"Ich werde dich vergewaltigen und in der Badewanne ertränken", schrieb ein User Janin. Ein Beamter nahm ihre Ängste dennoch nicht ernst.

Es ist Samstagabend, als die Nachricht im Chatfenster aufploppt. Powny spielt "Dark Souls 1" und streamt dabei live auf Twitch. Etwa 80 Menschen schauen ihr dabei zu. Powny verdient so nebenher Geld. Die Nachricht, die an sie gerichtet ist, ist für alle sichtbar: "Ich habe deine Adresse und werde dich vergewaltigen und anschließend in der Badewanne ertränken." Geschrieben hat sie ein Nutzer namens "janin_[Nachname]_toeten". Janin ist Pownys richtiger Name. Ihr Nachname ist öffentlich eigentlich nicht bekannt, das will sie so beibehalten. 

Ihr Moderationsteam löscht die Drohung schnell, trotzdem hat Powny sie gesehen. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, erzählt sie im Gespräch mit bento. Beleidigungen und Gepöbel gebe es bei ihr im Chat zwar häufiger, eine so explizite Drohung sei allerdings neu. Aber schnell habe sie bemerkt: "Ich kriege keinen geraden Satz mehr heraus." 

Nach Ende des Streams kontaktiert Janin ihren Ansprechpartner bei Twitch. Der lässt den Account des Bedrohers schnell sperren. Er rät ihr auch dazu, die Morddrohung anzuzeigen.

Am Abend ist Janin alleine zu Hause. Die 29-jährige will die Drohung nicht zu ernst nehmen. Eigentlich ist sie sicher, dass ihr nur jemand Angst einjagen will. 

Trotzdem wird sie den Gedanken im Hinterkopf nicht los: Was, wenn das doch ernst gemeint ist? 

Sie schläft seitdem mit abgeschlossener Schlafzimmertür. 

Obwohl laut Branchenverband "Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware" BIU fast die Hälfte der deutschen Gamer Frauen sind, werden sie in der Szene oft kritisch beäugt. Viele stoßen auf Ablehnung oder Sexismus (SPIEGEL). 

Oft wirkt das wenig organisiert, wie die spontanen Ausfälle einzelner frustrierter Männer, die sich hinter ihren Bildschirmen verstecken. Doch als Janin einen Screenshot der Drohung auf Twitter veröffentlicht, melden sich vier weitere Twitch-Streamerinnen, die vor Kurzem in ähnlicher Weise bedroht wurden. Die Drohungen kommen von Accounts, die im gleichen Schema benannt sind: [Vorname]_[Nachname]_toeten oder [Vorname]_[Nachname]_vergewaltigen.

Das einzige, was die vier verbindet: Sie sind weiblich und bei Twitch.

Sara, die ebenfalls eine solche Drohung auf Twitch erhalten hat, sieht Hass in der Szene als großes Problem. Sprüche wie "Wish you cancer" oder "Die, you bitch" seien "eher normal im Gamingbereich". Sie wünsche sich, dass Menschen sich bewusst machen, was eine Drohung oder "auch nur ein dummer Spruch für Gefühle beim Gegenüber auslöst".

Janin entscheidet, zur Polizei zu gehen. 

Was sie dort erlebt, zeigt ein weiteres Problem: Die Polizei ist mit Frauenhass im Netz teilweise überfordert. Auf Twitter beschreibt Janin, wie der Beamte, bei dem sie die Anzeige aufgibt, sie nicht ernst genommen habe. 

"Sie müssen ja viel Freizeit haben", sei die Reaktion des Beamten gewesen. 

Wenn Janin nicht streamen würde, "dann hätte der Ihnen auch nicht geschrieben und wir würden hier nicht sitzen," sagt der Beamte. "Ich war den Tränen nah", erzählt Janin bento. "Ich habe ihn dann gefragt habe, ob er auch zu einem Vergewaltigungsopfer sagen würde, dass sie keine kurzen Röcke tragen solle." Das habe der Beamte verneint, das sei "ganz was anderes". 

Der Polizist nimmt die Anzeige zwar auf, verabschiedet sie aber mit dem Spruch: "Sollte man Sie tot in Ihrer Badewanne finden, was für Sie natürlich der schlechteste Ausgang wäre, haben wir zumindest einen Ermittlungshinweis." Janin war fassungslos. Und wendet sich an die Öffentlichkeit. 

"Der Beamte vor Ort hat offenbar völlig unsensibel und unprofessionell reagiert", sagt Eva Groß. Sie ist Kriminologin und Professorin an der Akademie der Polizei in Hamburg. Wenn die Vorwürfe zuträfen, habe der Beamte "eine Täter-Opfer-Umkehr vorgenommen, die in keiner Weise akzeptabel ist".

Die Schilderung überrascht Eva allerdings nicht. Sie erlebe häufig, dass Beamtinnen und Beamten oder auch Polizei-Studierende nicht ausreichend für sogenannte "vorurteilsgeleitete Kriminalität" sensibilisiert seien. Darunter fällt zum Beispiel Kriminalität, die aus Hass gegen Frauen entsteht.

