Bild: André Hirtz
Nach Hanau: "Sicherheit ist unser Recht"

Es ist knapp zwei Wochen her, dass ein Mann durch Hanau zog, um Menschen zu töten. Seither fällt es vielen schwer, in den Alltag zurück zu finden – zu grausam die Tat, zu groß die Angst vor einer Wiederholung.

Aylin Karabulut,  26, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen und forscht zum Thema Rassismus in der Schule. Nach dem Anschlag bat ihre Mutter sie, sich weniger auf Social Media zu äußern – um sich nicht in Gefahr zu bringen. Aylin teilte ihre Sorgen auf Twitter.

Wir haben sie gefragt, ob sie für uns einen offenen Brief an ihre Mutter schreiben würde. 

Sie schickte uns einen Text über Liebe, Angst und dieses Land, das ihr Zuhause ist: 

Canım Dayê, liebstes Mamalein,

mein Herz ist schwer. Die vergangenen Tage haben mich erschüttert. 

Ich war leider nicht überrascht über den rechtsterroristischen Anschlag in Hanau. Überrascht konnten nur die sein, die schon zu lange weggucken. Schon zu lange warnen Betroffene vor genau dieser rechtsextremen Gefahr – und fordern Konsequenzen. 

Nach dem Terror in Hanau hattest du mir eine Nachricht geschickt. Du hast geschrieben, dass es dir besser gehen würde, wenn ich nichts mehr in den sozialen Medien posten würde. Du hattest Sorge, dass ich in diesen gefährlichen Zeiten ein zu leichtes Ziel für Angreifende wäre. 

Es zerbricht mir das Herz, dass du um meine Sicherheit in Deutschland fürchtest. Das dürfte nicht sein.

Eines von Aylins Lieblingsbildern ihrer Mutter 

Mama, das hier ist doch mein Zuhause. Ich sollte hier sicher sein. Henna Moussa, Überlebender des Terrors in Hanau, fragte: "Wenn ich mich nicht hier sicher fühlen kann, nicht in Deutschland, wo sonst?" Ich frage mich das auch. Wo sollen wir uns sicher fühlen, wenn nicht hier? Ich würde dich gerne beruhigen und dir sagen, dass deine Sorgen übertrieben und unbegründet sind. Aber das sind sie nicht, und das wissen wir beide.

Diese bittere Gewissheit teilen wir mit vielen anderen, die aus dem gesellschaftlichen "Wir" ausgeklammert werden. Viele marginalisierte Communities mahnen schon lange zur Vorsicht. Migrantisch, Jüdisch, Schwarz, Sinti*ze und Romn*ja sein ist gefährlich in Deutschland. 

Mir ist dieser Aufruf zur Vorsicht nicht fremd. Im Gegenteil: Seit ich ein kleines Kind war, hast du mir beigebracht, immer wachsam und vorsichtig zu sein. Doch unsere größte Vorsicht schützt uns nicht, wenn der Staat uns nicht schützt und die Gefahr überall ist.

Immer wieder ist die Rede von einer Zäsur. Immer wieder Zäsur und nichts passiert.

Heute frage ich mich: Wie bringt man seinem Kind bei, dass es Menschen gibt, die es töten wollen? Wie bleibt man dabei hoffnungsvoll und macht trotzdem Mut? Ich weiß bis heute nicht, wie du das geschafft hast.

Die Angst vor rechter Gewalt machte deinen Blick traurig. Du hattest Angst um mich, als ich ein Baby war und Häuser von Migrantinnen brannten. Du hattest Angst um mich, als ich Teenagerin war und gegen Neonazi-Aufmärsche demonstrierte. Du hattest Angst um mich, als ich als erwachsene Frau für einen Vortrag nach Ostdeutschland fuhr. Du hast immer noch Angst um mich, wenn die rechtsextreme Gefahr spürbar ist und wir spüren sie konstant. "Nicht, dass dir etwas passiert!", ich habe diesen Satz so oft von dir gehört. 

Die Angst ist unser Normalzustand geworden. Seit meiner Geburt ist in diesem Land viel passiert, aber noch mehr ist gleich geblieben. Die rechtsextreme Gewalt in den 90ern, NSU, Halle; jetzt Hanau. Immer wieder ist die Rede von einer Zäsur. Immer wieder Zäsur und nichts passiert. 

