Wie sprechen weiße Deutsche über ihre Identität?

Seit ein paar Wochen tobt eine Rassismusdebatte in Deutschland – endlich. Als Schwarzer Journalist war die Zeit um die neu entfachte #BlackLivesMatter-Bewegung nach dem Tod von George Floyd richtig turbulent. Ich erhielt sehr viele Anfragen zum Thema Rassismus – auch von weißen Kolleginnen und Kollegen, die sich fragten, was sie zu dem Thema beitragen könnten, ohne als Weiße bevormundend oder übergriffig über das Leben Schwarzer in Deutschland zu spekulieren. 

Kanackische Welle

Im Podcast "Kanackische Welle" sprechen die beiden deutschen Journalisten Marcel Nadim Aburakia (l.) und Malcolm Ohanwe über Probleme und Eigenheiten von kanakischen Communitys in Deutschland. Von Popkultur, Rassismus, religiösen Spannungen über Gender und dem Dasein als Männer of Color. Das alles gibt es mit einem Lächeln und hochkarätigen Gästen wie zum Beispiel der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli oder dem "4 Blocks"-Schauspieler Hassan Akkouch. 

Als Antwort darauf habe ich in einem Text weiße Menschen dazu aufgefordert, ihr Weißsein in Deutschland zu hinterfragen. (SPIEGEL) Einen ähnlichen Gedanken hatte die Afrika-Wissenschaftlerin Josephine Apraku. Sie hat auf Instagram zu der Aktion "Kritische Weiß_heiten" aufgerufen und dazu über 30 Fragen konzipiert.

Das Konzept vom "Kritischen Weißsein" haben Josephine und ich natürlich nicht erfunden. Es geht auf Schwarze Menschen zurück, die im vergangenen Jahrhundert damit anfingen, akademische Arbeiten über Weiße als kollektive Personengruppe zu publizieren. Weiße wurden ethnologisch für Erkenntnisgewinne befragt und erforscht – so, wie sie es einst mit anderen Volksgruppen taten.

Dieser Ansatz ist umstritten. Es gibt Sozialwissenschaftler, die davon ausgehen, dass damit die theoretischen Konstrukte fortgeführt würden, gegen die sich rassifizierte Menschen wehren. Außerdem könnte der Fokus auf weiße Befindlichkeiten und Schuldgefühle von den Problemen von Schwarzen Menschen und People of Color ablenken. Und nicht zuletzt brauche auch das Konzept des Weißseins immer ein Gegenüber, von dem es sich distanziert. 

Trotz dieser Kritik besteht bei Rassismusdebatten die Frage, wie Weiße sich konstruktiv und kritisch äußern können. Ich fand: Indem sie über sich und ihre Rolle sprechen. 

Also haben wir mit weißen Prominenten, Medienschaffenden und Autoren über ihre Einstellungen und ihre Identität gesprochen. Hier sind die Antworten von fünf von ihnen:

 Alex Barbian, 26, Berlin, Deutschrap-Journalist

"Ich erinnere mich an eine Situation vor einer Clubtür in Regensburg. Ich war mit einem (ebenfalls weißen) Freund da und eigentlich waren wir beide zu jung, um reinzukommen. Vor uns in der Schlange stand eine Gruppe von migrantisch markierten Jungs an, die von den drei weißen Türstehern schikaniert und abgewiesen wurden. Mein Freund und ich sind dann einfach an den Türstehern vorbei, ohne Kontrolle, und haben zu Snoop Dogg und Jay-Z getanzt. Heute würde ich das nicht mehr machen. 

Mein Bild von Schwarzen Menschen und Kulturen war von Kinderbüchern wie "Pippi Langstrumpf in Taka-Tuka-Land" und dadurch komplett von rassistischen oder exotisierenden Ressentiments geprägt. Mit elf oder zwölf hab ich mir eine Best-Of-CD von Bob Marley gekauft und – so blöd es klingen mag – wegen Songs wie "Buffalo Soldier" zum ersten Mal überhaupt darüber nachgedacht, dass ich weiß bin und andere Menschen schwarz sind und die Welt nicht in Italien aufhört."

Ariane Alter, 34, München, Moderatorin

"Als ich klein war, waren gefühlt alle weiß. Meine beste Freundin war türkisch, aber das war für mich auch weiß. Alles cool. Im Kindergarten habe ich mich mit einem Schwarzen Jungen angefreundet. Da habe ich gemerkt "Oh es gibt auch Schwarz!", aber ich habe mir im Umkehrschluss nicht gedacht: "Ah ich bin weiß!", sondern eher "Ich bin normal, aber es gibt auch Schwarz". Es war bis dahin einfach nie ein Thema, welche Hautfarbe ich habe. Der Grund dafür: Ich bin weiß und niemand hatte mich damit konfrontiert. 

Mein erster Freund war schwarz. Wir beide sind richtig behütet in einer wohlhabenden Gegend im Norden Berlins aufgewachsen. Einmal wollten wir Freunde in Brandenburg treffen und er meinte: "Nee, ich will da nicht hin." Und ich war so: "Hey das wird doch nett! Was soll das?" Er hat dann erzählt, dass er das letzte Mal, als er dort war, verprügelt wurde, weil er schwarz ist. Diese Angst vor Nazis habe ich nie."

