Wir waren bei Deutschlands erstem virtuellen Landeskongress dabei.

Am Ende des Landeskongresses stimmt Max Funke-Kaiser, Landesvorsitzender der Jungen Liberalen in Bayern, wie immer die Europahymne an. Das hat in Bayern Tradition. Doch dieses Mal stimmt niemand mit ein. Statt auf einem Podium, sitzt Max zuhause vor dem Laptop. Statt zusammen mit den anderen Julis zu singen, singt er alleine. Nachdem er fertig ist, kommt aus den Lautsprechern vereinzelt Applaus. 

Etwa 130 Kilometer entfernt und acht Stunden zuvor wartet Eva Keil aufgeregt an ihrem Schreibtisch auf den Beginn des ersten digitalen Landeskongresses in der Geschichte der Jungliberalen. 

Politik in der Coronakrise – die Julis in Bayern tagen erstmals virtuell

Statt sich wie geplant in Sonthofen zu treffen, sitzen die Teilnehmenden nun irgendwo in Bayern zuhause vor ihren Bildschirmen. Die 19-Jährige Eva lebt in Hohentann, einer kleinen Gemeinde zwischen Regensburg und München. "Ich bin sehr gespannt, ob das heute technisch alles klappt", sagt sie. Es ist kurz vor 11 Uhr am Sonntagvormittag.

Seit die Corona-Pandemie ausgebrochen ist, sind große Ansammlungen von Menschen verboten. Die Gesellschaft muss sich neu organisieren: Viele Unternehmen arbeiten jetzt aus dem Homeoffice, Restaurants liefern Essen nach Hause, Schulen und Universitäten richten digitale Klassenzimmer ein. Und die Julis in Bayern tagen erstmals per Videokonferenz. 

Eva Keil nimmt am ersten digitalen Landeskongress der Jungen Liberalen in Bayern teil. 

Es ist der erste virtuelle Kongress einer politischen Organisation überhaupt. Die Julis könnten heute zu Vorreitern werden: Derzeit prüft sogar der Bundestag, ob virtuelle Tagungen und Online-Abstimmungen rechtlich möglich sind (Süddeutsche). Und die Grünen planen im Mai ihren ersten komplett digitalen Parteitag (Tagesspiegel).

Die Geschäftsordnung erlaubt digitale Kongresse – aber hält das WLAN?

Die Jungen Liberalen in Bayern haben schon 2016 ihre Geschäftsordnung dahingehend verändert, dass digitale Kongresse rechtmäßig sind. "Wir fanden es wichtig, diese Möglichkeit zu haben", erzählt Andre Lehmann am Tag vor dem Kongress. Er ist Mitglied des Kongresspräsidiums, hat 2016 den Beschluss mitgetragen. Heute wird er mit drei weiteren Julis die Leitung übernehmen. 

Ob Evas WLAN stabil genug ist, wird sich am Sonntag erst noch zeigen. Die 19-Jährige ist Mitglied der Julis, seit sie 14 Jahre alt ist. Sie lebt bei ihren Eltern auf dem Land, die nächsten Nachbarn wohnen etwa einen Kilometer entfernt. Wenn sie in ihrem Zimmer eine Serie bei Netflix schaut, müsse sie schon mal unterbrechen, um dem Stream Zeit zum Laden zu geben. Die beste Verbindung im Haus habe sie im Büro, direkt neben dem Router. Von dort aus wird sie den Kongress verfolgen. 

"Wir haben gestern bereits eine Einführung in die Technik bekommen", erzählt Eva, die inzwischen schon vor dem Laptop sitzt. Sie trägt eine weißes Shirt, an ihrem Hals hängt eine Kette mit Herzanhänger. "Und ich habe mich gestern noch auf den großen Leitantrag vorbereitet, der heute diskutiert wird." Thema: sozialer Aufstieg. 

Auf einer digitalen Plattform wird abgestimmt, es werden Anträge überarbeitet und Rednerlisten besetzt. 

