Bild: Jannis Große
Jannis Große musste sich komplett ausziehen, die Polizei nahm ihm die Kamera ab.

Tausende junge Aktivistinnen und Aktivisten haben am Wochende gegen den Braunkohleabbau von RWE am Hambacher Forst protestiert. Sie besetzten Gleise, blockierten Züge – und  forderten den sofortigen Kohleausstieg. Einige Aktivisten kletterten außerdem auf einen riesigen Braunkohlebagger.

Foto-Journalist Jannis Große, 21, war im Auftrag von bento vor Ort – er sollte Fotos machen und für uns berichten. Dass ihm das nicht gelang, lag an der Polizei. Sie setzte ihn mehr als zehn Stunden lang fest, nahm ihm Kamera und Speicherkarte ab. Obwohl er sich als Journalist auswies, mit dem bundeseinheitlichen Presseausweis. Im Interview erzählt er, was passiert ist – und wie er behandelt wurde.

Polizeikessel am 27. Oktober

(Bild: dpa / Christophe Gateau)

Jannis, du solltest für uns von der Blockade am Hambacher Tagebau von RWE berichten – die Polizei hat das verhindert. Was ist passiert?

Ich habe einen Finger von "Ende Gelände" begleitet. Das waren ungefähr 35 Personen, die als Gruppe in den Tagebau Hambach auf das Gelände von RWE gegangen sind und einen Bagger besetzten. Ich habe Fotos gemacht, um für bento von der Blockade zu berichten. Ich bin bewusst nicht selbst auf den Bagger gegangen.

Relativ schnell war Security da. Vielleicht zehn Minuten später kam auch die Polizei. Ich habe mich dann der Polizei ausgewiesen, mich als Journalist zu erkennen gegeben.

Hast du also auch deinen Presseausweis vorgezeigt?

Genau, den und meinen Perso. Meine Daten wurden dann überprüft. Als die Polizistin wiederkam, sagte sie zu mir, dass ich nicht weiter fotografieren dürfe. Falls ich doch weiter Fotos machen sollte, würde mir meine Kamera abgenommen. 

Hat die Polizistin das begründet?

Nicht wirklich. Sie sagte, ich hätte Hausfriedensbruch begangen und dürfte deswegen nicht weitermachen. Ich habe erwidert, dass ich hier arbeite, auf die Pressefreiheit hingewiesen.

Das hat nichts gebracht?

Nein, ich musste mich zu den Aktivisten in den Kessel stellen, hinsetzen durfte ich mich nicht. Dann habe ich ein paar meiner Bilder von der Kamera aufs Handy geladen, um sie auf Twitter zu posten. Neben mir stand ein Polizist, mit jeder meiner Handlungen wurde er nervöser.

Hattest du dich räumlich von den Aktivisten distanziert?

 Ja, ich bin extra ein paar Meter weggegangen als die Polizei kam. Ich kann verstehen, dass es für die Polizisten eine schwierige Situation war: Ich bin jung, sah den Aktivisten vielleicht ähnlich, weil ich genauso verdreckt war. Aber die Polizei hat ja auch meinen Ausweis gesehen. Es war wirklich allen klar, dass ich Journalist bin.

Und dann?

Wir wurde alle zusammen in einen Gefangenentransporter gebracht, das war ein umfunktioniertes RWE-Fahrzeug. Mein Handy wurde mir abgenommen, in den Rucksack gepackt, der wurde mir abgenommen. Auch meine Kamera nahm mir die Polizei weg.

Die Polizei hat dich wie einen der Aktivisten behandelt?

Ja. Gefühlt war ich für sie eine noch größere Gefahr. Ganz offensichtlich haben einzelne Polizisten während der ganzen Sache meinen Twitter-Account verfolgt.

(Bild: Jannis Große)

Was ist dann passiert?

