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Ein Wochenende im Mai: Zwischen Bratwurstgeruch und lauten Trillerpfeifen werden auf deutschen Sportplätzen rund 80.000 Fußballspiele ausgetragen. Nahe Stuttgart nimmt ein Turnier für eine Jugendmannschaft ein vorzeitiges Ende: Der Trainer verlässt den Platz mit seinem Team, nachdem ein 8-jähriger Spieler seiner Mannschaft auf dem Feld von einem Elternteil eines gegnerischen Spielers rassistisch beleidigt worden ist. 

Eine nachvollziehbare Reaktion, mag manch einer denken - nicht aber der Turnierveranstalter. In einer E-Mail wirft er dem Trainer nachträglich unkollegiales und unsportliches Verhalten vor. 

Die Geschichte, die Trainer und Twitter-User @simack2118 Anfang Mai teilte, hat inzwischen mehr als 4500 Likes. In den Kommentaren wird darüber diskutiert, ob er anders hätte reagieren sollen. Welche Begriffe genau gefallen sind und wer genau sie äußerte, möchte er auf Nachfrage zum Schutz der Kinder allerdings nicht verraten. Das macht es schwer, die Empörung zu beurteilen.

Die Frage, die sich aus dem Vorfall ergibt, ist aber ohnehin eine weitaus größere als die, ob er das Turnier abbrechen durfte:

Hat Deutschland noch immer ein Rassismus-Problem im Jugendfußball?

In einem zweijährigen DFB-geförderten Pilot-Projekt namens "Am Ball bleiben. Fußball gegen Rassismus und Diskriminierung" (2007-2009), beschrieb der Projektentwickler und Referent der Deutschen Sportjugend (DSJ) Gerd Wagner Rechtsextremismus und Rassismus im deutschen Fußball und entwickelte Präventions- und Interventionskonzepte. 2010 präsentierte er sein Ergebnis: Deutschlands Fußballvereine haben ein Rassismus-Problem. Seine Forderung: Funktionsträger in kleinen Vereinen müssten für rechtsextremistische Themen sensibilisiert werden. Außerdem sei eine eindeutige politische Positionierung gegen Rechts notwendig.

Doch was hat sich seitdem getan?

Wir fragen zwei, die jede Woche auf dem Platz stehen: Felix Kobel* (25) und Dario Ivanko (21) sind ehrenamtliche Fußballtrainer in Hamburg. Kobel trainiert beim Eimsbütteler Turnverein eine C-Jugend-Mannschaft und ist außerdem Trainer in der Sommerfußballschule eines großen Hamburger Profi-Vereins. Er ist seit sechs Jahren im Jugendbereich aktiv und hat bereits Mannschaften mit einem hohen Migrationsanteil trainiert. Darios Vater ist Kroate, gemeinsam trainieren sie die 2. C-Jugend des Niendorfer Turn- und Sportvereins. Er hat seit der F-Jugend sämtliche Stufen im Jugendfußball durchlaufen und ist auch als Spieler in der Landesliga aktiv.

Beide sind sich einig: Der Ton im Jugendfußball ist rau. 

"Bei den ganz Kleinen ist es noch recht friedlich. Mit fortschreitendem Alter nehmen Beleidigungen und Sticheleien jedoch zu", sagt Felix. "Besonders in der Pubertät schlagen einige Spieler über das Ziel hinaus." 

Außerdem, sagt Dario, hätten viele Jungen in der Pubertät eine mangelnde Empathie-Fähigkeit. 

Es seien allerdings nicht immer nur die jungen Spieler, die verbal auffällig würden. "Natürlich kommt viel auch von den Eltern oder den anderen Trainern", sagt Felix. Und er gibt zu: "Ich selbst muss manchmal auch sehr darauf achten, dass mir im Affekt nichts Unangebrachtes herausrutscht." Das meiste passiere jedoch während des Spiels und bleibe danach auch dort. Dario sagt, der symbolische Handshake nach dem Spiel sei wichtig, damit die aufflammenden Aggressionen auf dem Spielfeld bleiben könnten. 

Rassismus auf dem Feld?

Felix trainiert mittlerweile ein Team, das sich in einem nobleren Hamburger Stadtteil befindet, wie er sagt, früher hatte er aber auch mit Mannschaften aus sozialen Brennpunkten zu tun. Rassismus auf dem Platz oder am Spielfeldrand habe er dabei jedoch nicht erlebt, beteuert er – egal aus welchem sozialen Umfeld seine Spieler stammten. Dario sei schon einmal Zeuge geworden, wie sein Vater rassistisch beleidigt wurde, sagt er. "Ich kann mich an eine Aktion erinnern, in der mein Vater, der mich damals trainierte, von einem gegnerischen Elternteil mal als 'blöder Kanake' betitelt wurde." Darios Vater sei ruhig geblieben und nicht darauf eingegangen. "Wenn man nicht reagiert, zeigt das wahre Stärke", sagt er. 

In der Kabine komme es in Darios Mannschaft schon manchmal zu Auseinandersetzungen. Rassismus sei dies aber nicht, meint er. "In unserem Team gibt es viele unterschiedliche Nationalitäten und natürlich macht man sich untereinander mal über die Stereotypen der einzelnen Ethnien lustig. Das beruht dann aber auch immer auf Gegenseitigkeit."

Doch empfinden das tatsächlich alle Beteiligten so? 

Und wie steht es um die Empfehlungen, die Gerd Wagner in seiner Bilanz forderte? Werden Team-Betreuer dafür sensibilisiert, Rassismus und Extremismus zu erkennen und zu vermeiden? Positionieren sich Vereine klar gegen Diskriminierung? Laut Felix waren pädagogische Inhalte bisher in keiner Prüfung eines Trainerlehrgangs Thema: Die Inhalte beschränkten sich immer noch ausschließlich auf das Fußballerische. 

