Offiziell dürfen Polizisten in Deutschland Menschen nicht aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft kontrollieren. Dennoch beschreiben viele Deutsche mit Migrationshintergrund, öfter und gründlicher kontrolliert zu werden als andere Deutsche – sei es am Flughafen oder bei einer Straßenkontrolle. 

Warum glauben sie, dass sie Opfer von Racial Profiling sind? Vier junge Menschen haben uns erzählt, woran sie festmachen, dass sie anders behandelt werden – und wie sie mit dem Gefühl umgehen.  

Malik, 23, Comedian und Redakteur aus München. Sein Vater kommt aus Ghana, seine Mutter aus Deutschland.

Ich wurde früher sehr häufig am Hauptbahnhof kontrolliert. Es gab keine Angabe von Gründen. Ich habe aber auch nie nachgefragt und immer einfach getan, was sie von mir wollten. 

Ich fand diese Momente immer demütigend, weil ich das Gefühl hatte, dass ich nichts dagegen tun kann und dem ausgesetzt bin. 

Wie sollte ich auch beweisen, dass das kein Zufall war? Die Polizei hätte sowieso gesagt, dass es eine zufällige Stichprobe sei. Als normaler Bürger hat man nicht die Chance nachzuweisen, dass es eben nicht so ist. 

In den letzten Jahren habe ich angefangen, die Polizei kritischer zu betrachten. Ich würde heute nicht einfach kooperieren. Ich würde nach einem Grund fragen. 

„Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich nur aufgrund meiner Hautfarbe kontrolliert werde und dass schwarze Menschen direkt unter Verdacht stehen.“

Das ist nicht so schlimm wie in den USA, wo regelmäßig Schwarze von der Polizei erschossen werden. Aber auch hier gibt es ein Problem mit der Polizei, wenn sie einfach Menschen nach einem bestimmten Aussehen kontrollieren und so ihre Vorurteile bestätigt. 

Denn das Problem ist ja: Wenn man nur eine Gruppe von Menschen kontrolliert, die bestimmte äußerliche Merkmale haben, dann findet man auch häufiger etwas Illegales. Und das bestätigt nur die Vorurteile. Wenn man allerdings alle Menschen gleichermaßen kontrollieren würde, würde man bei jeder Gruppe etwas finden. 

Salma, 21, Medizinstudentin aus Frankfurt. Hat marokkanische Wurzeln und trägt ein Kopftuch. 

Ich finde es diskriminierend, wenn ich ständig am Flughafen nach Sprengstoff kontrolliert werde. 

Klar, jeder wird am Flughafen kontrolliert. Das ist normal. Aber ich werde jedes Mal besonders kontrolliert und eigentlich fast jedes Mal rausgezogen. Bei einer Sprengstoffkontrolle streichen sie mit einem kleinen Blatt über deine Hände und über dein Gepäck. Alle können das in der Regel sehen. Ich habe das Gefühl, dass ich angestarrt werde. Die Blicke stören mich sehr. 

„Am Anfang habe ich nie verstanden, woran das lag.“

Wieso alle anderen einfach nach dem Körperscan ihr Gepäck nehmen können und ich auf Sprengstoff kontrolliert werde. 

Natürlich wurde mir irgendwann klar, dass es an meinem Kopftuch lag. Einmal wurde ich wieder auf Sprengstoff kontrolliert, da sagte eine der Beamtinnen einfach so: "Wie, es konnte nichts gefunden werden?". Vielleicht sollte es auch ein Scherz sein, aber ich war schockiert. Natürlich konnte nichts gefunden werden. Denken die wirklich, dass ich Sprengstoff bei mir habe? 

Einmal wollten sie am Flughafen, dass ich mein Kopftuch ablege. Ich weigerte mich. Eine  Mitarbeiterin in einen separaten Raum tastete dann alles ab, griff unter mein Kopftuch und zwischen meine Haare. Mir war das sehr unangenehm. 

Ich finde, dass Polizisten neutral sein sollten und jeden gleichermaßen kontrollieren. Jeder kann etwas verbergen. Und nur weil das Bild der Muslime so schlecht ist, heißt das noch lange nicht, dass man nur Muslime kontrollieren sollte.

Ilias, 21, aus Köln. Student mit marokkanischen Wurzeln. In Deutschland geboren und aufgewachsen.

