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"Es gab Zimmer, die ich nicht mehr betreten wollte."

Die Arbeitsbedingungen in der Krankenpflege sind hart (bento) und manchmal unangenehm. Das weiß auch die Auszubildende Mara, als sie ihren ersten Einsatz im Krankenhaus hat. Sie ist im ersten Jahr der Ausbildung zur Krankenpflegerin und betreut einen älteren Patienten.

Er bittet sie, ihm mit der Urinflasche zu helfen. Also hält Mara sie an seinen Penis, während er in die Flasche uriniert. Ab diesem Moment möchte der Patient immer wieder, dass Mara ihm die Flasche hinhält.

Bis sie realisiert: Er könnte das auch selbst.

Der Patient ist nicht auf ihre Hilfe angewiesen – sondern belästigt sie sexuell.

Dass Mara mit ihrer Erfahrung nicht allein ist, zeigt eine Umfrage der Gesundheitspsychologin Claudia Depauli. Sie hat 2980 Pflegekräfte befragt: 67 Prozent berichten von sexueller Belästigung im Job (aerztezeitung.de) Besonders betroffen sind demnach junge Frauen.

In der Ausbildung sammeln Krankenpflegerinnen und -pfleger Wissen über den menschlichen Körper, über Krankheiten und den Krankenhausalltag. Über den Umgang mit sexuellen Übergriffen lernen sie zu wenig.

bento hat mit zwei Krankenpflegerinnen gesprochen. Sie erzählen, wo ihre Grenzen sind, wie sie mit Belästigungen umgehen und was der gesellschaftliche Stellenwert von Pflegearbeit mit #metoo zu tun hat. 

Mara, 22

Mein krassestes Erlebnis war eigentlich das mit der Urinflasche. Aber mir wird auch immer wieder ganz klassisch an den Arsch gefasst, während ich die Patienten mobilisiere. Dabei müssen sie sich an meine Taille festhalten – oft wird das ausgenutzt und die Hand rutscht nach unten.

In meiner Klasse kamen solche Übergriffe total oft vor. Ich glaube, mir hätte jeder mindestens vier Geschichten erzählen können, und oft laufen sie gleich ab. Dadurch, dass wir so eine körperbetonte Arbeit ausführen wird da eine ganz feine Grenze überschritten.

Im ersten Moment merkt man selbst nicht, ob eine Berührung am Po oder der Brust einfach nur ein Versehen war – oder Absicht.

Wenn solche Berührungen öfter stattfinden, realisiert man: Das ist ein sexueller Übergriff und keine Unachtsamkeit.

Vor unserem ersten Einsatz hat uns niemand auf diese Übergriffe vorbereitet. Meine Klassenlehrerin meinte sogar mal, dass man solche Avancen ja auch als Kompliment sehen könnte. Das sendet das völlig falsche Signal. Das liegt vielleicht daran, dass unsere Lehrerinnen und Lehrer niemanden verschrecken wollen. Pflegekräfte werden doch sowieso schon händeringend gesucht.

Ich selbst hasse das Wort 'Krankenschwester'. Da haben alle ein vorgefertigtes Bild im Kopf und es ist einfach so negativ konnotiert ist. Eigentlich ist der Pflegeberuf ein wahnsinnig schöner. Die Ausbildung ist so vielseitig und man gibt der Gesellschaft etwas zurück. Es ist ein Dienst am Menschen – das macht der den Beruf so besonders. Und oft erfährt man dafür auch einfach Dankbarbkeit.

Luisa, 31

Wenn ich in eine komische Situation gerate, spreche ich das direkt an und sage, dass es so nicht geht. Ein Patient, mit dem ich mich von Beginn an nicht wohlfühlte, sagte mal zu mir: 'Dafür, dass du so ein zartes Gesicht hast, packst du aber ganz schön hart an.'

Solche Sprüche werten einfach die Professionalität meines Berufs ab.

Viele Patientinnen und Patienten sehen das Pflegepersonal auf Augenhöhe mit sich selbst oder gar unter sich. Dabei sind sie im Krankenhaus abhängig. Ohne uns würde überhaupt nichts laufen.

Wir begleiten die Patienten durch den Alltag, verteilen Medikamente, achten darauf, dass keine neuen Krankheiten entstehen. Und wir versuchen, ihnen Ängste zu nehmen. Noch dazu nehmen wir den Ärztinnen und Ärzten Arbeit ab, indem wir Zugänge legen und ziehen.

Einmal hat sich eine Mitschülerin von mir total geschmeichelt gefühlt, als ihr ein Patient gesagt hat, dass sie einen ganz schön knackigen Arsch habe. Dabei hat das überhaupt nichts mit Schmeicheleien zu tun hat, es ist sexuelle Belästigung. Das sollten wir in der Ausbildung lernen.

Man merkt, dass viele ältere Pflegekräfte total resigniert sind, was Sexismus und sexuelle Belästigung in der Pflege angeht. Die sagen dann: 'Klar find ich's eklig, trotzdem müssen wir uns um den Patienten kümmern.'

