Das "​Peng!"-Kollektiv will die Zähne der Gesellschaft schleifen

Als Clown verkleidet hat Jean Peters am Sonntag eine Sitzung der AfD in Kassel besucht. Mit dabei hatte er eine Sahnetorte, die er der Berliner AfD-Chefin Beatrix von Storch ins Gesicht warf. Ein Mitstreiter filmte den Übergriff.

Für die beiden Aktivisten ist das politischer Protest: Wer den "moralischen Grenzübertritt" der AfD verhindern wolle, "müsse notfalls auch von der Sahnetorte Gebrauch machen. So steht es im Gesetz", sagen die Aktivisten. Eine Anspielung auf Forderungen der AfD, man müsse im Notfall Waffen gegen Flüchtlinge an den Grenzen einsetzen.

Wer steckt dahinter?

"Peng!" nennen sich die Aktivisten. Seit drei Jahren gibt es die Gruppe. Sie sind Künstler und Aktivisten, viele von ihnen leben in Berlin. Sie kommunizieren über das Netz, ihre richtigen Namen behalten sie lieber für sich. Eine Lia Rea sagt, man wolle Menschen dazu bringen, anders und mutiger zu protestieren. "Wir wollen der Gesellschaft die Zähne schleifen. Wir sind smart und albern, international vertreten und sehr viele." Wie viele Aktivisten zu Peng! zählen, soll dann aber doch keiner wissen.

Was hat es mit dem Mordverdacht auf sich?

Am Dienstagabend rückte die Polizei zur Wohnung von Tortenwerfer Jean Peters aus. Ein Unbekannter hatte die Polizei alarmiert, sich für Peters ausgegeben und erklärt, er habe seine Freundin getötet. Falscher Alarm, eine perfide Masche. Die Polizei ermittelt.

Auch Morddrohungen gegen Peters gibt es. Nach dem Tortenwurf hatte Beatrix von Storch seinen Namen und ein Foto von ihm veröffentlicht. Außerdem hat von Storch den Tortenwerfer angezeigt. Außerdem ermittelt die Polizei gegen Teilnehmer der AfD-Veranstaltung, die wiederum Peters angegriffen haben.

Bei "Peng!" sprechen sie mittlerweile von einer "Forschungstorte": Die Reaktion der AfD und ihrer Sympathisanten zeige, womit man es zu tun habe. "Das ist schon krass."

Was macht "Peng!" außer Tortenwerfen?

Mehr über die Aktionen in unserer Fotostrecke:

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Mit dem Gummihuhn bei AstroTV

"Leichter Leben – Zeit für mich" heißt eine Sendung beim Esoterik-Sender AstroTV. Anfang 2015 ist ein Clown zu Gast und schwenkt ein Gummihuhn durch die Luft. Er philosophiert über dunkle und helle Ecken im Raum. Der Moderator steht belustigt daneben. Dann bittet der Clown den Moderator, sich nach vorne zu beugen, zerschlägt ihm ein rohes Ei auf dem Kopf und verkündet feierlich: “AstroTV sollte die Sendelizenz entzogen werden, denn das hier ist Betrug.“

Der Moderator versucht ziemlich erfolglos, die Situation mit einem Lächeln zu überspielen. Der angebliche Betrug, den Peng! wittert: Zuschauer würden mit echten Problemen in teure Hotlines gelockt und dann mit Orakeln abgespeist. Ein Video von der Aktion verschwand nach einer Abmahnung wieder aus dem Netz.

Vattenfall steigt aus der Braunkohle aus

Der Energiekonzern Vattenfall setzt ganz auf erneuerbare Energien und steigt aus der Braunkohle aus: Diese Meldung schlug im April 2015 ordentlich ein. Eilmeldungen wurden verschickt, im Foyer der Berliner Vattenfall-Zentrale postierten sich Anzugträger zur Pressekonferenz, Vattenfall trendete auf Twitter. Die Nachricht erwies sich schnell als aufwendiger Fake. Die Peng!-Aktivisten hatten für den "Vattenfake" eine eigene Website eingerichtet, für die angebliche Pressekonferenz Banner gedruckt und das Foyer geentert. Diskutiert wurde anschließend trotzdem über Vattenfall, Braunkohle und CO2-Emissionen.

Unheimliche neue Google-Produkte

Einer der größten Coups gelang vor zwei Jahren auf der Republica, der Netzkonferenz in Berlin. Aktivisten gaben sich als Google-Mitarbeiter aus und präsentierten vier neue Produkte: Eine Drohne, die mit einem Livestream rund um die Uhr auf die eigene Familie aufpasst. "Google Hug", eine Funktion, die Gefühlslagen erkennen und mit Umarmungen helfen soll. "Google Bye", ein Programm, das das Profil des Nutzers im Internet auch nach dem Tod weiterleben lässt.

Die angebliche Produktpräsentation war aufwendig inszeniert, Design und Sprache von Google gut getroffen. Vielen Zuschauern ging erst nach Minuten auf, dass es sich hier um die Horrorvorstellung von Peng! handelte. Google selbst fand die Aktion weniger lustig. Das Unternehmen distanzierte sich von den Produkten.

Was bringen solche Aktionen?

Beatrix von Storch wird ihre politische Haltung wohl kaum wegen eines Tortenschlags ändern, Google sein Geschäft mit den Daten seiner Nutzer nicht einstellen. Im Gegensatz zu klassischen Protestformen schafft es Peng! mit Grenzüberschreitungen häufiger in die Medien. Auch auf Facebook funktioniert diese Form des "Hast du das gesehen, wie krass"-Protests besser als etwa eine Sitzblockade.

Sie stehen damit in der Tradition der Spaßguerilla. So nannte man in den 68er Jahren Aktivisten aus der Studentenszene, die alternative Lebensformen ausprobierten und kreativ protestierten. Auch damals schon mit Torten, die in Politiker-Gesichtern landeten.

Nicht nur Peng! lässt die Spaßguerilla wieder auferstehen: Im Netz versuchen Anonymous-Aktivisten schon länger, mit Spaßaktionen Aufmerksamkeit zu erregen. Die "Hedonistische Internationale" protestiert mit Irnoe, etwa für den CSU-Politiker Guttenberg. Ernster geht es beim "Zentrum für politische Schönheit" zu: Die Polit-Aktivisten beerdigen Flüchtlinge aus dem Mittelmeer in Berlin und reisen zur eigenmächtigen Grenzöffnung bis nach Griechenland.

Was riskieren die Aktivisten?

Peng! will provozieren und sabotieren. "Wir halten den Unterschied zwischen legitim und legal für eine wichtige Ressource, die wir nutzen wollen", sagen sie. Bis zum "Tortalen Krieg" haben die Peng!-Mitglieder noch keinen größeren juristischen Ärger bekommen. Auf Twitter schreiben die Peng!-Aktivisten: "The Party just started."