Bild: imago images / Christian Mang

Meine beste Freundin ist schwanger. Wir sind 18, machen bald Abi, der Typ ist ihr erster Freund. 

  • "Sie will zum Studieren wegziehen, und ich finde, sie sollte das Baby abtreiben", sage ich zu meiner großen Schwester.
  • "Schwierige Situation", sagt sie. "Hat sie mit ihren Eltern gesprochen?"

Sie erklärt mir, meine Freundin könnte in ein betreutes Mutter-Kind-Projekt ziehen, anschließend ihr Studium fortsetzen und ihr Leben lang stolz sein auf ihre mutige Entscheidung. Sie könnte doch einfach mal "bei der Alfa" anrufen. Der Alfa e.V. ist ein Lobbyverband radikaler Abtreibungsgegner.

Meine große Schwester lächelt freundlich. Ich schweige.

Und bin froh, dass sie nicht meine richtige Schwester ist – wir spielen ein Rollenspiel. Meine "Schwester" und ich sind auf dem Impact-Kongress, der Konferenz der jungen, deutschen Anti-Abtreibungsbewegung. Zwei Tage lang sollen wir in einer Kirche in Berlin Schöneberg zu "Lebensschützern" weitergebildet werden.

Das Programm ist dicht: In einem Dutzend paralleler Vorträge und Workshops werden Zahlen und Argumente gepaukt. Ein Anwalt erklärt, wie man an der Uni eine "Pro-Life"-Gruppe gründet und gegen den Widerstand der Hochschule durchsetzt. Eine Motivationsrednerin liefert einen mitreißenden Vortrag über die angeblich rassistische und frauenfeindliche Geschichte der Abtreibung. Wir werden über "Natürliche Familienplanung" informiert und in Telefonberatung gecoacht.

Über diese Recherche

Unsere Redakteurin hat sich als Teilnehmerin beim Impact-Kongress angemeldet. Weil Clara, Maria und die anderen Personen dieser Reportage nicht wussten, dass sie Journalistin ist, haben wir alle Namen geändert.

Der ProLife Europe e.V hat auf Interviewanfragen von bento nicht reagiert.

Das Rollenspiel mit den beiden Schwestern war Claras* Idee. Sie ist etwa 30, trägt einen Rock und Blazer mit Pumps. Clara arbeitet als Beraterin bei der 24-h-Telefonhotline des Alfa e.V.

Clara lobt uns und mahnt, betroffenen Frauen müsse man einen "wertfreien Raum zur Entfaltung" zu geben. Wir sollen Ich-Botschaften senden und in eigenen Worten wiederholen, was die Frauen uns sagen. "Was brauchen die Frauen, um ihre eigenen Ressourcen zu aktivieren?" So ähnlich stelle ich mir eine Schulung bei Pro Familia vor.

Ich bin Feministin

Dass Frauen seit 1995 selbst über den eigenen Körper bestimmen dürfen – auch, wenn er schwanger ist - halte ich für den wichtigsten Erfolg der Frauenbewegung. Mein Uterus gehört mir. Davon war ich überzeugt, bevor ich an einem kalten Freitagabend zum "Impact-Kongress" fuhr.

Die etwa 60 Impact-Teilnehmer könnten auch auf einem Juso-Kongress sein: Hipsterbärte, weiße Nike-Turnschuhe und Einhornpullis. Viele sind Anfang zwanzig, die Hälfte sind junge Männer. Da ist Laura*, die sich bei Fridays for Future engagiert und gerade versucht, sich vegan zu ernähren. Unter ihren Freundinnen traut sie sich nicht, offen zu sagen, dass sie gegen Abtreibungen ist. Johanna* schwärmt von den LifeTALKS. Das sind Workshops an Schulen, die der Verein ab der 8. Klasse gibt.

Verklemmt bin hier eher ich.

In zwei Tagen Kongress kann ich mich nicht daran gewöhnen, mit Wildfremden so offen über Abtreibung zu sprechen. Über Utrerusse, Sex, Schwangerschaftswochen, Verhütung und Föten. Über gewalttätige Beziehungen und Vergewaltigungen. All das spricht man hier an. Nur nennt man die Embryonen "Babys". Und die Schwangeren, auch wenn sie nur einen winzigen Zellklumpen in sich tragen, heißen "Mütter im Konflikt".

Am ersten Tag begrüßt uns Maria*:

„Wir wollen zu der Generation gehören, in der Abtreibung abgeschafft wird.“
Maria

Maria ist um die 30, wirkt resolut und ist die Speerspitze der neuen, deutschen Pro-Life-Bewegung. Vor einigen Monaten hat sie in Augsburg den ProLife Europe e.V. mitgegründet. Er wird von altgedienten Lebensschützern wie der "Stiftung Ja zum Leben" und dem "Aktion Lebensrecht für Alle e.V." unterstützt, richtet sich aber gezielt an junge Menschen. Der zweitägige Impact-Kongress ist die erste große Veranstaltung.

