"Katze von Baum gerettet" vs. "Migrant läuft Amok"

In Recklinghausen ist ein Radfahrer "ohne Fremdeinwirkung" gestürzt. In Braunschweig hat eine "psychisch labile Person" den Verkehr lahmgelegt. Und im Emsland hat ein Unbekannter mehrere Angeln und eine Musikbox aus einer Garage gestohlen. 

Drei Polizeimeldungen, willkürlich ausgewählt im "Blaulicht"-Portal an einem Mittwoch im August. Drei Polizeimeldungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können – und doch so oder so ähnlich jeden Tag in Deutschland in jeder Gemeinde passieren können. 

Pressemitteilungen der Polizei prägen unser Bild von Kriminalität in Deutschland. Denn nirgendwo wird jeder Einsatz vermeldet. 

Pressestellen wählen aus, sie setzen den Ton, sie sprechen mal von Lausbuben und mal von Verhaltensauffälligen, mal von Familiendramen und mal von Gewalt an Frauen. Und immer wieder wird darüber diskutiert, ob die Herkunft von Verdächtigen genannt werden sollte. 

Der Kriminologe und Polizeiwissenschaftler Martin Thüne glaubt, dass die Pressemitteilungen zwangsläufig zu einer verzerrten Vorstellung führten. "Es findet eine Selektion statt, die Meldungen können kein vollständiges Abbild der Realität liefern", sagt er zu bento. 

Wie geht die Polizei also mit dieser Verantwortung um? 

Wir haben Polizeisprecherinnen und -Sprecher in Köln, Berlin, Recklinghausen, Hamburg, Leipzig und München gefragt, wie sie entscheiden, welcher Einsatz eine Meldungen wert ist.  Aus den Pressestellen von Leipzig und München haben wir keine Antwort erhalten. 

In den anderen werde grundsätzlich täglich in Konferenzen darüber entschieden, welche Vorfälle vermeldet werden. Orientiert werde sich dabei am "öffentlichen Interesse" und an der Schwere der Vorfälle. Es gibt aber auch einige individuelle Hausregeln. In Recklinghausen etwa werden alle Unfallfluchten mit einem Schaden ab 1000 Euro vermeldet – in der Hoffnung, dadurch Zeugenhinweise zu bekommen. Die Pressestelle der Berliner Polizei orientiert sich bei ihrer Auswahl auch an Nachfragen von Journalisten. Diese könnten dazu führen, dass eine Meldung veröffentlicht wird. 

Nicht nur die Selektion, die zwangsweise vorgenommen werden muss, führt also zu einer Verzerrung der Realität. Diese Selektion fällt auch von Ort zu Ort unterschiedlich aus, weil Pressestellen ihre eigenen Entscheidungen treffen. "Diese Verzerrung könnte man auffangen, indem mehr Kontext mitgeliefert wird," sagt Martin Thüne. Beispielsweise biete sich jeweils eine kurze Einordnung an, wie eine entsprechende Tat im gesamten Kriminalitätsgeschehen statistisch einzuordnen sei. Die Polizei erhebe ja den Anspruch, Experte für Kriminalität zu sein. Diese Expertise komme in Polizeimeldungen aber oftmals zu wenig zum Vorschein, so Thüne.

Herkunft nennen oder nicht?

Allerdings sind die Vorstellungen darüber, wie man den Kontext richtig herstellen könnte, auch durchaus unterschiedlich: Herbert Reul, Innenminister in Nordrhein-Westfalen, will beispielsweise mit einem Erlass künftig alle Polizeidienststellen in NRW verpflichten, die Herkunft aller Tatverdächtigen zu nennen. Der Minister argumentiert, das schaffe Transparenz und lege Fakten offen. So hofft Reul, Menschen zuvorzukommen, die Gewalttaten politisch ausschlachten wollen und einseitig Stimmung gegen Ausländer machen. (WDR)

Bisher gehen die Pressestellen bei dem Thema unterschiedlich vor: Köln und Recklinghausen orientieren sich bisher am Pressekodex. Der besagt, dass die Herkunft in der Regel nicht erwähnt werden soll, außer es bestehe ein "begründetes öffentliches Interesse". Auch Berlin orientiert sich an dieser Vorgabe. Dort bestehen laut Pressesprecherin "keine Bestrebungen, die bewährte Praxis zu verändern". In Hamburg dagegen wird jetzt schon grundsätzlich die Nationalität aller Tatverdächtigen benannt. 

