"Ich habe noch nie so viele blonde Menschen auf einem Haufen gesehen wie bei der Polizei."

Deutschland hat ein Rassismusdiskussionsproblem. Es gibt hier jene, die von rassistischer Polizeigewalt betroffen sind, People of Color, Menschen mit Migrationshintergrund, die genau das thematisieren wollen. Und es gibt jene, die solche Erfahrungen nicht gemacht haben, nicht nachvollziehen können – und die es daher ablehnen, die Polizei unter Generalverdacht zu stellen.

Beide Seiten stehen sich derzeit scheinbar unversöhnlich gegenüber. Die taz-Autorin Hengameh Yaghoobifarah zog in einer Kolumne unter der Überschrift "All cops are berufsunfähig"  satirisch über die Polizei her, empfahl allen Polizistinnen und Polizisten kollektiv die Arbeit auf einer Mülldeponie unter "ihresgleichen". Das führte zu Morddrohungen, einer Entschuldigung der Chefredakteurin – und der Ankündigung von Innenminister Horst Seehofer, die Journalistin anzeigen zu wollen. (SPIEGEL

Was läuft da schief im Diskurs? Und wie schaffen wir es, konstruktiv über Polizeigewalt und Rassismus zu reden? Das haben wir jemanden gefragt, der beide Seiten kennt: Ewane Makia.

Über den Interviewpartner: Ewane Makia

Ewane, 32, wurde in Kamerun geboren. Seine Mutter starb bei der Geburt, ein deutscher Arzt hat ihn adoptiert und als Kind mit nach Deutschland genommen. Nach dessen Tod war Ewane auf sich allein gestellt, zeitweise lebte er bei einer Tante in einem Hamburger Brennpunktviertel. Ewane ging zum Bund und arbeitete danach als Sozialarbeiter in einem Obdachlosenheim. 

2016 startete er als erster Schwarzer im Bundesland in Schleswig-Holstein eine Polizeiausbildung, brach sie nach rassistischen Schikanen im Jahr darauf jedoch wieder ab. Heute engagiert sich Ewane in der Geflüchtetenhilfe und gibt Kurse zur Gewaltprävention. Nebenbei rappt er – nicht über Drogen und Polizeigewalt, sondern eine tolerante Gesellschaft.

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bento: Ewane, warum wolltest du Polizist werden?

Ewane Makia: Ich hatte eine sehr verkorkste Kindheit. Die Polizei habe ich in dieser Zeit immer als einen sicheren Hafen wahrgenommen. Später, als Jugendlicher, habe ich in Hamburg-Harburg in einem sozialen Brennpunkt gelebt. Dort habe ich dann auch die andere Seite kennengelernt: Polizisten, die von oben herabschauen und ihre Macht ausüben. Also wollte ich selbst zur Polizei – zum einen, weil ich sie als Institution wirklich respektiere und finde, viele Polizistinnen und Polizisten machen einen tollen Job. Zum anderen, weil ich helfen wollte, sie noch ein bisschen besser zu machen. 

„Ich hab mich als einziger Schwarzer bei der Polizei schwach und allein gefühlt.“

bento: Wieso bist du dann wieder ausgestiegen?

Ewane: Weil ich in meiner Ausbildung ein paar echt miese Dinge erlebt habe. Ich war in Schleswig-Holstein stationiert und hatte von Anfang an nicht das Gefühl dazuzugehören. Ein Ausbilder hat mich als "Quoten-N****" bezeichnet. Das hat mich runtergezogen, ich hab mich als einziger Schwarzer sehr schwach und allein gefühlt.

bento: Wie viele andere Auszubildene gab es denn um dich herum?

Ewane: Keine Ahnung, aber ich habe noch nie so viele blonde Menschen auf einen Haufen gesehen. Und das jetzt bitte nicht böse verstehen, ich habe nichts gegen Blonde. Mich hat eher gestört, wie wenig unsere Gesellschaft repräsentiert wurde. Die Wirklichkeit spiegelte sich dort bei der Polizeiausbildung einfach nicht wider.

bento: Es gibt gerade eine große Debatte über angeblich strukturellen Rassismus in der Polizei. Wie hast du das wahrgenommen, als du noch dabei warst?

