Bild: bento
Notfall-Rucksäcke gibt es jetzt auch vegan.

Das Werbevideo startet mit einer eindringlichen Stimme, sie spricht eine Warnung aus: "Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz rät: Essen und Trinken bevorraten!" Der Hinweis blinkt mehrmals auf, dann werden Konservendosen in schickem Design eingeblendet. "Bolo? Pasta!" heißt eine Sorte, "Kö-Ri? Wurst!" eine andere. 

Der Notvorrat sei zehn Jahre haltbar und jetzt im "Kennenlernpaket" besonders günstig. Dann verweist die Werbung auf "Ration1" – einen Onlineshop für Konserven, Survival-Equipment und Krisen-Gadgets. 

Die Seite erstrahlt in leuchtendem Orange, wer will, kann sich durch Erste-Hilfe-Sets und Not-Toiletten klicken oder seine eigenen Notfallrationen zusammenstellen. Selbstverständlich gibt es auch vegetarische, laktosefreie und vegane Vorräte.

"Ration1" sieht aus wie ein hipper Onlineshop für Prepper – mit miefigen Verschwörungs-Foren hat die Seite optisch aber nichts mehr gemein.

Die Prepper-Szene hat seit einigen Jahren Zulauf, sie will auf Katastrophen "prepped", also vorbereitet sein. Viele Prepper sind schlicht Outdoor-Enthusiasten oder interessieren sich für autarke Lebensweisen. Andere aber graben sich ganze Schutzbunker und horten daheim Waffen. Sie sind oft mit rechtsextremen Gruppierungen verknüpft, fantasieren einen angeblichen Bürgerkrieg in Deutschland herbei. (SPIEGEL)

Seiten wie "Ration1" heben ein Stück weit auf diese Verschwörungstheorien ab. "Es ist etwas passiert und alle müssen raus aus dem Haus", steht unter einer Produktbeschreibung. "Sie müssen vielleicht in einer Turnhalle übernachten oder einen langen Weg zu Freunden oder Verwandten antreten", heißt es weiter. Der Grundton: In Deutschland ist niemand sicher. Also bereitet euch vor, mit einem vorgepackten Flucht-Rucksack für 69 Euro.

Die aufgeräumte Optik und das Angebot von veganen und vegetarischen Produkten nimmt eine neue Zielgruppe in den Blick: nachhaltig denkende Millennials. Preppen ist nun nichts mehr nur für Rechte, die Angst vor "Überfremdung" haben – sondern auch für jene, die dank der Klimakrise Überschwemmungen oder Blackouts fürchten sollen. 

Screenshot von "Ration1": Vegane Notfallpackung für den klimabewussten Prepper.

Hinter "Ration1" steht die Firma Prepare4it, gegründet wurde der Shop vor knapp einem Jahr. Einen Online-Auftritt auf Facebook gibt es seit August, Werbevideos laufen seit einigen Monaten im Fernsehen. 

Geschäftsführer ist der 35-jährige Andreas Michaelis. "Unser Angebot richtet sich vorrangig an Familien, die das Thema Notfall-Vorsorge für sich lösen möchten", sagt Michaelis zu bento. Wo Preppen oft mit rechten Verschwörungstheorien verbunden ist und sich in den dunklen Ecken des Netzes organisiert, will "Ration1" laut Michaelis einen anderen Blickwinkel auf das Thema ermöglichen:

„Für den Weltuntergang können wir nicht vorbereiten – aber für die häufigsten Widrigkeiten des Alltags schon.“
Andreas Michaelis

Mit Widrigkeiten meint Michaelis alles vom Heizungsausfall bis zur "Schnittverletzung im Haushalt". Tatsächlich geht es in den meisten Produktbeschreibungen genau darum: Was tun bei Überschwemmung oder Stromausfall, oder auch nur, wenn eine Baustelle den Wocheneinkauf schwer macht? 

Man könne sich mit Komplettlösungen für "unvorhergesehen Ereignisse" eindecken, sagt Michaelis: "Man muss kein Prepper sein – das Angebot ist für Jedermann leicht zugänglich." Kassenschlager seien tatsächlich die Konservendosen, egal ob vegan oder mit Fleisch. Für jeden Geschmack habe das Portal seinen "Kundenkreis", sagt Michaelis.

"Ration1" mag als Konservenshop noch ziemlich nüchtern sein – andere besorgen souverän das Geschäft mit der Angst, notfalls auch mit Falschbehauptungen.

