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"Für mich sehen die alle gleich aus"

Letztes Jahr hat mir ein Kollege zur Beförderung gratuliert. Ressortleitung, Personalverantwortung. Nächster Schritt: Chefredaktion.

Nur war ich gar nicht befördert worden – den Job hatte eine neue schwarze Kollegin bekommen. Passiert. Alle sind peinlich berührt. Schwamm drüber, dachte ich. Bis mir der nächste Kollege zum neuen Job gratulierte.

Die "Washington Post" hat diesem Phänomen gerade einen Namen gegeben: "work twin". Büro-Zwillinge sind zwei Kolleginnen oder Kollegen, die ständig verwechselt werden. Nicht, weil sie sich ähnlich sähen: Sondern nur, weil sie dieselbe ethnische Herkunft oder Hautfarbe haben.

Klar, auch weiße Menschen werden verwechselt.

Der Unterschied: People of Color sehen den Personen, mit denen sie verwechselt werden, oft nicht einmal ähnlich. 

Sie sind unterschiedlich groß, alt oder dick, haben eine andere Haarfarbe, Haarstruktur, Stimmfarbe und Auftreten. So wie die beförderte Kollegin und ich: Sie ist deutlich größer und hat schulterlange Haare. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen Undercut. Dazu kam: Ich war bereits ein halbes Jahr im selben Büro – sie erst ein paar Tage.

Sie war nicht mein erster "Twin". An meinem Gymnasium gab es genau eine andere schwarze Schülerin. Sie war vier Jahre jünger, zwei Köpfe größer und so extrovertiert, dass sie nach einer starken Kampagne zur Schülersprecherin gewählt wurde. Ich saß immer in der letzten Reihe und las unter der Bank ein Buch. Meldete ich mich doch, nannte meine Mathelehrerin mich bis zum Abi konsequent "Kira".

Ist das schon rassistisch?

Es gibt gute Erklärungen für das Phänomen "Für mich sehen die halt alle gleich aus". Der Psychologe und ehemalige Uni-Professor Roy S. Malpass nennt es den "Other-Race-Effect". Das Gefühl, alle Menschen einer Ethnie sähen gleich aus, sei subjektiv gesehen gar nicht so falsch, erklärte er der "New York Times". 

Das habe nichts mit Vorurteilen oder Bigotterie zu tun, sondern mit der Umgebung in der jemand aufgewachsen ist. Sei man in der Frühphase des Lebens nicht viel mit Menschen anderer ethnischer Herkunft in Kontakt gekommen, tue man sich schwer damit, sich nicht-weiße Gesichter zu merken.

Weiße Menschen würden damit aufwachsen, Menschen anhand von Haar- und Augenfarben zu unterscheiden, während Afroamerikaner subtilere Hautschattierungen zu unterscheiden lernten. (New York Times)

Für den "Other-Race-Effect" gibt es jede Menge Beispiele:

Da ist das virale Live-Interview mit dem schwarzen Schauspieler Samuel L. Jackson, in dem er mit Laurence Fishburne verwechselt wurde. "Ernsthaft? ERNSTHAFT?", fragte Jackson genervt zurück. "Wir sind vielleicht alle schwarz und berühmt, aber wir sehen nicht alle gleich aus." Später entschuldigte sich der Moderator für den Fehler. (Hollywood Reporter)

Ein Doktorand aus Kiel hat den Effekt 2005 im deutschen Kontext untersucht: Er legte 128 Probanden Bilder von Menschen deutscher und türkischer Herkunft vor. Dabei entfernte er äußere Merkmale wie Haare und Ohren. Wie erwartet, wurden die "türkischen Gesichter" von den Teilnehmenden türkischer Herkunft besser erkannt – und andersrum. Auch er vermutet, dass zu wenig Kontakt mit Menschen anderer Kontexte ein Grund dafür sei. (Studie)

Denn der Effekt funktioniert auch umgekehrt.

Die koreanische Agentur Solfa hat das in einem ziemlich lustigen Experiment gezeigt. Sechs Koreanerinnen und Koreaner die nichts über westliche Popkultur wissen, sollten Bilder von Promis ordnen. Welche zeigen dieselbe Person?

Zooey Deschanel und Katy Perry auseinanderzuhalten ist auch für Menschen aus dem Westen schwierig, so ähnlich sehen sich die beiden. Aber zuzuschauen, wie Jodie Foster, Natalie Portman und Keira Knightley verwechselt werden, ist sehr lustig.

Nicht immer sind Verwechslungen so harmlos.

Im Büro die falsche Kollegin anzusprechen oder auf einer Party die falsche Person zu umarmen – das kann man bestenfalls mit einer Entschuldigung ausräumen.

