass meine Cousinen teilweise auch in Berlin oder den USA leben, ähnlich situiert sind wie ich. Allein die Hautfarbe macht den Unterschied. 

Celia mit zwei Freunden, Jean und Prince.

(Bild: Privat)

Für viele Togolesen gelte ich aufgrund meiner Haut als besonders schön. Auch gibt es so etwas wie ein inhärentes Vertrauen, das mir viele Togolesinnen entgegenbringen. Bei Sicherheitskontrollen werde ich schneller durchgewunken. Bei Behördengängen geben sich Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen extra Mühe, meinen Fall zu bearbeiten, damit ich nicht den gesamten Tag beim Amt verbringen muss. Ich muss nichts tun und trotzdem wird mir Gehör geschenkt. Meine Meinung hat Gewicht. 

Dass ich in Togo bevorzugt werden, hat in erster Linie mit der kolonialen Vergangenheit des Landes und des Kontinents zu tun. In der Theorie nennt sich dieses Gedankenkonstrukt "Colorism", also die Annahme, dass hellere Haut grundsätzlich besser sei als dunkle. 

Was ist Colorism?

Diese Diskriminierungsform innerhalb von schwarzen, indigenen und Communitys of Color wurde genährt durch die bevorzugte Behandlung von Menschen mit hellerer Haut und "mixed" Menschen während der Sklaverei und der Kolonialzeit. Ein koloniales Erbe, das noch tief in den Köpfen verankert ist und schwarze Communitys bis heute weltweit spaltet. 

Während mir in Togo eine Sonderbehandlung zugutekommt, wird in Deutschland meine Zugehörigkeit angezweifelt. "Wo kommst du denn wirklich her, also so richtig?" Diese Frage wird mir nur deswegen gestellt, weil die Antwort, dass ich aus Deutschland komme – dem Land, in dem ich aufgewachsen bin – nie genug ist. 

Manchmal frage ich mich, ob weiße Männer in Deutschland so bevorzugt werden wie ich in Togo. Weiß ist auch in den meisten afrikanischen Ländern die bevorzugte Hautfarbe. Je näher du dich am weißen Ideal bewegst, desto mehr Vorteile gibt es im Alltag. Wie sehr die Macht des Weißseins über nationale und kontinentale Grenzen hinausgeht, merke ich hier ständig. 

Was ich zu meinem Erschrecken auch merke: Wie einfach es ist, sich auf diesen Privilegien auszuruhen. Wenn ich ganz ehrlich bin, kann ich den Reiz dahinter verstehen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass sich diese Privilegien im ersten Moment nicht gut anfühlen. Wer möchte sich das Leben nicht einfacher machen lassen? 

„Sobald ich aber einen Moment innehalte, mir klarmache, warum ich bevorzugt behandelt werde, hinterlässt das einen üblen Nachgeschmack.“

Darum spreche ich die Menschen direkt darauf an. Ich diskutiere über die koloniale Vergangenheit und erkläre, dass es keine Unterschiede zwischen uns gibt, dass ich nicht mehr wert bin. Oft stoße ich dabei auf Unverständnis. Als sei ich einfach schüchtern oder auf Komplimente aus. All das zeigt mir, dass die Entkolonisierung der Gedanken, die "Emanzipation von mentaler Sklaverei," wie Bob Marley sie in "Redemption Song" besingt, noch ein langer Prozess sein wird.

Es gibt Tage, an denen ich mir wünsche, ich könnte einfach in der Menge untertauchen. Manchmal habe ich keine Lust, mich zu unterhalten, auf Fragen von Fremden einzugehen, egal, wie nett sie gemeint sind. Keine Lust mich zu rechtfertigen und keine Lust, zu diskutieren.

Ich und mein Leben, wir werden die ganze Zeit beurteilt. In Deutschland nimmt man mir etwas weg, in Togo gibt man mir zu viel. In Deutschland muss ich erklären, warum ich dazugehöre, in Togo muss ich erklären, warum ich nichts Besseres bin. 

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: In Togo ist meine Hautfarbe kein Ausschlusskriterium. Die Blicke, die mir dort folgen, geben mir nie das Gefühl, kein Teil der Bevölkerung zu sein. In Togo spüre ich ein Gefühl von Akzeptanz, das mir in der Bundesrepublik oft fehlt. In Togo gehöre ich dazu, ohne Abstriche und Auflagen. 


Gerechtigkeit

Plötzlich Feminist: Wie Friedrich Merz Frauenrechte entdeckt - und was CDUlerinnen davon halten
Eine Spurensuche in der politischen Karriere des möglichen neuen CDU-Chefs.

Es war viel los bei der CDU in den vergangenen Wochen. Erst wählte die thüringische Landtagsfraktion gemeinsam mit AfD und FDP den Linken-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow ab und stürzte damit ein ganzes Bundesland in die Regierungskrise (bento). Dann kündigte die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Rückzug an. Bei den Wahlen in Hamburg musste die Union ein historisch schlechtes Ergebnis akzeptieren. (SPIEGEL) Und mit Armin Laschet, Jens Spahn, Norbert Röttgen und Friedrich Merz verkündeten gleich vier Unionsmänner den Wahlkampf um AKKs Nachfolge (bento).

Vor allem Letzterer spaltet seitdem das Land und die Partei. Während keiner der CDU-Kandidaten unter Unionsanhängern so hohe Stimmungswerte genießt wie Merz (Focus), sorgte der CDU-Politiker vor allem bei jungen Leuten für Empörung. Auf Twitter hatte Merz die schleswig-holsteinischen Grünen für ihr "Nein" zu einem "Burkaverbot" an Universitäten kritisiert. Schließlich sei die Vollverschleierung "ein Zeichen der absoluten Missachtung fundamentaler Rechte von Frauen."