So warnt zum Beispiel der Shop "Notvorsorge.com" vor "unruhigen Zeiten" und behauptet, neuste Statistiken würden belegen, dass die Kriminalität in Deutschland steige. Zwar ist genau das Gegenteil der Fall – das BKA weist so niedrige Zahlen wie seit 1992 nicht mehr aus – die Seite bietet trotzdem Selbstschutzwaffen wie den "JPX4 Jet Defender" an, eine lasergesteuerte Pfefferspray-Pistole und laut Anbieter das "effektivste Selbstverteidigungsgerät in Europa um sich zu schützen ohne dass der Gegner gleich getötet wird".

Screenshot von "Notvorsorge.com": Pfefferspray und Handwaffen für den besorgten Vorsorger.

Bei "Ration1" gibt es keine Waffen und auch keine Falschbehauptung – die Werbevideos erzeugen bei vielen Kundinnen und Kunden trotzdem entsprechende Reaktionen. Insgesamt vier verschiedene Clips spielt "Ration1" im Fernsehen aus. Sie warnen vor Umweltkatastrophen, Bränden und Stromausfällen und verweisen stets auf das Bundesamt für Katastrophenschutz. 

Es sei "ein gutes Gefühl", nun endlich "abgesichert" zu sein, freut sich ein Kunde in einer Rezension. Eine Kundin pflichtet ihm bei, vermutet aber eine Verschwörung seitens der Regierung: "Warum sollten wir diese [Notfallpakete] aus eigener Tasche zahlen? Was verschweigt uns die Regierung?"

Auf Twitter äußern sich andere kritisch, nennen die Prepper-Werbung im TV "unheimlich":

Dass sein Start-up auf Katastrophe macht, streitet Michaelis ab: 

„Wir sehen das nicht als Geschäft mit der Angst, sondern als sinnvolle und verantwortungsbewusste Vorbereitung, die jeder für sich überprüfen sollte.“

Tatsächlich gibt es seit 2016 ein erneuertes Zivilschutzkonzept der Bundesregierung. In einem Katastrophenratgeber rät das Bundesamt für Katastrophenschutz Bürgerinnen und Bürgern Notfallpakete anzulegen und so besser für Ernstfälle gerüstet zu sein. Dass eine konkrete Gefahr besteht, behauptet das Amt jedoch nicht.

"Stiftung Warentest" warnt, die neuen Prepper-Onlineshops zielen nicht wirklich auf Prepper als Kundinnen und Kunden – sondern eher auf jene, "die sich bislang wenig Gedanken über Krisen gemacht haben". Entsprechend seien viele Notfallpakete überteuert, wenn nicht gar unnütz. 

So kostet das "Wasser-Lager-Paket" auf "Ration1" ganze 24,99 Euro, enthalten sind ein Faltkanister und 25 Konservierungstabletten. Kauft man die gleichen Komponenten einzeln auf Amazon, würde so ein Set nur 7,61 Euro kosten. Konservendosen kosten bei "Ration1" 5,50 Euro, beim Discounter gibt es vergleichbare Packungen für 2 bis 3 Euro. 

"Ration1" brüstet sich damit, dass seine Pakete angeblich bis zum Jahr 2030 halten. Ob das Langzeit-Produkt hält, was es verspricht, erfahren geneigte Käufer aber nicht. Zumindest nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre. Die Apokalypse-Vorsorge wäre auch übertrieben: Das Landwirtschaftsministerium hält es für völlig ausreichend, Lebensmittelvorräte für 14 Tage anzuschaffen. 

In Prepper-Onlineforen wie "Bushcraft Deutschland" oder "Previval" werden die auf Panik gestylten Shops belächelt. 

Als "Abzocke" oder "Nepp" bezeichnen User die Angebote auf "Ration1" und ähnlichen Portalen. Entsprechend würden die Anbieter auch nicht auf "echte" Prepper abzielen – sondern eben nur auf "Paranoia-Michel" und "Noobs", die sich Angst einjagen lassen.

Ein bisschen Mitleid – oder Furcht – schwingt in den Foren allerdings auch mit. So sei zwar ein "Trottel", wer sich in den überteuerten Shops ausrüste, schreibt ein Nutzer. "Bitter" sei es dann aber doch, wenn so ein Trottel im Ernstfall nicht besser gerüstet sei.


Uni und Arbeit

Meine eigene Chefin: Alles eine Frage der Einstellung?
Ein neuer Teil zu unserer Serie über Selbstständigkeit

Vor einiger Zeit hatte ich bei meinem Zahnarzt eine Erkenntnis, die mich sowohl unternehmerisch als auch persönlich weitergebracht hat und die ich gerne mit euch teilen würde. In den Tagen vor dem Arzttermin waren beruflich einige Dinge nicht ganz so gelaufen, wie ich es vorgesehen hatte. Jeder Selbstständige, der noch nicht so lange im Geschäft ist, wird wahrscheinlich bestätigen, dass solche Erfahrungen einen immer wieder verunsichern und zweifeln lassen.