Das Framing der neuen Abtreibungsgegner: Für das Leben, für Frauen und für die Liebe. Screenshot: prolifeeurope.org

Für Maria beginnt das Leben mit der Empfängnis. Wer es beendet oder durch die Pille danach unterbindet, tötet. 100.986 Schwangerschaftsabbrüche gab es 2018 in Deutschland. Die meisten Frauen sind zwischen 18 und 30. 

Ich glaube, das sind 100.986 ungewollte, unglückliche Kinder weniger. Maria glaubt, das seien 100.986 straffreie Morde. Ein "Babyzid".

Die erste Rednerin der Konferenz, Elvira*, ist eine prominente österreichische Hebamme und Anti-Abtreibungsaktivistin.

Elvira wirkt ein bisschen wie eine altgedienten Feministin. Eine, die weiß, wie es läuft. Alle kleben an ihren Lippen, als sie erzählt, wie sie heute mit Kindern auf Facebook befreundet ist, deren Mütter sie vor Abtreibungskliniken angesprochen und aufgehalten hatte.

„Ich frage die immer: Was würde der mutigste, stärkste, liebevollste Teil von ihnen entscheiden. Und dann können die gar nichts anderes sagen als: Der würde sich für das Kind entscheiden.“
Elvira

Wir halten den Atem an, als Elvira erzählt, wie sie bei einer Spätabtreibung ein getötetes Baby direkt aus der Vagina mit ihren Händen aufgefangen habe und über Stunden lang nicht habe loslassen können

Wir lachen darüber, wie Elvira mit aufblasbaren Uterussen vor Konferenzen mit Abtreibungsärzten demonstriert hat, und mit ihnen ins Gespräch kam, als sie sich von ihnen Zigaretten schnorrte. "Why do you kill Babies?", habe sie dann gefragt.

Als  der Vortrag vorbei ist, gibt es tosenden Applaus, die Fragerunde muss abgebrochen werden. Danach trinken wir Bier und sollen mit Glitzerstiften Plakate für die große Demo am nächsten Tag malen, den "Marsch für das Leben".

(Bild: Thembi Wolf)

Die Sprüche sind witzig und spielen mit feministischen Parolen. Neben "Mein Körper gehört mir" hat jemand einen Embryo gemalt und so das Argument der Gegenseite einfach umgedreht. Auf einem Plakat steht: "No to Ageism".

Ich fürchte so langsam: Die "Lebensschützer" haben die bessere Geschichte als die Feministinnen.

Sie retten Leben, sie gründen Familien, sie helfen Frauen. Wer ist schon gegen das Leben? Zumal das von Babys? Ich möchte ihnen Recht geben, denn das Narrativ der Abtreibungsbefürworter ist deutlich weniger überzeugend. Und es gibt Punkte, in denen sich Feministinnen und Abtreibungsgegner überraschend einig sind:

Die US-Feministin Erica Millar beschreibt das in ihrem Buch "Happy Abortions" als "Dilemma": Einen Schwangerschaftsabbruch als Ausdruck von Selbstbestimmtheit zu proklamieren, täusche darüber hinweg, dass manche sich das Elternwerden schlicht nicht leisten können. Betone man dagegen die ökonomischen Gründe für Schwangerschaftsabbrüche, zwinge man Frauen in die Situation, ihre Entscheidung rechtfertigen zu müssen.

Die ethische Begründung einer Abtreibung ist eine Gratwanderung. 

Deutschland hat dazu eines der kompliziertesten Gesetze in Europa. Schwangerschaftsabbruch ist verboten, aber straffrei. Ähnlich schizophren sind die verpflichtenden Beratungen geregelt. Dort sollen "insbesondere" Maßnahmen empfohlen werden, "die Fortsetzung der Schwangerschaft und die Lage von Mutter und Kind erleichtern". (Schwangerschaftskonfliktgesetz)

Ein Anwalt referiert über den Umgang mit Hochschulen.

(Bild: Thembi Wolf)

Wenn sogar die Gesetze ihnen Recht geben, könnte man mit den Lebensschützern nicht das Gespräch suchen, statt sie als wirre, reaktionäre Antifeministen abzustempeln? Das denke ich kurz.

Aber dann kommt der Fundamentalismus ins Spiel

Frauen in gewalttätigen Beziehungen, Vergewaltigte, Alleinerziehende, Arme, Minderjährige: Alle sollen unbedingt ihre Kinder bekommen, heißt es immer wieder. Auch Verhütung wird kritisch gesehen.