Aber was ist, wenn Gesichtserkennung über Recht und Unrecht entscheidet? Die Fehlerquote bei polizeilichen Gegenüberstellungen ist zum Beispiel höher, wenn die Verdächtigen nicht weiß sind (Studie). Und nicht nur Menschen sind fehlbar. Amazon musste im Januar einräumen, dass seine Gesichtserkennungs-Software rassistische Bias, also strukturelle Vorurteile hat: Schwarze Frauen wurden häufig als Männer erkannt. Der Konzern wollte die Software an Polizei und Sicherheitsbehörden vermarkten. (New York Times)

Eine mögliche Lösung: Nachdenken.

Die positive Nachricht: Zumindest für Menschen gibt es einen Ausweg aus der "Die sehen alle gleich aus"- Falle. Einer Studie zufolge wird der "Other-Race-Effect" verringert oder löst sich sogar ganz auf, wenn Studienteilnehmer vorgewarnt sind, dass sie Vorurteile haben könnten. (Studie)

Oder anders gesagt: Wer auch nur einmal darüber nachgedacht hat, dass es in allen Ethnien Diversität gibt, wer sich schon mal für eine Verwechslung entschuldigen musste und sich ertappt gefühlt hat, sei künftig sensibilisiert.

Wer People of Color trotzdem verwechselt, verhält sich tendenziell respektlos. Und wer tatsächlich annimmt, dass sich alle Schwarzen oder Asiaten ähneln, ist leider ein Rassist.

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Fühlen

Wir sind in jeder Situation anders – aber wer sind wir wirklich?
Wo ist eigentlich dieses "Ich", von dem alle immer reden?

Unser Innenleben ist häufig eine kompliziert Kiste. Eine Seite in uns will Job und Sicherheit, die andere Freiheit und Möglichkeiten. Ein Teil will die Beziehung retten, die andere sie beenden. Wir fühlen uns geborgen in der Vorhersehbarkeit alter Freundschaften und gleichzeitig davon erdrückt. 

Und jedes Mal, wenn wir an Weihnachten zu unseren Eltern fahren, fragen wir uns: Warum ändert sich hier eigentlich nie was, wenn ich doch so anders geworden bin?

"Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm' nur viel zu selten dazu", sang Udo Lindenberg vor zehn Jahren gemeinsam mit Jan Delay. Eigentlich stammt der Satz vom österreichisch-ungarischen Schriftsteller Ödön von Horvàth. Nachempfinden können ihn sicher viele.

Wir sind Kinder, Freunde, Partnerinnen und Partner, Mütter oder Väter, Kolleginnen oder Kollegen – und überall ein bisschen anders. 

Wir erfüllen Rollen, die andere uns zuweisen. Was, wenn sich diese widersprechen? Und welche davon bin wirklich "Ich"?

Das habe ich Eric Lippmann gefragt. Lippman ist Professor für Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Autor des Buchs "Identität im Zeitalter des Chamäleons".

In meinem Abi-Jahrbuch stand in dem Bereich, wo andere etwas über mich schreiben konnten: "immer so entspannt". Meine Familie würde wahrscheinlich lachen, wenn sie das liest. Zu Hause gehe ich schnell an die Decke, obwohl ich gar nicht so bin. Oder doch?

Die Aussage "So bin ich" ist schon der falsche Ansatz. Eher würde ich sagen: "So verhalte ich mich." Verhalten ist immer auch abhängig vom Kontext. Der Soziologe Erving Goffmann schrieb schon in den Fünfzigerjahren: "Wir alle spielen Theater." Wie Schauspieler im wahren Leben nehmen wir nicht nur eine, sondern viele soziale Rollen ein.

Zu Hause bin ich immer die kleine Schwester, die Tochter und das jüngste Kind. Warum werde ich dort wahrscheinlich nie aus dieser Rolle rauskommen?

Weil wir Verhaltensmuster schon in unserer Kindheit lernen. Das ist wie beim Sport oder Autofahren: Die Bewegungen führen wir irgendwann nicht mehr bewusst aus. Es bilden sich so was wie neuronale Autobahnen im Gehirn, die bestimmte Reaktionen vorgeben. Da reicht ein Schlüsselreiz und das alte Muster wird aktiviert.

Die ersten Jahre eines Menschen sind prägend. Schon hier bilden sich neuronale Muster, aus genetischen Informationen und vor allem aus Erfahrungswerten. Umlernen ist dabei grundsätzlich schwieriger als Neulernen. Das ist wie im Dschungel: Es braucht einiges an Risikobereitschaft und Absicht, um einen bestehenden Pfad zu verlassen und stattdessen einen neuen zu ebnen.

Wie schaffen wir das trotzdem?

Dafür müssen wir unsere Muster erkennen und wissen, was sie auslöst. Beispielsweise zu Hause: Es gibt einen Schlüsselreiz – der Vater fragt einmal zu viel, ob Sie jetzt mehr Geld verdienen, die Mutter, ob Sie wirklich keinen Hunger haben –, der Wut oder negative Emotionen in Ihnen auslöst. Diesen Schlüsselreiz müssen wir herausfiltern, uns eine alternative Reaktion zurechtlegen und diese beim nächsten Mal anwenden. Wir nennen das "Problemlösungsgymnastik".