Dabei ist es super wichtig, über Übergriffe zu reden. Man darf das nicht einfach abtun. Wenn du dich nicht gut damit fühlst, dann hat das seine Berechtigung. Als Auszubildende hatte ich zum Glück immer die Möglichkeit, ein Zimmer zu meiden, wenn es dort einen Vorfall gegeben hatte. Es gab Zimmer, die ich nicht mehr betreten wollte.

Wenn ich Leuten aus dem Ausland erzähle, dass ich eine Ausbildung zur Krankenpflegerin mache, sind die total begeistert. Hier in Deutschland höre ich entweder 'Boah krass, ich könnte das ja nie' oder 'Möchtest du wirklich dein Leben lang fremden Menschen den Arsch abwischen?' Damit wird unser Beruf von vornherein abgewertet.

Wenn ich mit einem männlichen Pfleger ein Zimmer betrete, wird der für einen Arzt gehalten. Ich bekomme dann Sätze zu hören wie 'Ach, Sie haben aber ein nettes Lächeln.' Zu Ärztinnen oder Ärzten würden die Patienten sowas sicher nicht sagen.

Warum sind Pflegekräfte so oft von sexuellen Übergriffen betroffen?

Ein Faktor könnte die Machtverteilung in Krankenhäusern sein, vermutet die Fachzeitschrift BibliomedPflege. Patientinnen und Patienten, die plötzlich gepflegt werden müssen, fühlten sich untergeordnet. Um das Gegenüber herabzusetzen, würden manche übergriffig.

Außerdem seien sich Demenzkranke häufig ihrer Handlungen überhaupt nicht mehr bewusst. Das bedeutet aber nicht, dass sexuelle Übergriffe okay sind.

Wie kann man sich wehren?

Viele Pflegekräfte wissen bei sexueller Belästigung nicht, wie sie reagieren sollen. Tatsächlich haben sie laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz nicht nur ein Beschwerde- und Leistungsverweigerungsrecht, sondern auch Anspruch auf Schadensersatz.

Der Arbeitgeber ist verpflichtet, Beschwerden zu prüfen. Tut er das nicht, dürfen die betroffenen Pflegerinnen und Pfleger die Arbeit so lange niederlegen, bis ihr Schutz wieder gewährleistet werden kann. (aerztezeitung.de)

Hilfe bei sexuellen Übergriffen

Du bist Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden und möchtest dir Rat einholen?

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bietet unter 08000116016 in 15 Sprachen rund um die Uhr Hilfe für Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Auch Online-Beratungen sind möglich unter:www.hilfetelefon.de.

Juristisch beraten lassen können sich Opfer sexueller Belästigung bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes unter der Hotline 030-185551855, und zwar montags von 13 bis 15 Uhr sowie mittwochs und freitags jeweils von 9 bis 12 Uhr. Ein Beratungsangebot gibt es auch online unter www.antidiskriminierungsstelle.de.

Der Deutsche Ärztinnenbund hat ein Faltblatt herausgegeben, das von sexueller Belästigung betroffenen Kolleginnen vielfältige Ratschläge gibt und Ansprechpartner auflistet (https://www.aerztinnenbund.de/downloads/5/Faltblatt_MeToo.pdf).

Wer Unterstützung benötigt, um sich gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr zu setzen, kann sich unter hilfe@aerztinnenbund.de direkt an den DÄB wenden.

Ortsnahe Ansprechpartner können Betroffene online in der Datenbank des Bundesverbandes der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland ermitteln (www.frauen-gegen-gewalt.de)

Hilfe finden Betroffene auch beim Weißen Ring (dessen Opfertelefon bundesweit täglich von 7 bis 22 Uhr unter 116006 erreichbar ist). Weitere Anlaufstellen: die Telefonseelsorge der evangelischen und katholischen Kirche (Telefon 0800-1110111), das Muslimische Seelsorge-Telefon (Telefon 030-443509821) sowie die Caritas (online unter www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/onlineberatung). 

(via "aerztezeitung.de")


Fühlen

Seit es den "Womanizer" und den "Satisfyer" gibt, reden Frauen auf einmal über Masturbation

"Perfekter Tag – erst schön gefrühstückt, dann ein paar Stunden mit meinem Satisfyer verbracht", das schreibt eine Bekannte auf Instagram. Klingt wie ein normaler Beitrag. Mit einer Besonderheit: Der "Satisfyer" ist ein Sextoy. Genauer gesagt: ein Druckwellen-Vibrator.

Das Prinzip dieser Geräte: Sie werden nicht in die Vagina eingeführt oder auf die Klitoris aufgelegt und vibrieren dort, sondern saugen mit einem Silikontunnel die Klitoris an. Vor etwa fünf Jahren kam das erste Modell dieser Art, der "Womanizer", auf den Markt. Allein dieses Gerät hat sich nach Herstellerangaben millionenfach verkauft (SZ Magazin, €). Und, so scheint es, dazu geführt, dass weibliche Masturbation ein salonfähiges Thema geworden ist.