Populismus von unten

Schon jetzt ist "Die Zerstörung der CDU" erfolgreicher als jedes Wahlwerbevideo zur Europawahl. Das Video des 26-jährigen YouTubers Rezo hat fast fünf Millionen Views in fünf Tagen – dagegen kommen sogar die Videos von Martin Sonneborn und Nico Semsrott von Die Partei nicht an. Es ist eine Abrechnung, auf die viele Politikerinnen und Politiker offenbar nicht vorbereitet waren. Am Mittwoch kündigte die CDU eine Antwort von Philipp Amthor an. Einen Tag später wurde das Video, obwohl nach SPIEGEL-Informationen bereits abgedreht, wieder abgesagt. Das wirkt wie eine Kapitulation. 

Kurz vor der Europawahl scheint es, als hätten Union und SPD endgültig den Draht zu vielen jungen Menschen verloren. 

Wie schafft es ein bislang vielen unbekannter junger Mann mit blauen Haaren, die CDU innerhalb weniger Tage so vorzuführen? Und was sagt es über Politikerinnen und Politiker aus, dass sie schon seit Tagen keine richtige Antwort auf den Rant finden können?

Das vielleicht Verrückteste an Rezos Video ist: Obwohl es gnadenlos mit Politikern abrechnet, wäre es ohne sie kaum denkbar. Immerhin sieben Verweise sind Dokumente von Seiten des Bundestages. (Link)

Rezo hat es geschafft, enorme Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Interview mit bento räumte er ein, selbst von den vielen positiven Reaktionen überrascht worden zu sein. 

Seit Tagen wird Rezo von konservativen Politikerinnen und Politikern im Netz kritisiert, angefeindet und verspottet – oft in einem Ton, der halb wütend, halb verzweifelt klingt. 

Am Mittwoch reagierte CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer persönlich. Ihre rhetorische Frage, ob die CDU jetzt auch für "die sieben Plagen" im biblischen Ägypten verantwortlich sei (tatsächlich waren es zehn), zeigt, wie nervös die Regierungspartei inzwischen ist. Eine CDU-Chefin fühlt sich von einem YouTuber angegriffen – wann gab es das schon?

Der Hamburger Politikberater Martin Fuchs meint, dass viele Politiker kurz vor der Europawahl mit dem Rezo-Video überfordert sind:

Viele sind ziemlich überrascht davon, dass für sie eigentlich unpolitische Akteure auf den Plan treten, die sie eigentlich nicht kennen.
Martin Fuchs, Politikberater und "Hamburger Wahlbeobachter"

In vielen kritischen Kommentaren auf Facebook und Twitter klingt es, als wären Zehntausende Menschen plötzlich einem unseriösen Scharlatan verfallen. Das Entsetzen vieler CDU-Politiker ist groß: Warum hört ihr bloß auf den? Wir sind doch die Seriösen!

Was von vielen Kritikern bislang jedoch übersehen wird: Der YouTube-Rant war aufwändig geplant. Das "Die Zerstörung der CDU"-Video wurde von einem professionellen Team gedreht. Rezo sagt, er habe zusammen mit einem Mitarbeiter zwei Wochen lang "hunderte Stunden" daran gearbeitet und lange Zeit dabei "nicht einmal Essenspausen eingelegt". 

Auch der Titel lässt sich bewusst herleiten: Unter dem Hashtag #niewiederCDU schreiben seit Monaten Tausende Menschen, weshalb sie die Unionsparteien seit der Diskussion um Uploadfilter und die "Fridays for Future"-Proteste für unwählbar halten. "Die Zerstörung der CDU" dürfte für viele Zuschauer wie ein Versprechen gewesen sein: Hier wird eure Kritik ernstgenommen. 

Rezo hat diese Empörung vieler junger Menschen verstanden – viele Politiker scheinen sich noch kurz vor der Europawahl damit schwer zu tun.

Tatsächlich ist der YouTuber dabei nicht zimperlich. Das Video ist schnell geschnitten, theatralisch eingesprochen und hart im Urteil. Superlative wie "Ich zeige, dass (...) die CDU aktuell unser Leben und unsere Zukunft zerstört”, werden inzwischen auch von Menschen kritisiert, die nicht in der Partei sind. Auch die Belege, die Rezo für seine Argumente im Video nennt, sorgen für Kritik. Bei manchen Video-Einblendungen sollen entscheidende Teile fehlen, bei Schaubildern ebenfalls. Oft stellt er verkürzt Probleme dar und gibt alleine etableirten Parteien dafür die Schuld. Argumente, die für die Union sprechen könnten, wie die Bildungspolitik in Bayern oder Sachsen, werden nicht genannt.

Wäre das Video im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gelaufen, hätten ARD und ZDF jetzt wohl den Rundfunkrat am Hals. Nur ist es das nicht. YouTube ist, das zeigen die Reaktionen, nicht nur eine andere Plattform, sondern für viele Menschen auch eine andere Welt. Rezo hat diese Welt verstanden. 

Sein Zerstör-Video ist Polemik mit Ansage, ähnlich wie bei einem Disstrack im Rap: Wir gegen die. Ist das die richtige Form? Und ist es nicht auch bedenklich, dass sich so viele Menschen innerhalb weniger Tage von einem Einzelnen so mitreißen lassen? Viele Kritiker meinen die Antwort darauf zu kennen. Andererseits kann man einwenden:

Wer in Rezos Video eine Gefahr erkennt, sollte sich vielleicht auch fragen, was eigentlich in Bierzelt-Reden, Nachrichten-Schnipseln und Talkshows zu sehen ist. 

Zugespitzt, polemisiert und verkürzt wird nicht erst, seitdem es soziale Netzwerke gibt. Neu ist, dass hinter dem Aufreger der Woche ein 26-Jähriger ohne journalistische Ausbildung steckt und nicht die "Hart aber fair"-Redaktion. Populismus von unten, wenn man so will. 

Genau das scheint für viele Kritiker tatsächlich auch das größere Problem zu sein: Rezos Erfolg zeigt endgültig, wie wenig viele Parteien und auch Medien bislang von Influencern und Social-Media-Hypes verstanden haben.

Das Video von Rezo lässt sich an vielen Stellen kritisieren. Doch solange viele Kritiker das Phänomen nicht wirklich verstanden haben, dürfte es ihnen schwerfallen, auch bei Rezos Zielgruppe anzukommen. 

Denn wer Disstracks und Destroy-Videos kennt, weiß, dass die gezeigten Belege nicht nur als Quellenangabe dienen, sondern auch selbst Munition für den Meinungsstreit sind: Schaut her, ich habe 13 Seiten Argumente gegen euch – was wollt ihr tun?

Rezo spricht eine Sprache, die seine Community versteht. Dass er dabei nicht grundsätzlich anders wirkt wie in Musik- oder Prankvideos bestätigt vermutlich für viele Zuschauende nur, dass er authentisch und vertrauenswürdig ist. Diese Sprache wird von vielen Kritikern jedoch missverstanden: Die jungen Menschen wollen ernstgenommen werden, aber nicht beim Wort.

Fakten-Checks und Überprüfungen mit dem Taschenrechner werden kaum dabei helfen, Rezos Video zu entzaubern. Das müssten dann wohl ein anderer YouTuber übernehmen, um die Zielgruppe zu erreichen.

Inzwischen, so scheint es, haben auch Politiker verstanden, wie einflussreich das Video bei vielen jungen Menschen ist. Politikberater Martin Fuchs geht davon aus, dass die aktuelle Diskussion spätestens nach der Europawahl für Veränderungen sorgt.

Es ist ein klassischer Zyklus: Erst werden Influencer und Youtuber unterbewertet, jetzt werden sie überbewertet. Vielen Parteien fehlt noch die Medienkompetenz für solche Phänomene.
Martin Fuchs, Politikberater

Wie diese Kompetenz aktuell aussieht, zeigen nun CDU und SPD auf verschiedenen Kanälen. Nachdem erst das Antwortvideo abgesagt wurde, stellte die CDU einen Antwortbrief ins Netz. Es ist ein elf Seiten langes PDF, angeboten zum Download über die CDU-Homepage. Darin schreibt die Partei auf, "wie wir die Sache sehen" und wo sie Rezo recht gibt. Deutschlands größte Partei fühlt sich bemüht, einem YouTuber in einem seitenlangen Dokument einen Arbeitsnachweis zu schicken. 

In einem Begleitschreiben entschuldigt sich die Partei dafür, kein Video veröffentlicht zu haben. Das abgedrehte Material sei zwar ein "klasse Produkt" mit viel "Herzblut, Einsatz und Kreativität" geworden – aber am Ende sei es nicht "die angemessene Antwort". 

Dann folgt das, was wohl auf YouTube als Diss durchginge: "Auf eine steile These folgt bei uns nicht die hastige Antwort, auf eine kühne Interpretation von Statistiken reagieren wir unsererseits nicht mit vereinfachenden Schlüssen." Die CDU antwortet also mit einem länglichen Rechtfertigungs-PDF – stellt dann aber die Legitimität des "Zerstörungsvideos" infrage: 

Die Währung von YouTubern sind Klickraten. Die Währung einer Volkspartei wie der CDU ist Vertrauen.
Die CDU als Reaktion auf Rezo

Neben der offiziellen Parteiantwort reagierte der SPD-Europaabgeordnete Tiemo Wölken bereits am Mittwochabend mit einem eigenen YouTube-Video. Und am Donnerstag antworteten schließlich auch CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak und Philipp Amthor jeweils auf Facebook. Ziemiak schrieb mit einer Mischung aus Kumpelei ("Lieber Rezo"), Schuldeingeständnis ("Wir machen nicht alles richtig.") und subtilem Diss ("Wir zerstören einander nicht, sondern wir hören einander zu.") Amthor warnt davor, nur Videos für eine "gegenseitige Show" zu drehen und will lieber über Sachthemen reden.

Am Ende laden beide zur Diskussion ein. "In Sachen Schlagfertigkeit und Mut mache ich keinerlei Abstriche und freue mich auf jede Sachdiskussion", frohlockt Amthor. Nach zwei Stunden hat sein mthors Statements auf Facebook bereits die ersten 1000 Likes gesammelt.


Gerechtigkeit

Wer sich über Amthors Aussehen lustig macht, ist nicht besser als ein rechter Troll

Philipp Amthor macht es einem nicht leicht. Vor wenigen Tagen veröffentlichte der YouTuber Rezo ein "Zerstörungsvideo", in dem er mit der CDU hart ins Gericht geht. Am Mittwoch hieß es dann von der CDU, Philipp Amthor, jüngster Bundestagsabgeordneter der Partei, werde darauf antworten. Dann wurde das Video wieder abgesagt.

Auf Twitter veröffentlichten einige Nutzer in der Zwischenzeit Witze, Memes und Beleidigungen auf Kosten von Philipp Amthor.

Hätte es aber ein Video gegeben, wäre das nur Stoff für weitere Memes gewesen. Und seit klar ist, dass keines mehr kommt, rollt trotzdem eine neue Häme-Welle heran. 

Philipp Amthor kann einfach nichts richtig machen. An einer ehrlichen Auseinandersetzung scheinen viele nicht interessiert. Viel unterhaltsamer scheint es, Amthor beim Scheitern zuzusehen.