Bild: Henning Kretschmer
Sechs Geschichten über Racial Profiling und die Dämonisierung des schwarzen Mannes

Zurzeit wird viel über Rassismus in Deutschland diskutiert – auch und besonders über das Verhältnis von nicht-weißen Deutschen und der Polizei. Oft heißt es dann, wenigstens sei es hier nicht so schlimm wie in den USA. Dieser Vergleich tut überhaupt nichts zur Sache. Schlechter behandelt zu werden aufgrund der Hautfarbe ist nie okay. 

Um es einmal klarzumachen: Ich kenne keine einzige schwarze Person, die nicht mal eine negative und rassistisch aufgeladene Erfahrung mit der Polizei gemacht hätte. Racial Profiling, also aufgrund von Merkmalen wie Haut- und Haarfarbe Profile zu erstellen, passiert offenkundig jeden Tag, obwohl es gegen das Grundgesetz verstößt. Trotzdem ist es schwer, dagegen vorzugehen. 

"Da Polizisten ihre Emächtigungsgrundlage auf sogenannte 'Lageerkennisse' oder polizeiliche Erfahrung stützen dürfen, ist es nicht verboten, gewisse Personen an gewissen Orten verdachtsunabhängig zu kontrollieren", sagt Diplom-Jurist Eric Adu Färber. "Diese Lageerkenntnisse reproduzieren sich aber zwangsläufig in eine bestimmte Richtung, wenn überwiegend Menschen eines bestimmten Erscheinungsbildes kontrolliert werden." Das führe dann zu einem sich selbst bestätigenden Teufelskreis. 

Färber hat im Rahmen seines Studiums den Schwerpunkt auf rassistische verbale und körperliche Gewalt gesetzt und dazu auch geforscht. Er stellte fest, dass die Befugnisse keine klar definierten Voraussetzungen haben und deswegen Polizistinnen und Polizisten eigentlich immer auf der sicheren Seite sind, wenn sie Racial Profiling betreiben. 

Ich dachte lange, ich sei allein mit meinen Erfahrungen, dachte, etwas sei falsch mit mir. Aber wir sind nicht allein. Rassistisch von der Polizei angemacht zu werden ist keine Einzelerfahrung. Es ist kollektiv geteilter Schmerz, der schwarze Menschen in der ganzen Bundesrepublik und weiten Teilen Europas unter Generalverdacht stellt, egal, welchen Berufen sie nachgehen und egal, welchen Pass sie haben. Wir haben mit sechs von ihnen gesprochen.

Kanackische Welle

Im Podcast "Kanackische Welle" sprechen die beiden deutschen Journalisten Marcel Nadim Aburakia (l.) und Malcolm Ohanwe über Probleme und Eigenheiten von kanakischen Communitys in Deutschland. Von Popkultur, Rassismus, religiösen Spannungen über Gender und dem Dasein als Männer of Color. Das alles gibt es mit einem Lächeln und hochkarätigen Gästen wie zum Beispiel der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli oder dem "4 Blocks"-Schauspieler Hassan Akkouch. 

"Bis heute trage ich einen seelischen Schaden davon." – John Homadi, 31, Altenpfleger aus Hamburg

(Bild: Privat)

"Ich hatte Spätdienst und habe gemerkt, dass mich jemand auf dem Fahrrad verfolgt. Egal, wo ich war, er war auch da. Kurz nach 16 Uhr kam ich aus der Wohnung eines Patienten. Auf der Straße, auf dem Weg zum nächsten Patienten, habe ich diesen Mann wiedergesehen. Und diesmal hatte er zwei andere Typen dabei. Ich wollte gerade normal vorbeifahren mit meinem E-Rad und wurde zu Boden gerissen. Im ersten Moment dachte ich, dass ich überfallen werden, weil die direkt in meine Tasche gegriffen haben. Ich habe versucht mich zu wehren, aber irgendwann aufgehört, weil sie zu dritt waren. Ich dachte mir 'Lass sie nehmen, was sie wollen, dann kannst du wieder weiterfahren'. Die haben mir aber direkt Handschellen angelegt, und mich, während ich auf dem Boden lag, gefragt, was ich hier mache. Passanten mit Kindern gingen vorbei und guckten. 

Erst als ich ihnen einen Zettel  mit meinen ganzen Kunden und Pflegemaßnahmen gezeigt habe, haben sie mir die Handschellen abgenommen. Sie gingen davon aus, dass ich ein Drogendealer sein müsste. Mein Fahrrad war kaputt und ich trage immer noch einen seelischen Schaden davon. Die haben sich mit den Worten 'Ich hoffe, wir sind cool miteinander' entschuldigt. Erst, nachdem ich die Geschichte öffentlich gepostet hatte, hat sich die Polizei Hamburg dazu bereiterklärt, die Schäden für mein E-Rad zu erstatten." 

"Danach habe ich viel geweint" - Yeboah, 24, YouTuber aus Nürnberg 


"Es gab ein Erlebnis, nach dem konnte ich tagelang nicht schlafen und habe viel geweint. Ich hatte bei einem ghanaischen Konzert einen Geldschein aufgehoben und bin ein paar Tage später zu einer Bank gegangen, um zu fragen, ob das Geld denn auch echt sei. Danach stellte sich heraus, dass es Falschgeld war. 

