Thies ist Fachpfleger und porträtiert Kolleginnen und Kollegen in ganz Deutschland.

Deutschland hat zu wenige Pflegerinnen und Pfleger. Und die, die in der Pflege arbeiten, klagen über ineffiziente und bürokratische Strukturen. Unter dem Pflegenotstand leiden die Patienten – und die Pflegenden selbst, Pflegende wie Thies Sprenger. 

Der 29-Jährige hat sich vor acht Jahren an der Uniklinik Kiel zum Krankenpfleger ausbilden lassen, dann zwei Jahre lang im Beruf gearbeitet. Heute arbeitet Thies in Bremen über eine Zeitarbeitsfirma als Pfleger auf Abruf – nebenbei reist er als Fotograf durch Deutschland, um Kolleginnen und Kollegen zu porträtieren.

Seine auf Instagram veröffentlichte Serie nennt Thies "Die Gesichter der Pflege". Es ist eine Dokumentation über den Pflegenotstand in Deutschland.

Die Serie scheint genau zur richtigen Zeit zu kommen: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will 2020 endlich etwas gegen die Zustände in den Krankenhäusern und Heimen unternehmen. Unter dem Titel "Konzertierte Aktion Pflege" plant er Reformen, die den Personalmangel beheben und die Pflegebedingungen verbessern sollen. Unter anderem sollen Pfleger mehr Verantwortung im Klinikalltag bekommen, die Ausbildung soll ausgeweitet werden.

Wir haben Thies gefragt:

Sind die Reformen von Jens Spahn nur Augenwischerei oder ein echter Fortschritt? Und was sagen die Pflegerinnen und Pflegern, die er in seiner Serie "Die Gesichter der Pflege" interviewt?

bento: Thies, du reist durch Deutschland und fotografierst in Krankenhäusern Pflegende. Was hat dich motiviert?

Thies: Ich bin selbst ausgebildete Pflegefachperson. Aber schon kurz nach der Ausbildung habe ich gelernt, dass ich im Job nicht dem entsprechen kann, was ich gelernt habe. 

„Es gibt einen Graben zwischen Theorie und Praxis, das hat mich extrem herausgefordert und frustriert.“

Also wollte ich wissen: Wie geht das meinen Kolleginnen und Kollegen? 

bento: Was meinst du mit Graben?

Thies: Ich kann den Ansprüchen nicht gerecht werden. Ein Beispiel: In der Ausbildung haben wir gelernt, die Lösung beim Händedesinfizieren jedes Mal 30 Sekunden einwirken zu lassen. Immer, bevor ich die Handschuhe anziehe, soll ich die Hände desinfizieren. Und nach jeder Handlung an einem Patienten wechsele ich die Handschuhe. Das ist im Alltag komplett unrealistisch.

bento: Was hat nun deine Fotoreise ergeben?

Thies: Alle Pflegefachpersonen, die ich porträtiert habe, berichten von ähnlichen Missständen. In den Altenheimen ist es oft sogar noch gravierender als in den Krankenhäusern. Der Pflegenotstand ist systemisch, das sind keine Einzelfälle.

bento: Und wie reagieren deine Kolleginnen und Kollegen auf dein Projekt?

Thies: Sie fragen, warum es noch keine Facebook-Gruppe gibt (lacht). Aber im Ernst: Das zeigt, dass ein Wunsch nach Vernetzung da ist, dass sich viele etwas von der Seele reden möchten. Ich stelle allen drei Fragen: Wie macht sich der Pflegenotstand für dich persönlich bemerkbar? Was hält dieses System, den Notstand, am Leben? Und was liebst du trotz allem an deinem Beruf? In ihren Antworten gibt es deutschlandweit viele Überschneidungen.