Drohungen im Internet würden oft weniger Ernst genommen als solche, die offline erfolgen. In der polizeilichen Ausbildung im Hamburg – auch an der Akademie, an der sie lehrt – spiele Hasskriminalität im Netz bisher eine zu kleine Rolle. "Das ist ein großes Problem, weil das Internet eine sehr wichtige Rolle bei der Extremisierung von Menschen spielt", sagt Eva. Auch die freiwilligen Fortbildungsangebote für Beamtinnen und Beamte hält sie für "nicht ausreichend". Sie sieht sowohl Polizei als auch Hochschulen und Politik in der Verantwortung, Hasskriminalität im Internet ernster zu nehmen. 

Von der immer wieder aufkommenden Forderung nach eine Klarnamenpflicht im Netz, wie sie zuletzt Wolfgang Schäuble vorschlug, hält Eva dennoch nichts – und auch viele Experten glauben nicht an die Umsetzbarkeit eines solchen Vorschlages und halten ihn für gefährlich (DER SPIEGEL).  

Die Polizei solle dafür bei Hass im Netz, der sich unter der Strafbarkeitsgrenze bewegt, lieber genauer hinsehen, sich stärker sensibilisieren und präventiv arbeiten, sagt Eva. "Auch online können Gefährderansprachen ein wirksames Mittel sein". 

Auch Janin hofft, dass die Polizei in Sachen Medienkompetenz und Cyberkriminalität besser geschult werde, "damit solche Sachen direkt ernster genommen werden". Niemand dürfe Angst davor haben müssen, eine Anzeige zu erstatten.

Einen weiteren Schritt in diese Richtung könnte Eva selbst mit ihrem Tweet ausgelöst haben: Das Social-Media-Team der Polizei Bremen reagierte schnell auf Janins Post. Man nehme die Beschwerde sehr ernst, twitterten sie. Tatsächlich habe sich wenig später eine Beamtin bei Janin gemeldet. Von da an habe sie sich endlich ernstgenommen gefühlt. "Ich habe einen Termin bekommen, um die Aussage nochmal zu machen. Die Beamtin hat mich gefragt, ob es mir gut geht, ob ich mich sicher fühle." Der Termin sei positiv verlaufen. "Ich wurde so behandelt, wie es beim ersten Mal hätte laufen sollen." In ihrer Aussage habe sie auch auf die anderen Streamerinnen hingewiesen, die ebenfalls bedroht wurden. 

Laut Polizei Bremen läuft mittlerweile ein Disziplinarverfahren gegen den Beamten, der Janins erste Aussage aufgenommen hat. Er sei von Aufgaben mit Bürgerkontakt entbunden, bis die Vorwürfe geklärt seien. 

Außerdem nehme man den Vorfall zum Anlass, "die internen Prozesse bei der Anzeigenaufnahme von Straftaten im Internet grundsätzlich zu überprüfen".


Fühlen

Kann man das Wort "Schwuchtel" auch nett meinen?
Warum es problematisch ist, das Wort "queer" so häufig zu verwenden.

Karin ist eine Lesbe. Hannes ist schwul. In der Schweiz wurde jetzt die Homo-Ehe eingeführt. Wenn wir auf Deutsch über Menschen reden, die nicht heterosexuell sind, hört sich das meistens nicht besonders freundlich an. Worte wie "schwul", "lesbisch" oder "homosexuell" klingen mindestens distanziert, sind oft negativ besetzt.

Im Englischen ist das anders. Sissy, Butch, Dyke – früher wurden mit diesen Begriffen Nicht-Heterosexuelle abgewertet. Heute können sie im passenden Kontext sogar zärtlich sein. Dass jemand sich liebevoll "Schwuchtel" nennen lässt, kann man sich hingegen schlecht vorstellen. Deswegen greifen auch hierzulande viele Nicht-Heterosexuelle auf Begriffe aus dem englischen Sprachraum zurück. Gerade das Wort "queer" setzt sich immer mehr durch.

Woran liegt es, dass die, sonst so wortreiche, deutsche Sprache in dieser Hinsicht so hart ist? Und ist "queer" wirklich die Lösung? Auch an dem harmlosen Begriff gibt es inzwischen Kritik.

Dass sich im englischen Sprachraum Menschen freiwillig als "Fag", also Schwuchtel, bezeichnen, ist ein Ergebnis von szene-interner Selbstaneignung. "Dahinter steht, eine verletzende Zuweisung anzunehmen und zu bestärken – aber in einer radikalen Umwendung", sagt Jule Govrin. Sie ist Philosophin, die zu queerpolitischen Themen forscht. Die Schimpfwörter werden so also zu Worten, die die Beschimpften selbst nutzen, erklärt Jule. 

Wie schwer sich Menschen in Deutschland mit solchen Begriffe tun, erzählt Bambi Mercury. Bambi ist eine Dragqueen und bezeichnet sich selbst als schwul. Unter Freunden würde Schwuchtel durchaus schon mal genutzt, doch: