Bild: Annette Hauschild/ cc by
Wir haben mit dem Pfleger und Buchautor Alexander Jorde, 22, gesprochen.

Alexander Jorde ist der wohl bekannteste Pfleger Deutschlands – dabei hat er noch nicht einmal seine Ausbildung abgeschlossen. Vor zwei Jahren konfrontierte er Kanzlerin Angela Merkel im Wahlkampf mit den Missständen in seinem Beruf – und ging damit viral.

Damals sagte er:

In Artikel 1 des Grundgesetzes steht: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ich habe in Krankenhäusern und Altenheimen erlebt, dass diese Würde tagtäglich tausendfach verletzt wird.
Alexander Jorde in der "ARD-Wahlkampfarena"

Das löste eine deutschlandweite Debatte aus.

Medien nannten ihn "Netzstar" und "TV-Held" und schrieben "Azubi grillt Merkel". Das Video wurde mehr als 5,5 Millionen Mal angesehen, Alexander in viele Talkshows eingeladen. Das war 2017.

Jetzt ist Alexander 22 und im letzten Jahr seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. Letzte Woche saß er wieder bei Markus Lanz auf dem Sofa, denn gerade ist sein Buch "Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand" erschienen.

📖 "Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand"

Das Buch von Alexander Jorde: Lange wollte niemand hinsehen – die Anforderungen an das Pflegepersonal steigen, die Zahl der Pflegebedürftigen ebenfalls. Das sorgt für unzumutbare Zustände. Jorde brachte das Thema auf die politische Agenda. In seinem Buch "Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand", erschienen beim Klett-Cotta Verlag, zeigt er Wege aus dem Notstand – und erklärt, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Hier auf Amazon kaufen.

Affiliate-Link: Wenn jemand auf einen Link in diesem Kasten klickt und das Produkt in dem Online-Shop tatsächlich kauft, bekommen wir in manchen Fällen eine Provision. Produktbesprechungen erfolgen jedoch rein redaktionell und unabhängig.

Auf die Politik hoffe er mittlerweile nicht mehr, schreibt er darin. Dafür hat Alexander selbst ein paar Ideen für eine bessere Pflege. Mit bento hat er darüber gesprochen.

Dein Showdown mit Angela Merkel ist zwei Jahre her. Hat sich seitdem etwas verändert?

Noch lange nicht genug. In den Pflegeheimen und Krankenhäusern hat sich im Alltag nichts spürbar gebessert. Ich habe aber damals schon gesagt, dass das Versprechen, in zwei Jahren sei alles besser, unrealistisch sei.

Woran merkst du den Pflegenotstand in deinem Alltag?

Pflegefachkräfte haben viele komplexe Aufgaben zu bewältigen und tragen dabei eine sehr hohe Verantwortung für Menschenleben. Beginnend bei der Unterstützung grundlegender Bedürfnisse wie der Nahrungsaufnahme über die Unterstützung der Therapie zum Beispiel durch Infusionstherapie bis hin zu einer differenzierten Krankenbeobachtung. Doch bei zu hoher Patientenzahl sinkt die Qualität der Versorgung des Einzelnen und die Belastung für die Pflegekräfte steigt enorm.

In deinem Buch klingst du sehr wütend. Du schreibst, du würdest gern das "System Pflege gegen die Wand fahren lassen". Wie meinst du das?

Das System funktioniert nur, weil die Pflegekräfte mehr arbeiten, als sie müssten. Sie leisten Überstunden, arbeiten Pausen durch oder springen für kranke Kollegen und Kolleginnen ein. Und es wird immer davon ausgegangen, dass sie das tun, Gutmütigkeit und Loyalität werden ausgenutzt. 

Pflegekräfte haben Grenzen. Auch wir haben eine Würde, die schützenswert ist.

Die Pflegekräfte werden ausgebeutet?

Naja, gewissermaßen lassen wir uns auch ausbeuten. Es besteht gesetzlich keine Pflicht, bei einer normalen Krankheitsquote einzuspringen. Die meisten tun es trotzdem.

Du findest, dass sie die Arbeit verweigern sollten?

Nicht in der Notfallversorgung oder der Versorgung intensivpflichtiger Patienten und Patientinnen, aber an anderer Stelle: Es gibt Stationen, die einzelne Untersuchungen und Eingriffe vornehmen, bei denen durchaus die Möglichkeit besteht diese zu verschieben. Wir haben es also selbst in der Hand. Man kann für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen kämpfen – mit Streiks. Wir sehen in anderen Branchen und Ländern, dass das funktioniert. 

Und wenn ich eines in der Zeit nach der Wahlarena gelernt habe, dann, dass die Politik alleine uns nicht retten wird.

Du forderst auch mehr Personal.

Seit kurzer Zeit gibt es in einigen wenigen Bereichen im Krankenhaus sogenannte Personaluntergrenzen. Diese haben aber nur das Ziel, schlechte Pflegequalität zu vermeiden. Das kann aber nicht unser Anspruch sein. Wir brauchen eine Pflege, die dem Bedarf der Patienten und Patientinnen entspricht. In allen Bereichen. 