Ewane: Strukturellen Rassismus gibt es bei der Polizei nicht. Klar, mein Ausbilder hatte es mir schwer gemacht – aber das war nicht die Polizei, sondern eben ein Ausbilder, irgend so ein Dummkopf eben. Deshalb die ganze Polizei unter Generalverdacht zu stellen, halte ich für falsch. Ich hab auch nie erlebt, dass mich Polizisten bei Kontrollen dumm angemacht haben, und ich hab schon viele Kontrollen miterlebt. Bestimmt 20 Mal in meinem Leben.

„Ich glaube, es gibt viele gute Polizisten, die einfach nur mit schlechten Rollenbildern groß geworden sind.“

bento: Wir sind etwa gleich alt, mein Haar ist aber hellbraun und meine Augen sind blau. In meinem Leben kann ich mich an zwei Polizeikontrollen erinnern. Da sind 20 eine andere Hausnummer. Ist das für dich kein struktureller Rassismus?

Ewane: Nein. Ich sage natürlich auch nicht, dass ich das als schön empfinde, wenn man mich immer wieder auf Drogen untersuchen will. Aber ich glaube nicht, dass das immer Rassismus ist. Ich will hier nichts beschönigen, es gibt Rassisten und Rechtsextreme in der Polizei, die sich da in der Ausbildung irgendwie reingemogelt haben. Aber ich glaube, es gibt viele gute Polizisten, die einfach nur mit schlechten Rollenbildern groß geworden sind.

bento: Du meinst Vorurteile?

Ewane: Ja. Das siehst du ja schon im Struwwelpeter oder im Fernsehen. Schwarze sind immer dicklippig, mit Fetzen bekleidet und irgendwie tumb. Wir werden nicht gut situiert dargestellt oder in Berufen, mit denen wir uns ein gutes Leben ermöglichen könnten. Kein Wunder also, dass Polizistinnen und Polizisten anders über Schwarze denken als über Weiße. Aber das heißt nicht, dass ihnen bei der Polizei Rassismus beigebracht wird.  

bento: Wo genau hört denn "Vorurteile haben" auf und der Rassismus fängt an?

Ewane: Es gibt da keine Trennschärfe. Für mich ist es Rassismus, wenn jemand andere als minderwertig ansieht. Solche Menschen gibt es bei der Polizei, ohne Frage. Es gibt sie überall. Aber einen strukturellen Rassismus sehe ich bei der Polizei deshalb trotzdem nicht. Rechtsstaatlichkeit wird dort groß geschrieben.

bento: Eine taz-Autorin hat in einer Kolumne über die Polizei empfohlen, alle Angestellten auf einer Müllhalde unter "ihresgleichen" arbeiten zu lassen. Was hältst du von dem Text?

Ewane: Ich kann mit der Kolumne nichts anfangen. Ich finde sie flach und die Satire daran schwer zu erkennen. 

bento: Wie stehst du dazu, dass Innenminister Horst Seehofer die Autorin anzeigen will?

Ewane: Das halte ich auch für Quatsch. Satire ist wichtig für eine Gesellschaft, sie hält uns wach. Hier hat eine Journalistin Kritik geäußert, egal, ob wir die Form mögen. Sie wird schon ihre Gründe haben, warum sie den Text so formuliert hat. Vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht.

bento: Du rappst und arbeitest in deiner Musik selbst mit Worten. Wie viel hilft denn da so ein Text in der Debatte um Polizeirassismus weiter?

Ewane: Der Text selbst hilft nicht weiter. Ich sehe jetzt nur, dass sich junge Menschen, die gerne mal "Fuck the Police" sagen, sich in ihrer Anti-Haltung bestärkt fühlen. Aber zumindest reden wir endlich darüber, dass etwas schief läuft. Deutschland hat eine kritikfähige Gesellschaft, also können wir so eine Kolumne aushalten. Man muss mit allen im Gespräch bleiben.

„Kein Jugendlicher mit Migrationshintergrund wacht morgens auf und sagt sich: "Die Polizei ist scheiße".“

bento: Am Wochenende haben in Stuttgart Dutzende junge Menschen Polizisten angegriffen, randaliert und Geschäfte geplündert. Kannst du deren Wut verstehen?

Ewane: Klar kann ich die verstehen. Ich war in meiner Jugend selbst Gangstarapper und arbeite jetzt als Sozialarbeiter mit Jugendichen zusammen, die aus ihrer polizeifeindlichen Haltung kein Geheimnis machen. Aber da muss man schauen, wo es herkommt. Kein Jugendlicher mit Migrationshintergrund wacht morgens auf und sagt sich: "Die Polizei ist scheiße". 

