Bild: Fabian Strauch/dpa
Drei junge Muslime erzählen von ihren Plänen für den Fastenmonat.

Die Coronakrise zwingt Gläubige in diesem Jahr, Traditionen hintanzustellen. Vor wenigen Wochen konnten bereits Christen ihr Osterfest und Juden ihr Pessach nicht wie sonst abhalten. Nun beginnt am Donnerstag der islamische Fastenmonat Ramadan – und für Muslimas und Muslime auf aller Welt wird vieles anders.

Der Fastenmonat gilt Muslimen als Zeit der Einkehr, allabendlich kommt man eigentlich mit Verwandeten und Freunden zum Essen zusammen. Für das Taraweh, ein besonders Gebet in der Nacht, öffnen sonst die Moscheen. 

In Zeiten von Corona ist das nicht möglich: Gotteshäuser sind in Deutschland derzeit geschlossen, große Zusammenkünfte zu Feiern verboten. 

Was macht das mit Muslimas und Muslimen? Wie blicken sie auf den bevorstehenden Ramadan? Bleiben sie allein – oder verlagern sie das Beisammensein ins Netz? Drei junge Muslime erzählen:

Khan*, 34, Geflüchteter aus Bangladesch

"Ich würde gerne Ramadan feiern, aber ich glaube, das wird kaum möglich. Ich lebe gerade in einer Flüchtlingsunterkunft in Bonn – und hier gibt es nur wenig Möglichkeiten, den Fastenmonat zu begehen. 

Wir bekommen drei Mal am Tag Essen, aber zu den normalen Zeiten, also früh, mittags und abends. Es ist verboten, sich das Essen mit aufs Zimmer zu nehmen. Auch sonst dürfen wir nur Obst oder Getränke mit auf unsere Zimmer nehmen. 

„Will ich fasten, muss ich das nachts allein mit Äpfeln und Bananen machen.“

Das dürfen wir uns von den 30 Euro Taschengeld pro Woche kaufen. Will ich fasten, könnte ich das nachts nur mit Äpfeln, Bananen und Säften machen. Mehr Essen ist nicht erlaubt.

Abstandsregeln oder Hygiene-Vorschriften wegen Corona gibt es hier keine. Es wäre also zumindest möglich, gemeinsam zu beten. Fast alle hier im Heim sind Muslime, viele kommen aus arabischen Ländern. Ich selbst bin aus Bangladesch, mit mir sind noch zwei Pakistanis, ein Iraner und ein anderer Bangladeschi auf dem Zimmer. Aber es gibt keine Gemeinschaftsräume, die Zimmer sind zu eng. Und die Moscheen sind ja geschlossen.

„So oft es geht, gehe ich hin und telefoniere mit meinen Eltern daheim.“

Die einzige Möglichkeit, ein bisschen Festlichkeit aufkommen zu lassen, habe ich am Hauptbahnhof. Dort gibt es einen Wifi-Spot, den ich am Tag eine Stunde lang kostenlos nutzen kann.

So oft es geht, gehe ich hin und telefoniere mit meinen Eltern daheim. Manchmal ist die Verbindung für Videoanrufe stark genug. Ich hoffe, dass ich ihnen beim abendlichen Fastenbrechen zuschauen kann und so aus der Ferne mitfeiern kann."

Hella, 27, Studentin aus Hamburg

"Ich organisiere gerade mit Freundinnen ein virtuelles Ramadan: Die Idee ist, dass wir auf einer Videoplattform Muslime matchen, die alleine zuhause fasten müssen. Per Video können sie dann Iftar, also das abendliche Fastenbrechen, gemeinsam mit anderen begehen.

„Wir matchen per Video Muslime, die alleine zuhause fasten müssen.“

Ich bin wahnsinnig gespannt, wie das laufen wird. Gebeten kann man gemeinsam lauschen, aber wie wird es mit dem Essen? Wann genau man essen darf, bestimmt ja der Sonnenuntergang – schon in Köln ist der ein paar Minuten später als in Berlin. Das wird aufregend.

Auch sonst kümmern wir uns um kleine Zusammenkünfte. Unsere direkten Nachbarn sind auch Muslime – wir haben uns schon verabredet, bei offenen Türen gemeinsam über den Flur hinweg zu beten. Auch im Garten sind Gebete mit Abstand möglich. Treffen mit meiner Verwandtschaft wird es nicht geben. Ich bin vor einigen Jahren zum Islam konvertiert, habe also keine muslimischen Verwandten. Aber klar, die Iftar-Abende mit Freundinnen und Freunden werde ich schon vermissen. 

„Beim Ramadan geht es nicht nur ums Fasten, sondern um eine innere Einkehr.“

Vielleicht hat die Coronakrise aber auch ihr Gutes. Beim Ramadan geht es nicht nur ums Fasten, sondern um eine innere Einkehr. Wenn ich für die anderen kein großes Mahl zaubern muss, bleibt mehr Zeit zum Nachdenken. Das Taraweh, das Nachtgebet im Ramadan, wird dieses Mal sicher viel intimer und spiritueller werden."

Ali*, 26, Gemüsehändler aus Hannover

"Ich muss gestehen, dass ich nicht fasten werde. Ich nehme es mir jedes Jahr vor, aber es klappt einfach mit der Arbeit nicht. 

Ich bin Gemüsehändler, mein Tag geht um Mitternacht los. Zuerst muss ich auf den Großmarkt, selbst Ware einkaufen – dann baue ich gegen 3 Uhr morgens meinen Stand auf. Gegen 18 Uhr komme ich heim. Die Sonne geht so gegen 21 Uhr unter und um 5.30 Uhr wieder auf. Würde ich nur noch nachts essen, bekomme ich gar keinen Schlaf mehr. Und einen Gemüsehändler mit schlechter Laune will ja auch keiner haben!

Ich werde mich dieses Ramadan ganz auf die anderen Tugenden konzentrieren: Nicht fluchen, keinen Alkohol trinken, keine schlechte Tat begehen. Denn auch dazu werden Muslime im Fastenmonat angehalten. 

„Ich glaube, viele Menschen hätten gerne ein bisschen Glück und Geborgenheit in so einer Situation.“

Was ausfallen wird, sind Besuche bei Freunden oder Verwandten. Normalerweise besuchen wir uns abends gegenseitig, um mal hier, mal dort das abendliche Fastenbrechen zu begehen. Aber wegen der Coronakrise bleibe ich nur mit meiner Frau und meinem kleinen Sohn daheim. Auch Bayram, das Fest am Ende vom Ramadan, werden wir nicht groß mit anderen feiern.

In die Moschee kann ich auch nicht gehen. Ich schaue aber mal, ob es Imame gibt, die Gebete im Stream anbieten. Ich glaube, viele Menschen hätten gerne ein bisschen Glück und Geborgenheit in so einer Situation. Es ist ein bisschen schade, dass es keine gemeinamen Gebete gibt."

*Khan und Ali möchten lieber keine Bilder von sich zeigen, Ali heißt zudem eigentlich anders.


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