Thüne hält nichts davon, von der "bewährten Praxis" des Pressekodex abzurücken. Wenn die Herkunft oder das Aussehen des Tatverdächtigen für den Fall wichtig seien, zum Beispiel bei einer Öffentlichkeitsfahndung, dürfte das immer schon genannt werden. Für ihn wirke die Debatte "wie ein Akt des vorauseilenden Gehorsams denjenigen gegenüber, die hinter jeder Straftat einen Ausländer vermuten." Die werde man aber nicht dadurch besänftigen, dass man auch deutsche Tatverdächtige benenne: "Rechtsradikalen Ideologen ist die Wahrheit nämlich völlig egal, die holt man auch mit vermeintlicher Transparenz nicht wieder zurück."

Ein Problem bleibt allerdings, egal, wie gut eine Pressestelle arbeitet: Sie ist nie eine neutrale Quelle. 

"Es ist auch offiziell vorgegebene Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit, die Arbeit der Polizei positiv darzustellen, um das Vertrauen der Bevölkerung in die professionelle Aufgabenerfüllung der Polizei zu stärken," sagt Thüne. Das sei einerseits legitim, da Unternehmen das auch so machen würden und wirke sich im besten Fall positiv auf das Sicherheitsgefühl aus. "Andererseits kann das natürlich dazu führen, dass da mitunter Sachen herausgegeben werden, die extrem einseitig oder sogar falsch sind", sagt der Kriminologe. 

Ursprünglich waren Polizeimeldungen an Journalistinnen und Journalisten adressiert, die ihrerseits nochmal auswählen, recherchieren und Kontext liefern können. Heute sind sie sind aber online für jeden frei verfügbar. Das verstärkt die Verantwortung der Pressestellen der Polizei. Und birgt eigene Gefahren: Gerade die AfD pickt sich laut einer aktuellen Studie gezielt Polizeimeldungen heraus, die in ihr Weltbild passen – und sorgt auf ihren Social-Media-Kanälen so für eine verzerrte Wirklichkeit.

Wie die AfD über Geflüchtete spricht:

Die AfD hetzt einseitig und verzerrend gegen Geflüchtete und Ausländer. Zu diesem Urteil kommen Medienwissenschaftler aus Hamburg und Leipzig. 

Die Forscher haben 242 Pressemitteilungen der AfD auf Bundes- und Landesebene zum Thema Kriminalität im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 30. Oktober 2018 untersucht. Das Ergebnis: In 95 Prozent der Pressemitteilungen geht es um Straftaten, die mutmaßlich von Nicht-Deutschen verübt wurden. Besonders häufig wurden Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Irak in den Mittelpunkt gestellt. (WDR)

Das verzerrt die Wirklichkeit extrem: Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik für 2018 hatten tatsächlich insgesamt 65,5 Prozent der mutmaßlichen Täter einen deutschen Pass und 34,5 Prozent eine andere Nationalität. Syrer, Iraker und Afghanen waren mutmaßlich sogar nur für 5,2 Prozent der Kriminalfälle verantwortlich. 



Gerechtigkeit

AfD teilt ein Video von "unteilbar"-Demo als angeblichen Beweis für "Diktatur" in Deutschland
Wir haben eine Betroffenen aus dem Video aufgespürt – und uns die Wahrheit erklären lassen.

Die AfD macht kurz vor der Landtagswahl Stimmung mit einem Video, das beweisen soll, wie gleichgeschaltet Deutschland sei: Zu sehen sind mehrere Personen, die in einem Sprechchor vor den Gefahren der Vergangenheit warnen. Ein Dirigent macht dazu zackige Bewegungen.

Der Videoschnipsel wurde am Rande der "Unteilbar"-Demo am vergangenen Wochenende in Dresden aufgenommen. Dort hatten am Sonnabend rund 40.000 Menschen für eine offene und freie Gesellschaft demonstriert (MDR). 

Der Chor stand auf der Bühne, er war ein Programmpunkt der Demo. Er stammt aus einem Theaterstück, das von einem Deutschland unter AfD-Herrschaft handelt. 

Das Video wurde in rassistischen Telegram-Gruppen und auf Twitter veröffentlicht – ohne zu erwähnen, woher der Chor stammt.