Menschen wie wir sind schutzlos. Rassismus ist Alltag und er ist strukturell. Die, die ihn am heftigsten spüren, sind selten die, denen zugehört wird.

Ich will, dass wir endlich sicher sind. Sicherheit ist unser Recht.

Es sind Menschen wie du, Dayê, die Gehör finden müssen. Die Gastarbeiterinnengeneration ist geübt, Rassismus zu erleben, runterzuschlucken, zu lächeln, weiter zu arbeiten bis zur Erschöpfung. Weil ihr immer musstet, um unser Überleben zu sichern. Ich habe keine Worte dafür, wie viel Leid, Kummer und Schmerz deine Generation in Deutschland erleben musste. Auch wenn du sanft lächelst, deine Augen sind für immer traurig von alldem.

Es mussten schon zu viele Menschen aufgrund von Rassismus sterben. Und jeder einzelne ist einer zu viel. Wie viel zu viel muss es noch geben? Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die Politik die Bedrohlichkeit der Lage begreifen? 

Ich will, dass wir endlich sicher sind. Sicherheit ist unser Recht. Dafür werde ich auch weiterhin laut sein – auch wenn es gefährlich ist und in Zukunft vermutlich noch gefährlicher wird. Trotz alledem: Ich weigere mich, dieses Unrecht hinzunehmen.

"Wie oft kann ein Herz brechen?" habe ich dich mal gefragt. "Das ist unser Schicksal" sagtest du. "Wir müssen hingehen, wo der Wind uns hinweht." Ich will nicht mehr, dass der Wind über uns bestimmt, Dayê.  

Ich will hier bleiben und ich verlange, dass dieser Wind in Deutschland nicht mehr weht. Ich will, dass die Politik endlich Verantwortung übernimmt. Ich werde nicht schweigen und weigere mich, dieses Unrecht hinzunehmen. Ich werde weiter laut sein - trotz alledem!

Deutschland muss seiner Verantwortung nachkommen und uns schützen. Das ist unser Zuhause. Wir sollten hier sicher sein. 


Uni und Arbeit

Corona an Universitäten: Das müssen Studierende jetzt wissen
Die wichtigsten Fragen und Antworten

In Italien wurden wegen des Coronavirus am Donnerstag alle Schulen und Universitäten geschlossen, die Regel gilt vorerst bis zum 15. März. In Deutschland sind gerade Semesterferien, erst Mitte April werden sich die Hörsäle wieder füllen. Trotzdem sitzen viele Studierende gerade in den Bibliotheken und schreiben Hausarbeiten, mittags treffen sie sich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen in der Mensa.

Begeben sie sich dabei in Gefahr? Wie bereiten sich die Universitäten in Deutschland auf das Coronavirus vor? 

Wir haben bei der Hochschulrektorenkonferenz und beim Deutschen Studentenwerk nachgefragt und uns bisherige Einzelfallentscheidungen angeschaut. Hier erklären wir, worauf Studierende jetzt achten müssen.

Werden auch in Deutschland bald Unis wegen Corona geschlossen?

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und die Kultusministerkonferenz halten die bundesweite Schließung von Schulen nach aktuellem Stand nicht für nötig. Laut Hochschulrektorenkonferenz gilt das Gleiche für Universitäten. Sollte sich die Lage in Deutschland in den kommenden Tagen und Wochen dramatisch ändern, könnten Unis aber wie in Italien geschlossen bleiben, sagt eine Sprecherin zu bento. Es gebe bis jetzt allerdings keine einheitliche Regel für alle Hochschulen. Würde ein Coronafall an einer Uni bekannt, müssten Studierende sich nach den Hinweisen vor Ort richten – die lokalen Behörden hätten dann die Handlungshoheit.

Werden die Vorlesungen im Sommersemester also ganz normal stattfinden?

Nach aktuellem Stand ja. Einige Unis behalten sich aber jetzt schon vor, Studierende mit Krankheitssymptomen nach Hause zu schicken, zum Beispiel die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Aber auch hier gilt: Wie die Unis sich verhalten, ist ihnen selbst überlassen.

Was ist, wenn ich aus dem Auslandssemester zurückkomme?