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Catharina, 28, GuKP, Frankfurt a. Main 🚨 Wie macht sich der Pflegenotstand für dich persönlich bemerkbar? . "Überlastete Pflegekräfte (Rücken, Gelenkapparat,Psyche), Dehumanisierung und ausgekühlter Umgang, Fließbandarbeit,Abnahme der Empathie, ständiger Zeitdruck-Angst es nicht zu schaffen und durch Stress Fehler zu machen, große Spanne zwischen Lehrbuch und Praxis, mangelnde Hygiene, soziale Kontakte nehmen ab, arbeiten gegen die innere Uhr, immer in innerer Abrufbereitschaft zu sein- Kompensation, mangelnde Versorgung der Patienten." 🆘 Was hält,Deiner Meinung nach, das System am Leben? . "Die Gutmütigkeit und das Helfersyndrom der Pfleger, das Pflichtbewusstsein, die Fürsorgepflicht die man Patienten gegenüber empfindet, übermäßige unsachgemäße Kompensation durch ausgebrannte Pfleger, die immer wieder einspringen, Teams die zusammenhalten , Menschen die ihr Wohl hinten anstellen, dass zu viel, was verkehrt läuft, nicht ausgesprochen wird." 🆘 Was muss sich ändern? . "Anpassung der Fallpauschalen, verbindliche Untergrenzen zum Wohl von allen , Erleichterung der Dokumentationen, mehr qualifiziertes Personal , Anreize zu Fort/-Weiterbildungen, Fachgerechte Vergütung, transpararenz über unsere fachlichen Kompetenzen, aktive Pflegekräfte- die den Beruf selbst aufwerten- er ist so vielseitig und schön & das sollte genutzt werden, um junge Leute dafür zu begeistern, Vergütung anheben"

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bento: Und was sagen sie?

Thies: Ja, alle leiden unter dem Pflegenotstand. Aber alle lieben ihren Job und wollen für die Menschen da sein. Entsprechend sind es wir Pflegefachpersonen selbst, die das "System Pflegenotstand" am Leben halten: Wir werden nicht einfach streiken. Denn wenn wir nicht da sind, sterben Menschen. Also machen wir weiter. In Politik und Klinikleitung weiß man das, daher ändert sich nichts.

bento: Gab es unter den Porträtierten jemanden, der oder die dich am meisten beeindruckt hat?

Thies: Ich habe unter anderem meine ehemalige Praxisanleiterin aus meiner Ausbildungszeit fotografiert. Sie arbeitet seit mehr als 36 Jahren in der Pflege und bereut es doch keinen einzigen Tag. Die Liebe, die sie für den Beruf mitbringt, hat auch mich noch mal bestärkt.

bento: Was rätst du selbst jungen Kolleginnen und Kollegen, um im Beruf durchzuhalten?

Thies: Geht nach der Ausbildung in die Schweiz (lacht). Oder helft mit, den Beruf attraktiver zu machen. Nutzt soziale Medien, um von eurem Alltag zu erzählen, den schönen Momenten, denen, die euch lehren, wie wertvoll es ist, gesund zu sein.

bento: Du hast aber nach deiner Ausbildung noch zwei Jahre im Job gearbeitet und dann erst mal aufgehört. Warum?

Thies: Aus dem gleichen Grund, warum ich nun auch die Fotoserie mache: Ich konnte einfach nicht mehr menschenwürdig arbeiten. Auf meiner Station hatten wir Patienten, die etliche Wochen bei uns lagen und sehr aufwendig waren. Meine Kollegen und ich gingen irgendwann auf dem Zahnfleisch. Heute arbeite ich über eine Zeitarbeitsfirma in der Pflege – so kann ich mir meine Schichtdienste besser organisieren und gleichzeitig meiner Leidenschaft als Fotograf nachgehen.

