Bild: dpa/ Christophe Gateau

Hustensaft Jüngling, 21, Teil der Crew um Spaßrapper Money Boy, soll mehrere Frauen sexuell belästigt haben. Ein mutmaßliches Opfer, Jana, hatte die Vorwürfe auf Instagram öffentlich gemacht. 

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In einem Instagram-Video räumte Hustensaft Jüngling, der mit bürgerlichem Namen Ole Finsterbusch heißt, einige der Vorwürfe ein.

"Ich habe meine Merch-Verkäuferin sexistisch angegriffen", sagt er in dem Video. Außerdem kündigte er an, eine künstlerische Auszeit zu nehmen.

Einen Tag später löschte er alle seine Beiträge auf Instagram – auch das Entschuldigungs-Video.

bento hat Finsterbusch und sein Management mehrfach für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen kontaktiert, aber keine Antwort bekommen.

Was war passiert?

Es begann mit einem Video, das die ehemalige Mitarbeiterin Jana vor einer Woche auf Instagram teilte. Darin wirft sie Ole Finsterbusch, alias Hustensaft Jüngling, sexuelle Belästigungen vor. Die 20-jährige ist Auszubildende in München und hat seit 2018 für Finsterbusch Merchandise-Stände betreut. In dem Video erzählt Jana, Finsterbusch habe sie mehrfach sexistisch beleidigt und ihr bei einem Konzert an den Po gefasst.

Jana spricht gegenüber bento von mindestens zehn weiteren Frauen, die sich infolge des Videos bei ihr gemeldet hätten. Die meisten hätten neben verbalen Beleidigungen auch von körperlichen Übergriffen berichtet. Einige habe sie anonym gepostet. "Die schämten sich und hatten Angst", sagt Jana.

Jana will die Anonymität der Frauen wahren, bento konnte also keinen Kontakt aufnehmen.

In einem weiteren Fall soll Finsterbusch eine 13-Jährige auf Snapchat um Nacktbilder gebeten haben.

Das Mädchen hatte "Hustensaft Jüngling" im November 2017 auf Snapchat abonniert. Er sei ihr daraufhin zurückgefolgt und habe einen Chat begonnen, das zeigen Screenshots, die Nele* in einer Instagram-Story zeitweise veröffentlicht hatte. Sie habe sich geschmeichelt gefühlt und sei zunächst auf den Chat mit dem damals 20-Jährigen eingestiegen, sagt Nele bento am Telefon.

Am Neujahrstag 2018 habe Finsterbusch die 13-Jährige Nele nach "Nudes" also Nacktfotos gefragt. Sie lehnte ab, woraufhin er fragte "Bist nicht hübsch?", das zeigen diese Screenshots.

Es sei das erste Mal gewesen, dass sie im Internet nach solchen Aufnahmen gefragt wurde, sagt Nele. Sie sei "geschockt" gewesen. Erst viel später habe sie ihren Eltern davon erzählt. Und erst nach der Veröffentlichung von Janas Video habe sie den Vorfall öffentlich gemacht.

Der "Glo Up Dinero Gang", zu der Money Boy und Hustensaft Jüngling gehören, wurde in der Vergangenheit bereits sexuelle Belästigung vorgeworfen.

In einem Interview auf dem Splash! -Festival 2018 fasste Money Boy einer Journalistin des MDR an den Po, als sie sich mit dem Mikro in Richtung "Medikamenten Manfred" lehnte, der zeitweise mit den Rappern gemeinsam tourte.

Die Szene ist auf Video festgehalten, Folgen hatte sie bisher nicht.

"Hustensaft Jüngling" wurde für ein Video kritisiert, in dem er seiner Freundin an den Po fasst, bevor sie seine Hand wegschlägt. (YouTube, Minute 5:00)

Immer wieder stehen auch die sexistischen Texte und Musikvideos der "Glo Up Dinero Gang" in der Kritik. Sebastian Meisinger, der hinter "Money Boy" steckt, spielt kalkuliert mit sexistischen Motiven. Im Jahr 2015 berichtete Vice über seine Diplomarbeit an der Universität Wien, mit dem Titel: "Die Rezeption aggressiver und sexistischer Songtexte und deren Effekte auf jugendliche Hörer".

