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Warum Sexarbeit immer noch im Lockdown ist – und was das für viele Frauen bedeutet.

"Die Männer fragen immer nach dem Extra", sagt Alexa am Telefon, "immer". Ob es um Blowjobs gehe, Handjobs oder auch richtigen Sex – am Ende sei keiner nur wegen einer Rückenmassage gekommen. Und das ist für Alexa ein Problem. Sie bietet erotische Massagen in einem Appartement in Hamburg an. Aber was sie dort mit den Männern macht, ist derzeit eigentlich nicht erlaubt.

Seit Mitte März ist Sexarbeit in allen Bundesländern verboten, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. In 10 von 16 Bundesländern sind zudem auch andere sexuelle Dienstleistungen wie Tabledance untersagt. Es ist kaum zu erwarten, dass sich das demnächst ändert. Auch in Hamburg gilt ein allumfassendes Verbot, also nicht nur für die Bordelle, sondern für alle Orte, an denen Prostitution angeboten wird: Terminwohnungen, Autos und Massagestudios sowie bei Haus- und Hotelbesuchen (Hamburg.de). 

Wer Massagen mit "Happy End" anbietet, also Massagen, deren Ziel ein Orgasmus beim Kunden oder der Kundin ist, begeht damit eine Ordnungswidrigkeit. Die Geldstrafen können aber viele nur zahlen, wenn sie illegal weiterarbeiten.

Das Prostitutionsverbot unter Corona lässt Schlupflöcher entstehen

Alexa kommt aus Russland und bietet "Happy Ends". Ihr Alter will sie nicht nennen, der Name ist ein Pseudonym. Zu groß ist ihre Angst, aufzufliegen. Im Netz ist sie auf einem Szene-Portal gelistet, man kann mit ihr über Whatsapp chatten und einen Termin ausmachen. Eigentlich ist Alexa ausgebildete Massagetherapeutin und Akupresseurin. Als Freiberuflerin kommt sie damit aber nicht über die Runden, sagt sie – und hat sich daher als Erotikmasseurin ein zweites Standbein aufgebaut.

In den ersten Monaten der Coronakrise sei es sehr schwer gewesen, sagt Alexa. "Viele Männer hatten Angst, es war nix los." Sie habe angefangen, in Onlinekursen Programmieren zu lernen. "Ich will in die IT, Schluss mit Erotikmassagen." Doch als im Mai Kontaktbeschränkungen für Wellness-Massagen, Frisöre und Kosmetikstudios gelockert wurden, fing auch Alexa wieder an, zu massieren.

Die Massagen sind mittlerweile ein beliebtes Schlupfloch: Wo die Bordelle noch geschlossen haben, geht es in den Hinterzimmern der Massagestudios wieder los. Die Studios dürfen klassische Wellnessmassagen ohne sexuellen Hintergrund wieder anbieten. Ein Hygienekonzept schreibt vor, wie Kundinnen und Kunden bis zur Massagebank begleitet werden müssen. Das nutzen einige Studios und selbstständige Anbieterinnen aus, um im Geheimen auch Erotikmassagen anzubieten. 

„Wir haben gerade Sonja, Leila und Mailin da. Sie machen alles, was du wünschst.“
Massagestudio-Besitzerin am Telefon

bento hat verdeckt bei gut einem Dutzend Studios in Hamburg angerufen, die auf einschlägigen Onlineportalen dafür bekannt sind, "Happy End"-Massagen anzubieten. Nur zwei haben am Telefon darauf hingewiesen, dass erotische Handlungen derzeit untersagt sind. Alle anderen haben solche Dienste entweder angedeutet oder offensiv beworben. Eine Studiobetreiberin schwärmte: "Wir haben gerade Sonja, Leila und Mailin da, sie machen alles, was du wünschst." Eine andere drückte sich vorsichtiger aus: "Es ist nicht so gut, darüber am Telefon zu reden – aber mir ist egal, was du dann im Zimmer mit den Mädchen besprichst." 

Je länger der Corona-Lockdown anhält, desto mehr Sexarbeiterinnen wechseln in die Illegalität

Nicht immer haben die "Mädchen" dabei viel mitzureden. Zwar wissen sie, dass sie ihre Dienste derzeit nicht anbieten dürfen – aber aus wirtschaftlicher Not oder weil Zuhälter dahinterstehen, tun viele es trotzdem. 

"Weil viele Bordelle weiter geschlossen bleiben, sind Frauen dazu gezwungen, auf anderen Wegen weiter der Prostitution nachzugehen", sagt Stephanie Klee vom Bundesverband sexuelle Dienstleistungen. Zuerst habe das die getroffen, die "von der Hand in den Mund leben". Mittlerweile ist es ein so langer Zeitraum, dass auch Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter mit Rücklagen wieder arbeiten müssen. 

"Die Prostitution verlagert sich ins Dunkle, je länger sie verboten bleibt", sagt Stephanie Klee. Und das werde zum Problem: "Viele Frauen und Männer, die nun erstmals Haus- und Hotelbesuche machen, wissen nicht, wie sie sich vor übergriffigen Freiern schützen sollen, die ein Nein nicht akzeptieren." Die Verbandschefin habe in den vergangenen Tagen vermehrt Fotos von Kolleginnen zugeschickt bekommen, auf denen man erkenne, wie einige Frauen übel zugerichtet wurden. "Es ist gruselig, was ich mir da anschauen musste." 

Imageaktion eines Bordells in BaWü: Hygieneregeln für eine mögliche Wiedereröffnung.

(Bild: Tom Weller/dpa)

Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter setzt die Coronakrise unter besonderen Druck. Die wenigsten haben Ersparnisse, viele arbeiten unter Zwang oder stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis. Zwar können viele Prostituierte eine Notsicherung erhalten, aber weitere staatliche Hilfen, zum Beispiel für Selbstständige, erreichen die Prostituierten häufig nicht. Die privaten Mieten, die viele in Massagezimmern oder Terminwohnungen zahlen, fallen nicht unter das Raster, Betriebskosten ebensowenig – denn die können nur entstehen, wenn legal gearbeitet wird.

Andere EU-Länder erlauben die Prostitution längst wieder

Die Frauen, mit denen bento gesprochen und geschrieben hat, sagen fast alle, dass sie weiterarbeiten müssen, weil sonst das Geld knapp wird. Damit hat sich seit März wenig geändert. Schon damals hatte bento in der Szene recherchiert und mit Frauen gesprochen, die in Terminwohnungen trotz Lockdown weiter arbeiten mussten.

Der Bundesverband fordert nun auf Demos und der eigens eingerichteten Kampagnen-Homepage "Sexarbeit gleichstellen", Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter wieder arbeiten zu lassen. "Wir haben schon Anfang Mai Hygienekonzepte ausgearbeitet, nur werden sie bislang ignoriert", sagt Verbandssprecherin Stephanie Klee. In der Schweiz, Belgien, den Niederlanden, Österreich und Tschechien ist Sexarbeit inzwischen wieder erlaubt. Nur Deutschland tut sich bislang schwer mit einer Beurteilung. 

"In der Kirche ist die Ansteckungsgefahr höher als im Bordell"

Bordelle hätten auch vor Corona schon viel Wert auf Sauberkeit und Schutz gelegt, schon um sexuell übertragbaren Krankheiten vorzubeugen, sagt Stephanie Klee. Auch das Speichern der Kontaktdaten von Freiern sei längst gängige Praxis, gerade im Escort-Bereich. Dass die Politik sich nun scheut, Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern die Rückkehr zur Arbeit zu erlauben, macht Stephanie Klee wütend: "In der Kirche sitzen die Menschen eng beieinander und atmen die Aerosole der Nachbarn ein, bei uns verschwinden die Kunden einzeln auf den Zimmern – nun sag mir, wo die Ansteckungsgefahr höher ist?"

Auch die Masseurin Alexa ärgert sich, dass sie ihre Dienste im Verborgenen anbieten muss. Sie glaubt mittlerweile, es gehe nur darum, Frauen wie sie wirtschaftlich fertig zu machen. In längst wieder geöffneten Bars würden sich Menschen auch wieder dicht aneinander drängen. "Dort geht es schlimmer zu als bei mir im Zimmer", sagt sie, "dort steckt man sich viel leichter an".

