Die Frau beugt sich über ihr Kind, rüttelt es, beginnt zu weinen. Der kleine Junge reagiert nicht. Draußen wehen Schneeflocken vorbei. Die Szene spielt in einem Flüchtlingslager – hunderte Kriegsflüchtlinge aus Syrien drängen sich in notdürftigen Zelten. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer arabischen Serie, die in diesem Jahr während des Fastenmonats Ramadan laufen wird.

Andere Szenen sind noch mal härter: Es geht um versklavte Frauen, um Enthauptungsvideos, um Selbstmordattentate. Kein Wunder – denn vor allem geht es um die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Die Serie "Gharabib Saud", zu deutsch "Schwarze Krähen", widmet sich dem Leben junger Frauen in dem Hoheitsgebiet des IS. 

Das Ramadan-Event zeigt den arabischen Blick auf das Thema Islamismus so schonungslos wie selten zuvor.

"Gharabib Saud" wurde vom Sender MBC produziert, der in den Vereinigten Arabischen Emiraten sitzt, aber von einem saudischen Eigentümer geführt wird. Fast jeder arabische Haushalt von Marokko bis zum Irak empfängt den Sender – er ist so eine Art arabisches RTL. MBC produziert unter anderem die arabischen Versionen von "Das Supertalent" und "... sucht den Superstar".

Nun Bilder in ein Serienformat zu bringen, die sonst nur in den Nachrichten zu sehen sind, ist etwas Besonderes. Denn die Auseinandersetzung mit dem Thema Islamismus wird in arabischen Medien oft zögerlich behandelt. Es gibt Nachrichten, es gibt Parodien und es gibt immer wieder Geistliche, die den Terror verurteilen. 

Aber oft ist die Haltung vieler Muslime: Diese Terroristen haben nichts mit uns zu tun. Gerade zu Ramadan laufen viele Daily Soaps und viele seichte Comedy-Formate ("New York Times"). 

Das ist der Trailer:

"Gharabib Saud" zeigt jetzt, wie leicht Menschen in die Fänge von Extremisten geraten können. Der IS sei etwas, "über das sich viele Menschen Gedanken machen", sagt MBC-Direktor Ali Dschaber zu "Al-Arabiya". Die Serie soll daher über die Extremisten aufklären – und im Gegenentwurf aufzeigen, "dass es auch die Liebe zum Leben" geben kann. 

Die Serie stützt sich auf Augenzeugenberichte von Überlebenden und ehemaligen IS-Anhängern, die aus dem vermeintlichen Kalifat der Terrormiliz fliehen konnten. 

Eine Szene des Trailers zeigt unter anderem eine Enthauptungsszene, die an ein gruseliges IS-Video aus Libyen erinnert. Im Februar 2015 hatten IS-Anhänger dort 21 Christen aus Ägypten am Strand enthauptet. Die Botschaft: Erst sind die Christen im Nahen Osten dran, dann ziehen wir nach Europa weiter (stern.de).

In den vergangenen Jahren hatten IS-Kämpfer in Teilen Syriens und des Irak eigene Gebiete erobert und dort eine Terrorherrschaft gestartet. Männer, die sich nicht unterwerfen wollten, wurden an öffentlichen Orten gevierteilt, Frauen wurden als Liebessklavinnen verkauft.

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Mit dem Ramadan läuft "Gharabib Saud" nun zur besten Sendezeit. Der Fastenmonat ist der heiligste Monat für Muslime auf aller Welt. Von Sonnenaufgang bis -untergang dürfen gläubige Muslime weder essen noch trinken, danach wird im Kreis der Familie oder in der örtlichen Moschee das Fasten gebrochen. 

Der Ramadan endet mit dem mehrtätigen Zuckerfest, das man gut mit Weihnachten vergleichen kann – sowohl, was seine Spiritualität angeht, als auch was seine Kommerzialisierung angeht.

Das heißt: Serien, die an Ramadan im arabischen Fernsehen laufen, sind Quotenhits. Und die gesamte Familie schaut sie gemeinsam.

Ganz ungefährlich ist das nicht. 2015 hatte MBC sich schon einmal dem IS gewidmet, damals mit einem Parodieformat. Kurz darauf erhielt der Hauptdarsteller Nasser al-Kasabi Todesdrohungen. Die Gefahr nehme man in Kauf, sagt MBC-Direktor Ali Dschaber (Ash-Sharq al-Awsat).

Wenn die Serie gut ankommt, soll es auch eine englische Version geben. Um die "schwarzen Krähen" über den arabischen Raum hinaus bekannt zu machen.

Da geht noch mehr. In Großbritannien gab es eine sehr schwarze Komödie über IS-Frauen:


Streaming

Die EU will Streamingdienste zu einer Heimat-Quote zwingen
30 Prozent der Serien sollen aus europäischen Produktionen kommen.

Die besten Serien auf Netflix oder Amazon Prime sind US-Produktionen. Egal, ob "House of Cards", "Breaking Bad" oder "The Walking Dead" – alle laden zum Bingewatchen ein, am besten immer direkt zum US-Start und immer in Originalton (oder doch nicht?). 

Geht es nach der EU, sollen europäische Serien und Filme künftig im Angebot der Streamingdienste deutlich hervorgehoben werden.

Sowohl das Europäische Parlament als auch der Ministerrat (in dem die EU-Mitgliedsstaaten vertreten sind) haben sich dafür ausgesprochen, dass 30 Prozent des Angebots aus europäischen Produktionen bestehen müssen ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"). Es soll also eine Quote für Heimatproduktionen geben – damit die US-Formate nicht überhand nehmen.