Bild: Pixabay
Er behandelt Kranke wie Straftäter.

Zu sagen, dass man depressiv ist, ist an sich schon eine sehr schwierige Sache. Depressiv zu sein bedeutet, nicht mehr zu funktionieren und auf Hilfe angewiesen zu sein. Depressiv zu sein bedeutet, im schlimmsten Fall alles zu verlieren. Jobs, Beziehungen, Leben. Weil die Krankheit noch immer ein Tabuthema ist, noch immer nicht genauso bewertet wird, wie Diabetes, Krebs, Endokarditis. Dabei ist das Gehirn ein Organ, genauso wie die Bauchspeicheldrüse, die Lunge, das Herz.

Das alles ist nicht neu, das alles muss aber immer wieder betont werden, wenn wir darüber sprechen, was die Landesregierung in Bayern nun plant. Nämlich: Ein Gesetz, das psychisch Kranke wie Straftäter und Straftäterinnen behandelt. Und dieses Gesetz ist nicht nur ein Skandal, weil die meisten Menschen wissen, dass psychisch Kranke keine Kriminellen sind, nur weil sie krank sind. Es ist auch ein grundlegender Verstoß gegen die Würde eines Menschen. 

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Ich bin 32 und war viele Jahre sehr krank. Ich hatte wiederkehrende (sogenannte rezidivierende) Depressionen – eine Folge meiner ADHS. Meine Zwanziger habe ich in Kliniken und bei Therapeuten verbracht. Es tut heute noch weh, wenn ich daran denke. Es fühlt sich an, als hätte ich die Zeit verloren, die für viele Menschen "die beste Zeit des Lebens" ist. Aber bei aller Traurigkeit darüber, bei allem Schmerz, war ich nie: eine Bedrohung für andere.

Das geplante Gesetz erweckt aber genau diesen Eindruck. Es sieht vor, dass psychisch Kranke polizeilich erfasst werden können, wenn Gefahr von ihnen ausgeht. Ob das der Fall ist, kann auch die Polizei entscheiden. Die Personen können dann gegen ihren Willen überwacht und abgeschirmt werden. Sie dürfen behandelt werden wie Kriminelle. Und das hat Auswirkungen für alle psychisch Kranken – auch für die, die den Polizistinnen und Polizisten zufolge nicht gefährlich sind. 

In eine Klinik zu gehen, ist ein schwieriger und schmerzhafter Akt. Einzusehen, dass man es alleine nicht schafft – das kostet Mut, Überwindung, und es löst Scham aus. Zu einigen der schlimmsten Momente meines Lebens gehörten die Anrufe bei Eltern und Freunden: "Ich bin in der Klinik, ich weiß nicht, wie lange."

Worum es in dem Gesetzentwurf genau geht

In Bayern wird derzeit an einem Gesetzentwurf gearbeitet, dem Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz. Damit können psychisch kranke Menschen in Krankenhäusern festgesetzt werden. Die Polizei kann mit diesem Gesetz gegen psychisch Kranke vorgehen, ohne dass eine Straftat vorliegt. (bento)

Das Gesetz regelt eigentlich, wie Kranke besser betreut werden können, etwa durch den Aufbau eines Netzwerks für schnellere Hilfe. Es enthält aber auch Paragrafen mit Maßnahmen, die eine mögliche Gefahr von psychisch Kranken abwehren sollen:

  • Psychisch Kranke können „gegen oder ohne ihren Willen untergebracht werden“, also zwanghaft in Krankenhäuser eingewiesen werden.
  • Besuche durch Angehörige können eingeschränkt und kontrolliert werden.
  • Telefonate dürfen überwacht, die Wohnung durchsucht und Handys oder Laptops einkassiert werden, falls die kranke Person ihr Einverständnis nicht gibt. 


Aber: In eine Klinik zu gehen bedeutet auch, dass es besser werden wird. Dass da nun Hilfe ist. Und dass man wieder gehen kann, wenn es so weit ist. Denn: Wer freiwillig hineingeht, darf auch freiwillig hinausgehen. Und zwar jederzeit. Außer, er ist eine Gefahr für sich und andere.

Niemand möchte der Willkür eines Staates ausgesetzt werden, wenn er sich nicht wehren kann.
Kathrin Weßling

Dass es jemals ein Gesetz geben könnte, das diesen schwierigen Moment, sich in fremde Hände zu begeben, noch schlimmer macht,  war für mich bislang unvorstellbar. Doch jetzt soll es kommen: Ein Gesetz, das mich in solchen Situationen registrieren wird. Ein Gesetz, das zulässt, dass nicht Ärzte entscheiden, ob ich krank bin, sondern die Polizei. Dass eben diese mein Telefon durchsuchen kann, meinen Laptop, meine Wohnung. Ein Gesetz, das Verwandte und Freunde davon abhalten kann, mich zu besuchen. 

Dieses Gesetz ist eine Stigmatisierung. Ich weiß nicht, wie dieses Gesetz kranken Menschen helfen soll, stattdessen habe ich Angst davor, dass es dafür sorgt, dass Betroffene möglichst lange warten, bis sie sich Hilfe suchen. Denn niemand möchte der Willkür eines Staates ausgesetzt werden, wenn er sich nicht wehren kann. Wenn er Angst haben muss, dass er, wenn er sich Hilfe sucht, registriert, weggeschlossen und durchsucht wird.

Psychisch kranke Menschen sind auf die gleiche Weise krank, wie jeder andere auch. Dass das endlich allen klar ist, dafür haben viele Betroffene Jahre gekämpft. Der Gesetzesentwurf ist ein Rückschlag für diesen Kampf. Wird er durchgesetzt, entwickeln wir uns zurück zu einer Gesellschaft, in der psychisch Kranke ausgeschlossen werden. Was für ein trauriger Gedanke. 


Gerechtigkeit

Kann man machen: SPD Lübeck zeigt sich als Ikea-Katalog
Nur Köttbullar gibt's nicht.

Am 6. Mai finden in Lübeck Bürgerschaftswahlen statt. Die SPD versucht ihr Glück im Wahlkampf mit einem Parteiprogramm à la Ikea – und hat ihr Programm wie einen Katalog des Möbelhauses aufgezogen. Passend zum Katalog-Look gibt es den Wahlkampf-Slogan:

"Wählst du schon oder überlegst du noch?"

Statt langweiligen und langwierigen Parteiphrasen gibt es kurze Absätze zur SPD, Personenbeschreibungen und Fakten zu Lübeck. Anstelle der Produktbeschreibungen und Preise, die sonst die Einrichtung bewerben sollen. 

Fotografiert wurde alles in Wohnzimmern oder Küchen, ganz im Stil von Ikea. Okay, vielleicht ein kleines bisschen weniger stylisch