Bild: Karsten Kaminski

In den Parks von Kreuzberg und Neukölln trinken Hipster polnisches Bier, Żywiec oder Tyskie. Und neben Döner, Pizza und Sushi haben sich Piroggen, die polnischen Teigtaschen, in der Hauptstadt längst etabliert. Das Polnische ist heute ein Teil von Berlin.

Schaut man sich den im Januar 2016 veröffentlichten Zugezogenen-Report an, kommen die meisten Wahl-Berliner zwar immer noch aus Deutschland. Aber die erste ausländische Stadt, die in dieser Statistik auftaucht, ist eine polnische: Stettin. Bis 2015 sind 6.801 Menschen aus Stettin ins nur 150 Kilometer entfernte Berlin gezogen.

Insgesamt waren laut statistischem Landesamt Berlin-Brandenburg Ende 2015 genau 106.889 Polen in Berlin gemeldet, darunter mehr Frauen als Männer. Damit kamen die meisten Wahl-Berliner, die aus den anderen EU-Ländern in die Hauptstadt übersiedelten, aus Polen. Die meisten Polen wohnen derzeit in Neukölln (13.995), gefolgt von Mitte (13.431) und Tempelhof-Schöneberg (13.047).

Berlins polnische Community ist seit dem Mauerfall 1989 stetig größer geworden. Zwar will nicht jeder Pole sofort ein Teil von ihr sein – gerade jüngere Polen, die für ein Erasmus-Studium oder zum Arbeiten gekommen sind, wollen meistens erstmal nichts mit anderen Polen zu tun haben.

Aber viele Polen, die schon länger in Berlin leben, denken irgendwann um. Sie entwickeln nach und nach wieder ein engeres Verhältnis zu ihrer Heimat und zur polnischen Kultur und bringen auch ein Stück von ihrem Land mit. So verändern sie Berlin.

Wir haben junge Polen gefragt, wie es ihnen heute in Berlin geht.
Von links: Rudolf, Filip, Katarzyna

"Ich kam vor zwölf Jahren nach Berlin, kurz bevor Polen der EU beigetreten ist. Damals war alles noch so kompliziert, ich hatte so einen Stress mit dem Visum, das ist heute zum Glück nicht mehr so", sagt der 33-jährige Rudolf Valentino Drechny.

"Als ich angekommen bin, war die polnische Community sehr klein und kaum aktiv, aber in den letzten vier bis fünf Jahren hat sich das polnische Berlin verändert."

Übrigens!

Das Berliner Reichstagsgebäude steht genau dort, wo mal das Palais von Atanazy Raczyński stand. Der polnische Graf war einer der bekanntesten Kunstsammler seiner Zeit und hat auf dem heutigen Gelände des Berliners Reichstages im 19. Jahrhundert die erste öffentliche Galerie des Landes eröffnet.

Nach seinem Tod wurde das Grundstück an den preußischen Staat verkauft.

Katarzyna Wasiak hingegen kam vor zehn Jahren nach Berlin. "Ich bin echt überrascht, wie groß mittlerweile das polnische Angebot in Berlin ist", sagt die 31-Jährige, die ihre Heimat ab und zu schon vermisst. "Außerdem kann ich meinen Freunden hier auch ein bisschen meine Kultur zeigen, das ist toll."

Ähnlich geht es Filip Malinowski, der erst vor einem Monat in die Hauptstadt gekommen ist. "Ich habe mich direkt heimisch gefühlt", sagt der 33-Jährige. Gerade im Osten der Stadt erinnere ihn die Architektur an manche polnischen Städte. "Ich habe das Gefühl, dass die Deutschen sich immer mehr für die polnische Kultur interessieren."

Wir zeigen die tollsten polnischen Hotspots in Berlin:
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Wo? Mitte

Und was? Den Berliner Club der polnischen Versager gibt es seit 2001. Am Anfang war er ein Treffpunkt für Polen, die neu nach Berlin kamen. Über die Jahre hat er sich als echte Institution für polnische Kultur etabliert und für viele Polen ist er ein zweites Wohnzimmer geworden.

