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Apotheker verweigern die "Pille danach", Ärzte den Abbruch.

Polen hat eines der strengsten Gesetze gegen Abtreibungen in Europa. Sie sind nur in wenigen Ausnahmen erlaubt: Wenn Frauen vergewaltigt und danach schwanger werden, wenn das ungeborene Kind das Leben der Mutter gefährdet, wenn der Fötus Missbildungen aufweist. 

Seit Jahren fordern Protestbewegungen, das Gesetz zu lockern. Das Gegenteil passierte: Die Regierung will das Abtreibungsgesetz sogar verschärfen und einen Abbruch selbst in Ausnahmefällen verbieten. Sie bekommt Unterstützung von der großen Volksinitiative "Stoppt Abtreibung". 

Gegen die Initiative und die Verschärfung des Gesetzes protestieren viele Polinnen und Polen seit zwei Jahren immer wieder bei den sogenannten "Schwarzen Märschen". Die Bewegung konnte bereits zweimal verhindern, dass das Parlament zu dem Gesetzentwurf berät – wann die Regierung den Vorschlag erneut auf die Tagesordnung setzen wird, ist ungewiss. 

Wir haben junge Menschen in Polen gefragt: Was sind eure persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Abtreibung? Was würde eine Verschärfung des Gesetzes für euch bedeuten?

Lucyna, 27

(Bild: Privat)

Ich besuche jede Woche eine 63-jährige Frau, die mit ihrer Tochter alleine lebt. Sie ist in meinem Alter und schwerbehindert. Sie kann nicht selbständig leben: Die Mutter muss sie baden, ihr Windeln anziehen, sie füttern, zur Reha fahren. Ich kümmere mich manchmal um die Tochter, damit die Mutter ab und zu wenigstens zum Supermarkt fahren kann. 

Wenn ich die beiden sehe, denke ich: Eine Frau sollte selbst entscheiden dürfen, ob sie sich dieser Situation gewachsen fühlt. Ob sie die Kraft hat, ein stark behindertes Kind zur Welt zu bringen und ein Leben lang zu pflegen. Ich glaube, für viele ist es auch eine finanzielle Frage. Ein Kind mit Behinderung kostet viel Geld, es braucht medizinische Behandlungen, Hilfsmittel. Das, was die Regierung an Unterstützung zahlt, reicht lange nicht aus. 

Ich besuche diese Familie seit fünf Jahren. Nicht ein einziges Mal habe ich hier einen Regierungsbeamten oder einen Pfarrer gesehen, der der Familie hilft. Für die Regierung und die Kirche ist ein Kind wichtig, bis es geboren ist. Hauptsache, man bricht nicht mit den religiösen Vorstellungen. Danach heißt es: "Komm selbst klar". 

Abtreibungsgesetz in Polen

Selbst in Ausnahmefällen wie Vergewaltigung, Lebensgefahr für die Mutter oder einem missgebildeten Fötus verweigern viele Ärzte in Polen den Abbruch. Das dürfen sie dank einer Gewissensklausel. In Polen spielt der katholische Glauben eine wichtige Rolle, wenn Ärzte eine Abtreibung mit ihren religiösen Vorstellungen nicht vereinbaren können, müssen sie sie nicht vornehmen. Für viele Frauen fühlt sich ein Abbruch deshalb sogar unter legalen Bedingungen an wie ein Verbrechen. (DW)

Ich möchte, dass Eltern entscheiden können, ob sie sich eines schwerbehinderten Kindes annehmen oder nicht. Die Frauen, die bei den "Schwarzen Märschen" auf die Straße gehen und gegen die Verschärfungen protestieren, schreien nicht: "Wir wollen kranke Kinder töten." Sie wollen einfach eine Wahl haben dürfen. 

Seit die konservative Regierungspartei PiS regiert, können Frauenärzte eine Abtreibung verweigern – aus Gewissensgründen. Vor wenigen Wochen wurde ich Zeugin, wie eine Apothekerin eben aus diesen Gründen einer jungen Frau die "Pille danach" nicht aushändigen wollte, trotz einer Verschreibung. Was soll das? 

