Bild: Screenshot Instagram jennyblumofficial

Adrienne ist offenbar oben ohne am Strand, Jenny erinnert sich im Spitzen-Kleid an die Geburt ihres Kindes und Selçuk trinkt "Gourmet Coffee am Kotti". Drei Szenen von jungen Menschen auf Instagram aus den vergangenen Wochen. Was alle drei Personen besonders macht: Sie sind Polizistinnen und Polizisten – zumindest im Hauptberuf. 

Doch ist es noch der wichtigste Job, wenn man monatelang für Bikini-Bilder durch die Welt reist? Passt es zum Polizeidienst, sich in Uniform an einen Kollegen zu schmiegen? Und dürfen Polizisten öffentlich sagen, wo sie gerne Kaffee trinken? Über solche Fragen wird derzeit in vielen Revieren diskutiert. 

Immer mehr Polizistinnen und Polizisten zeigen sich im Dienst und außerhalb gerne als Influencer. Viele posieren nur einmal mit der Uniform – andere machen es fast täglich. Und manche verdienen mit Hautpflege und Reisetipps inzwischen sogar zusätzlich Geld.

Mehtap Öger ist eine der bekanntesten Polizistinnen auf Instagram, mehr als 28.000 Menschen folgen ihr. In den vergangenen Wochen dürfte ihre Bekanntheit noch weiter gestiegen sein: Die 35-jährige Kommissarin war Teil einer Werbekampagne der "Bild"-Zeitung – in Dienstuniform und mit Schutzweste. Durfte sie das? Oder wird das Dienstwappen auf der Brust zum Werbesiegel für Produkte, wenn aus Freunden und Helfern plötzlich auch Influencer und Verkäufer werden?

In Berlin wurde darüber lange diskutiert, in der Vergangenheit setzte die Polizei bereits selbst auf Influencer-Werbung. In dieser Woche kündigte Polizeipräsidentin Barbara Slowik intern an, die Instagram-Aktivitäten ihrer Beamten grundsätzlich überprüfen zu lassen, berichten Medien – die Rede ist von der "Sonderprüfung Influencer". Dabei soll eine "Analyse der Risiken in Bezug auf die Tätigkeit von Dienstkräften der Polizei Berlin als Social Media Influencer in Verbindung zur dienstlichen Tätigkeit bei der Polizei Berlin" erstellt werden. Einfacher gesagt: 

Die Berliner Polizei will jetzt klären, ob sich Dienstpflicht und Insta-Stories in Uniform in Einklang bringen lassen. 

Auch in anderen Bundesländern werde derzeit über solche Schritte nachgedacht, sagt der Kommunikationswissenschaftler Stefan Jarolimek. Er erforscht an der Deutschen Hochschule der Polizei, wie die Beamten im Internet auftreten. Zwei Mal jährlich treffen sich in seinem Fachbereich Social-Media-Experten verschiedener Dienststellen, im kommenden Jahr bietet Jarolimek erstmals eine Fortbildung zum "Social Media Manager Polizei" an. 

Bislang ging es eher um Wiesn-Tweets, Einsatzkommunikation und die Frage, wie meinungsstark Dienststellen in Facebook-Diskussionen auftreten dürfen. Dass Polizisten öffentlich im Netz über ihre Arbeit berichten, sei vor Instagram kaum denkbar gewesen, sagt Jarolimek. "Ich habe das Gefühl, man muss die Kollegen manchmal eher schützen." 

„Wenn man abwechselnd halbnackt und in Uniform auftritt, verstehen das auch innerhalb der Polizei nicht alle.“
Stefan Jarolimek, Kommunikationswissenschaftler an der Deutschen Hochschule der Polizei

Wie viele private Polizisten-Accounts es inzwischen auf Instagram, Twitter, Tiktok oder Snapchat gibt, lässt sich kaum abschätzen. Auch, weil viele #Polizei-Accounts Bilder von der Arbeit und aus dem Privatleben vermischen. "Es gibt einen großen Graubereich", sagt Jarolimek. Vor allem für junge Beamte sei es jedoch sehr attraktiv, sich auch bei der Arbeit zu zeigen. 

„"Die jungen Polizisten merken, dass sie in Uniform deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten."“
Stefan Jarolimek, Kommunikationswissenschaftler an der Deutschen Hochschule der Polizei

Doch ist es für die Polizei eher ein Risiko oder eine Chance, wenn sich ihre Beamten auch privat auf Bildern in Uniform zeigen? Die Bundeswehr hat bereits seit längerem eigene Guidlines zum Thema, seit kurzem gibt es das Angebot für "besonders motivierte Social-Media-Nutzer" sogenannter "Corporate Influencer" zu werden.

Der Berliner Polizei brachte der Auftritt von Methap Öger in der "Bild"-Werbung dagegen erst einmal Ärger ein. Medien und Politiker fragten tagelang, wie die Kampagne mit dem staatlichen Neutralitätsgebot vereinbar sei. Schließlich wurde die Anfrage als vermeintliche Danksagung rechtfertigt – eine ziemlich kreative Umdeutung der Werbe-Kampagne (T-Online). 

Für Markus Reuter war der Werbeauftritt der Polizei-Influencerin dagegen keine wirkliche Überraschung. Der Redakteur des Bürgerrechts-Portals netzpolitik.org beobachtet seit langem das Social-Media-Auftreten der Polizei und meint: 

„Die Polizei ist im Internet nur dann offen, wenn es in ihr PR-Bild passt.“
Markus Reuter, netzpolitik.org

Obwohl er sich meist kritisch mit der Behörde befasst, will Reuter nicht kritisieren, dass auch Polizeibeamte in den Sozialen Netzwerken aktiv sind oder dort über ihre Arbeit berichten. Ihn stört jedoch, mit welcher Strategie die Polizei im Internet auftritt. "Auf der einen Seite muss ich mit bis zu 600 Euro Bußgeld rechnen, wenn ich einen Beamten auf der Straße duze, auf der anderen Seite macht genau das die Polizei jeden Tag auf Twitter, um besser anzukommen." 

Während sich die Polizei bei Social-Media-Aktionen in den immer wieder betrunkene oder auffällige Personen lustig macht, fordern Gewerkschaftsvertreter und Politiker regelmäßig mehr Respekt und härte Gesetze. So müssen zum Beispiel Menschen, die wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte verurteilt werden, seit 2017 mit einer Haftstrafe rechnen. 

Kann die Polizei wachsende Respektlosigkeit beklagen und gleichzeitig hemdsärmelig bis forsch durchs Internet streifen?

Markus Reuter findet: Nein.

Kommunikationswissenschaftler Jarolimek sieht vor allem die Gefahr, unfreiwillig Fehler zu machen. Bis wohin sind Selfies aus der Mittagspause okay und wann muss das Handy weg? Auch innerhalb der Dienststellen gebe es darüber sehr unterschiedliche Auffassungen, meint Jarolimek. Eine erste Konsequenz: In Berlin werden Polizeischüler jetzt bereits in der Ausbildung auf Instagram und Twitter angesprochen.

Doch im Revier-Alltag gibt es für normale Polizeibeamte weiterhin kaum Social-Media-Regeln. Wer neben der Arbeit noch Geld verdienen will, muss sich das genehmigen lassen, Polizistinnen dürfen nicht gegen das Neutralitätsverbot verstoßen und sollen sich mäßigen. Doch wie genau das alles zu verstehen ist, bleibt bislang oft Auslegungssache, wie der Fall von Mehtap Öger zeigt. 

Streng genommen ist schon der Gebrauch von privaten Smartphones im Polizei-Dienst untersagt. 

Bis es verlässliche Regeln für Instastories und Einsatztweets gibt, könnten noch Monate, vielleicht sogar ein bis zwei Jahre vergehen, schätzt Jarolimek. Entsprechende Richtlinien müssen in den Behörden abgestimmt werden. Für weitergehende Vorschriften gibt es eigene Kommissionen, die von den Innenministerien beauftragt werden müssen. Auch Jarolimek berät Behörden dazu. Viele Verantwortliche fürchteten Verstöße gegen das Dienstgeheimnis und die Neutralitätspflicht, sagt er.   

Bislang ist davon allerdings wenig zu sehen, auf den meisten Profilen von Polizistinnen und Polizisten dominieren Selfies aus dem Dienstwagen oder Bikini-Fotos nach Feierabend. Auch auf der Instagram-Seite von Polizeikommissarin Adrienne Koleszár war das lange Zeit so. 

Für die vielleicht erfolgreichste Polizistin auf Instagram hatte der Erfolg mit mehr als 630.000 Abonnenten allerdings schon praktische Konsequenzen. Nachdem sie ein halbes Jahr freigestellt worden war, um Urlaub und Werbung in Miami, Dubai und auf den Malediven zu machen, stellte sie ihr Dienstherr vor die Entscheidung, regulär in den Polizeidienst zurückzukehren oder endgültig Influencerin zu werden. 

Für "Bild" war es das "Bikini-Ultimatum". 

Die 34-Jährige entschied sich schließlich für das Polizei-Revier Dresden-Süd und kehrte zurück. Auf Instagram zeigt sie sich immer noch, gerne auch freizügig – jetzt offenbar aber nur noch in der Freizeit. Bilder in Polizei-Uniform waren auf dem Profil schon lange nicht mehr zu sehen.


Gerechtigkeit

Chemnitz ein Jahr nach den Ausschreitungen: Ein Rundgang

Die Chemnitzer Innenstadt wirkt wie leergefegt ein paar Tage vor dem Jahrestag der Ausschreitungen. Stolze Gründerzeitbauten stehen leer und verfallen. In den Fenstern hängen hilflose Plakate mit Handynummern: Zu vermieten! Gewerberaum, günstig! Bitte anrufen!  Die Stadt ist zu groß für ihre über 240.000 Einwohnerinnen und Einwohner. In der Ferne raucht der knallbunte Schlot vom Heizkraftwerk, auf den die Chemnitzer stolz sind. Das Kraftwerk verfeuert Braunkohle.