Bild: Simon Neumeyer
Im Interview berichtet Simon, was er in seiner Ausbildung erlebte.

Im September 2016 begann für Simon Neumeyer das, was er sich immer gewünscht hatte: Er begann seine Ausbildung zum Polizisten. Von Köln zog der 21-Jährige nach Leipzin in Sachsen. Doch da hielt er es nicht lange aus: Mitschülerinnen, Mitschüler und Vorgesetzte äußerten sich immer wieder rassistisch.

Einen Beleg für den Rassismus in seiner Klasse hat er nun auf Instagram gepostet, drei Screenshots aus der WhatsApp-Gruppe seiner damaligen Klasse. Zuerst berichtete Neon über Simons Vorwürfe.

In der Silvesternacht 2016/2017 zum Beispiel postete ein Mitschüler einen rassistisch umgetexteten Fußball-Fangesang:

Wir sind aus Cottbus, und nicht aus Ghana, wir hassen alle ... Afrikaner.
Aus der WhatsApp-Gruppe der Polizei-Azubis

In seinem Post stellt Simon die Frage: "Was halten die Medien, Politik und die Polizei Sachsen eigentlich davon?"

Die Polizei geht den Vorwürfen jetzt nach. Das Präsidium der Bereitschaftspolizei hat gegen einige Mitglieder der WhatsApp-Gruppe Disziplinarverfahren eingeleitet.

Der Leiter der Bereitschaftspolizei Sachsen Dirk Lichtenberger sagte:

Rassistisches Gedankengut hat in den Reihen der Polizei keinen Platz und darf unter keinen Umständen toleriert oder verharmlost werden.

Nach eigenen Angaben hat die Polizei erst durch die Veröffentlichung von Simons Vorwürfen erfahren. (SPIEGEL ONLINE)

Wir haben Simon angerufen und uns mit ihm über seine Zeit bei der sächsischen Polizei unterhalten.

Simon, warum wolltest du zur Polizei?

Weil der Beruf sehr vielfältig und spannend ist. Ich würde gerne als Polizist für die freiheitlich demokratische Grundordnung einstehen. Das war mein größter Berufswunsch. Es war immer geplant, dass ich da lande.

Wann ist dir in der Ausbildung das erste Mal Rassismus begegnet?

In den ersten zwei Wochen waren alle wohl noch etwas schüchtern, aber sobald man sich ein bisschen kennengelernt hatte, ging es los.

Rassistische Sprüche waren zwar nicht an der Tagesordnung, sie waren aber salonfähig.

Und kamen nicht nur von Mitschülern, auch von Vorgesetzten.

Ein Schießausbilder sagte zum Beispiel mal sinngemäß, dass wir das Schießen üben müssten, weil zurzeit so viele "Gäste" nach Deutschland kämen. Der stellvertretende Leiter der Polizeischule hielt im Ethikunterricht mal eine Stunde darüber, dass er sich in seiner Heimat nicht mehr wohl und sicher fühle, weil an Silvester so viele Ausländer laut auf der Straße gefeiert hätten.

In einer anderen Stunde ging es darum, polizeiliche Sachverhalte mit Menschen mit Migrationshintergrund aufzuklären. Er hat sich breitschultrig hingestellt und einen Türken klischeehaft nachgemacht.

Und deine Mitschülerinnen und Mitschüler?

Mitschüler sangen Lieder der Nazi-Band Stahlgewitter auf der Stube oder berichteten von Besuchen auf NPD-Veranstaltungen, ohne dass die anderen widersprochen haben. 

Hast du denn widersprochen?

Klar. Ich habe von Anfang an meine Meinung gesagt und immer wieder widersprochen. Deshalb wurde ich auch immer mehr ausgegrenzt und von den anderen als "links" und "nicht normal" bezeichnet. Der Deutschlehrer hat zum Beispiel gerne das N-Wort benutzt. Ich habe gesagt, dass das nicht geht. Daraufhin hab ich wieder nur Sprüche von Mitschülern gekriegt, dass ich mich nicht so anstellen solle und dass man ja gar nix mehr sagen dürfe. 

Und du hattest gar keine Verbündeten?

Eigentlich nicht. Es gab zwar einen Mitschüler, der mir persönlich gesagt hat, dass er das rechtsradikale Zeugs auch nicht in Ordnung findet. Aber aus Karrieregründen hat er sich wahrscheinlich nicht getraut, das auch vor den anderen auszusprechen. Für mich kam das nicht in Frage.

Hast du die Vorfälle den Vorgesetzten gemeldet?

Nein. Ich hatte Angst davor, dass sie genauso denken und das deshalb Repressionen nach sich ziehen könnte. 

Wie groß war der Anteil der Azubis, die sich rassistisch geäußert haben?

Wir waren etwa 30 Leute in der Klasse. Fünf bis zehn haben sich regelmäßig rassistisch oder rechtsradikal geäußert. Der Rest hat geschwiegen, außer mir.

Einer meinte einmal, dass er lieber braun als grün wählen würde. Das war für die anderen, als würde er über das Wetter reden.

War der Rassismus der einzige Grund für dich, die Ausbildung abzubrechen?

Der Rassismus und die Folgen meines Widerspruchs. Durch die Ausgrenzung hatte ich echt eine schwere Zeit dort. Und es wurde immer schlimmer, ich habe keine Perspektive mehr gesehen. Die Situation war nicht mehr tragbar. Anfang Mai 2017 habe ich dann die Bitte auf Entlassung eingereicht.

Die Polizei sagt, sie habe auch bei deiner Kündigung nichts von der WhatsApp-Gruppe und deinen Anschuldigungen erfahren.

Weil das bei der Polizei bis zur Entlassung immer ein bisschen dauern kann, habe ich aus Angst vor Repressionen nicht die wahren Gründe genannt. Ich habe behauptet, dass ich aufgrund meiner Leistungen nicht daran glauben würde, die Ausbildung schaffen zu können. Das war natürlich Quatsch.

Du bist seit Ende Mai 2017 raus aus der Ausbildung. Warum gehst du erst jetzt damit an die Öffentlichkeit? 

Ich war ganz lange in Gesprächen mit verschiedenen TV-Formaten, unter anderem mit den Leuten vom Neo Magazin Royale. Auch mit Martina Renner von der Linken habe ich über meine Erfahrungen gesprochen. Aber die haben für alles immer so lange gebraucht. Das hat mir jetzt alles zu lange gedauert.

Ich wollte, dass das rauskommt. Damit sich dort was verändert.

Auf Instagram hast du teils auch negative Reaktionen bekommen, wurdest als Verräter und Nestbeschmutzer beschimpft. Wie gehst du damit um?

In den Kommentaren unter einem anderen Artikel wurde ich auch als "Schwuchtel" beschimpft. Ich sei zu verweichlicht, um die Ausbildung zu schaffen und würde deshalb solche Geschichten erfinden. Das ist so absurd, dass ich darüber nur lautstark lachen kann. Was soll man da denn sonst machen? Das tangiert mich nicht.

Gab es auch positive Reaktionen?

Ja, eine Menge. Ich hab ganz schön viele private Nachrichten bekommen, die waren alle positiv. Leute haben sich bedankt, dass ich das gepostet habe. Da freue ich mich sehr darüber. 

Was willst du mit der Veröffentlichung erreichen?

Ich will zeigen, dass die sächsische Polizei auf dem rechten Auge blind ist. Und dass sich das ändern muss. Rassismus ist immer schlimm, bei der Polizei aber besonders. Für sie gilt die Neutralitätspflicht.

Wer sich rassistisch äußert, sollte nicht Polizist werden und erst recht keine Polizistinnen und Polizisten ausbilden.








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