Mittlerweile ist ein Flickenteppich an Verordnungen entstanden: Zwar erlaubt kein Bundesland das Öffnen von Bordellen, aber manche wie Bayern und Baden-Württemberg "private Prostitution" an anderen Orten (Deutschlandfunk). Gleichzeitig haben die ersten Bordelle vor Gericht Klage auf Wiedereröffnung eingereicht (tz München). Vielerorts machen Massagestudios und Escort-Dienste, was sie wollen. 

Die Leidtragenden seien am Ende die Sexarbeiterinnen, sagt Stephanie Klee: "Es ist zu befürchten, dass Verkehr auch dort stattfindet, wo er verboten ist. Die Frauen tragen am Ende das Risiko."


Uni und Arbeit

Nadine und Steffen wuchsen in Familienbetrieben auf. Kommt man davon jemals los?
Hier erzählen die beiden, warum sie ihren eigenen Weg gehen wollten – und warum das gar nicht so leicht ist.

In einer ihrer frühesten Kindheitserinnerungen sitzt Nadine Euler am Telefon. Es klingelt, sie nimmt den Hörer ab, am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Mann. Seine Frau sei in der Nacht gestorben, sagt er. Nadine bekundet dem Anrufer ihr Beileid. Dann bittet sie ihn um seinen Namen und seine Telefonnummer. "Meine Eltern rufen Sie in den nächsten zehn Minuten zurück", sagt sie und legt auf.

Damals war sie etwa zehn Jahre alt, erzählt Nadine. Ihre Eltern waren einkaufen, sie war zu Hause geblieben und hatte den Telefondienst im Bestattungsunternehmen übernommen. Viel Verantwortung für eine Grundschülerin, doch für Nadine eine Selbstverständlichkeit: "Dass mein Bruder und ich im Familienbetrieb mithalfen, gehörte zum Alltag", sagt die heute 25-Jährige.

Auch Steffen Theiß weiß, wie es ist, wenn die Eltern einen eigenen Betrieb führen: Der 25-Jährige wuchs auf einem Bauernhof auf. "Unsere Kindheit war ein Traum", sagt er – und erzählt, wie er mit seinem jüngeren Bruder Tiere fütterte, Gemüse erntete; mit neun Jahren durfte er das erste Mal Traktor fahren.

Als er in die sechste Klasse kam, erzählt Steffen, kauften die Eltern ihnen zehn Hühner, fleißige Tiere. Die Eier, die sie legten, wurden bald zu viel für die vierköpfige Familie, also begannen die Brüder, sie an Nachbarn zu verkaufen. "Das Geschäft brummte", sagt Steffen. Sie kauften Hühner dazu, erst 50, dann 500, dann 3000. Und plötzlich war aus dem kindlichen Hobby ein Geschäft geworden, die Hühner sind heute die größte Einnahmequelle der Familie.

Will ich den Betrieb übernehmen?

Nadine Euler und Steffen Theiß haben nicht nur eine ähnliche Familiengeschichte, sie sind auch ein Paar. Dass beide aus Familienunternehmen stammen, hätten sie bei ihrem ersten Date lustig gefunden, sagen sie, heute schweiße es sie zusammen. Ein Familienbetrieb sei schließlich nicht nur eine Chance, er könne auch eine Last sein.

Denn irgendwann steht man zwangsläufig vor der Frage: Will ich den Betrieb übernehmen? Und falls ich mich dagegen entscheide, wie schaffe ich den Absprung?

Als Kind habe sie die Arbeit ihrer Eltern fasziniert, sagt Nadine, doch je älter sie geworden sei, desto mehr habe sie sich vom Familienunternehmen distanziert: "Mit 13 konnte ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, den ganzen Tag mit trauernden Menschen zu verbringen." Anders als ihr drei Jahre jüngerer Bruder, der schon als Jugendlicher daran interessiert gewesen sei, die Firma zu übernehmen, habe sie vor allem eines gewollt: raus in die Welt. Ihren eigenen Weg gehen. "Ich wollte nicht mehr die Tochter von den Eulers sein, die Nadine aus dem Bestattungsunternehmen."