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Arvid, 29, GuKP UKSH Kiel, 6 Jahre Intensivstation . Macht sich der Pflegenotstand für dich bemerkbar, wenn ja: Wie? . “Man kann feststellen, dass die bisherige Mindestbesetzung, zur Maximalbesetzung geworden ist. Jedoch schaffen wir es nach wie vor einen 1:2 Schlüssel aufrecht zu erhalten, was weitaus besser ist als der Schlüssel, der auf anderen Intensivstationen geboten wird. In anderer Ausprägung erlebt man insbesondere den Notstand auf Peripherstationen, die über die Jahre nahezu ausgebrannt sind. Große Bettenstationen, schlechter Personalschlüssel und Flurbetten machen sich insofern bemerkbar, dass wir immer wieder Patienten sehen, die dort nicht mehr adäquat versorgt werden können und mit vermeidbaren Komplikationen auf Intensivstationen aufgenommen werden müssen. Desolate Pflegezustände, Mangelernährung und vermeidbare Komplikationen sollten in einem der reichsten Industrienationen der Welt nicht Gang und Gäbe sein. Dies ist kein Vorwurf an das Pflegepersonal. Wir sehen schlichtweg ein Systemversagen.” . Was hält, Deiner Meinung nach, das System am Leben? . "Das Gesundheitssystem ist ein großer Spielplatz. Hier tummeln sich unterschiedlichste Akteure und die Interessenslage ist inhomogen. Seitdem der neoliberale Gedanke einer ökonomisierten Gesundheitsversorgung im Verlauf der letzten Jahrzehnte Oberhand gewonnen hat, sind wir heute mit den Folgen dieser Entwicklung konfrontiert. Verlierer sind hierbei das Personal und insbesondere die Patienten. Die Profiteure werden auch weiterhin versuchen dieses Status Quo aufrecht zu erhalten. Ein Beispiel zum Thema Passivität- Wie es kann sein, dass Pflegepersonal gewerkschaftlich überwiegend schlecht organisiert sind? Warum sind berufspolitische Verbände oder die Thematik Pflegekammer so verpönt? Wer etwas ändern will, muss versuchen zu partizipieren und muss sich organisieren, um gehört zu werden. Pflegekräfte sind vielzählig – sie besitzen die Macht sich zu wehren. Sie tun es aber nicht." . Was muss sich ändern? . "Refomierung oder Abschaffung des DRG-Systems. Gesetzliche Personalbemessung für den Pflegebereich. Pflegekräfte müssen anfangen sich ernsthaft gewerkschaftlich und berufspolitisch zu organisieren."

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bento: Was sollte sich ändern?

Thies: Es braucht natürlich mehr Personal. Wir verdienen, wenn wir ehrlich sind, für einen Ausbildungsberuf nicht schlecht. Aber die Arbeitsbedingungen sind trotzdem sehr anstrengend. Ich glaube, vor allem die Politik sollte es hier schaffen, den Beruf Krankenpfleger für junge Menschen attraktiver zu machen, auch Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen. 

„In Deutschland wird der Beruf kaum wertgeschätzt.“

bento: Jens Spahn will Pflegenden mehr Verantwortung geben und die Ausbildung ausweiten. Was hältst du von den Reformen?

Thies: Die Meinung unter den Pflegenden ist da sehr gespalten. Ich persönlich bin der Meinung, dass erweiterte Kompetenzen langfristig das System entspannen und den Beruf aufwerten können. Die Kompetenzerweiterung sollte dann aber auf akademischem Level erfolgen und sich dementsprechend auch im Gehalt widerspiegeln. Dass Altenpfleger selbst für die Gabe frei verfügbarer Schmerzmittel den Hausarzt der Einrichtung konsultieren müssen, obwohl sie die Situation bereits heutzutage gut einzuschätzen wissen, spricht für sich.