Oliwia, 21

(Bild: Privat)

Vor wenigen Monaten geriet ich selbst in eine gefährliche Situation: Ich wurde von einem Mann sexuell bedrängt. Es war knapp, aber es kam nicht zum Geschlechtsverkehr. Nur haben nicht alle Frauen oder junge Mädchen so viel Glück wie ich. Deswegen ist es so wichtig, frei entscheiden zu können, ob man eine Schwangerschaft austragen möchte oder nicht. 

Neben Männern, die eine Geburt nie erleben werden und meiner Meinung nach deshalb kein Mitspracherecht haben sollten, sind die größten Abtreibungsgegner ältere Frauen. Frauen, die gar keine Kinder mehr bekommen können. Es ist einfach, über so etwas wie Abtreibung zu entscheiden, wenn es einen nicht mehr betrifft, oder?

Abtreibungsgesetze in der EU

Noch strenger als in Polen ist die Gesetzeslage in Malta und Irland. In Irland ist ein Abbruch nur erlaubt, wenn Lebensgefahr für die Mutter besteht. (bento) In Malta sind Abtreibungen unter allen Umständen verboten. Frauen, die trotzdem abtreiben, droht eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren.

In Deutschland ist die Abtreibung straffrei, wenn sie innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen geschieht. Danach darf sie nur noch in Ausnahmefällen durchgeführt werden, etwa, wenn sie medizinisch notwendig ist. Das ist etwa der Fall, wenn die Gesundheit der Frau in Gefahr ist. Ansonsten ist ein Abbruch nach den ersten drei Monaten strafbar. (bento)

Es ist schwerer geworden, eine moderne Frau in Polen zu sein. Unter der aktuellen Regierung traut sich das rechte Lager, uns bei den "Schwarzen Märschen" in aller Öffentlichkeit zu beschimpfen, oder sich unter uns zu mischen und ihre eigenen Banner mit Bildern von Totgeburten und Sprüchen wie "Abtreibung ist Mord" zu schwenken. Deshalb organisiere ich jetzt auch selbst Proteste.

Ich denke nicht, dass die konservative Partei PiS aufhören wird, die Abtreibungsgesetze verschärfen zu wollen. Dafür hat die Partei zu viele Fundamentalisten als Anhänger. Ich jedenfalls bin bereit für den nächsten Kampf. 

Hubert, 21

(Bild: Privat)

Die Regierung versucht, den Frauen die katholische Auffassung aufzuzwingen, dass Abtreibung Mord ist und in jedem Fall verboten gehört. Das kann ich nicht hinnehmen. Wenn ich bei den "Schwarzen Märschen" mitlaufe, bin ich aufgewühlt, dann kocht es in mir. Ich spüre eine tiefe Abneigung und Wut gegen die Regierung.

Polinnen sind im Stande, selbst über ihr Leben und ihren Körper zur entscheiden, darüber, ob sie ein Kind bekommen möchte oder nicht. Ich bin nicht damit einverstanden, dass die Regierung meine Schwester, Freundin oder wen auch immer dazu zwingen kann. Eine gute Sache hat der ganze Schlamassel gerade: Die dringend nötige Diskussion über die Frauenrolle in der Gesellschaft wurde wieder angekurbelt. Menschen reden wieder über den Feminismus.

Paulina, 26 

(Bild: Adrianna Tokarczyk)

Es ist inakzeptabel, wie viel Einfluss die Kirche auf die derzeitige Regierung hat. Und das sage ich, obwohl ich selbst katholisch bin. Dass die Priester von mordenden Frauen sprechen, wenn es um Abtreibung geht. Polen ist ein katholisches Land, aber nicht alle Bürger sind christlichen Glaubens. Ich verstehe nicht, warum alle nach katholischen Grundsätzen leben sollen.

Die Regierung wird immer weiter versuchen, Frauen ihre Freiheiten zu rauben. Was, wenn sie als nächstes pränatale Untersuchungen verbietet? Falls weitere Verschärfungen komme, werde ich dieses Land verlassen. 

Korrektur: In einer vorherigen Version des Textes hatten wir Oliwia zitiert, sie sei vor wenigen Jahren in eine gefährliche Situation geraten. Dies ist nicht der Fall; der Vorfall ereignete sich vor wenigen Monaten. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.


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