Ist der CDU-Abgeordnete in Wahrheit der Konservative aus der Zukunft?

Philipp Amthor passt eigentlich nicht in unsere Zeit. Mit dem akkuraten Scheitel und einem bübischen Lächeln wirkt er eher wie ein Abgeordneter der Bonner Republik in den 50ern als wie ein Abgeordneter des 21. Jahrhunderts in Berlin. Und trotzdem ist er genau da und redet so gar nicht wie ein Mann aus den 50ern. "Sorry für den Struggle", sagt Philipp zur Begrüßung in seinem Büro – er hat zehn Minuten warten lassen.

Seit 2017 sitzt Philipp Amthor als der jüngste Abgeordneter für die CDU im Bundestag, er wohnt in Kreuzberg und bezeichnet sich selbst als wertkonservativ. Wer Amthor im Bundestag reden hört, merkt, dass die Politik seine große Leidenschaft ist. Kein Jungpolitiker hat so viele Reden gehalten wie er (bento), am Pult geht er mit der AfD hart ins Gericht, hat aber auch für Linke und Grüne wenig übrig. Ist Philipp Amthor mit seiner Anti-Haltung zum linken Zeitgeist am Ende vielleicht der wahre Rebell der jungen Generation?

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

Auf jeden Fall ist er wahnsinnig umtriebig. Knapp 60.000 Nutzerinnen und Nutzer folgen ihm auf Instagram durch den Politalltag, sein Lieblingshashtag lautet: #Sachthemen. 

Sein Büroleiter hat vor Amthor schon einige Abgeordnete betreut, er sagt vor dem Interview, keiner habe sich so ins Zeug gelegt wie der 27-Jährige. Zum Schlaf reichen ihm vier bis fünf Stunden, der Rest des Tages wird mit Terminen, Akteneinsichten, Sitzungen vollgepackt. Auf Philipps Schreibtisch stapeln sich Ordner und Gesetzbücher.

Ist das alles nur Show – oder ist Philipp Amthor vielleicht ein Prototyp des Konservativen der Zukunft? 

bento: Philipp, wie viel Greta steckt in dir?

Philipp Amthor: Ich bin kein großer Fan von Greta Thunberg, aber man muss anerkennen, dass sie sehr überzeugt für ihre Inhalte und Ziele kämpft. Das respektiere ich. Gleichzeitig denke ich aber, dass man sich nicht von Angst leiten lassen sollte. Mut und Zuversicht sind immer die besseren Ratgeber.

bento: Wo bist du so radikal, wie es Greta beim Klima ist?

Philipp: Bin ich radikal? Wahrscheinlich eher nicht. Radikalität bedeutet ja immer auch, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändern zu wollen. Wir sollten aber nicht vergessen, dass wir ja nicht in schrecklichen gesellschaftlichen Verhältnissen leben, die einen revolutionären Umsturz bräuchten. Und wir müssen uns vor Augen führen, dass die Welt um uns herum ja schon grundlegenden Veränderungen unterworfen ist – Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Migrationsdruck, das Rendezvous mit der Globalisierung. Diese Veränderungen erfolgreich zu gestalten, ist fürs Erste doch schon Revolution genug. Veränderungsdruck und gesellschaftliche Akzeptanz zusammenzuführen, ist dabei ein urkonservatives Anliegen.

bento: Die CDU hat bei jungen Wählern massiv verloren, weil viele sie beim Klimaschutz für unglaubwürdig halten. Wie holt ihr sie zurück?

Philipp: Wir sollten die Jugend zunächst nicht nur als monolithische und einheitliche Gruppe betrachten. Ja, es gibt sehr viele, die sich bei "Fridays for Future" engagieren, aber etwa bei der letzten Wahl in Thüringen war die stärkste Kraft bei den Jungwählern die AfD. 

bento: Bei der Frage ging es um die Klimapolitik der CDU. Klimaschutz könnte ja eigentlich eine urkonservative Sache sein.

Philipp: Richtig.

„Klimaschutz ist sogar eine superkonservative Sache!“

Es ist dabei die Stärke der CDU, Klima und Wirtschaft miteinander zu versöhnen und so anderen Ländern Vorbild zu sein. Wir sind die einzige Industrienation der Welt, die gleichzeitig aus Kohle und Kernkraft aussteigt. Noch entscheidender als die Frage, ob wir jetzt ein halbes Jahr früher oder später aus der Kohle aussteigen, ist für das Weltklima deshalb die Frage, ob wir andere Nationen mit unserem Knowhow mitreißen können. Dieser Realismus unterscheidet die CDU auch von der ideologischen Politik anderer Parteien und Bewegungen. 

bento: Bitte was?