Die 21 deutschen Landesverbände haben mittlerweile alle einen Integrationsbeauftragten. 

Und auch innerhalb Felix' Verein gebe es Menschen, die sich mit diesen Problemen auseinandersetzten, sagt er. 

Der DFB scheine in den vergangenen Jahren viele Schritte in die richtige Richtung gemacht zu haben, erzählt Dario: "Bei einem Auswärtsspiel beim TSV Wedel hing ein riesiges 'Refugees Welcome'-Plakat am Fußballplatz. Und auch in meinem Verein hat sich ein Betreuer für Flüchtlinge eingesetzt. Wir haben zum Beispiel einen Nordafrikaner in unsere Mannschaft aufgenommen."

In der Frage, was den meisten Einfluss auf junge Sportler habe, sind beide Jugendtrainer gleicher Meinung: Es seien die Anti-Diskriminierungs-Werbespots, die unter den Namen "Say no to racism" und "#EqualGame" fast vor jedem großen internationalen Fußballspiel liefen. "Wenn die Kids Lionel Messi und Cristiano Ronaldo sehen, die in Nahaufnahme 'Say no to racism' sagen, dann hat das eine ganz andere Wirkung, als wenn das ein Trainer oder Sozialarbeiter tun würde", sagt Felix. Diese Kampagnen seien der richtige Weg und trügen einen großen Teil zur friedlichen Atmosphäre auf den Fußballplätzen bei. Man müsse als Trainer Toleranz und Freundlichkeit an "seine Jungs" weitergeben, findet er. "Und wenn man dabei noch von den Weltstars im Fernsehen unterstützt wird, ist das natürlich super."

Für Wagner ist der Kampf gegen den Rassismus noch nicht vorbei 

Gerd Wagner allerdings warnt vor einer hohen Dunkelziffer rassistisch motivierter Taten. "Die wenigsten Vorfälle werden gemeldet. Besonders im Amateur-Bereich wird vieles einfach unter den Teppich gekehrt", sagt er, der selbst lange Jugendmannschaften trainierte. Das Problem sei, dass Beleidigungen auf dem Platz immer noch meist folgenlos blieben. "Würden sich Menschen bei der Arbeit so verhalten wie auf dem Fußballplatz, wären sie morgen arbeitslos." 

Dazu käme, dass immer mehr politisch motivierte Konflikte auf dem Fußballplatz ausgetragen würden. Gerd Wagner teilt sich sein Frankfurter Bürogebäude mit dem jüdischen Turn- und Sportverband Makkabi. "Fast jede Woche höre ich dort von neuen Vorfällen," sagt er. Der DFB setze zwar viel auf öffentlichkeitswirksame Maßnahmen, bei den kleinen Vereinen in Deutschland käme aber nicht wirklich Hilfe an. 

 *Name geändert – der echte Name ist der Redaktion bekannt.

In einer früheren Version des Textes hieß es fälschlicherweise, es habe sich bei dem beleidigten Spieler um den Sohn des Trainers gehandelt. Das haben wir korrigiert.

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Gerechtigkeit

Selfies und #niewieder: Wie sich das Gedenken an den Nationalsozialismus verändert

Am 8. Mai 1945 endete der zweite Weltkrieg in Europa. Nazi-Deutschland kapitulierte gegenüber den Allierten. Der 8. Mai ist deshalb ein besonderer Tag. In ganz Europa feiern Menschen ihn als "Tag der Befreiung" und gedenken den Opfern des Nationalsozialismus. 

74 Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen. Zeitzeugen wird es bald keine mehr geben. Viele junge Leute können nicht mehr fragen: "Opa, Oma, wie war das damals?" Das Gedenken junger Leute an den Nationalsozialismus ändert sich dadurch zwangsläufig. Darüber haben wir mit Iris Groschek gesprochen. Sie ist Doktorin der Geschichte und arbeitet an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg.

Frau Groschek, verliert der Holocaust bei jüngeren Menschen an Relevanz?

Das konkrete Wissen hat vielleicht nachgelassen, das Interesse aber nicht. Wir haben zunehmende Besucherzahlen, auch unter jungen Menschen und Schulklassen. 60 Prozent unserer Besucherinnen und Besucher sind zwischen 20 und 40. Was damals passiert ist hat Auswirkungen bis heute und das merken junge Menschen. Die Art des Gedenkens verändert sich aber. Wir versuchen auch hier immer, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, sie gestalten zu lassen. 

Zum Beispiel?

Am Gedenkort Bullenhuser Damm sind am 20. April 1945 20 jüdische Kinder erhängt worden. Dort befassen sich Schülerinnen und Schüler mit der Geschichte und überlegen, wie man heute daran erinnern könnte, entwerfen künstlerische Installationen. Traditionell hat man zum Beispiel mit Kranzniederlegungen an Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die jüngere Generation geht vielleicht etwas emotionaler an die Sache heran und findet neue Antworten darauf, welche Art von Gedenken angemessen ist. 

Wie haben soziale Medien die Gedenkkultur verändert?

Durch sie ist eine ganz neue Bildsprache entstanden. Auf Instagram gibt es zum Beispiel tausende Bilder, die in Auschwitz entstanden sind. Für uns als Gedenkstätte ist es wichtig, auch in sozialen Medien präsent zu sein, uns einzumischen. Wir reagieren auf Inhalte, die Nutzer über uns posten, können aber auch selbst als glaubwürdige Experten zum Thema unsere eigenen Bilder und Geschichten verbreiten und so noch mehr Menschen erreichen.