Es hörte sich so an, als ob ein zweiter Tatvorwurf dazukam. Offenbar war eine RWE-Mitarbeiterin gestürzt und den Aktivisten wurde das möglicherweise vorgeworfen. Das habe ich aber nicht genau verstanden. Ich habe auch nie eine RWE-Mitarbeiterin gesehen. Wir wurden dann alle in die Gefangenensammelstelle gebracht.

Und was passierte mit deiner Kamera und den Bildern?

Ein Polizist sagte mir, dass er sie zur Sicherung von Beweisen sichergestellt habe. Dem habe ich widersprochen. Dann sagte er: "Okay, dann ist sie beschlagnahmt."

Was ist in der Genfangenensammelstelle passiert?

Ich wurde behandelt wie die anderen Aktivisten. Es wurde eine Foto von mir gemacht. Dann musste ich mich komplett ausziehen. Alle Klamotten, inklusive Unterhose, wurden durchsucht.

Wie hast du dich dabei gefühlt?

Die Beamten waren freundlich, haben aber sehr deutlich gezeigt, dass sie Macht über mich haben. Sie haben mich geduzt, haben es völlig ignoriert, wenn ich auf meine Rechte hingewiesen habe. Ich fühlte mich ausgeliefert.

Wo wurdet ihr festgehalten?

Wir kamen in eine Art Käfig. Der war rund fünf mal fünf Meter groß. Ungefähr 20 Menschen saßen darin. Auf dem Boden lagen Matten, die mich an Yoga-Matten erinnert haben.

Bei zwei Kripo-Beamten habe ich erneut ausgesagt, dass ich als Journalist im Auftrag von bento gearbeitet habe. Und ich habe klargemacht, dass ich eine Sicherstellung der Kamera widerspreche – und auch der Auswertung meiner Bilder.

Zehneinhalb Stunden, nachdem ich in den Kessel musste, wurde ich freigelassen. Davon saß ich rund acht Stunden in dem Käfig. Die Kamera und meine Bilder aber habe ich nicht bekommen. Ein Polizist sagte, die sei beschlagnahmt.

Gibt es dazu ein Protokoll von der Polizei?

Nein, danach habe ich auch gefragt, bestimmt zwölf Mal. Die Polizisten sagten mir: "Das können Sie gerne wollen, Sie bekommen es aber nicht." Inzwischen habe ich noch eine E-Mail geschrieben und schriftlich ein Beschlagnahmungsprotokoll verlangt.

Das war am Samstag, am heutigen Montag hast du deine Kamera immer noch nicht wieder?

Nein. Dazu kommt: Die Kamera ist voller Schlamm, wenn sie nun einfach nur eingelagert wird, könnte sie kaputt gehen. Neu ist sie inklusive Objektiv 1500 Euro wert. Auch meine Bilder sind weg.

War das für dich absehbar?

Ich habe im Vorfeld damit gerechnet, dass es zu einem Konflikt mit der Polizei kommt. Ich habe auch ähnliche Situationen schon erlebt. Teilweise habe ich meine Bilder löschen müssen, wurde festgehalten, durchsucht. Aber dass meine Kamera beschlagnahmt wurde, dass ich stundenlang in einem improvisierten Gefängnis saß – damit hatte ich nicht gerechnet.

Hättest du im Nachhinein anders gehandelt?

Ich bin der Meinung, dass in solchen Fällen die Pressefreiheit Vorrang hat. Darüber müssen letztlich Gerichte entscheiden, ich rechne damit, dass RWE Anzeige erstattet. Aber ich finde es wichtig, dass über solche Aktionen berichtet wird. Selbst wenn RWE daran kein Interesse hat.

Unsere Stellungnahme

Ole Reißmann, Redaktionsleitung bento: "Die Polizei muss sicherstellen, dass Journalistinnen und Journalisten ihrer Arbeit nachkommen können. Das schließt die begleitende Berichterstattung bei öffentlichen Aktionen mit ein. Wir protestieren gegen die Beschlagnahmung des Fotoapparats unseres freien Mitarbeiters. Die Bilder dienen der Berichterstattung und sind von öffentlichem Interesse. Wir erwarten die Herausgabe von Kamera und Bildern. Etwaigen Bestrebungen der Behörden, das beschlagnahmte Bildmaterial für Zwecke der Strafverfolgung zu missbrauchen, ist dringend Einhalt zu gebieten."


