Bild: Malcolm Ohanwe
Wir müssen dringend über anti-schwarze Vorurteile innerhalb muslimischer Gesellschaften reden.

"Iiiiiih" – so riefen die Kids an meinem allerersten Schultag ganz angewidert hinter mir her. Die Tochter der türkischen Köchin in unserem Grundschul-Tagesheim hatte als erstes mit dem Finger auf mich gezeigt und machte eine Würge-Bewegung mit ihrem Mund. Als Kind trug ich Dreadlocks und für meine Mitschülerinnen und Mitschüler war das wohl ein ekliger Anblick. Aber es waren nicht nur Kinder mit dem klassischen "weißen deutschen Look", die mich da herabwürdigten. Den ersten krassen Rassismus habe ich von Kindern mit Namen wie Sedef, Ahmed oder Murat erfahren. 

Warum wir "Schwarz" in der Kolumne groß schreiben

Adjektive werden eigentlich klein geschrieben – der Begriff "Schwarz" wird hier jedoch groß geschrieben. Es wird als Zeichen gegen die Diskriminierung Schwarzer Menschen und für eine Selbstermächtigung des Wortes genutzt.

Ein "buntes" Klassenzimmer ist nicht automatische eine rassismusfreie Zone

Bei uns gab es etwa drei weiße deutschstämmige Kids, der Rest hatte ausländische Eltern. Die Kids in meiner Schulklasse waren nicht Schwarz wie ich, so richtig weiß waren sie aber mehrheitlich auch nicht. Doch ein "buntes" Klassenzimmer bedeutet nicht automatisch eine rassismusfreie Zone. 

Kanackische Welle

Im Podcast "Kanackische Welle" sprechen die beiden deutschen Journalisten Marcel Nadim Aburakia (l.) und Malcolm Ohanwe über Probleme und Eigenheiten von kanakischen Communitys in Deutschland. Von Popkultur, Rassismus, religiösen Spannungen über Gender und dem Dasein als Männer of Color. Das alles gibt es mit einem Lächeln und hochkarätigen Gästen wie zum Beispiel der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli oder dem "4 Blocks"-Schauspieler Hassan Akkouch. 

Von vielen türkeistämmigen Kids wurde ich abfällig als "Zenci" bezeichnet, das türkische N-Wort. Andere verglichen mich mit Tieren. Das kommt nicht von ungefähr, sondern reiht sich ein in einen historischen Kontext. Anti-schwarzer Rassismus sprießt und gedeiht nur so in vielen deutschen Haushalten mit arabischen, türkischen, kurdischen, bosnischen oder afghanischen Eltern und hat dort ganz spezifische und eigene Formen. 

Islamisch geprägte Länder romantisieren ihre Vergangenheit – anti-schwarzen Rassismus inklusive

Gerade die Türkei trägt als ehemaliges Osmanischen Reich eine grauenhafte imperialistische Geschichte in sich, eine Jahrhunderte lange Versklavung Schwarzer Menschen inklusive. Kritisch aufgearbeitet wird das jedoch nicht. Im Gegenteil: Oft wird diese alte Vergangenheit, als die islamische Welt – auch auf Kosten afrikanischer Körper – noch mächtig war, in TV-Shows und Büchern romantisiert. Die anti-schwarze Gesinnungen wird dabei gar nicht reflektiert. 

Die deutsch-türkische Journalistin Gizem Eza, die einen ghanaischen Vater hat, erzählte mir, dass wenn bei ihr zuhause türkisches Fernsehen lief, Schwarze Menschen oft in sexualisierter Form oder als Karikaturen dargestellt wurden. Mit solchen Bildern sind sicherlich auch die rassistischen Kids in meiner Schule in Berührung gekommen. Auf der anderen Seite haben auch sie bestimmt – wie fast alle türkeistämmigen Menschen hier in Deutschland – selbst krasse Rassismus-Erfahrungen gemacht. Dennoch: Das ist keine Ausrede, anti-schwarzen Rassismus unter muslimisch markierten Menschen nicht anzusprechen.