Ich dachte mir: 'Okay, die Sache hat sich erledigt, dann können sie es ja wegschmeißen.' Der Mitarbeiter sagte aber, er müsse die Polizei rufen. Das sei so das Protokoll. Das erste, was die Polizisten sagten, war: "Do you speak German?" Ich erwiderte, dass ich Deutsch spreche, aber einer schrie mich an "Verstehen Sie mich überhaupt?". An seiner Art merkte ich schon, das geht irgendwie in die falsche Richtung. 

Ich wollte erklären, was passiert war. Der Polizist hat mich direkt beschuldigt, dass ich Geldwäsche betreiben wollte. Als ich ihm meine Adresse sagte, hieß es direkt, ich lüge. Als ich mich erklären wollte, rastete der Polizist einfach aus und schrie, dass ich doch endlich meinen Mund halten solle. Ich fragte dann "Behandelt man so schwarze Menschen in Deutschland?" Er sagte "Nein, so behandelt man Kriminelle." In meinen 23 Jahren in Deutschland hatte ich mich noch nie so entmenschlicht gefühlt. Nachdem die Polizei weg war, bin ich in Tränen ausgebrochen und musste das erst mal sacken lassen. Du konntest den Hass richtig spüren."

"Ich habe denen gesagt, dass Racial Profiling verboten ist" – Tarik Tesfu, 34, Moderator und Kabarettist aus Berlin 

"Ich bin letztes Jahr für einen Vortrag in Passau gewesen und wurde dort im Zug kontrolliert. Sie haben nur mich und eine andere männliche nicht-weiße Person kontrolliert. An dem Tag hatte ich sowieso schlechte Laune, denn wer einmal als schwarzer Mensch in Passau war, weiß, wovon ich rede. Ich hab nur gedacht: 'Nicht auch noch ihr!' Ich habe ihnen aber gesagt, dass das scheiße und rassistisch ist und dass das, was sie machen, verboten ist." 

"Racial Profiling gehört zum Alltag wie aufs Klo gehen" –  Emmanuel Amoako-Jansen, 33, Filmemacher aus Köln 

(Bild: Joy Otekpen)


"Ich habe mal eine Fußballmannschaft trainiert und immer die Kids abgeholt und zum Training gebracht. Die haben dann live mitbekommen, wie ich jedes Mal, mehrmals die Woche, angehalten wurde. Die Kinder waren geschockt, weil sie das noch nie erlebt hatten, dass die Polizei so oft das Auto anhält. 

Für mich ist Racial Profiling ein ganz normaler Teil meines Lebens. Das gehört zum Alltag wie aufs Klo gehen. Wenn ich am Flughafen bin, komme ich immer wieder in die Sicherheitskontrolle, ich werde immer wieder vom Fahrrad geholt und willkürlich kontrolliert."

"Ich konnte nicht mal um Hilfe bitten" – David Mayonga, 38, Pädagoge aus München

"Es gibt ein Erlebnis, das für mich krass deutlich gemacht hat, wie unterschiedlich wir den Umgang mit der Polizei erleben. Ich war mit einem sehr guten Freund im Auto unterwegs und wir sind kontrolliert worden. Ich kann mich sogar noch an das Auto erinnern, so heftig war die Erfahrung. Jedenfalls saß ich auf dem Beifahrersitz und mein Freund auf dem Fahrersitz. Eine Polizistin kommt an den Fahrersitz, kontrolliert ihn und die fangen an, sich tatsächlich nett zu unterhalten. Das war ein netter, freundlicher Umgang, man könnte sagen, die haben geschäkert.  

Dann drehe ich mich irgendwann mit so einem Schmunzeln nach rechts, weil bei einer Polizeikontrolle, von denen ich auch schon Hunderte erlebt habe, der Kollege rechts auf der anderen Seite steht. Ich erwarte einen freundlichen Blick, was ich aber sehe ist ein ultra-nervöser weißer Polizist, der zitternd seine Hand an seiner Waffe hat. 

Die ist noch im Halfter und er betrachtet mich, als könnte es jeden Moment sein, dass ich irgendwas mache, was ihn dazu bringt, seine Waffe zu ziehen. Ich war so schockiert, ich konnte nichts sagen, ich konnte nicht mal um Hilfe bitten. Ich hatte Angst, dass, wenn ich mich irgendwie bewege, der Typ seine Waffe zieht. Zu erleben, dass man in ein- und demselben Auto direkt nebeneinandersitzen kann und dass links eine völlig andere Realität erlebt werden kann als rechts auf meinem Beifahrersitz, finde ich krass." 

"Die haben mich komplett durchgefilzt" – Aimen Abdulaziz-Said, 32, Journalist aus Hamburg 

(Bild: Henning Kretschmer)

"Ich war auf der Deutschen Journalistenschule. Wir sollten eine Übungsreportage auf dem Oktoberfest aufnehmen. Ich war der einzige schwarze in einer 15er-Gruppe. Am Haupteingang zur Theresienwiese konnten alle 14 weißen Kolleginnen und Kollegen easy durch und auf das Gelände. Außer ich. Ich wurde von zwei Polizisten sofort rausgepickt. Die haben mich komplett durchgefilzt. Meine Jacke, Hose, Tasche, Rucksack. Angeblich, weil nur ich eine Tasche dabei hatte, dabei hatten das viele meiner Klassenkameraden auch. Die anderen waren sehr empört und überrascht und ich glaube, für viele war es das erste Mal, bei Racial Profiling live dabei zu sein."


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