Philipp: Ideologie ist etwas, das man sich am grünen Tisch ausdenkt. Da sitzen dann Politiker und rätseln, wie der Mensch theoretisch sein müsste, damit wir eine gute Gesellschaft haben. Konservative Politiker betrachten den Menschen hingegen so wie er ist und knüpfen insoweit an deren Lebensrealität an.

bento: Verstehe. Konservativ zu sein, heißt demnach für dich: radikal den Veränderungswunsch anderer ausbremsen?

Philipp: Ich bin radikal, wenn es darum geht, Lebensrealitäten gegen Ideologie zu verteidigen. Eine realitätsferne Politik fürs Theoriemuseum bringt doch nichts. Am Ende gilt für mich:

„The proof of the pudding is in the eating.“

bento: Was hat dich selbst zu dem Politiker gemacht, der du heute bist?

Philipp: Ich war schon immer ein politischer Mensch. Die Entscheidung, für den Bundestag zu kandidieren, hing aber auch mit der tektonischen Verschiebung unserer Parteienlandschaft zusammen. Als in meinem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern 2016 die Landtagswahl anstand, ist die CDU nur noch drittstärkste Kraft hinter der AfD geworden. Atomausstieg, Aussetzung der Wehrpflicht, Eurokrise und Migrationspolitik: Die Bürger und unsere Parteibasis waren verunsichert. Ich wollte das verändern und neuen Mut geben.

Dieser Ansatz ist mir wichtig: Suche die Schuld nicht bei anderen, sondern schaue, was du selbst besser machen kannst. Ja, es gibt Barrieren, aber grundsätzlich kann man in diesem Land alles erreichen, wenn man fleißig ist und sich anstrengt.

bento: Kinder aus sozial schwachen Familien oder mit Migrationshintergrund würden jetzt sicher laut lachen.

Philipp: Ich selbst wurde auch nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, aber deshalb weiß ich umso mehr, dass sich vom Jammern wohl kaum etwas zum Positiven verändert. Stattdessen braucht es Fleiß und Zuversicht. Aber klar, wenn Einzelne diskriminiert oder an gesellschaftlicher Teilhabe gehindert werden, will ich das mit meiner Argumentation nicht wegwischen. Am Ende braucht es beides: den Willen des Einzelnen und den Staat dort, wo der Einzelne sich nicht aus eigener Kraft helfen kann.

bento: Du bist bei deiner Mutter in Vorpommern aufgewachsen, der Osten Deutschlands ist noch heute deine Heimat. Spürst du noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Philipp: Ich glaube, die größeren Unterschiede gibt es heute zwischen Stadt und Land. Ich bin auch dagegen, Deutschland nach Himmelsrichtungen aufzuteilen. Aber es ist schon so, dass man als Ostdeutscher gelegentlich unterschätzt wird. Aber eins ist ja klar: 

„Ein Ostdeutscher ist kein Stück schlechter als jemand, der aus Westdeutschland kommt.“

bento: Jetzt sitzt du als einer von 709 Abgeordneten im Bundestag – und fällst auf wie kein zweiter. Was ist da passiert?

Philipp: Das frage ich mich auch manchmal.

bento: Ich würde sagen, da ist viel Inszenierung passiert.

Philipp: Nein, überhaupt nicht. Politikerkarrieren kann man nicht planen und inszenieren und außerdem ist Authentizität mir persönlich das Wichtigste. Am Anfang sprachen alle über mein Alter – aber ich habe mich nicht darauf reduzieren lassen, nur jung zu sein. Stattdessen habe ich die Aufmerksamkeit genutzt, um Inhalte zu transportieren. Und dann hatte ich das Glück, dass gleich eine meiner ersten Reden im Bundestag viral ging.

bento: Du hattest einen Antrag der AfD zerpflückt und die Freiheit, eine Burka tragen zu dürfen, verteidigt, juristisch zumindest. Die Rede war überall zu sehen.

Philipp: Genau!

bento: Aber gerade diese Rede war in ihrer Krawalligkeit doch eine Inszenierung! Die AfD hat den Krach in den Bundestag geholt und alle ziehen nach.

Philipp: Überhaupt nicht, in der Rede ging es um Fakten. Aber ich sage auch: Wer Botschaften vermitteln will, muss sie klar akzentuieren. Die Menschen sehnen sich nach politischer Unterscheidbarkeit. Wir sind nicht in den Bundestag gewählt worden, um uns gegenseitig Texte vorzulesen – Leidenschaft gehört zur Politik. Aber klar: Polarisieren, nur um zu polarisieren, bringt nichts – und wäre auch unaufrichtig.

bento: Anfang der Woche hast du am Holocaust-Gedenktag über Antisemitismus unter Muslimen gesprochen. In den Augen vieler war genau das polarisieren, nur um zu polarisieren.

Philipp: Die Aussage war Gegenstand eines längeren Interviews, in dem ich auf die Frage geantwortet habe, was sich in den letzten Jahren in Deutschland geändert hat. Am Holocaust-Gedenktag steht natürlich unbestritten unsere deutsche Verantwortung im Vordergrund. Darüber habe ich im Interview ausführlich gesprochen. Ich habe nie gesagt, dass Deutschland vor allem ein Problem mit muslimischem Antisemitismus hat. Das ist auch nicht der Fall, denn der Schwerpunkt liegt ganz klar beim Rechtsextremismus. Vielleicht wäre es politisch klüger gewesen, die Muslime im Zusammenhang mit dem Holocaust-Gedenktag gar nicht erst zu benennen, aber zu einem vollständigen Bild einer heutigen Antwort auf den Antisemitismus gehört eben eine Betrachtung jeder Art von Antisemitismus.

bento: Also doch manchmal lieber gar nichts sagen? Oder bist du einer, der lieber in der Debatte nachlegt?

Philipp: In diesem konkreten Fall weder noch. Ich habe nicht nachgelegt, sondern einfach nur richtiggestellt.

bento: Noch mal zur AfD. Wie begegnest du Rechtspopulismus?

Philipp: Die AfD erfordert eine inhaltliche Auseinandersetzung. Durch Ignorieren lassen sich Probleme nicht lösen. 

bento: Wie meinst du das mit der Auseinandersetzung: der AfD die Themen streitig machen oder mit ihr kooperieren?

Philipp: Selbst in der AfD gibt es durchaus vernünftige, bürgerliche Leute, aber Menschen, die in ihren Reihen offene Flanken zum Extremismus tolerieren, sind nicht besser als die Extremisten selbst. Damit kommt eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht in Frage.

bento: Es gibt aber CDUler, die damit liebäugeln.

Philipp: Parteiintern sage ich das Gleiche: Die AfD ist als Partei nicht teilbar, mit ihr kann man nicht kooperieren. 

bento: Du erfährst im Netz viel Hass, wirst auf dein Alter reduziert oder als der verspottet, der früher auf dem Schulhof immer verhauen wurde. Was macht das mit dir?

Philipp: Ich nehme das sportlich. Das ist ein Preis, den man als Person des öffentlichen Lebens leider zahlen muss. 

„Der Hass im Netz schreckt aber auch viele davon ab, Verantwortung zu übernehmen.“

Das ist ein großes Problem. Wenn ich sehe, wie auch mit Kommunalpolitikern umgegangen wird, dann ist es an vielen Stellen mehr als nur unanständig. Aber so lange sich Kritik an Oberflächlichkeiten und nicht an Inhalten aufhängt, sagt das mehr über meine Kritiker aus als über mich. Das nehme ich mir nicht zu Herzen.  

bento: Okay, du bist da also cool. Hast du einen Tipp für alle, die nicht so cool sind wie du?

Philipp: Eine starke Community hilft ungemein und meine unterstützt mich sehr. Generell ist etwa der Umgang auf Instagram schon viel angenehmer als auf Facebook. Aber man braucht auch den Mut, selbst für seine Überzeugungen einzustehen und dem Hass öffentlich zu widersprechen. Die Frage ist, woher nimmt man dieses Selbstvertrauen? Ich stehe ja nicht auf und sage: Ich bin der geilste Typ auf dem Planeten.

bento: Sondern?

Philipp: Bei mir persönlich folgt das Selbstbewusstsein aus der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Themen. Wenn ich weiß, damit habe ich mich beschäftigt, dann will und kann ich das auch selbstbewusst vertreten. Und das können sich auch andere junge Menschen zutrauen, das ist keine Frage des Alters.     


Streaming

Mit "Prinzessin Mononoke" gegen die Klimakrise
Die Filme aus dem Studio Ghibli gibt es ab Februar auf Netflix. Und sie kommen genau richtig.

"Ich zeige euch, wie man einen Gott umbringt", ruft die Anführerin ihren Soldaten aus der Eisenhütte zu, die sich auf den Weg in die Schlacht machen. Um ihre riesigen Öfen für die Produktion von Eisenerz zu beheizen, brauchen die Bewohner der Siedlung Unmengen an Holz. Die Tiere, Geister und Götter des Waldes wehren sich gegen die Zerstörung der Natur. Eine junge, von Wölfen aufgezogene Frau, und ein Krieger müssen sich zusammentun, um eine Katastrophe zu verhindern.

Als ich mit zwölf Jahren zum ersten Mal den Animationsfilm "Prinzessin Mononoke" sah, war ich tief beeindruckt. 

Ich kannte fast alle Zeichentrickfilme aus den Disney-Studios, aber so etwas hatte ich noch nie gesehen. Und ich war und bin nicht alleine damit: Der Regisseur und Produzent des Films – Hayao Miyazaki – ist einer der berühmtesten zeitgenössischen Regisseure Japans.