David, 25: "Ich wurde schon für meine Meinungen angegriffen"

Noch sechs Wochen bis zum geplanten Brexit, bis Großbritannien die Europäische Union verlässt. Die Einzelheiten des Austritts sind nach wie vor unklar. Fest steht: Junge Britinnen und Briten werden am längsten mit dem Brexit leben. 

Beim Referendum 2016 stimmte die Mehrheit der jungen Wählerinnen und Wähler gegen den EU-Austritt. (bento) Jetzt fürchten viele von ihnen, dass der Austritt aus der EU eine Gefahr für die Zukunft junger Menschen birgt. 

Doch auch unter den jungen Britinnen und Briten gibt es welche, die sich aktiv für den EU-Austritt einsetzen. Sie sehen den Brexit nicht als Gefahr, sondern als Chance.

So wie der 25-jährige David Scullion. Er kommt aus Warwickshire in den englischen Midlands. David hat Geschichte studiert. 2016 stimmte er für den Brexit. David schreibt für die Seite BrexitCentral. Er fordert, dass Großbritannien jetzt wie geplant am 29. März austritt – zur Not auch ohne ein umfangreiches Abkommen, ohne Deal mit der EU.

Im Gespräch mit bento erzählt David, warum er für den Brexit gestimmt hat und warum er glaubt, dass der EU-Austritt jungen Menschen in Großbritannien nützt.

"Mir fiel die Entscheidung für den Brexit leicht. Für die Menschen in Großbritannien war die EU nie emotional behaftet: Der EU beizutreten, erschien einfach praktisch.

„Warum sollten wir nicht austreten können, sobald die EU nicht mehr praktisch ist?“
David Scullion

Wirtschaftlich hatte ich keine Angst vor einem Austritt. Schon als sich Großbritannien entschied, nicht bei der gemeinsamen Währung mitzumachen, warnten uns alle, dass wir damit unsere Wirtschaft ruinieren würden. Das ist schon damals nicht passiert und wird auch diesmal nicht geschehen. Beim Brexit geht es um etwas Grundlegenderes als Wirtschaft. Es geht um Souveränität und um die Frage, wer Kontrolle über unsere Gesetzgebung hat. Momentan werden Gesetze hinter geschlossen Türen in Brüssel gemacht. Es fehlt die demokratische Kontrolle, die wir sonst von unserer Gesetzgebung erwarten.

Es ist dieser Wunsch nach zurückerlangter Kontrolle, der die breite Gruppe an Menschen eint, die für den Brexit gestimmt haben. Die Brexit-Wählerinnen und Wähler haben oft ganz unterschiedliche politische Ansichten. Doch egal ob man politisch links oder rechts steht und ob man sich etwa für mehr Steuersenkungen oder mehr Wohlfahrtsabgaben einsetzt, die EU hindert uns daran, selbst zu entscheiden, welche Vision wir von unserem Land umsetzen möchten. Innerhalb der Europäischen Union werden wir nie selbst bestimmen können, welches Land wir sein möchten und welche Politik wir umsetzen wollen.

"Should I stay or should I go?" - Die Brexit-Kolumne

Im Juni 2016 stimmte die Mehrheit der Britinnen und Briten in einem Referendum für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union – den Brexit. Was das für die Zukunft des Landes und junge Menschen in Großbritannien bedeutet, ist noch ungewiss. In unserer Reihe "Should I stay or should I go?" kommen deshalb junge Menschen zu Wort, die vom Brexit unmittelbar betroffen sind.

Dafür braucht es eine Rückbesinnung auf den Nationalstaat. Remain-Wähler sehen das fundamental anders. Es geht um Loyalität: Während Leave-Wähler glauben, dass der Nationalstaat der beste Ort ist, um Gesetze zu kontrollieren, halten Remain-Wähler an der Idee von einer Weltregierung fest. Viele missachten den Nationalstaat und glauben, Patriotismus sei ein Schimpfwort und dass Stolz auf die eigene Nation etwas Schlechtes ist. Der Brexit hat die britische Gesellschaft gespalten. Wenn man offen zugibt, für den Brexit gestimmt zu haben, wird man schrecklichen Vorurteilen ausgesetzt. Gerade junge Menschen trauen sich oft gar nicht mehr, offen zu reden. Sie kennen niemanden, der so gewählt hat wie sie.