Jannis Schakarian, 33, Mainz, Social-Media-Manager

"Mir wurde es so richtig bewusst, als eine Kollegin erzählte, dass sie auf ein Panel eingeladen ist und eigentlich keine Lust hat hinzugehen – aber sie müsse ja, um Weißen zu helfen, ihre Vorurteile abzubauen und gleichzeitig ein Vorbild für die eigene Community zu sein. Da ist mit klar geworden, dass ich auf einem Podium fast immer nur für mich sprechen kann und nicht gleich für eine ganze Gruppe. Und dass ich eben nicht erstmal lauter Vorurteile widerlegen muss. Auch eine krasse Situation war, als wir eine Wohnung für unsere WG suchten und mein französischer Mitbewohner der Vermieterin erstmal eine halbe Stunde beweisen musste, dass er auch "wirklich kein Türke" sei."

Ben Bode, 34, Köln, Reporter

"Ich hatte immer das Gefühl, dass ich es extrem leicht hatte. Im Studium habe ich mal einem Prof ein schlechtes Konzept für ein Bachelor-Thesis abgegeben, und ich wusste, dass das Konzept nicht gut ist. Bei der Besprechung ist mir aufgefallen, dass der Professor mich dennoch für kompetent und klug halten wird, weil ich hellhäutig und männlich war und gutbürgerlich auf ihn wirkte.

Um ehrlich zu sein, habe ich mich mit Weißsein als Konzept erst in letzter Zeit beschäftigt. Ich hatte vorher andere Privilegien hinterfragt. Ich bin ja in jeder Hinsicht überprivilegiert. Ich bin cis und heterosexuell, ohne Behinderung, schlank, groß, norm-schön, studiert, männlich, bildungsbürgerlich. Aber dass ich jetzt auch noch weiß bin, ist mir ehrlich gesagt auch durch euren Podcast nochmal klar geworden, weil ich mich in euren Beschreibungen echt ertappt gefühlt habe. 

Etwas, dass für mich sehr einprägsam war: Ich wurde auf Twitter mal ganz explizit weiß genannt. Es ging um die Zusammensetzung unserer Truppe bei "reporter" vom WDR. Der Tweet dazu, abgesetzt von einer PoC, fühlte sich für mich sehr bissig an. Wir wurden dafür kritisiert, dass wir alle weiß sind. Meine erste Reaktion war komplette Abwehr, weil ich uns für weltoffen und engagiert hielt. Mir war aber klar, dass da ein wahrer Kern drin ist. Das war ein Lernmoment, wenn auch schmerzhaft, und hat mir gezeigt, wie scheiße es ist, wenn man das Gefühl hat, pauschalisiert zu werden. Und andere Personengruppen erleben dieses pauschalisiert werden ja ständig, und viel schlimmer und ungerechtfertigter."

Maximiliane Häcke, 30, Berlin, Synchronsprecherin

"Meine beste Freundin Alice ist Schwarz. Wir waren als Kinder in der gleichen Schauspielkartei. Sie hatte es irgendwann viel schwerer, an Schauspiel-Jobs zu kommen, vor allem solche, bei denen es nicht explizit um ihre Identität als schwarzes Kind gehen sollte. Ich dagegen als weißes Kind konnte quasi zu allen Castings gehen und habe oft Rollen bekommen. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht, obwohl ich irgendwo ja gespürt habe, dass daran etwas unfair ist.

Als Erwachsene habe ich immer gemerkt, dass ich einfach der Liebling eines jeden Vermieters bin. Ich habe das immer scherzhaft gesagt, aber wusste nie, dass das auch mit meinem Weißsein zu tun hat. Erst als mir Menschen mit ausländisch klingendem Namen von ihren Schwierigkeiten erzählt hatten, habe ich gemerkt, dass mein Status als Vermieter-Liebling doch nichts mit mir als Mensch, sondern eher mit mir als weißer Mensch zu tun hat."

Hier gibt es die aktuelle Folge der "Kanackischen Welle", unter anderem mit Friedemann Karig und Jochen Schropp, über "Kritisches Weißsein". 


Fühlen

"Sucht ist keine freie Wahl": Wie Abhängige gegen Stigmatisierung kämpfen
Und was sich Suchtkranke wünschen

Es war ein Sonntagmorgen vor neun Jahren, als Andreas* (32) sich eingestehen musste, dass er die Kontrolle verloren hatte. Dass er zu viel trank, war ihm damals schon länger klar. Trotzdem war es ihm lange Zeit gelungen, zumindest vor Anlässen wie dem Abitur oder der Führerscheinprüfung die Finger vom Alkohol zu lassen.

Als im Studium eine wichtige Zwischenprüfung anstand, wollte er es machen wie immer: zwei Wochen nichts trinken, Stoff reinpauken, Prüfung schreiben, weitertrinken. Am Tag vor der Prüfung wachte Andreas nach einem dreitägigen Rausch auf – und wurde von der Angst gepackt: Er konnte sich nichts mehr vormachen, er hatte seinen Alkoholkonsum nicht mehr im Griff. Er war süchtig.

Stundenlang irrte Andreas ziellos durch die Stadt. In einem Internetcafé googelte er die Anonymen Alkoholiker und besuchte noch am selben Abend sein erstes Treffen. In diesem geschützten Raum konnte er sich endlich öffnen und sah, dass er mit seinem Problem nicht alleine war. Andreas erinnert sich noch gut an diesen Abend. "Ich habe die meiste Zeit nur geheult. Das Gefühl, sich nicht mehr verstecken zu müssen, war einfach unglaublich", sagt er.