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Michaela Prigge, 54 Jahre, Fachkrankenschwester für Intensivpflege, pädagogische Mitarbeiterin, UKSH-Akademie #Kiel . Macht sich der #Pflegenotstand für dich bemerkbar, wenn ja: Wie? 🆘 Egal auf welche Station ich komme, der Pflegenotstand ist sichtbar: #Pflege im Akkord! Die Kolleg*innen können nicht so arbeiten, wie sie es mal gelernt haben. Dadurch resultiert eine große Unzufriedenheit. Verunsicherte Patient*innen und Angehörige. Was hält deiner Meinung nach das System am Leben? ❤️ Jede Menge #Engagement, #Empathie und die Erkenntnis, dass man als #Pflegekraft eine sehr wichtige Funktion für die Patient*innen hat. 🆘 Was muss sich ändern? Wir benötigen mehr Pflegekräfte. Damit das gelingt, muss der Beruf dringend eine Aufwertung erfahren (z. B. finanziell + Dienstplangestaltung). Wichtig ist auch unser Verständnis des Berufes - nicht Pflege am Boden, sondern Pflege steht auf - Das sollte unser Slogan sein. Wir verfügen über ein fundiertes Wissen und besitzen jede Menge Kompetenzen. 🙏🏻 Was liebst Du an Deinem Job? Ich würde auch nach 36 Jahren diesen Beruf wieder wählen. Der Kontakt zu den Patient*innen und Angehörigen, die medizinische und pflegerische Behandlung, die unterschiedlichen Anforderungen, das Arbeiten im Team und jetzt meine Tätigkeit in der Ausbildung sind für mich die positiven Aspekte des Berufes. Ich habe trotz der aktuellen Lage viel Freude an meinem Beruf.

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bento: Hat der Gesundheitsminister eigentlich dein Instagram-Profil schon entdeckt?

Thies: Das wäre mal was. Ich würde mich sehr gerne mal mit Jens Spahn unterhalten.

bento: Was würdest du ihm sagen?

Thies: Einerseits möchte ich ihm danken, dass er als erster Gesundheitsminister das Problem nicht mehr übersieht, sondern ernsthaft und für mich glaubhaft versucht, Lösungen zu finden. Diese Meinung teilen aber sicher viele meiner Kolleginnen und Kollegen nicht. Andererseits würde ich ihn auch gerne einmal einen Monat lang als gesetzlich versicherten Patienten, bettlägerig in einem Vier-Bett Zimmer einer internistischen Station erleben — unter heutigen Bedingungen. Es klingt sadistisch und ich wünsche es niemandem, es würde vielen Politikern aber die Augen öffnen.


Fühlen

Im Netz immer noch da: Wie Fans von Mac Miller online gemeinsam ihre Trauer verarbeiten
Das Internet hat verändert, wie wir mit Verlusten umgehen.

Am Freitag erscheint "Circles", das neue Album von Mac Miller. Der Rapper ist seit eineinhalb Jahren tot: Der damals 26-Jährige starb 2018 in Los Angeles an einer Drogenüberdosis. Doch seine Fans sind in sozialen Netzwerken aktiver als noch zu Lebzeiten. Sie haben sich online vernetzt – und tauschen sich nicht nur über den Musiker, sondern auch über persönliche Probleme aus. 

Sein Beispiel zeigt, wie sich Trauerprozesse in soziale Medien verlagern – und wie sie sich dort weiterentwickeln.

Schon vor Mac Millers Tod gab es zahlreiche Fanseiten auf Instagram, die Bilder des Rappers online stellten und in ihren Storys kurze Fetzen seiner Musik posteten. Nach seinem Tod kamen noch Hunderte hinzu, beinahe täglich werden neue Accounts erstellt.

"Macmillerdivine" ist eine der größten Fanseiten. Sie hat knapp 60.000 Abonnentinnen und Abonnenten. Unter den Beiträgen schreiben sie nicht nur Anekdoten auf, die sie mit Mac Millers Musik verbinden. Sie sprechen sich auch gegenseitig Mut zu, ermuntern andere beispielsweise dazu, in Therapie zu gehen und etwas gegen ihre Depression zu tun.