Ich fahre sehr viel Auto und werde mehrmals im Monat für eine Kontrolle angehalten. Ich frage jedes Mal, wieso ausgerechnet ich rausgezogen werde – obwohl ich mich an alle Verkehrsregeln gehalten habe. Und jedes Mal kommt die Antwort, das sei zufällig. Auf die Frage, wieso ich so oft kontrolliert werde, kommt immer die Antwort, dass ich bei diesen Polizisten zum ersten Mal angehalten würde. Ich glaube, dass das Problem mein Aussehen ist. 

Meine Freunde sind auch jung, männlich und fahren Auto. Sie werden aber nicht mehrmals im Monat angehalten, weil sie einfach keine dunklen Haare haben. Mich nervt das in letzter Zeit sehr. Weil ich mir aber nichts zuschulden kommen lasse, sage ich nichts und mache einfach, was sie sagen. Manchmal komme ich auch zu spät wegen der Kontrolle. Das letzte Mal wollte ich mich mit meinen Freunden treffen, und alle mussten auf mich warten, weil ich wieder angehalten wurde. 

„Noch schlimmer als Polizisten finde ich aber Türsteher vor Clubs oder vor Bars.“

Da hat man das Gefühl, Mensch zweiter Klasse zu sein. All deine Freunde kommen rein, aber du wirst an fast jeder Tür zurückgewiesen. Ich bin es mittlerweile gewohnt, nicht direkt reinzukommen. Letztes Mal sagte ein Türsteher zu mir, dass ich nicht rein käme, weil ich wohl zu viel getrunken hätte. Dabei war ich komplett nüchtern. Ich wusste, dass es an meinem Aussehen lag. Aber natürlich sagt der Türsteher nicht: "Hey, du kommst hier nicht rein, weil du schwarz bist", sondern denkt sich eben eine Ausrede aus. Auch die Polizisten sagen nicht, dass man kontrolliert wird, weil man anders aussieht. Aber man spürt es.

Mubina (25) lebt in der Nähe von Frankfurt und studiert Wirtschaftspsychologie. Ihre Eltern kommen aus Pakistan. Sie wurde in Deutschland geboren.

(Bild: Privat)

Kontrollen am Flughafen sind oft zufällig. Aber ich glaube, manche Menschen werden gezielt kontrolliert. Denn es kann kein Zufall sein, dass ich fast jedes Mal nach Sprengstoff kontrolliert werde. Und alle anderen eben nicht. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Meine Eltern kommen ursprünglich aus Pakistan. Deswegen habe ich auch eine dunkle Haut und dunkle Haare und Augen, was dazu führt, dass ich jedes Mal für eine Kontrolle am Flughafen rausgezogen werde. Ich frage in der Regel nach, wieso gerade ich kontrolliert werde und kein anderer. Da kommt dann immer die Antwort, dass das Zufall sei. 

Ich glaube aber, dass die Mitarbeiter bestimmte Kriterien haben, nach denen sie gezielt suchen: Dunkle Haare, Bart und Kopftuch. Das fühlt sich unglaublich diskriminierend an. 

„Sogar mit einem deutschen Pass bin ich in deren Augen eine potenzielle Gefahr.“

Das macht mich sehr wütend. Ich war einmal in Australien, und da wurde jeder nach Sprengstoff kontrolliert. Da fand ich das überhaupt nicht schlimm. Wenn jeder kontrolliert wird, dann fühlt man sich auch nicht diskriminiert. Ich verstehe nicht, wieso das in Deutschland nicht möglich ist.


Gerechtigkeit

Joshua, 22, ist das Gesicht des Aufstands in Hongkong: "Es gab keine Gewalt"

In Hongkong ist Aufstand. Hunderttausende, vor allem junge Menschen, gehen seit Wochen auf die Straße. Allen voran: Joshua Wong, 22. Derzeit drohen die Proteste, in Gewalt umzuschlagen.

Wir haben mit Joshua gesprochen, dem Kopf der Demokratiebewegung.

Schon mit 14 Jahren verteilte Joshua Flugblätter an seiner Schule. Ein Jahr später folgten seinem Aufruf mehr als Hunderttausend, vor allem junge Menschen auf die Straße – sie verlangten freie Wahlen. Gemeinsam brachten sie die damalige Regierung zu Fall. (Süddeutsche