(Bild: Screenshot: julis-bayern.de )

Technisch soll der Kongress so ablaufen: Diskutiert wird über eine Videoplattform. In einem digitalen Organisationsraum wird abgestimmt, Rednerlisten bearbeitet und Anträge gestellt. Auf Evas Laptop ist der Browser mit der Tagesordnung geöffnet, auf einem Schreibblock daneben stehen ihre Notizen, auf einem Teller liegen Apfelschnitze bereit. Heute mal was Gesundes, denn: "Bei Präsenzkongressen snacke ich sonst zwischendurch fast nur Gummibären." Sie hat einen Änderungsantrag für die Zeilen 60 bis 62 des Leitantrages gestellt. Sie hofft, ihn begründen zu dürfen. "Ich mag die Debattenkultur, die wir bei den Julis haben. Jede und jeder kann mitreden", sagt sie und freut sich sichtlich auf den Tag.

Wie wir recherchiert haben:

Bei einer Reportage begleitet man normalerweise seine Protagonistin, beobachtet sie, fängt Stimmungen ein. Wir begleiten Eva heute per WhatsApp-Videochat auf dem Handy, unsere Redakteurin saß dabei zu Hause auf ihrem Balkon. Den Landeskongress beobachtete sie auf dem Laptop über einen Livestream: Eine Präsentation navigiert durch die Veranstaltung, in einer Ecke wird das Video der Person angezeigt, die gerade spricht.

11 Uhr, es geht los. Erst einmal passiert: nichts. Der Livestream hat noch keinen Ton. Über Evas Videochat gibt es die ersten technischen Einführungen und Zwischenrufe. "Man sieht nur deine Stirn gerade", beschwert sich einer der inzwischen knapp über 100 Teilnehmenden. Wen er meint, weiß man nicht, wer er ist auch nicht. Die meisten haben ihr Video ausgeschaltet, man hört nur Stimmen aus dem Nichts.

Eva im WhatsApp-Videochat mit bento-Redakteurin Caro.

"Wer den blauen Balken für die Abstimmung nicht sieht, meldet sich", sagt der Techniker aus dem Off. Eva ruft:

„Also bei mir aktualisiert sich da gerade gar nichts mehr.“

Im Notfall immer den Browser-Cache leeren, rät die Technik. Und wenn nichts mehr hilft, einmal an die WhatsApp-Support-Hotline wenden. 

Die Juli-Organisatoren wechseln sich mit der virtuellen Leitung ab

"Wir haben den Kongress im Vorfeld schon einmal durchgespielt", erzählt Andre Lehmann. Eine Person aus dem Präsidium leitet die Sitzung und kommuniziert mit den Teilnehmenden. Eine koordiniert die Rednerlisten, eine behält den Chat im Auge, in dem Anträge und Zwischenfragen angekündigt werden. "Und dann werden wir Präsidiumsmitglieder noch die ganze Zeit in einer ganz klassischen Telefonkonferenz sein, um uns zu koordinieren", erzählt Andre. 

11:14 Uhr, der Vorsitzende Max Funke-Kaiser eröffnet der Kongress und begrüßt die Teilnehmenden. Er will wissen:

„Seid ihr ready für den ersten virtuellen Landeskongress der Julis in Bayern?“

Die meisten sind ready. Inzwischen sind knapp 150 Julis bei Teams anwesend. Bei irgendwem klingelt das Handy.

Die Jungen Liberalen zählen in Bayern 1400 Mitglieder. Bei Landeskongressen kommen in der Regel zwischen 200 und 250 Julis zusammen. Beim E-Kongress heute rechneten die Veranstalter im Vorfeld mit bis zu 300 Teinehmenden. Tatsächlich waren zeitweise bis zu 322 Personen eingeloggt. 

"Die Hürde ist natürlich niedriger, wenn man sich zu Hause vom Bett aus einloggen kann", wird der Vorsitzende Max nach dem Kongress sagen, "und keine Anfahrt und Übernachtung zahlen und organisieren muss". Auch wenn zum Ende, gegen 18 Uhr, nur noch um die 120 Personen an den Abstimmungen teilnahmen, wurde an diesem Sonntag wohl eine große Gruppe erreicht: "Das ist die höchste Anzahl an Teilnehmenden bei einem Landeskongress jemals." 

