Bild: Christoph Soeder/dpa

Philipp Amthor macht es einem nicht leicht. Vor wenigen Tagen veröffentlichte der YouTuber Rezo ein "Zerstörungsvideo", in dem er mit der CDU hart ins Gericht geht. Am Mittwoch hieß es dann von der CDU, Philipp Amthor, jüngster Bundestagsabgeordneter der Partei, werde darauf antworten. Dann wurde das Video wieder abgesagt.

Auf Twitter veröffentlichten einige Nutzer in der Zwischenzeit Witze, Memes und Beleidigungen auf Kosten von Philipp Amthor.

Hätte es aber ein Video gegeben, wäre das nur Stoff für weitere Memes gewesen. Und seit klar ist, dass keines mehr kommt, rollt trotzdem eine neue Häme-Welle heran. 

Philipp Amthor kann einfach nichts richtig machen. An einer ehrlichen Auseinandersetzung scheinen viele nicht interessiert. Viel unterhaltsamer scheint es, Amthor beim Scheitern zuzusehen.

Video oder nicht. Twitter-Deutschland war sich sicher, dass Amthor Stoff für neuen Spott liefern würde:

Dabei ist Philipp Amthor gar nicht so ein leichtes Ziel, wie die Twitter-Spötter annehmen. Der CDUler ist kein plumper Rechtspopulist, sondern ein konservativer Politiker, der mit Fakten statt Gefühlen argumentiert.

Dass Philipp Amthor von seinen Kritikerinnen und Kritikern für sein Äußeres angegangen wird, finde ich beschämend. Es zeigt, dass viele die Toleranz nicht verinnerlicht haben, die sie von anderen einfordern.

Amthor, 26 Jahre jung, ist seit elf Jahren CDU-Mitglied und zog im Herbst 2017 erstmals in den Bundestag ein. Seitdem ist er eine Art Shootingstar der Konservativen. Die einen lieben ihn – weil er die AfD in seinen Reden rhetorisch hart und fachlich korrekt – angeht. Die anderen belächeln ihn – weil er mit seinen Anzügen und konservativen Ansichten so gar nicht ihr Weltbild eines jungen, politisch engagierten Menschen passt. Amthor – und das ist sein Erfolgsgeheimnis – gibt sich als CDU-Opa im Körper eines Jünglings.

Und das ist auch okay so, politische Einstellungen sind schließlich keine Frage des Alters. Was nicht okay ist: ihn auf Alter und Äußerlichkeiten zu reduzieren.

Auch während Twitter-Deutschland am Mittwochabend auf das Amthor-Video wartete, gab es viele Tweets, die in genau diese Kerbe schlugen.

Viele Tweets wirkten, als hoffe man nur darauf, der CDU und Amthor beim Scheitern zuzusehen. Es stimmt ja auch, aus YouTuber-Sicht hätte Amthor nur verlieren können: ein schnell geschnittenes "Zerstörungsvideo" passt nicht zu ihm. Ein seriös eingesprochenes hingegen passt nicht als Antwort. Also lieber nur Witze machen, statt auf Inhalte warten!

  • Amthor wurde zum Kleinkind gemacht:
  • Amthor wurde abwertend als "Lauch" bezeichnet:
  • Amthor wurde ausgelacht, der "hipste Typ" der CDU zu sein:  

Weisen andere Twitter-Nutzer darauf hin, dass man ihn lieber inhaltlich kritisieren sollte, wird abgewiegelt: Der Mann sei nun mal seine eigene "Karikatur" und selbst "Schuld" daran, wenn er fertig gemacht wird.

Amthor ist an dem Hass gegen ihn selbst schuld, weil er sich unmodisch kleidet? Das ist gefährlich nahe am Argument von Männern, die behaupten, Frauen würden mit Kleidung provozieren.

Und da liegt das Problem: Es gibt eine toxische Linke, die ihre Gegner auf dieselbe Art angreift, die sie rechten Machos vorwirft: "toxische Männlichkeit".

Die Blogger von "Ruhrbarone" haben das vor einer Woche treffend formuliert. Denn den Hass gegen Amthor gibt es nicht erst seit dem Rezo-Video gibt. Sie schreiben: 

Es ist bemerkenswert, dass an anderer Stelle der Vorwurf von "Lookism" so schnell erhoben wird, Amthor aber aufgrund seines Aussehens nach Belieben gebasht werden darf.
Robert von Cube, Ruhrbarone

Und es geht nicht nur um Zweireiher. Auf Amthor werden jede Menge ekelhafte Fantasien projiziert. Er bräuchte mal eine Freundin, also eine "lebendige", twittern die einen. Er könnte auch langsam mal in die Pubertät kommen, witzeln die anderen. Und klar, auf dem Schulhof ist er der, der von anderen verprügelt wird:

Dabei wäre es einfach, Amthor inhaltlich anzugehen. Er spricht sich gegen die Selbstbestimmung von Frauen beim Thema Abtreibung aus (bento), hält die Ehe für alle für ein verfassungsrechtliches "Unding" (SPIEGEL ONLINE) und befürwortet Abschiebungen nach Afghanistan (Deutschlandfunk). Das alles begründet er und man könnte dagegen argumentieren.

Bei einem TV-Talk über Paragraf 219a konnten Amthors Gegnerinnen so sogar seine Sicht auf Abtreibungen ein bisschen verändern. Da gab der Hardliner schließlich zu: "Niemand glaubt, dass eine Frau sich eine Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch leicht macht, auch wir in der CDU nicht." (bento)

Aber diese Art von Dialog scheint viele gerade gar nicht zu interessieren. Da ist ein konservativer Politiker, der nicht wie Christian Lindner im Dreitagebart vom Plakat lächelt. Einer der, entgegen dem Klischee, nicht gockelig durch die Landschaft läuft und anderen ständig seine Männlichkeit aufdrängt. 

Philipp Amthors Kritiker tun das, was sonst vor allem Rechtspopulisten und rechte Trolle hinbekommen: persönlich werden, Fakten scheuen und immer unter die Gürtellinie zielen. 

Vielleicht lohnt es, sich an Rezo ein Beispiel zu nehmen. Der YouTuber hat im bento-Interview gesagt, was er von CDUlern hält, die sein "Zerstörungsvideo" nicht ernst nehmen: "Es ist ziemlich peinlich, dass die CDU auf mit Fakten hinterlegte Kritik mit Diskreditierung und dummen Behauptungen reagiert, anstatt darauf einzugehen."

Genau das könnte Amthor über viele seiner Kritikerinnen und Kritiker sagen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir das Wort "Netzgemeinde" verwendet. 


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