Gerechtigkeit

Angela Merkel will raus aus der Politik. Was du jetzt wissen musst
Die wichtigsten Punkte aus ihrer Pressekonferenz

Harte Verluste in Bayern, Enttäuschung in Hessen: Nach den wenig begeisternden CDU-Ergebnissen bei den vergangenen beiden Landtagswahlen hat sich Kanzlerin Angela Merkel nun zur Zukunft der Partei geäußert – und zu ihrer eigenen. Am Montagmorgen teilte sie zunächst mit, nicht mehr als CDU-Parteivorsitzende antreten zu wollen, am Mittag folgte dann der viel größere Knaller: Merkel will sich komplett aus der Politik zurückziehen – allerdings erst in ein paar Jahren.

Hier sind die wichtigsten Punkte aus der Pressekonferenz.

1 Merkel will nicht mehr für das Amt der Bundesvorsitzenden der CDU kandidieren.

Im Dezember wird der Parteivorsitz von CDU und CSU gewählt. Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn haben ihre Namen für das Amt bereits in Spiel gebracht.

2 Merkel wird 2021 nicht mehr zur Bundestags-Wahl antreten.

"Die vierte Amtszeit wird meine letzte sein", erklärte Merkel bei der Pressekonferenz. Aber sie habe sich gefragt, was sie selbst zur Stabilität im Land beitragen könne. Jetzt zurücktreten will sie aber offensichtlich nicht. Ihren Worten nach wäre es ein "Treppenwitz der Geschichte" wenn schon nach sechs Monaten über die Arbeit dieser Regierung geurteilt würde. Nach 2021 will Merkel für kein weiteres politisches Amt mehr kandidieren, auch nicht für den Bundestag.

3 Merkel will weitermachen.

Deshalb will sie bis 2021 im Amt bleiben und den Übergang mit der CDU zusammen vorbereiten. Ihr sei bewusst, dass dies so noch nie stattgefunden habe. Merkel betonte zu Anfang der Pressekonferenz, dass sie ihre Ämter immer "in Würde" tragen und auch niederlegen wollte – aber dass man sich das nicht immer aussuchen könne.

4 Sie widerspricht ihrer eigenen Überzeugung.

Eigentlich habe sie sich immer klar dafür ausgesprochen, Kanzleramt und Parteivorsitz in einer Hand zu lassen, bekannte Merkel bei der Pressekonferenz. Merkel hält die Verteilung der Posten auf zwei Personen nur für tragbar, weil sie zeitlich begrenzt ist – bis 2021.

5 Die Partei soll sich auf eine Zeit ohne sie vorbereiten.

Merkel will der CDU so auch Zeit kaufen, ihre Nachfolge zu regeln. Wie begeistert die Partei auf diese Pläne reagiert, wird sich allerdings noch zeigen. Volker Bouffier, Hessens Ministerpräsident, dankte Merkel zumindest erst einmal für ihre Entscheidung.

Merkel ging dabei mit sich selbst und der Regierung hart ins Gericht: Die Regierungsbildung sei quälend gewesen, die vernünftige Sacharbeit von CDU, CSU und SPD sei überschattet worden von einer "inakzeptabelen Arbeitskultur". Die Wahl in Hessen sei ein sehr deutliches Signal, dass es so nicht weitergehen könne. Weil jeder weitere Tag zähle, habe sie deshalb beschlossen, schon heute ihre persönlichen Schlussfolgerungen zu verkünden.

Nicht alles war schlecht seit der Bundestagswahl. Hier sind die besten Reden, mit denen die AfD im Bundestag zerlegt wurde: