Wir haben mit ihm gesprochen

Magid Magid, 30, hat eine aufregende Woche hinter sich. Der Brite ist für die Grünen ins Europaparlament eingezogen, die neuen Abgeordneten kamen erstmals in Straßburg zusammen. Gleich an Magids erstem Tag im Parlament kam es zu einem Vorfall, über den international berichtet wurde.

Rassismus im EU-Parlament?

Nach eigenen Angaben wurde Magid im Parlament von einem Mann erst gefragt, ob er sich verlaufen habe – und dann zum Verlassen des Gebäudes aufgefordert. Magid glaubt, das lag daran, dass er anders aussieht als die meisten Abgeordneten. Er machte den Vorfall auf Twitter öffentlich und schrieb: "Ich bin schwarz und mein Name ist Magid. Gewöhnt euch dran!"

Ein Sprecher des Europäischen Parlaments teilt auf bento-Anfrage mit, dass das Geschehen umgehend untersucht worden sei. Man könne "mit Sicherheit sagen, dass kein Personal des Parlaments an dem Vorfall beteiligt war".

Wir haben mit Magid Magid über Rassismus in der Politik gesprochen – und darüber, warum ihn die Reaktion des Parlaments nicht überrascht.

Magid ist erst 30, aber in der britischen Politik schon ziemlich bekannt. Seine Familie war aus Somalia geflüchtet, als er fünf Jahre alt war. Mit 28 wurde Magid Bürgermeister der Stadt Sheffield – der Jüngste in ganz Großbritannien.

Magid, was genau ist an deinem ersten Tag im Parlament passiert?

Ich bin nach der Eröffnungszeremonie durch das Parlamentsgebäude gelaufen. Ein Mann kam auf mich zu und fragte mich: "Haben Sie sich verlaufen?" Ich fragte, ob ich denn so aussehen würde. Daraufhin forderte er mich auf, das Gebäude zu verlassen. Es gab eine kleine Diskussion, bis ich ihm dann meinen Abgeordnetenausweis gezeigt habe. Als er den gesehen hat, hat er nur arrogant gegrinst und ist weggelaufen. Das hat mich wirklich gestört. Wir sind alle Menschen, machen alle Fehler. Aber wenn ich einen Fehler mache, entschuldige ich mich dafür und laufe nicht einfach weg.

Hast du eine Vermutung, was für eine Funktion der Mann gehabt haben könnte?

Er hatte einen Anzug an, aber dort tragen viele einen Anzug. Ich war etwas aufgebracht und bin nicht auf die Idee gekommen, nach seinem Ausweis zu fragen. Es könnte ein anderer Abgeordneter gewesen sein oder jemand, der im Parlament arbeitet. Ich würde ihn auf jeden Fall wiedererkennen und darauf ansprechen, wenn ich ihn nochmal sehe. Ich kann auch nicht sicher sagen, ob seine Reaktion an meiner Hautfarbe lag. Ich trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „F**k Fascism“, vielleicht hat er sich davon angesprochen gefühlt.

Warum hast du dich dazu entschieden, darüber zu twittern?

Das ist nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert ist. Das Gefühl, wegen meines Äußeren nicht ernstgenommen zu werden, kam mir sehr bekannt vor. Als ich bei der Wahl zum Präsidenten des Studierendenwerks kandidierte, wurde mir gesagt, dass ich nicht gut genug sei. Ich habe trotzdem gewonnen. Über solche Vorfälle wird nicht oft geredet, deswegen wollte ich das teilen. Seitdem habe ich sehr viele Nachrichten von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen bekommen. Schwarze Menschen, die Karriere machen, egal in welchem Arbeitsfeld, werden immer wieder als fehl am Platz wahrgenommen.

Erst letzten Monat erzählte die Abgeordnete Dawn Butler davon, wie ein Kollege sie im Aufzug im britischen Parlament darauf hinwies, dass Reinigungskräfte diesen nicht benutzen sollten.

So etwas kommt nicht aus dem Nichts. Die große Mehrheit der schwarzen Menschen im Europäischen Parlament sind Putzkräfte oder im Catering. Wenn ich da hinkomme und nicht in das Bild von einem Abgeordneten passe, ist das für manche unangenehm.

Das Parlament hat eine Untersuchung zu dem Vorfall eingeleitet…

…so nennen sie es zumindest. Sie haben mir gesagt, dass sie mit ihren Mitarbeitern gesprochen hätten und ausschließen könnten, dass jemand von ihnen beteiligt gewesen ist. Das ist Quatsch. Sie können gar nicht mit allen Mitarbeitern gesprochen haben. Und selbst wenn sie das getan hätten, könnten sie nicht ausschließen, dass einer von ihnen gelogen hat. Das Parlament wollte die Sache aus PR-Gründen schnell abhaken. Aber es geht mir gar nicht so sehr um das Europäische Parlament, denn so etwas passiert an jedem Arbeitsplatz, an dem Minderheiten arbeiten.

Magid Magid im Wahlkampf

(Bild: Imago)

In deinem Tweet schreibst du, dass du nicht vorhast, dich anzupassen. Was meinst du damit?

Ich habe mich in meinem Leben nie angepasst. Es war immer meine Umgebung, die sich geändert hat. Die Menschen wurden über Jahrzehnte sozial darauf konditioniert, wie ein Politiker zu sein hat. Wenn dann jemand kommt, der nicht nur nicht wie ein Politiker aussieht, sondern sich auch anders verhält und anders redet, dann ist das für viele unangenehm – sie fühlen sich angegriffen. Ich habe in meiner Zeit als Bürgermeister unzählige rassistische Beleidigungen bekommen. Ich konnte aber auch Menschen erreichen, die sich sonst eher weniger mit Politik beschäftigt haben – weil ich eben nicht der klassische Politiker bin. Deshalb ist Repräsentation so wichtig. 

Menschen müssen sich mit ihren Politikerinnen und Politikern identifizieren können.

Das ist ein großes Problem bisher, sowohl in Großbritannien als auch in der EU. Man braucht sich im EU-Parlament nur mal umzuschauen: Von 751 Abgeordneten sind nicht mal ein Dutzend schwarz. Das war einer der Gründe, warum ich in die Politik gegangen bin.

Du hast es bis ins EU-Parlament geschafft. Für einen Briten ist das derzeit aber nicht der sicherste Job. Nach dem Brexit verlierst du dein Mandat. Was willst du in der begrenzten Zeit erreichen?

Ich sehe drei große Herausforderungen: den Aufstieg der Rechtsextremen, die wachsende Ungleichheit und die Klimakatastrophe. Dagegen werde ich kämpfen. Und wir haben uns noch nicht mit dem Brexit abgefunden. Wir – ich und auch die anderen pro-europäischen Abgeordneten aus Großbritannien– kämpfen weiter dagegen. Ich bin davon überzeugt, dass wir ein zweites, diesmal ehrliches, Referendum haben werden, das wir gewinnen und in der EU bleiben.

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Queer

Liebe statt Häme: Warum "Queer Eye" eine richtig gute Reality-Show ist
Dabei hatte ich mich gesträubt, die erste Episode zu schauen.

Eigentlich hasse ich Reality-TV. 

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