Anti-schwarzer Rassismus unter Kanacken fängt bei Kleinigkeiten an und endet oft in sehr schmerzhafter Ausgrenzung – ich kenne es aus meiner eigenen Familie. Mein Vater ist Schwarz, er kommt aus Nigeria. Meine Mutter ist eine Deutsch-Palästinenserin mit heller Haut. Ihre Familie besteht aus arabischen Christen. Vor allem von ihrem Familienteil habe ich als Junge mit dunklerer Hautfarbe immer wieder Ausgrenzung zu spüren bekommen.

Meine arabischstämmigen Cousins – auch wenn wir uns gut verstehen –  haben meinen Bruder und mich immer hämisch "Snickers" genannt. Und auch die Eltern meiner Mutter ließen sie immer spüren, dass es für sie ein Problem war, dass ihre Tochter als einzige keinen christlichen Araber geheiratet hatte. Als schwarze Enkel waren wir immer weniger angesehen als die anderen Enkelkinder, obwohl wir die besten Noten von allen hatten. Meine Oma zum Beispiel – Gott hab sie selig – war eine sehr charismatische und clevere Frau. Aber sie hatte auch ihre rassistischen Momente. Einmal, ich war mittlerweile ein junger Student, stritt ich mit ihr um Geld. Sie rief meine Tante an und sprach wütend ins Telefon, sie solle den "Scheiß-Afrikaner" abholen, weil sie es mit mir nicht mehr aushalte. 

Malcolm und sein Bruder zu Besuch bei der Oma: Hol den "Scheiß-Afrikaner" ab

(Bild: Malcolm Ohanwe)

Wie sie es gesagt hatte, verspürte ich die Abwertung im ganzen Körper. Wegen solcher Situationen, habe ich oft ein sehr schwieriges Verhältnis zu meiner arabischen Identität. Und ich glaube, es liegt an der Erziehung. 

Wenn bei meiner Khalti, Arabisch für Tante, arabische Nachrichtensender liefen, sahen die Moderatoren und Moderatorinnen stets so kreidebleich aus wie Casper, der Geist. Viele hatten noch grüne Augen und blonde glatte Haare. Möglichst "europäisch" aussehen gilt im arabischen Raum als Schönheitsideal. Dunklere, geschweige denn Schwarze Araberinnen und Araber werden im Fernsehen so gut wie nie gezeigt – und werden auch nicht als solche mitgedacht.

"Hellere" Muslime wollen die Schwarzen Glaubensbrüder und -schwestern oft belehren

Das hatte ich auch schon von klein auf verinnerlicht. Ich weiß noch, wie mich meine Mutter als Kind damals in die Koranschule bringen wollte, um Arabisch zu lernen. Ich wollte nicht aus dem Auto raus und argumentierte, dass ich ja kein Araber sei und von denen bestimmt gehänselt werde. Ich hatte wirklich richtig Lust Arabisch zu lernen – aber zu große Angst in dieser Koranschule rassistisch verarscht zu werden. Wir drehten um. Im Nachhinein wünschte ich, ich wäre einfach hingegangen, aber wenn mir die Schwarze Muslima Amira im Podcast erzählt, wie einige Muslime in Moscheen ihren Schwarzen Vater nicht berühren wollen oder ihm den Islam erklären wollen (weil er als Schwarzer Muslim das ja nicht selber verstehen würde), bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Dunkle Araber und/oder Schwarze Muslime sind so unsichtbar, dass ich erst als Erwachsener bei einem Besuch Palästina in herausfand, dass ich mit meiner braunen Haut und meinem krausen Haar eigentlich genau wie ein "Einheimischer" aussah. Vorher hielt ich Araberinnen und Araber tatsächlich für das, was ich aus den arabischen Nachrichten kannte. Aber auch wenn ich wegen meiner Hautfarbe nicht fremdgemacht werde, geht sie mit einer Abwertung einher.

Ich erinnere mich an meine Zeit als Austauschstudent in Dschnenin im palästinensischen Westjordanland, wo ich meinem Mitbewohner, einem hellhäutigen palästinensischen Studenten, Bilder von meinen Eltern zeigte. Er sah zuerst meine Mutter und war überrascht, dass sie so hellhäutig – und deswegen "hübsch" – war. Er meinte das als Kompliment, aber ich war verwirrt. Als ich ihm ein Bild von meinem Papa zeige, sagt er plötzlich: "Ah, du bist ja gemischt! Achso".

"Colorism" steckt tief in der DNA vieler nahöstlicher Gesellschaften

Er dachte, meine beiden Eltern seien arabischstämmig, aber eben mit dunklerer Haut. Entsprechend hielt er es für okay, meine Mutter für ihre "Helligkeit" zu loben. Das Abwerten innerhalb einer Volksgruppe nur basierend auf der Helligkeit der Haut nennt sich Colorism. Der Irrglaube, helle Haut bedeutet, man sei hübscher, klüger, entsprechend auch besser für den Heiratsmarkt oder gute Jobs: All das gehört ganz fest zur DNA vieler arabischer und nahöstlicher Gesellschaften.

Fast jeder nicht-schwarze Muslim und/oder Araber hat schon mal mitbekommen, dass die Tochter bloß keinen Schwarzen Freund nach Hause bringen darf, weil das unsittlich wäre. Was aber viel zu wenige Leute mitbekommen: Wie grausam der 1300 Jahre lang andauernde muslimische Sklavenhandel war. Wie im Libanon oder den arabischen Emiraten noch heute Menschen mit dunklerer Haut auf widerlichste Art für ihre Arbeit als Kindermädchen oder Bauarbeiter ausgebeutet und ihrer Menschenrechte beraubt werden. Oder wie verschwiegen wird, dass viele bedeutsame Errungenschaften in der "Islamischen Welt" auf Schwarze Personen zurückgehen. 

Es muss sich etwas ändern, auch hier. In der deutschen Gesellschaft leben rund fünf Prozent muslimische Menschen. Sie sollten sich endlich kritisch und flächendeckend mit anti-schwarzen Gesinnungen in ihrer Community auseinandersetzen.


Fühlen

"Du bist mir zu dick!": Wie diskriminierend ist das schwule Online-Dating?

"Keine Schwarzen, keine Asiaten" – immer wieder kann man auf Profilen in schwulen Dating-Portalen solche Slogans lesen, mit denen Nutzer deutlich mitteilen, dass sie bitte nur von Weißen angeschrieben werden wollen. Bis vor kurzem gab es auf den meisten Portalen noch Filter, mit denen man Schwarze oder Asiaten gar einfach ausblenden konnte – genauso wie etwa dicke oder ältere Menschen. 

Lange wurden die Ethnien-Filter als rassistisch kritisiert, doch erst mit der "Black Lives Matter"-Bewegung schaffte die internationale schwule Online-App Grindr diese Option ab. Das europäische Portal "Planetromeo", mit laut eigenen Angaben etwa zwei Millionen Nutzern, hält an seinem Filter fest, will ihn stattdessen aber lieber "Suche" nennen. "Europäer" und "Asiate", "Südländer" oder "Araber" sind die Kategorien, in die Nutzer sich hier einteilen können. Laut Planetromeo werde der Filter eher benutzt, um speziell nach einer präferierten Ethnie zu suchen – weniger, um bestimmte Ethnien auszuschließen (Planetromeo). 

Wie diskriminierend ist das schwule Online-Dating? Das fragen wir Richard Lemke, 35, Experte für Internetsexualität und Online-Dating, der auch speziell zu schwulem Dating-Verhalten forscht.