So eine Haltung kommt durch die Erfahrungen, die er macht und durch die Chancen, die er im Leben bekommt. Als ich auf der Hauptschule war, hieß es immer, auf dem Gymnasium seien alle klüger. Als ich dann später selbst ans Gymnasium kam, habe ich gemerkt: Nee, die sind nicht klüger, die sind nur privilegierter. Die können nachmittags lernen, während wir Nebenjobs haben und im Haushalt helfen müssen.

bento: Aber dann kann ja der Tipp, mit allen im Gespräch zu bleiben, nicht ausreichen. 

Ewane: Die Politik ist jetzt gefragt und muss für alle mehr Chancengerechtigkeit herstellen. Unsere Gesellschaft ist wahnsinnig vielfältig und in jedem einzelnen Menschen steckt so viel Potenzial – viele sieht nur keiner. Als ich bei der Polizei aufgehört habe, habe ich eine Weile als Autowäscher gearbeitet. In der Waschanlange hatte ich plötzlich jede Menge Schwarze um mich herum, im Gegensatz zu den Blonden bei der Polizei. Unsere Probleme in Deutschland haben viel mit Durchlässigkeit zu tun. 

bento: So gesehen ist es schade, dass du deine Ausbildung abgebrochen hast!

Ewane: Das habe ich mir auch gesagt, deshalb will ich sie auch fortsetzen. Ich habe einen neuen Platz in Schleswig-Holstein. Im August soll es losgehen, ich warte nur noch auf die Zusage.


Fühlen

Warum queere Menschen es oft schwer haben, sich in Beziehungen fallen zu lassen
Homophobie ist nach wie vor ein Problem – nicht nur von außen.

Tobias ist schwul. Seit er 17 ist, datet er Männer. Doch bis er sich in Beziehungen fallen lassen konnte, war es ein langer Weg. Bis heute fühlt er sich unwohl, in der Öffentlichkeit die Hand seines Partners zu halten.

Der Juni ist Pride-Monat. Überall auf den Straßen und im Internet begegnen uns Regenbogenflaggen. Das suggeriert: Die Welt ist offen, seid laut und stolz und so gay wie ihr wollt. Aber das stimmt nicht. Homofeindliche Denkmuster sind noch immer tief in den Köpfen verankert. 

Als Kind wurde Tobias in der Schule gemobbt. Seine Schulkameraden steckten ihn in die Mülltonne, fesselten ihn, bespuckten ihn, nannten ihn "Schwuchtel" oder "Mädchen". Damals wusste er noch gar nicht, was schwul zu sein wirklich bedeutete. Aber er merkte: Es schien nichts Gutes. Um den anderen Jugendlichen zu zeigen, dass sie falsch lagen, ging Tobias mit 16 eine Beziehung mit einem Mädchen ein.

Wenn Schwule Schwule ablehnen

Der Autor und Psychologe Alan Downs beschreibt in seinem Buch "The Velvet Rage", dass schwule Männer eine Scham in sich tragen, die durch eine heterosexuelle Gesellschaft ausgelöst wird – ein Mann, der Männer liebt, könne glauben, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Er fühle sich immer anders, falsch, nicht komplett – weil er dem Weltbild nicht entspricht. Trägt man eine sogenannte "internalisierte Homophobie" in sich, ist man zwar schwul, findet Homosexualität unterbewusst allerdings abstoßend. Und wie soll man unbeschwert lieben und geliebt werden, wenn man die eigenen Gefühle im Kern abwertet? 

Wie bei Tobias ist die Kindheit und Jugend für viele queere Menschen eine psychisch belastende Zeit. In einer US-amerikanischen Studie wurde der emotionale Stress von queeren Teenagern untersucht. Von den 1000 Schülern waren zehn Prozent LBTQI. Diese litten eher an depressiven Symptomen als Gleichaltrige. Während sechs Prozent der heterosexuellen Teenager Suizidgedanken angaben, waren es bei den queeren 30 Prozent. 21 Prozent berichteten, dass sie sich selbst verletzen. Als Ursache hierfür wurde Mobbing gefunden – je mehr sich ein Jugendlicher gemobbt fühlte, desto eher zeigte er emotionalen Stress und depressive, selbstschädigende Symptome.