Woher kommst du eigentlich wirklich – und darf ich mal deine Haare anfassen? Manche Sätze sind rassistisch, auch wenn sie so nicht gemeint sind. Das hat auch mit Macht zu tun und mit der Kolonialgeschichte, die in Deutschland manchmal vergessen wird.

Darüber müssen weiße Menschen dringend nachdenken, findet Alice Hasters, 30. Alice ist Journalistin und eine der beiden Stimmen aus dem Podcast Feuer & Brot.

Mit ihrem sehr persönlichen Buch "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten" will Alice jetzt zur Auseinandersetzung mit Rassismus bewegen. 

Sie beschreibt ihre eigenen Erfahrungen und zeigt, wo es heute noch strukturelle Ungerechtigkeit gibt.

Zum Buch

"Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten" von Alice Hasters. Hier das Buch auf Amazon kaufen. 

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"Ein Servicebuch für weiße Menschen", nennt Alice es scherzhaft.

Aber es stimmt: Alice erklärt sich als schwarze Frau bereit, weißen Menschen ihre Privilegien verständlich zu machen. Wir haben mit ihr über Rassismus in Freundschaften und selbstkritisches Weißsein gesprochen.

bento: Warum wäre es problematisch, wenn ich als weiße Journalistin dieses Interview damit beginnen würde, dich zu fragen: "Alice, wo kommst wirklich her?"

Alice Hasters: Wenn du mich fragst, wo ich herkomme, spiegelst du mir, dass ich nicht so deutsch bin wie du. Du würdest mich über die Herkunft meiner Mutter definieren, um mich einordnen zu können. Das merkt man auch bei vielen Debatten über unsere Gesellschaft: Viele Populistinnen und Populisten behaupten, man würde keine Deutschen mehr auf der Straße sehen. Sie meinen damit Menschen, die so aussehen wie ich. Aber ich bin deutsch und ich verstehe nicht, warum mein Aussehen eine Bedrohung einer Identität darstellen soll.

Was bedeutet schwarz und weiß?

Der Begriff ist für Alice Hasters eine Selbstbezeichnung und Teil ihrer Identität, keine Beschreibung der tatsächlichen Farbe ihrer Haut. Auch der Begriff weiß bezeichnet keine biologische Rasse oder tatsächliche Farbe, sondern eine soziale Position.

bento: In deinem Buch schreibst du, wir müssten Rassismus neu verstehen lernen. Wie meinst du das?

Alice: Rassismus wird gerne als Handlung begriffen, die – so erklärt es zum Beispiel auch die Wissenschaftlerin Robin DiAngelo – individuell ist, mit einer absichtlich bösen Intention, bewusst stattfindet und potenziell jede und jeden treffen kann. Ich glaube aber, wir sollten über Rassismus als globales Machtverhältnis sprechen, das es auch hier in Deutschland gibt, das sich über Jahrhunderte historisch entwickelt hat. Ich habe das Gefühl, dass diese historische Realität gerne verdrängt wird. Ich wünsche mir, dass wir Rassismus als strukturelle Ungerechtigkeit diskutieren, die BIPoC (Anmerkung der Redaktion: Schwarze, Indigene und People of Color) benachteiligt. Deshalb sind nicht-weiße Menschen von Rassismus betroffen – und weiße Menschen nicht.

bento: Mit deinem Titel erklärst du dich noch einmal zu dieser Aufklärungsarbeit bereit und richtest dich direkt an weiße Menschen. Ist das nicht sehr ermüdend?

Alice: Ja, mein Buch ist ein Servicebuch für weiße Menschen. Denn Rassismus ist auch da, wenn BIPoC nicht im Raum sind. Weiße Menschen haben aber das Privileg sich dem Diskurs immer entziehen zu können – und machen das auch gerne. Sie können entscheiden, dass Rassismus nicht so ihr Thema ist. Ich kann das nicht.

bento: Müssen wir also auch mehr übers Weißsein sprechen?  

Alice: Definitiv. Es gibt ein ganzes Feld, die kritische Weißseinsforschung, die vor allem auf die Autorin und Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison zurückgeht und die auch in Deutschland angekommen ist. Es ist höchste Zeit, dass es aufhört, dass wir weiße Menschen als den neutralen Standard sehen, die eine allgemeingültige Perspektive haben, die auch für alle anderen gilt. Gerade die Perspektive von schwarzen Journalistinnen und Journalisten gilt immer als subjektiv – besonders, wenn wir über Rassismus sprechen. Der weiße Blick wiederum wird als neutral wahrgenommen. Wenn man Weißsein aber benennt, merkt man, dass das auch nur eine Kategorie, eine Zuschreibung wie alle anderen ist. Aber eben eine, die mit sehr viel mehr Privilegien einhergeht. Darüber müssen wir dringend sprechen.

bento: In deinem Kapitel über Liebe schreibst du: "Liebe löscht Rassismus nicht aus". 

Alice: Ich glaube, wir müssen akzeptieren, dass Rassismus ein Teil unserer Gesellschaft ist, dem wir uns nicht alleine durch eine gute Intention entziehen können. Gerade weiße Menschen, die in einer Beziehung zu einer schwarzen Person stehen – so habe ich das zumindest erlebt – glauben gerne, durch ihren Fleiß und ihren Versuch gute Nicht-Rassisten zu sein, von ihrem Weißsein erlöst zu werden. Dadurch kommt es zu vielen Verletzungen, die ich in meinem Buch beschreibe. 

bento: Wie geht man in einer Beziehung – oder Freundschaft - am besten mit Rassismus um?

Alice: Wenn man keinen Raum für die Auseinandersetzung mit Rassismus lässt, weil man glaubt ihn in einer Beziehung oder Freundschaft überwunden zu haben, kann man über ganz wichtige Sachen nicht sprechen. Ich würde mir wünschen, dass wir akzeptieren, dass Rassismus eine Sache ist, mit der wir lernen müssen, umzugehen. Nur wenn man dafür den Raum lässt, kann man Rassismus reduzieren und rassistische Muster entlernen. 

bento: Und wie wird man rassistische Muster wieder los? 

Alice: Durch bewusste Konfrontation und Auseinandersetzung. Das bedeutet Arbeit. Es beginnt mit einer gewissen antirassistischen Einstellung. Und Antirassismus meint in diesem Fall, dass man das Vorhandensein von Rassismus akzeptiert und sich bewusst dagegenstellt. Man muss akzeptieren, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen gibt und wir eben nicht alle gleich sind. Dabei geht es nicht um eine Hierarchisierung, sondern um die Akzeptanz davon, was Diversität wirklich bedeutet. Das wäre zumindest ein erster Schritt. Aber ich bin ja auch Teil eines rassistischen Systems. Ich bin auch noch dabei, rassistische Muster zu entlernen. Ich habe die Antwort auch noch nicht gefunden. Wir suchen alle gleichzeitig danach.

bento: Du beziehst dich in deinem Buch immer wieder auf Autorinnen und Autoren, von denen du selbst viel gelernt hast. Welche Bücher sollten gerade noch gelesen werden? 

Alice: "Eure Heimat ist unser Albtraum", herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah. "Exit Racism" von Tupoka Ogette ist ein unglaublich gutes didaktisches Buch, um Menschen an die Hand zu nehmen und aus ihrem 'Happy Land' rauszuführen. "Deutschland Schwarz Weiß" von Noah Sow ist das umfassendste Buch, das ich im deutschsprachigen Raum kenne. Für ein englischsprachiges Publikum würde ich auf jeden Fall auch "Plantation memories" von Grada Kilomba empfehlen. Und für schwarze Menschen, die Unterstützung in ihrer Identitätsfindung suchen, würde ich "Anleitung zum Schwarz sein" von Anne Chebu empfehlen. Und "Schwarzer Feminismus", herausgegeben von Natasha A. Kelly. Und es gibt noch so viele mehr.

bento: Ein Punkt, an dem du in deinem Buch ansetzt ist das Bildungssystem. Brauchen wir neue Lehrpläne?

Alice: Ja. Wir brauchen vor allem einen anderen Geschichtsunterricht. Besonders in Deutsch und Geschichte ist es mir aufgefallen, aber eigentlich auch überall sonst herrscht eine weiße, cis-männliche und christliche Perspektive vor. Damit zementieren wir die Perspektive, dass Europa das Zentrum der Welt ist, hier die Zivilisation erfunden wurde und Menschenrechte geschmiedet wurden, die für alle gegolten hätten. Das übersieht die Menschen, die von diesem System marginalisiert wurden und es lässt vergessen, dass ein großer Bestandteil europäischer Geschichte Kolonialgeschichte ist. Deshalb, ja: andere Lehrpläne, bitte!

bento: Am Ende deines Buches schreibst du: "Die Welt wird besser und schlechter zugleich". Was meinst du, wie wird sich unser Verhältnis zu Rassismus entwickeln?

Alice: Ich glaube, wir befinden uns gerade in einem sehr richtungsweisenden Prozess. Wir handeln aus, ob wir uns weiter auf eine antirassistische Welt zu bewegen, oder ob wir zurückrudern und alte, eigentlich längst bröckelnde Machtstrukturen doch wieder zementieren. Manchmal bin ich hoffnungsvoll und denke, es gibt viele Menschen, die sich dem Rassismus entgegenstellen, manchmal glaube ich an #Wirsindmehr. Und dann gibt es Tage, an denen ich wirklich Angst bekomme und verzweifle. Ich habe dieses Buch geschrieben, um Menschen abzuholen und den Weg nach vorne zu unterstützen, aber wie es weitergeht? Gute Frage. Ich glaube, da ist gerade sehr viel Einsatz gefragt für eine gerechtere Welt. Wir können es uns nicht erlauben, das gerade einfach auszusitzen. 

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Future

Das Jobtrio erklärt: Ich bin neu in meinem Job und überfordert - was soll ich tun?

Das Herz klopft schneller, im Hals bildet sich ein dicker Kloß. Auf dem Schreibtisch liegen unzählige Unterlagen, die in der nächsten Stunde bearbeitet werden müssen. Wer gerade neu in einem Unternehmen ist oder gerade seinen ersten Job antritt, kann sich schnell überfordert fühlen.

In einer Stressstudie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2016 wurden 1.200 Berufstätige ab 18 Jahren unter anderem befragt, was sie im Job besonders stresst und überfordert. 64 Prozent der Befragten sagten, dass sie die vielen zeitgleichen Aufgaben überfordern. 59 Prozent verzweifeln an zu hohem Termindruck.

Doch was kann man machen, wenn man sich im Job überfordert fühlt? An wen können sich Betroffene wenden?

Sollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Anzeichen ignorieren oder ist ein Jobwechsel nötig?

Darüber haben wir mit unserem Job-Trio gesprochen: