Bild: privat
Hohe Verantwortung, großer Druck, Pflegenotstand, Systemrelevanz: Warum Pfleger trotzdem nicht viel verdienen.

"Da lag jemand im Sterben", berichtet Elif. "Und ich stand so unter Zeitdruck, dass ich die Patientin den ganzen Tag nicht mit Essen versorgen konnte. Danach hatte ich ein unglaublich schlechtes Gewissen und hätte am liebsten geweint." Elif ist 21 Jahre alt und schließt im September ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ab. Den Beruf möchte sie erlernen, um Menschen zu helfen. "Da ich auch medizinisch und naturwissenschaftlich interessiert bin, war das die richtige Wahl für mich", sagt sie. Wie lange sie den Druck, der aufgrund des Pflegenotstandes auf Pflegekräften lastet, aushält, weiß sie nicht. 

In Deutschland gibt es einen Pflege-Fachkräftemangel. Über die gerechte Bezahlung von Pflegekräften wird schon seit Jahren gestritten. 

Seit der Coronakrise applaudieren Bürgerinnen und Bürger auf Balkonen und Politiker im Bundestag für die Pflegerinnen und Pfleger – doch schon jetzt fragen sich junge Pflegende, ob Politiker sie "für dumm halten" (bento). Denn sie gelten als notorisch unterbezahlt. Warum ist das eigentlich so? Und was müsste sich für Berufseinsteiger ändern? Eine Spurensuche.

1. Wie ist die vergleichsweise niedrige Bezahlung in Pflegeberufen entstanden?

Menschen, die Hilfe brauchten, wurden in Europa innerhalb ihrer Familien versorgt – und das meist von Frauen. Das christliche Konzept der Nächstenliebe verlieh dem Pflegen zwar Ansehen, es galt aber auch als eine Selbstverständlichkeit, sich um Angehörige zu kümmern. 

Erst im 19. Jahrhundert entwickelten sich Strukturen, die die Pflege professionalisierten. Fähigkeiten wurden den Frauen dabei allerdings weniger zugetraut, wichtiger war: "Es muss von der guten Krankenschwester ein wahrhaft schwesterlicher, ja ein mütterlicher Hauch ausströmen." (Journal für Pflegewissenschaft) Obwohl mit Florence Nightingale eine Frau den Gedanken des westlichen Gesundheitswesens vorantrieb, das Bild von Pflegenden blieb lange trotzdem das Klischee der sich "natürlicherweise" kümmernden und aufopfernden Frau. Die Folgen spüren wir bis heute. 

2. Wie werden Pflegekräfte heute bezahlt?

Die Verdienstmöglichkeiten innerhalb der Branche variieren. In der Altenpflege sind die Gehälter bis zu 30 Prozent niedriger als in der Krankenpflege. Hinzu kommen Unterschiede nach Bundesländern, privater oder öffentlicher Trägerschaft, ambulantem oder stationärem Dienst (Hans Böckler Stiftung).

In der Krankenpflege verdient man, im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen, durchschnittlich oder leicht darüber. Dabei sind Nacht- und andere Sonderzuschläge einberechnet (Bevollmächtigter der Bundesregierung für Pflege). Am schlechtesten verdienen Helfer in der Krankenpflege, mit durchschnittlich 1.850 Euro brutto monatlich in Vollzeitanstellung (Hans Böckler Stiftung). 

Bei der Vergütung geht es immer auch um die Frage, ob der Verdienst im Vergleich zur Leistung angemessen ist. Die physische und psychische Belastung ist in der Pflege überdurchschnittlich hoch (Universität Mannheim). 

"Von unseren Entscheidungen hängen Menschenleben ab. Wir arbeiten im Schichtdienst und erfahren täglich eine große körperliche und psychische Belastung", sagt Anna Schmidt, 28, von der Lenkungsgruppe Junge Pflege im DBfK. "Die Ausbildungsgehälter sind gut, doch nach dem Staatsexamen steigt die Verantwortung enorm an – das Gehalt nicht. Und die Aufstiegsmöglichkeiten sind gering."

Die Lenkungsgruppe Junge Pflege im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe

Im Gegensatz zu anderen Ländern bleiben die Karrieremöglichkeiten begrenzt. Damit steigt auch die Bezahlung innerhalb eines Berufslebens oft kaum. Das führte bereits in den 1980er Jahren zu einem Mangel an Pflegekräften, der bis heute anhält, sich zuspitzt und immer wieder in Pflege-Skandalen gipfelt (SPIEGEL). 

Ein weiterer Faktor ist die Privatisierung und Ökonomisierung von Krankenhäusern. "Wir erleben zunehmend, dass Ärzte, Krankenschwestern oder andere Mitarbeiter im Krankenhaus unter Druck gesetzt werden, um möglichst hohe Profite zu erzielen", sagt Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery (Deutschlandfunk).

Hinzu kommt, dass die Pflege bis heute als "Frauenberuf" gilt. Die Bezahlung in Jobs, die primär von Frauen gemacht werden, ist stets niedriger, selbst wenn sie ähnliche Qualifikationen brauchen wie vergleichbare "Männerberufe". Schlimmer noch: In ehemaligen "Männerberufen", in denen Frauen sich ihre Plätze erkämpfen, sinken die Gehälter (New York Times).

Aktuell sind rund 70 Prozent der Pflegenden in Deutschland Frauen, sie verdienen im Durchschnitt 12 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen (Hans Böckler Stiftung). Dass die Pflege wohl erstmal ein "Frauenberuf" bleiben wird, bestätigt eine Studie der Universität Bremen von 2010, in der Schülerinnen und Schüler auf allgemein­bildenden Schulen dazu befragt wurden, ob sie sich vorstellen können, einen Pflege­beruf zu ergreifen. 1,9 Prozent der männlichen Befragten antwortet mit "Ja", bei den weiblichen waren es 10,4 Prozent.

3. Warum erkämpfen sich Pflegende nicht einfach mehr Gehalt?

Während Fluglotsen, Mitarbeiter der Metall- und Elektroindustrie oder Landwirte regelmäßig ihre Arbeit niederlegen, um auf der Straße gegen Ungerechtigkeiten in ihrer Branche zu protestieren, ist das bei Pflegepersonal anders. Streiks von Pflegenden gibt es zwar, aber immer so, dass eine Versorgung gewährleistet ist. Denn wenn Krankenschwestern und Altenpfleger streiken, stehen Leben auf dem Spiel. Komplett den Betrieb lahm legen, um Macht zu demonstrieren? Das ist für Pflegende nicht drin. 

Außerdem stehen Pflegekräfte oft in einem engen Verhältnis zu den Menschen, die sich in ihrer Obhut befinden. Hier steht das eigene Berufsprofil im Weg: Menschen, die sich für vergleichsweise wenig Geld in einem sozialen Beruf engagieren, neigen dazu, ihre Bedürfnisse hinter denen anderer zurückzustellen. Eine Befragung der Hans Böckler Stiftung von 749 Altenpflegerinnen und -pflegern ergab, dass neben dem Gefühl, Patienten im Stich zu lassen, auch die Arbeitsbelastung eine Rolle dabei spielt, dass wenige der Altenpfleger sich aktiv für bessere Bedingungen einsetzen (Wolfgang Schroeder).

Das beobachten auch Anna und Johann-Moritz von der "Jungen Pflege". Sie erleben große Uneinigkeit und wenig Organisation innerhalb der Berufsgruppe. Berufsverbände, Gewerkschaften und Kammern hätten es schwer. "Wir müssten viel mehr an einem Strang ziehen", sagt Johann-Moritz Hüsken, 26. "Es kommt häufig zu Missverständnissen untereinander." Und das habe wiederum Auswirkungen auf politische Entscheidungsträger, fügt Anna hinzu.

4. Was bedeutet das für Berufseinsteiger?

Junge Menschen, die in den Pflegebereich einsteigen, bringen Anforderungen an ihr Berufsleben mit. Sie wünschen sich neben gerechter Bezahlung vor allem auch die Wertschätzung als Fachkraft und Weiterentwicklungsmöglichkeiten.

„Unsere Generation will anders arbeiten, wir wollen uns professionalisieren und mehr Eigenverantwortung übernehmen“
Johann-Moritz Hüsken, 26

"Wir hinterfragen die klassischen Hierarchien, wie sie im Krankenhaus gelebt werden, kritischer. Und wir sind stolz auf unsere Profession. Wir wollen auf Augenhöhe mit dem Medizinischen Dienst agieren, im Sinne eines 'Shared Decision Making'", sagt Anna.

Klar ist: Schon jetzt herrscht ein Mangel an Pflegekräften, denn Deutschland fehlt es an jungen Menschen im Allgemeinen – und im Besonderen an solchen, die Pflegeberufe wählen. Doch wenn der Beruf nicht attraktiver wird, droht ein Teufelskreis: Der Job ist nicht attraktiv und deshalb werden Stellen nicht besetzt. Weil Stellen nicht besetzt werden, haben diejenigen, die arbeiten, mehr Stress und werden irgendwann krank oder kündigen – was wiederum den Job noch unattraktiver macht.

„Hier muss ein Umdenken stattfinden.“
Anna Schmidt, 28

5. Was könnte sich jetzt ändern?

Die prekäre Situation der Pflege in Deutschland offenbart eine Frage: Was ist ein gutes Pflegesystem unserer Gesellschaft wert? 

Beispiele, in denen die Pflege bereits anders organisiert wird, gibt es in europäischen Nachbarländern. In den Niederlanden etwa, arbeiten Kräfte in der häuslichen Pflege eigenverantwortlich (Guardian). Johann-Moritz von der "Jungen Pflege" steht im Austausch mit Kolleginnen aus anderen Ländern. Er sagt, man habe mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen. "Das ist auch historisch bedingt." Deutschland hinke aber in vielen Punkten hinterher. Etwa beim Thema Hierarchien. In anderen Ländern sei der Verantwortungsbereich, den eine Pflegekraft durch Weiterbildungen erreichen kann, höher. Das mache den Beruf deutlich attraktiver für junge Menschen. 

Eine wichtige Rolle spiele dabei auch die Anerkennung als kompetente Fachkräfte. Auch Elif betont, dass ihr das wichtig sei: "Wir lernen in drei Jahren Ausbildung nicht die Kunst des Hintern-Abwischens." Anna sagt: "Würden Politik und Gesellschaft anerkennen, dass wir hochqualifizierte Fachkräfte sind, wäre die Debatte um die Gehälter eine andere." 

Durch die Coronakrise zeigen sich auch in der Pflege deutlich die vorhandenen Missstände. In Krankenhäusern sollen Krankenschwestern im Eildurchlauf zu Intensivpflegerinnen weitergebildet werden (NDR). Altenpfleger aus Osteuropa kommen nicht mehr nach Deutschland und hinterlassen Lücken in der Versorgung von Pflegebedürftigen (SPIEGEL). 

Aber die Strukturen lassen sich jetzt nicht herzaubern  – und erst recht nicht das Personal. So sieht das auch die "Junge Pflege": "In der Intensivmedizin sprechen wir mindestens von einer dreijährigen Berufsausbildung und zusätzlich zwei Jahren Fachausbildung. Da herrscht ein Bild vor, dass man bei einer Beatmungsmaschine einfach nur auf einen Knopf drücken müsste. Das ist, als ob man jemanden einen Crashkurs im Autofahren machen lässt und ihn dann auf die Straße schickt." 

Dennoch hoffen die beiden auf die Zeit nach Corona. "Jetzt steht erst einmal die Versorgung im Vordergrund. Danach müssen wir diese Chance wahrnehmen und langfristige Änderungen erreichen. Einmalige Bonuszahlungen reichen da nicht aus. Sonst haben wir ein: 'Nach der Krise ist vor der Krise'.", sagt Johann-Moritz.

Elif würde später gern in den Bereich der ersten Hilfe gehen, sie möchte für Menschen in Krisensituationen als erste Ansprechperson da sein. Doch sie hat Angst vor der Zukunft. "Wenn es irgendwann soweit kommt, dass ich dauernd aus Zeitnot entscheiden muss, wer lebt und wer stirbt, dann könnte ich den Beruf nicht mehr machen." 


Fühlen

Isabells Sexpartner hat heimlich das Kondom abgezogen
Wie sich Opfer von "Stealthing" fühlen und wie es juristisch einzuordnen ist

Es war ein kalter Samstagmorgen im Februar und Isabell* eilte beschämt zur Apotheke, um sich die Pille danach zu kaufen. "In meinem Kopf war nur der Gedanke: 'Aus so einer Situation will ich sicher kein Kind bekommen'", erzählt die 23-Jährige heute. Denn sie war an diesem Februartag Opfer von Stealthing geworden.

Was wie ein neuer Internet-Trend klingt, ist tatsächlich ein sexueller Übergriff: Ein Mann entfernt heimlich und ohne das Einverständnis der anderen Person während des Geschlechtsverkehrs das Kondom. Oft sind Frauen die Betroffenen, es kann aber Menschen jedes Geschlechts treffen.

"Stealth" bedeutet so viel wie "Heimlichkeit" oder "List". Die Bezeichnung Stealthing wurde von der US-amerikanischen Rechtsanwältin Andrea Brodsky geprägt, die 2017 eine Studie zu dieser Form des sexuellen Übergriffs veröffentlichte. Interviews mit Betroffenen zeigten, dass viele das Erlebnis als "schlimme Verletzung ihrer Würde und Autonomie" erlebten. Brodskys Ziel: diese Form des sexuellen Missbrauchs auf juristischer Ebene als Straftat zu etablieren.

Die Anwältin ist eine der ersten, die Stealthing juristisch aufgearbeitet hat. In Deutschland ist das Delikt nicht in den Kriminalstatistiken abgebildet, es gibt keine genauen Zahlen. Nur Erzählungen von Einzelfällen wie Isabell.

An einem Freitagabend traf Isabell Adrian* zufällig in einem Club, erzählt sie. Die beiden kannten sich schon länger. An diesem Abend gingen sie spontan noch zu Isabell nach Hause, um miteinander Sex zu haben. Adrian verhielt sich befangen, als es zum Thema Kondome kam – sie würden für ihn "nicht funktionieren". Isabell machte klar: ohne Kondom kein Sex. "Das habe ich ihm ganz deutlich gesagt." Im Verlauf der Nacht änderte Adrian seine Meinung und wollte nun doch Sex haben – mit Kondom. Er lag unter der Bettdecke und gab vor, das Kondom überzuziehen. Erst als Adrian ejakulierte, bemerkte Isabell: Sie wurde getäuscht. Im ersten Moment war sie nur perplex. "Ich konnte auch gar nicht richtig wütend auf ihn sein, weil ich auch nicht so richtig verstanden habe, wie krass das eigentlich ist, was er gerade gemacht hat. Und dann ist man wie in einer Schockstarre."

Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch? Die Rechtsprechung ist sich uneinig

2018 kam es in Deutschland zur ersten Verurteilung aufgrund von Stealthing (bento). Der Täter wurde zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Der Urteilsspruch lautete auf sexuellen Übergriff – nicht auf Vergewaltigung. Auf juristischer Ebene gibt es Uneinigkeiten, wie Stealthing einzuordnen ist. Vincent Burgert, Anwalt für Sexualstrafrecht, sagt dazu gegenüber bento: "Grundsätzlich ist eine Strafbarkeit dann anzunehmen, wenn die sexuelle Nötigung mit einem Eindringen verbunden ist. Damit läge eine Vergewaltigung vor. Andererseits kann juristisch auch lediglich ein sexueller Übergriff angenommen werden, da nur das Abziehen des Kondoms gegen den Willen des Opfers war, jedoch nicht der Geschlechtsverkehr als solches." 

In Deutschland ist es notwendig, ausdrücklich klarzumachen, dass man keinen Sex haben möchte, damit etwas als Vergewaltigung anerkannt werden kann. Anders ist das zum Beispiel in Schweden. Seit 2018 greift hier das "Einverständnisgesetz": Sexualpartnerinnen und -partner müssen dem Geschlechtsverkehr explizit zustimmen (bento). Aus diesem Grund wird Stealthing dort juristisch als Vergewaltigung eingestuft, da der unverhütete Geschlechtsverkehr nicht eindeutig bejaht wurde.