„Auch von meinen Freunde wurde ich schon für meine Meinungen angegriffen.“
David Scullion

Vorurteile gegen Leave-Wähler sind zum Beispiel, dass wir alle dumm und rassistisch sind und keine Ausländer mögen. Ich finde das so unwahr. Es ist doch nichts falsch daran, wenn einen Zuwanderung besorgt. Ich finde diese Angst völlig rational und legitim, das hat nichts mit Rassismus zu tun. Natürlich kenne ich Berichte, in denen steht, dass die Hasskriminalität gegen Minderheiten seit dem Brexit angestiegen ist. Es kann aber doch keine Überraschung sein, dass die Anzahl an gemeldeten Vorfällen steigt, wenn extra neue Stellen eingerichtet werden, um diese Form der Kriminalität zu melden. Das hat nichts mit dem Brexit zu tun. An einen wirklichen Anstieg glaube ich nicht. Das kaufe ich einfach nicht.

Oft wird Brexit-Befürworterinnen außerdem vorgeworfen, dass wir uns abschotten wollen, anstatt mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten. Das stimmt nicht. Was wir wollen, ist, anderen Ländern auf Augenhöhe zu begegnen und unabhängig von der EU unsere eigenen Abkommen schließen zu können. Gerade für junge Menschen wird das ein wichtiger Schritt. Er wird uns helfen, den Blick verstärkt auf Länder außerhalb der EU zu richten. Tech-Firmen stellen beispielsweise viele Millennials ein. Um an aufregenden technologischen Entwicklungen teilzuhaben, müssen wir uns außerhalb der EU und ihren rechtlichen Regulierungen bewegen können und schauen, wo das Wachstum liegt.

Sorgen bereitet es mir allerdings, wenn ich beobachte, wie das Referendum von den Politikerinnen und Politikern ignoriert wird. Theresa May will gar nicht richtig aus der EU austreten. Ihr Deal ist im Grunde ein Austrittsvertrag für Menschen, die lieber in der EU geblieben wären. Wir können doch nicht so weitermachen wie zuvor, aber unseren Platz am Tisch der EU aufgeben. Wenn uns ein Vertrag weiterhin hemmen und regulieren würde, sollten wir diese Zugeständnisse nicht machen und lieber ohne Vertrag austreten.

„Ich finde, kein Deal ist definitiv besser als ein schlechter Deal.“
David Scullion

Würde der Austrittstermin am 29. März nicht eingehalten, bedeutete das einen enormen Vertrauensverlust in die britische Politik und unsere Demokratie. Außerdem würden die Menschen nur noch wütender aufeinander und die Spaltung innerhalb der Gesellschaft würde sich weiter verschlimmern. Für Großbritannien ist es jetzt wichtig, wieder als Nation zueinander zu finden. Die Mehrheit der Menschen hat sich für einen Austritt entschieden, jetzt müssen wir dafür sorgen, dass dieser Wunsch auch eingehalten wird."

Hier sind alle Folgen unserer Brexit-Kolumne "Should I stay or should I go?"

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Gerechtigkeit

So planen die Schülerinnen und Schüler den Mega-Klimastreik
Am 15. März wollen sie weltweit Millionen Teenager auf die Straße bringen.

Als Jakob Blasel am 10. Dezember die WhatsApp-Nachricht verschickt, ahnt er nicht, was sie auslösen würde. Im Haus seiner Eltern in Kiel liegt der 18-Jährige im Bett; gerade hat ein Freund ihm geschrieben, dass nun auch erste Schülerinnen und Schüler in Kiel und Berlin streiken wollen – gegen den Klimawandel, oder besser gesagt: gegen Politiker, die untätig bleiben, statt die Welt zu retten.

"Teilen, Weiterleiten, Teilen", überschreibt Jakob die Nachricht. "Schüler*innen streiken diesen Freitag wieder für das Klima." Und: "Seid ihr dabei?" Jakobs Gedanke: Die Streiks müsste man größer aufziehen, mehr als nur eine Handvoll Leute zusammentrommeln. Die Nachricht geht zunächst an ein paar Freunde, die er von Greenpeace kennt, auch bei der Grünen Jugend in Kiel ist er Mitglied.