Eine Referentin erklärt uns, die Antibabypille sei "eine Droge, die Frauen dazu bringt, mit den Falschen zu schlafen". Und die Lebensschutzbewegung müsse endlich so stark werden wie die "Homosexuellen-Lobby".

Frauen, die abtreiben seien egozentrisch, erklärt man uns anhand der Maslowschen Bedürfnishierarchie. Sie stellten ihre Selbstverwirklichung über das existenziellste Bedürfnis des Babys nach Leben.

In der Fragerunde mit der Call-Center-Beraterin frage ich nach Vergewaltigungen. So etwas sei "unfassbares Unrecht", sagt sie. Darum sollten sich die Mütter mit einer Abtreibung aber nicht "zusätzlichen Schmerz" zufügen. 

„Schwangerschaft kann auch Heilung sein.“
"Alfa"-Beraterin

Die Selbstbestimmung der Frau ist für die Menschen hier mit dem Moment der Empfängnis einfach vorbei.

Aber so funktioniert das Leben nicht: Groß angelegte Studien zeigen immer wieder, dass Frauen in Ländern, in den Abtreibungen verboten sind, eben illegale Wege finden – und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen. (Wired) Es scheint für die Abtreibungsgegnerinnen unvorstellbar: Dass eine Frau lieber ihr Leben riskiert als ein neues in die Welt zu bringen.

Der nächste Programmpunkt ist hier die große Demo.

Der Marsch für das Leben 2019

(Bild: imago images / Christian Spicker)

Als wir aufbrechen, laufe ich neben Nils*, seinem kleinen Bruder und einer älteren Frau. Nils ist eloquent und ruhig, Student der Landwirtschaft und Theologie ("Schweinepriester", sagt er) und einer der Mitgründer des neuen Vereins. Nils' Bruder hat das Downsyndrom. Recht auf Abtreibung bedeutet auch, dass immer mehr Eltern sich gegen Menschen wie ihn entscheiden. (SPIEGEL ONLINE)

An uns laufen Gegendemonstrantinnen vorbei, bunt angemalt, viele Punks und junge Menschen, wahrscheinlich Studierende. Sie sind wütend, weil wir über ihren Uterus bestimmen wollen und brüllen uns deshalb ins Gesicht, rempeln uns an. Mir ist das unangenehm, Nils lächelt.

(Bild: imago images / Christian Mang)

Ich wende mich der älteren Frau zu. Sie ist Abgeordnete der AfD, erzählt sie. Noch am Morgen habe sich die Parteispitze, als einzige Partei, mit dem "Marsch für das Leben" solidarisiert.

Die Teilnehmer des Impact-Kongresses dürfen auf die Bühne, ich stehle ich mich davon. Einige hundert Meter weiter, auf der anderen Seite der Spree, demonstrieren die Abtreibungsbefürworterinnen. Sie werden die Bühne später stürmen. Die Veranstalter des "Marsch für das Leben" werten den Tag trotzdem als Erfolg, sie sprechen von einer Rekordteilnehmerzahl: 8000 Abtreibungsgegner.

GEGENDARSTELLUNG

Unter www.bento.de wurde im Beitrag „‘Babyzid stoppen!‘ – Wir waren undercover bei radikalen Abtreibungsgegnern in Berlin“ vom 03.11.2019 mit Bezug auf den Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V. behauptet: „Ich wende mich der älteren Frau zu. Sie ist Vorstand des Alfa e.V. erzählt sie – und Abgeordnete der AfD.“ 


Diese Behauptung ist unrichtig. Kein einziges Vorstandsmitglied des ALfA e.V. ist Abgeordnete (-r) oder Parteimitglied der AfD. 


Augsburg, den 04.11.2019 


Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V., 

vertreten durch den geschäftsführenden Bundesvorstand, 

Cornelia Kaminski, Hans-Peter Reiche




Fühlen

Reisebloggerin Kim: Rafting? Paragliding? – Alles mit Rollstuhl möglich
Videoreihe "Ungehindert", Folge 2: Reisebloggerin Kim Lumelius

Ob Safari in Südafrika, Inselurlaub im indischen Ozean oder Paragliding in der Schweiz: Kim Lumelius, 32, hat schon vieles gemacht. Und sie ist mit ihren Reiseplänen längst noch nicht am Ende.

Immer bei ihren Abenteuern dabei ist Lutzi, ihr Rollstuhl. Im Alter von zwei Jahren wurde bei Kim Spinale Muskelatrophie diagnostiziert, eine Art Muskelschwund. Weil sich einzelne Körperteile allmählich nicht mehr kontrollieren lassen, braucht sie Lutzi als verlässliches Fortbewegungsmittel.