Die Informationen für Reisende des Auswärtigen Amtes und aktuelle Meldungen des Robert Koch-Instituts werden laufend aktualisiert. Wer aus einem Risikogebiet wie Italien oder Asien zurückkommt, sollte beim Hausarzt oder im Krankenhaus anrufen und sich melden. Sofort persönlich in eine Praxis zu gehen, ist nicht empfehlenswert – man könnte sich selbst oder andere anstecken.

Die Uni Hamburg beispielsweise hat ein zusätzliches Hinweisschreiben veröffentlicht. Darin heißt es: Wer aus einem Risikogebiet zurückkehrt, darf 14 Tage nicht am Studienbetrieb teilnehmen und sich nicht auf dem Campus, in den Bibliotheken oder Mensen aufhalten.

Und wenn ich ins Ausland gehen will?

Wer aus Deutschland für ein Semester ins Ausland geht, muss die Entwicklung im Gastland beobachten. Wichtig ist laut Rektorenkonferenz, Kontakt zu den Ansprechpartnern und Behörden vor Ort zu halten: Erasmusämter und International Offices informieren die Studierenden.

Einige Unis haben bereits begonnen, Dienstreisen ihrer Angestellten nach Asien und Italien zu verbieten, zum Beispiel die Universität Bielefeld. Generell gilt aber: Universitäten können nicht überwachen, wer in den vergangenen Wochen wie lang wo war. "Wir bauen auf die Verantwortung der Einzelnen gegenüber ihren Mitmenschen, sich vorausschauend und rücksichtsvoll zu verhalten", sagt Stefan Grob, Sprecher des Deutschen Studentenwerks. "Wer krank ist, bleibt zu Hause."

In der Mensa kommen viele Menschen zusammen. Wie schützt man sich dort am besten?

Viele Mensen werden vom Studentenwerk betrieben. Sprecher Stefan Grob sagt: "Wir hängen Schilder mit aktuellen Informationen auf und haben Desinfektionsmittel und -spender aufgestellt, sofern sie verfügbar waren." Generell sehe er aufgrund der strengen Hygienevorschriften in den Mensaküchen aber kein größeres Risiko als in der Küche einer großen WG, die regelmäßig Besuch bekomme. Sollte der Lehrbetrieb an den Unis eingestellt werden, würden voraussichtlich auch die Mensen schließen, sagt Grob.

Einzelne Mensen haben sich derweil weitere Schutzmaßnahmen ausgedacht: An der Uni Bochum zum Beispiel wurden Glasscheiben über den Besteckkästen angebracht, um sie vor Viren zu schützen. Das Glas würde eine Übertragung zwar nicht ausschließen, aber zumidest das Risiko verringern, sagt die dortige Hygienebeauftragte. Wer auf Nummer sicher gehen will, könne sein eigenes Besteck von zu Hause mitbringen.

Und ganz wichtig: Vor dem Essen Händewaschen!

Ich sitze in der Bib und schreibe Hausarbeiten – kann ich mich anstecken?

Theoretisch schon. Auch in Bibliotheken gelten die normalen Schutzhinweise: langes, gründliches Händewaschen oder Desinfizieren, mindestens ein bis zwei Meter Abstand zu anderen Menschen halten, Augen, Nase und Mund nicht mit ungewaschenen Händen berühren, in die Ellenbeuge niesen oder in ein Taschentuch und das sofort entsorgen. Außerdem sollte man regelmäßig lüften.

Im Wohnheim herrscht Corona-Verdacht – müssen alle ausziehen?

Auch viele Wohnheime werden vom Studentenwerk betrieben. Werde bei einer Bewohnerin oder einem Bewohner Corona diagnostiziert, müsse er oder sie in Quarantäne, erklärt Stefan Grob. Bei schwereren Krankheitssymptomen bedeutet das: erstmal im Krankenhaus bleiben. Wer keine oder sehr milde Symptome hat, kommt in häusliche Isolation – sofern räumlich möglich. Aktuell sei nicht geplant, Wohnheime komplett zu schließen, sagt Grob.

Ist jemand in einer WG infiziert, gelten die Quarantänemaßnahmen übrigens für alle Mitbewohner beziehungsweise Menschen, die sich Küche oder Bad teilen.

Sind Partys tabu?

Offizielle Veranstaltungen in den Studentenwohnheimen finden laut Studentenwerk weiterhin regulär statt. Wer eine Hausparty veranstaltet, sollte das Gleiche beachten wie an anderen Orten, an denen viele Menschen zusammenkommen – zum Beispiel der Bib.