Die Club-Gründer Adam Gusowski, 43, und Piotr Mordel, 55, kamen vor etwa 20 Jahren nach Berlin und fühlten sich hier anfangs als Versager, beneideten die anderen um ihre Jobs. Daher auch der Name des Clubs, das Versager-Gefühl gibt es längst nicht mehr. In ihrem Club laufen Konzerte, Filmabende, Parties und Ausstellungen.

Im Sommer wird hier der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag gefeiert, der vor 25 Jahren in der damaligen Hauptstadt Bonn unterschrieben wurde.

Dzidka Düser(Bild: Karsten Kaminski)

Wo? Neukölln

Und was? "Pyza" bedeutet aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt Kloß und die Zutaten für einen richtigen polnischen Kloß gibt es hier im Supermarkt. Daneben deftige Wurst, polnische Gewürze – und natürlich Wodka.

Dzidka Düser führt ihren Laden schon seit 2008 und im Laufe der Jahre ist er auch zu einer Anlaufstelle für Polen in Berlin geworden. "Immer wieder kommen Polen bei uns vorbei und fragen, wo es hier in der Umgebung einen Arzt gibt", erzählt sie. "Oder wir helfen bei kleinen Übersetzungsproblemen, wenn jemand einen Brief nicht richtig versteht."

Julia Bosski (Bild: Karsten Kaminski)

Wo? Mitte

Und was? Julia Bosski organisiert in einer Bar jeden Donnerstag ein polnisches Dinner. Diese Idee kommt nicht von ihr, schon der polnische König Stanislaw August Poniatowski hat im 18. Jahrhundert solche Events veranstaltet, um mit Künstlern und Politikern über Kultur und aktuelle Ereignisse zu reden.

Um so einen Austausch geht es auch der 24-jährigen Julia. Sie will Berlinern die polnische Kultur durch Essen näherbringen und Polen ein Stück Heimat wiedergeben, wenigstens für einen Abend. Jede Woche gibt es ein Gericht aus einer anderen polnischen Region.

Die Speisen werden abgewandelt, damit sie nicht zu deftig sind. Die Essen werden über Facebook organisiert und alles findet in kleiner Runde statt, wie in einer echten polnischen Familie eben.

(Bild: Zajaczkowski Photography)

Wo? Prenzlauer Berg

Und was? Aleksandra Kozlowska kam vor 13 Jahren aus Stettin nach Berlin und verkauft polnisches Design, darunter Klamotten, Schmuck, Bettwäsche, Möbel und Accessoires. Die 32-Jährige will zeigen, wie vielfältig die kreative Szene von Polen heute ist.

Ihre persönliche Mission ist es, ihre Heimat aufs Neue zu entdecken und sich ihr Polen nun in Berlin zu basteln. Gleichzeitig möchte sie Klischees brechen: Denn Polen hat in ihren Augen mehr zu bieten als Wodka und graue Ostblock-Mentalität. Im Herbst will sie die Berliner in ihre Heimatstadt bringen und ihnen dort die Design-Hotspots zeigen.

Der Buchladen – und Besucher(Bild: Karsten Kaminski)

Wo? Neukölln

Und was? Buchbund ist die einzige deutsch-polnische Buchhandlung in Berlin. Hier gibt es internationale Literatur und polnische Lesungen, die auch auf Deutsch übersetzt werden. Es gibt auch Abende, an denen über die aktuelle politische Lage in Polen geredet wird und tagsüber kann man auch einfach auf einen Kaffee vorbeikommen.

Es ist ein Ort für Literatur-Interessierte, Osteuropa-Fans und Übersetzer. Als die Besitzer Marcin Piekoszewski, 42, und Nina Müller, 36, den Laden in Neukölln eröffnet haben, wussten sie nicht, dass in diesem Stadtteil berlinweit die meisten Polen leben.

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Haha

Dinge, die du nur kennst, wenn du Einzelkind bist
In deinem früheren Leben warst du ein Prinz.
Ja, früher konntest du wirklich nicht teilen. Über die Jahre ist es ein bisschen besser geworden. Ein ganz klein bisschen. Ein mini-bisschen zumindest. Vielleicht.