Bild: dpa/Depo Photos

Es fing klein und unaufregend an: Ein türkischer Oppositionspolitiker begann am 15. Juni einen Protestmarsch. Von Ankara aus wollte er die 450 Kilometer bis nach Istanbul marschieren. Um damit gegen die Regierung Erdogans zu protestieren. 

Die Regierung belächelte ihn zunächst. Bis sich die Demonstration zu einer der größten in der Geschichte der Türkei entwickelte.

Am Wochenende soll der Protestmarsch in Istanbul eintreffen – genau zu dem Zeitpunkt, an dem Erdogan auf dem G20-Gipfel in Hamburg auftritt.

Wer marschiert dort?

Gestartet hat den Protestmarsch der Chef der türkischen Oppositionsparter CHP, Kemal Kiliçdaroglu. Der 69-Jährige war in der Vergangenheit nicht für Volksnähe oder Unterstützung von Protesten bekannt: Im vergangenen Jahr unterstützte seine Partei sogar die Aufhebung der Immunität oppositioneller Parlamentsabgeordneter – und machte damit ihre Verhaftung möglich. (SPIEGEL ONLINE)

Seit dem erfolgreichen Volksreferendum über ein Präsidialsystem distanziert sich Kiliçdaroglu jedoch von der regierenden AKP. Er wirft ihr Wahlbetrug vor – und unterstützt eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Rechtmäßigkeit der Abstimmung. (bento)

Dem Protest schlossen sich innerhalb weniger Tage über 10.000 Menschen an. 

"Die Ungerechtigkeit in der Türkei hat ein unglaubliches Ausmaß angenommen."
Kemal Kılıçdaroğlu
Worum geht es bei dem Marsch?

Kiliçdaroglu protestiert damit gegen die Verurteilung seines Parteikollegen Enis Berberoğlu. Dieser wird beschuldigt, die Oppositionszeitung "Cumhurriyet" bei der Aufdeckung geheimer Waffenlieferungen der türkischen Regierung nach Syrien unterstützt zu haben

Am 14. Juni wurde er wegen der Veröffentlichung "geheimzuhaltender Dokumente zwecks politischer und militärischer Spionage“ zu 25 Jahren Haft verurteilt. Da regierungsnahe Medien behaupteten, das Videomaterial sei vom Parteichef gekommen, muss nun auch Kiliçdaroglu um eine Verhaftung fürchten. (özgürüz)

Wie läuft der Marsch ab?

Einen Tag nach der Verhaftung seines Kollegen zog Kılıçdaroğlu vom Stadtzentrum Ankaras los, in der Hand nur ein Plakat, auf dem "Adalet" – "Gerechtigkeit" – steht. 

Der Marsch soll 28 Tage dauern und am Wochenende im Istanbuler Stadtteil Maltepe enden – genau vor dem Gefängnis, in dem Berberoğlu einsitzt. Kiliçdaroglu hält während des Marsches regelmäßig Reden und fordert die Demonstranten dazu auf, friedlich zu bleiben. 

Bei Zwischenfälle mit Gegnern des Protests sollten sie sich nicht mit Gewalt wehren, sondern nur applaudieren. (bianet)

"Wir führend derzeit die friedlichste Demonstration in der der Geschichte der Türkei an."
Kemal Kiliçdaroglu
Warum ist das wichtig? 

Am 15. Juli jährt sich der gescheiterte Putschversuch gegen die Regierung Erdogans. Seitdem greift der türkische Präsident hart gegen Kritiker durch und baut die Türkei zu einem autokratischen System aus. 

Viele Menschen haben Angst, zu demonstrieren. Der Marsch für Gerechtigkeit gilt damit als wichtigste Widerstandsbewegung seit den Gezi-Protesten 2013. Und er könnte sich zur Massenbewegung entwickeln, sobald der Protestzug Istanbul erreicht. 

Für Erdogan, der die Demonstranten schon als Terroristen bezeichnet hat, ist der Marsch gefährlich: Denn er zeigt, dass seine Einschüchterungstaktik nicht funktioniert hat – und dass die Opposition noch lebt.

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