Per Livestream konnten auch Nicht-Julis den Landeskongress mitverfolgen.

(Bild: Screenshot: julis-bayern.de )

11:54 Uhr, Einstieg in die Antragsdebatte, nachdem die Formalia geklärt sind. Eine Anmerkung noch aus dem Präsidium: "Tobi, mach bitte dein Mikro aus, man hört deine Musik." Nach und nach ploppen unterschiedliche Rednerinnen und Redner auf, begründen ihre Änderungswünsche, halten Rede und Gegenrede. Sie sitzen in ihren Wohn- und Arbeitszimmern, im Hintergrund Bücherregale und große Holzschränke. Bei einem der Redner schreit ein Baby. 

Eva holt sich was vom Grill, am Rechner wird weiter diskutiert

Kurz nach 13 Uhr gibt es bei Eva Mittagessen. Sie lässt die anderen weiter über Zeilenänderungen im Leitantrag diskutieren und holt sich derweil etwas vom Grill. Ihr Bruder hat gestern eine Sau geschlachtet, es gibt Schweinekotelettes. Während ihre Familie draußen auf der Terrasse isst, nimmt sie ihren Teller mit an den Schreibtisch und verfolgt weiter die Debatte. Zu trinken gibt's Leitungswasser aus dem Bierkrug. 

Von hier aus nimmt Eva am Landeskongress teil. Den Apfel hat sie aufgegessen, jetzt gibt's Schokolade und Tee. 

"Bei Präsenzkongressen ist es auch so, dass man mal rausgeht und wieder reinkommt. Dann unterhält man sich ein bisschen mit den anderen oder diskutiert in kleiner Runde miteinander." Der Austausch im kleinen Rahmen wurde heute in WhatsApp-Gruppen ausgelagert. Immer wieder, wenn parallel Nachrichten ankommen, schmunzelt Eva ihren Bildschirm an und tippt etwas in ihre Tastatur.

"Am meisten fehlt mir schon das Gemeinschaftsgefühl", sagt Eva. Die zahlreichen Grußworte von Freien Demokraten und Jungen Liberalen aus anderen Landesvorständen, die sich den Tag über dazuschalten, und die begleitenden WhatsApp-Chats machen die Tatsache nicht wett, dass Eva den ganzen Tag alleine an ihrem Schreibtisch sitzt. 

Ein Grußwort gibt es von Lukas Köhler, Mitglied im Bundesvorstand der Freien Demokraten. 

18:45 Uhr, die Hymne ist gesungen, der Videochat beendet. Eva ist zufrieden mit dem Tag. Das WLAN hat durchgehalten, ihr Änderungsantrag für Zeile 60 wurde übernommen.

Um 23 Uhr soll die Landeskongressparty losgehen. Normalerweise findet dieser Teil des Abends in einer Bar oder auch mal einem Club statt. Es gibt Essen und es wird über Politik diskutiert. Und getanzt: "Bei den Julis Bayern geht's auf der Tanzfläche immer ziemlich gut ab", erzählt Eva, "meistens bis in die frühen Morgenstunden".

Bei diesem Kongress soll im Videochat gefeiert werden. Die Facebook-Veranstaltung stellt einen Link zu dem dazugehörigen virtuellen Raum. Sie zeigt auch an: 36 Personen waren an der Veranstaltung interessiert, 25 haben teilgenommen. Eva hat sich nicht eingeloggt. 


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Freuzeit: Kochen wie Gordon Ramsay und danach Geiseln befreien wie ein FBI-Agent
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Während ein Teil Deutschlands in der Coronakrise mit enormer Kraftanstrengung in medizinischen Einrichtungen, der Landwirtschaft und Supermärkten den Laden am Laufen hält, verbringt der andere Teil der Bevölkerung viel Zeit zu Hause. Zeit, mit der viele etwas Sinnvolles anfangen möchten. Lernen zum Beispiel. 

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Der Autor dieses Textes hat sich – als Fanboy – für einen Kurs im Storytelling bei Schriftsteller Neil Gaiman entschieden.