Auch Finsterbusch beruft sich auf die künstlerische Freiheit, wenn er sich für sexistische Texte verteidigt. Ob die Texte von "Money Boy" und "Hustensaft Jüngling" nun Satire sind oder nicht – sie verherrlichen sexualisierte Gewalt:

  • "Ey, du Fiqqhure, saug meinen Pint. Komm sei einfach leise Bitch und nimm ihn in den Mund. Ich fick sie richtig hart, schieb ihr den Pint rein. In den Butt. Ich geb’ keinen Fuck, was ich mach. Denn ich bin dieser Plug, also komm und shut up."

Aus "Fiqqhure"

  • "Du weißt, ich geb' keinen Fuck.  Bin high wie ein Bumerang
    Im Sky, ich fick' deine Bitch Komm, zeig diesen Dude doch an. Ich hab' Geld (Geld), du hast nichts (nichts) Ich klau' dir deine Bitch und schick' sie auf den Strich (Strich)." 

Aus "Klau deine Bitch"

Was war im Fall "Jana" passiert?

Jana hatte Finsterbusch über ihren Ex-Freund kennengelernt, der Teil der "Glo Up Dinero Gang" war. Sie habe ihn zum Flughafen begleitet, dort die Managerin von Money Boy kennengelernt und mit beiden am Flughafen noch etwas getrunken, erinnert sie sich.

Zwei Tage später habe sie eine WhatsApp-Nachricht der Managerin bekommen, die ihr einen Job am Merchandise-Stand anbot. Sie habe vor allem während der Auftritte Kontakt zu Finsterbusch gehabt, sagt Jana. Sie verkaufte währenddessen Merchandising der "Glo Up Dinero Gang".

Trotz der allgegenwärtigen sexistischen Bühnenfiguren "Money Boy" und "Hustensaft Jüngling" habe sie nur mit Finsterbusch unangenehme Situationen erlebt. "Ole ist der Einzige, der privat auch so ist, wie er sich nach außen gibt". Finsterbusch habe sie verbal beleidigt. Anfangs habe sie Kontra gegeben, ihn aber später ignoriert. Die Zeit im Team sei dadurch psychisch belastend gewesen, sie habe oft geweint, sagt Jana.

Während eines Konzerts in Stuttgart sei Finsterbusch dann übergriffig geworden. In einer kurzen Pause habe er Jana, die ebenfalls auf der Bühne war, an den Po gefasst. "Ich habe mich umgedreht, dann stand er da und ich habe gefragt: Was soll das?"

Vor der Veröffentlichung ihres Videos auf Instagram habe sie das erste Mal per Textnachricht Kontakt zu Finsterbusch gehabt, um ihm Gelegenheit zur Entschuldigung zu geben. Daraufhin habe er geschrieben, sie sei "fett und hässlich".

Jana wandte sich per Mail an Medien, sie gab Interviews (jetzt.de) und erhöhte so den öffentlichen Druck auf Finsterbusch.

Was passierte nach Janas Video?

Nach der Veröffentlichung entschuldigte sich Finsterbusch in einem kurzen schriftlichen Statement auf Instagram: "Als (die Kunstfigur) Hustensaft Jüngling kann ich mich nur schwer entschuldigen" aber "als Ole sag ich ein ernstgemeintes Sorry".

Nach ihrem Video bekam Jana Nachrichten von anderen Opfern, veröffentlichte einige davon in ihrer Story. Am Tag nach dem Video sei sie um ein Treffen mit Finsterbusch gebeten worden, sagt Jana. Sie stimmte zu: "Ich wollte, dass er sich persönlich bei mir entschuldigt". Für das Treffen an einem Samstag sei Finsterbusch dafür allein mit dem Auto von Berlin nach München gefahren. 

Im Gespräch habe er ihr versichert, sich ändern zu wollen und dementierte Medienberichte, denen zufolge er gegen Jana Anzeige wegen Verleumdung erstattet haben soll. Jana überraschte seine Einsicht. Sie habe ihm angeboten, auf weitere Veröffentlichungen erst einmal zu verzichten. Die Vorraussetzung: Finsterbusch müsse sich noch einmal ausführlich, öffentlich und auch bei den anderen Opfern entschuldigen. Finsterbusch habe eingewilligt. 

Zwei Wochen später, am vergangenen Freitag, kam dann tatsächlich eine zweite, ausführlichere Entschuldigung. Finsterbusch kündigte im Video die besagte Karriere-Pause an, er wolle sich künstlerisch neu aufstellen.

Reicht das?

Sollten sich die Vorwürfe von Jana und mutmaßlich anderer Frauen bestätigen: Ein ungewollter Po-Grapscher ist nach dem neuen Sexualstrafrecht eine Straftat. Als sexuelle Belästigung wird er nach §184i mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bestraft. Die Tat wird aber nur auf Antrag verfolgt, es sei denn, dass die Strafverfolgungsbehörde wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts wegen für geboten hält.

Auch der Fall Nele könnte juristische Konsequenzen haben. Bereits die Aufforderung an Minderjährige, Nacktfotos zu schicken ist in der Regel schon strafbar. (Aachener Zeitung)

Was sagt Jana?

Jana ist mit der Entschuldigung zufrieden. "Der Stress hat sich auf jeden Fall gelohnt. Ich habe mein Ziel erreicht, dass Frauen gegen Sexismus aufgestanden sind. Wäre natürlich schön gewesen, wenn noch irgendwelche Männer aufgestanden wären."

Sie hofft, im Sommer eine Organisation für Frauen gründen zu können, die sich gegen Sexismus im Deutschrap einsetzt. "Ich bin mir sicher: Da gibt es noch einige Geschichten mehr."

Und Nele? Konnte das Entschuldigungsvideo nicht sehen: Finsterbusch hat sie auf Instagram noch immer geblockt.

Dazu kommt: Finsterbusch hat nach seiner Video-Entschuldigung zwar alle seine Instagram-Videos gelöscht. Er verdient aber weiter Geld mit seinen sexistischen Texten – der YouTube-Account mit 168.300 Followern ist noch aktiv. Auch auf der Streaming-App Spotify sind zum Zeitpunkt dieses Artikels alle Songs weiter verfügbar – auch "Klau deine Bitch", "Fiqqhure" und der Track "Willst du mit mir schlafen".

*Der Name wurde geändert.

bento per WhatsApp oder Telegram



Queer

Schwul sein und Pfarrer werden: Franks Coming-out in der Kirche
Out im Job: Folge 4

"Ich hatte das Gefühl, dass mein Gott gar nicht will, dass ich schwul bin", sagt Frank W. Echsler. Der 27-Jährige ist mit dem christlichen Glauben aufgewachsen. Lange hatte er gehofft, seine Homosexualität "wegbeten" zu können: Als 17-Jähriger vertraute er sich dafür einem Geistlichen einer Freikirche an. Erst durch sein Theologiestudium und seinen jetzigen Mann hat er gelernt, dass sein Glaube und seine sexuelle Orientierung vereinbar sind. Seit August 2018 lässt er sich an der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg zum Pfarrer ausbilden. 

Pfarrer und schwul - wie geht das?

In der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es 20 Landeskirchen. Diese haben jeweils eigene Kirchenparlamente, sogenannte Synoden. Jede Landeskirche entscheidet für sich selbst, inwieweit sie eine Gleichberechtigung von Homosexuellen zulässt. Somit gibt es noch immer Gemeinden, die homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer oder die kirchliche Traaung von homosexuellen Paaren ablehnen. 

Mittlerweile haben zehn Landeskirchen die Trauung für alle beschlossen. Darunter ist auch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, der Frank und sein Mann angehören. Nächstes Jahr im Sommer werden sie sich kirchlich trauen lassen. 

Wie Frank sein Coming-out in der Kirche erlebt hat, siehst du oben im Video.