Wie soll das gehen – wenn doch ohnehin schon wenig Fachkräfte da sind?

Es braucht klare Anreize für die Menschen, in der Pflege zu arbeiten. Bessere Bezahlung, gute Arbeitsbedingungen, genügend Ruhe- und Erholungszeiten, insgesamt eine gute Work-Life-Balance. Nur dann kann man auch mehr Menschen für diesen Beruf begeistern und sie halten.

Pflege ist teuer. Was du forderst ist wichtig – aber dafür ist einfach kein Geld da?

Immer wird gefragt, ob wir uns gute Pflege leisten können. Das finde ich paradox. Ein reiches Land wie Deutschland müsste sich so eine Frage nicht stellen. Ich erwarte, dass nicht immer die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund steht. Was wünscht man denn jemanden zum Geburtstag? Gesundheit und nicht etwa großen materiellen Reichtum.

Gerade für Menschen mit wenig Geld ist der Beitrag zur Pflegeversicherung bereits jetzt ziemlich teuer.

Ja, ich als Azubi und viele normal verdienende Arbeitnehmer geben ungefähr zehn Prozent vom Bruttogehalt für die Kranken- und Pflegeversicherung ab. Verdient jemand mehr, sinkt dieser Anteil aber. Bei 10.000 € sind es etwa fünf Prozent, bei 20.000 € nur noch zweineinhalb Prozent. Und das geht noch weiter. Menschen mit viel Einkommen zahlen im Vergleich viel weniger oder zum Teil auch gar nichts. Das finde ich unsolidarisch.

Du schreibst in deinem Buch, andere Länder hätten bereits eine Lösung für dieses Problem.

Ja, in Norwegen zum Beispiel zahlen alle Menschen einen einheitlichen Prozentsatz für Sozialleistungen. Eine Beitragsbemessungsgrenze gibt es nicht. Außerdem sind dort fast alle Klinken in staatlicher Hand oder werden kommunal verwaltet. 

Kliniken sollten verstaatlicht werden?

Das halte ich aktuell für nicht realisierbar, auch wenn ich der Überzeugung bin, dass die Gesundheitsversorgung Staatsaufgabe ist. Dass private Kliniken aber das Ziel haben Gewinne zu erzielen, kann man ihnen nur bedingt vorwerfen.

Sie sind nun mal Unternehmen und müssen profitabel sein.

Deswegen sollte der Staat mehr Vorgaben machen. Wir brauchen bedarfsgerechte Personal-Schlüssel, die streng überprüft werden.

Du bist seit ein paar Monaten in der SPD. Glaubst du, dort kannst du als Neumitglied etwas bewirken?

Wenn einem etwas nicht passt, dann sollte man sich dafür einsetzen, dass es sich ändert. In den sozialen Netzwerken wird sehr viel gemeckert. Wenn nur ein Teil dieser Menschen sich politisch engagieren würde, könnten sie viel bewegen. Wir brauchen mehr aktive, junge Menschen in der Politik.

Ich glaube, man wird keine Partei finden, die alles richtig macht. Ich bin nicht in die SPD eingetreten, weil ich so vom Regierungshandeln begeistert war. Im Gegenteil. Auch die SPD ist nicht unschuldig an der heutigen Situation. Aber ich bin aus Überzeugung Sozialdemokrat und hoffe, dass ich gemeinsam mit vielen anderen dazu beitragen kann, die Situation zu verbessern.

Dein Buch endet mit Gandhis Worten: "Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt."

Ja, denn wir dürfen nicht immer nur auf andere schauen, sondern müssen bei uns selbst anfangen. Wenn wir darauf warten, dass jemand anders für uns den Karren aus dem Dreck zieht, werden wir ewig warten. Wir Pflegekräfte müssen uns zusammenschließen und gemeinsam für eine bessere Pflege kämpfen. Nur dann haben wir eine Chance.

In unserem Podcast "Und was machst du so?" erzählt unter anderem die Krankenpflegerin Ricarda, 25, aus ihrem Berufsalltag:

Hier findest du alle Podcast-Folgen im Überblick.


Gerechtigkeit

"In diese Welt setze ich keine Kinder" - warum Klimapolitik auch Familienpolitik ist
Wir sollen mehr Kinder kriegen? Da gäbe es ein paar Bedingungen

Schmelzende Pole, sterbende Eisbären, Hochwasser, Dürren – das ist ein Worst-Case-Szenario für den Klimawandel. Wer will in so einer Welt leben? Oder anderen zumuten, darin aufzuwachsen?

Klingt nach Dystopie, ist aber gar nicht so weit weg. Dass Deutschland sich schon in 100 Jahren ganz anders anfühlen wird, haben Forscher bereits festgestellt. (SPON)  In 100 Jahren leben wir nicht mehr – unsere Kinder aber vielleicht schon.

Könnte es sein, dass junge Menschen sich jetzt schon gegen Kinder entscheiden – weil der Klimawandel kommende Generationen bedroht?

Ja, sagte US-Politikerin Alexandra Ocasio-Cortez auf Instagram-Live – und machte damit Schlagzeilen.